Ohgott, wir schrumpfen!

Kann man die Demografie vom Land aus neu denken?

Kenneth Anders, 28.09.2011

Kolumne vom 28.09.2011

Die Kinder kommen vom Land, das war einmal ein anthropologisches Gesetz. Wenn man das Land zu sehr verstädtert, bleiben die Kinder aus.

Wir werden immer weniger, das ist ein Problem. Die Demografen zeigen uns Diagramme und Tabellen und aus ihren Zahlen geht hervor, dass die Rentenkassen, die Krankenversicherungen und eigentlich das ganze öffentliche Leben auf immer schwächeren Füßen steht. Das animiert zum Wegsehen, selbst die Sachverständigen der Politik rechnen mit falschen Annahmen und kaum jemand wagt, die Sache zu Ende zu denken. Natürlich ginge so ein Schrumpfungsprozess nicht endlos weiter, heißt es.

Warum eigentlich nicht? So mechanistisch, wie die Schrumpfung bisher diskutiert wird, gibt es gar keinen Grund, warum der Sinkflug unserer Bevölkerung nicht unendlich sein sollte. Der Zusammenhang wird doch immer wieder betont: Wachsender Wohlstand plus wachsende Bildung der Frauen ist gleich nachlassende Fertilität, so heißt es. Eine einfache Formel. Und wirklich verlaufen ja die Kurven zwischen weiblichem Bildungsgrad und abnehmender Geburtenrate fast parallel. Das muss doch ein und derselbe Prozess sein! 

Mir kommt das komisch vor, zumindest vorschnell. Zwar ist es richtig, dass die Bildung den Frauen  ermöglicht, einen eigenen beruflichen Weg einzuschlagen, aber wenn sie dann keine Kinder kriegen, möchte ich das ungern ihrer Bildung in die Schuhe schieben. Das deckt sich auch nicht mit meiner persönlichen Erfahrung. Und wenn die eigene Erfahrung in den demografischen Modellen keinen sinnvollen Ort findet, ist doch ein gewisses Misstrauen angebracht.

Wo sieht man zuerst hin, jetzt, da die Schrumpfung langsam bedrohlich wird? Dahin, wo die Bevölkerung am stärksten schrumpft, also aufs Land. Das klingt logisch, denn dort wirkt sich ja die Abnahme der Bevölkerung am sichtbarsten aus. Oh, oh, oh, runzelt man die Stirn, was machen wir denn jetzt mit euch, ihr seid nur noch so wenige, wir können euch nicht mehr versorgen, wollt ihr nicht besser auch zu uns in die Stadt kommen? Ein fürsorglicher, verantwortungsvoller Blick - versehen mit zwei Scheuklappen.

Die erste Scheuklappe betrifft die sozialen Sicherungssysteme, denn die sind ja von der Frage, wo die Leute wohnen, nur am Rande betroffen. Hartnäckig wird in den Debatten Wanderung und Fertilität vermischt. Rente ist Rente, egal, wo ich sie empfange. Wenn die Beiträge für die Rentenversicherung steigen, dann hat dies gar nichts damit zu tun, ob Oma Lehmann im Friedrichshain oder in Kienitz an der Oder wohnt. Dieses Problem ist viel größer als das im Moment so beliebte Starren auf die wenigen Menschen auf dem Land. Verglichen mit der Nachhaltigkeit unserer großen Sicherungssysteme sind die Kosten für Schulen und Busse auf dem Land ein Witz, über den man nicht einmal schmunzeln kann. Statt dem Land einen gewissen Vertrauensschutz zu geben, damit sich hier die Zivilgesellschaft neu und mit weniger Menschen formieren kann, wird die schrumpfende Landbevölkerung zu einem Systemproblem aufgebläht. Es wird so getan, als ginge das Bevölkerungsproblem überhaupt vom Land aus – und das ist falsch. Die Gründe für die Schrumpfung der ländlichen Bevölkerung sind kein schwarzer Peter, den man dem Land zuschieben kann. Sie haben ihre Gründe in der ganzen Gesellschaft.

Die zweite Scheuklappe betrifft die Abhängigkeit der Städte vom Bevölkerungszustrom aus dem ländlichen Raum. Städte wachsen nicht aus sich selbst heraus, sondern immer nur durch Zuwanderung. Sie können sich von allein nicht mal auf einem konstanten Stand halten. Sie brauchen Einwanderer, mal mehr, mal weniger. Wer also nun mit dem Finger auf die schrumpfende Bevölkerung im ländlichen Raum zeigt und so tut, als hätte er selbst damit nichts zu tun, denkt nicht sehr langfristig. Spätestens eine Generation später sitzt man nämlich in den Städten dann auch auf dem Trockenen.

Nun kann man ja generös auf die Zuwanderung aus dem Ausland verweisen – da sind doch noch genug Menschen! Aber das ist ein Verschiebebahnhof. Denn selbst wenn man die Sarrazinschen Überfremdungsängste überwindet, kommen doch die vielen Menschen aus den anderen Ländern letztlich auch vom Land. Und dort ist es ganz genau dasselbe – der Kindersegen kommt zum Erliegen, wenn die Leute vom Land weggehen. In China werden gegenwärtig über 100 neue Millionenstädte geplant und gebaut. Wenn eine Generation später die Urbanisierung vollzogen ist, können sich die Architekten wieder an den Rückbau machen.

Nun lässt sich einiges aus den Unterschieden zwischen den einzelnen europäischen Staaten lernen. Manche sind stärker von der Schrumpfung betroffen als andere, es gibt angeblich sogar Wachstumsländer. Deutschland gehört zu den Top-Schrumpfern und man ist versucht, unsere schwachen Geburtenraten als einen Ausdruck allgemeiner kultureller Ratlosigkeit zu deuten. Ich glaube, unsere schlechten Geburtenraten haben damit zu tun, dass in den ländlichen Räumen Deutschlands der Wurm drin ist. Das ist eine starke These, ich weiß, aber ich würde gern für sie kämpfen.

Es gibt zwei Formen von Bindungen, die eine Entscheidung für Kinder begünstigen. Das sind zum einen die Bindungen an andere Menschen. Dass Frauen es sich dreimal überlegen, ob sie mehrere Kinder großziehen wollen, wenn sich die Männer nicht verbindlich verhalten, ist ja bekannt und verständlich. Heute stehen sie selbst vielfach in beruflichen Systemen, die keinen Fehler dulden. Ein Kind wird schnell als Fehler bestraft. Das Risiko, am Ende allein da zu stehen, ist nicht von der Hand zu weisen. Insofern bieten die heutigen Beziehungsformen zwar schöne Freiheiten, aber sie sind nicht eben geburtenfördernd.

Die andere Bindungsform, die Menschen eingehen können, ist die zum Raum. Das geht natürlich auch in der Stadt, aber im Hinblick auf Kinder funktioniert es immer noch am besten auf dem Land, jedenfalls solange das Land noch ländlich ist. Wer sich dauerhaft auf einen Ort einlässt, stellt Fragen der Karriere in den Hintergrund. Man ist ja da, wo man ist und schlägt sich durch, wie es eben geht, gute Zeiten hin, schlechte Zeiten her. „An Weggehen, unverrichteter Dinge, gar nicht zu denken“, wie Bobrowski es einmal gesagt hat. Also ist dann auch Platz und Zeit für Kinder, es passt schon irgendwie. Man kann soziale Strukturen aufbauen, die dem Kinderkriegen dienlich sind. Die Generationen verkehren miteinander, es gibt Lebenslösungen, die an Haus und Hof gebunden sind. Wo Schafe sind, können auch Kinder sein.

Warum ist dann aber die ländliche Bevölkerungsproduktion zum Erliegen gekommen, werden Sie jetzt fragen.

Nun, zum einen liegt die Geburtenrate im Amt Barnim-Oderbruch immer noch um zwei Zehntel höher als der Bundesdurchschnitt. Das ist nicht ausreichend, aber es soll keiner sagen, die Leute hier gäben sich keine Mühe. Wenn man den logistischen Aufwand bedenkt, den das Kinderleben heute den Taxi fahrenden Eltern versursacht, kann man die hiesigen 1,6 Kinder pro Frau gar nicht hoch genug bewerten.

Zum zweiten verliert das Land ja immer mehr seine ländliche Eigenart. Wo es nur noch aus Wohngebieten besteht und keine eigenen Lebensweisen mehr entfaltet, fällt dieser Effekt natürlich weg.

Und zum dritten muss man schon mal genauer hinsehen und das eine Dorf vom anderen unterscheiden. Die Regionalstatistik trügt nämlich, weil sie alles vereinheitlicht. Es gibt durchaus Dörfer mit einem üppigen Kinderanteil: mit 16 Kindern auf geschätzte fünfzig Einwohner macht zum Beispiel Croustillier durchaus was her.

Warum das am einen Ort so ist und am anderen Ort wiederum ganz anders, das wäre durchaus interessant zu erfahren und man könnte daraus eine Menge politischer und praktischer Schlüsse ziehen. Es wäre eine gute wissenschaftliche Herausforderung für Soziologen und Demografen: was sind eigentlich die lebensweltlichen Faktoren für Kinderreichtum? Ich versuche seit Jahren, Wissenschaftler und Studenten im Rahmen ihrer Diplomarbeiten zu ermuntern, es herauszufinden, denn die Antworten, die von Demografen in den Medien gegeben werden, befriedigen mich nicht. Ohne Erfolg. Der Unterschied zwischen Klein- und Großposemuckel ist kein ordentlicher wissenschaftlicher Gegenstand. Leider!