Déjà-vu

Manches in der heutigen Bundesrepublik erinnert an die letzten Jahre der DDR

Kenneth Anders, 31.08.2011

Kolumne vom 31.08.2011

Schön sind sie selten, die Hinterlassenschaften der DDR-Landwirtschaft, der Blick lohnt sich trotzdem. Dass die Zeit seit 1990 hier stehengeblieben ist, verleiht ihnen einen kathartischen Effekt.

In den letzten Wochen muss ich oft an 1989 denken. Immer wieder gehen die Gedanken zurück an die späten Jahre der DDR und an die ersten Erfahrungen in der Bundesrepublik. Ich habe mich gefragt, wie das kommt. Unähnlicher können sich Zeiten doch kaum sein.

Aber eine Ähnlichkeit der letzten DDR-Jahre mit der deutschen Gegenwart gibt es doch. Damals, 1987 oder 88 haben alle immer gesagt: So, wie das hier läuft, das kann doch nicht gut gehen. Die Wirtschaft, die Demokratie, das geht krachen. Ich wundere mich, dass der ganze Laden überhaupt noch steht. So redete damals fast jeder, selbst die Genossen. Alle schüttelten den Kopf und fühlten sich unwohl.

Heute wird das wieder gesagt. Man wundert sich, dass unser ganzes System noch nicht zusammengebrochen ist, denn so, wie es im Moment arbeitet, kann es nicht funktionieren. Die Erfahrung, auf Pump zu leben, macht sich nicht nur an abenteuerlichen Geldbewegungen in und zwischen den Staaten fest, die kein Mensch mehr versteht. Sie bezieht sich auch auf alles andere. Die Ressourcen, von denen die Gesellschaft lebt, werden aufgezehrt. Die Demokratie wird hohl, weil immer weniger Möglichkeiten zur Entscheidung stehen. Die sozialen Sicherungssysteme funktionieren nicht mehr aus sich heraus. Die Rahmenbedingungen unseres Lebens werden in den europäischen Bürokratien, bei Welthandelsabkommen oder von industriellen Netzwerken gesetzt, wir haben sie nicht zur Hand und wir durchschauen sie auch nicht. Die Wirtschaft, die sich einst mit stolzer Unternehmerbrust als A und O unseres Gemeinwesens präsentierte, macht kaum noch etwas ohne Staatsgeld. Die Wende zur grünen Energie und zur Nachhaltigkeit ist eine Chimäre, ein staatlich finanziertes Konjunkturprogramm. Wer privates Geld für seine Projekte möchte, muss große Freunde haben, die am besten hochverschuldet sind, damit letztlich der Staat für alles aufkommt. Kleinteilige, risikobereite und lernfähige Strategien werden strukturell ausgegrenzt. Wer für etwas öffentliches Geld möchte, muss wiederum bei großen Institutionen unterkriechen, weil er weder die buchhalterischen Auflagen erfüllen kann, noch das Vertrauen der Geldgeber gewinnen wird. Und da keiner mehr die Regularien überblickt, die in meterlangen Akten abgearbeitet werden, vertraut man sich Schirmherren und Prominenten an, die das schwindende Vertrauen erhalten sollen.

Es verschwimmt alles, als könne man nicht mehr scharf sehen. Es werden kaum noch Auseinandersetzungen geführt, es schütteln alle nur den Kopf. Die Systeme sind so groß geworden, dass sie einfach nicht mehr kritisierbar sind. Die Sprache ist korrumpiert, es scheint alles schon gesagt zu sein, es trifft alles nicht richtig.

Nach 1989 führten die Menschen in der DDR harte Auseinandersetzungen, die bis in die Familien hineinreichten.  Es ging um die eigene Rolle in der DDR, man stritt um die Verantwortung. Diese Auseinandersetzungen waren wichtig. Nur in der Debatte über die Verantwortung für das, was war, ließ sich die Verantwortung für das, was nun zu tun war, neu und vernünftig verteilen. Aber mitten in sie hinein erhielten wir ein großes Versprechen des damaligen Bundeskanzlers: Es ist schon alles bezahlt! Ihr braucht euch nicht mehr zu streiten, wir haben die Rechnung längst übernommen und wir kommen auch zukünftig für jeden Schaden auf. So hat sich eine ganze Generation kaufen lassen. Es gab einige wenige und bittere Verlierer, aber die meisten sind üppig entschädigt worden. Sie konnten ihr Geld umtauschen, sie hatten oft sogar noch beruflichen Erfolg, sie kauften sich ihre Autos und Häuser und haben heute eine ordentliche Rente. Es ist alles bezahlt worden, man musste sich nur den neuen Spielregeln unterwerfen, ganz gleich, ob man sie durchschaute oder nicht.

Aber die Auseinandersetzungen, in denen wir damals steckten, brachen schlagartig ab. Es nutzte ja alles nichts mehr, man musste jetzt nach vorn schauen. Ein sympathischer Stasimitarbeiter wurde Ministerpräsident in Brandenburg und er etablierte die politischen Umgangsformen: Es lohnt sich nicht, Ärger zu machen, wir gleichen einfach die Interessen aus, es kommen alle auf ihre Kosten. Es spielt keine Rolle, ob man in diesem Prozess auf der westlichen oder der östlichen Seite gestanden hat. Die einen haben bezahlt, die anderen haben genommen, beide Seiten sind Teil derselben Vereinbarung gewesen, ob sie es wollten oder nicht. Indem die Suche nach Verantwortung für die Vergangenheit abgebrochen wurde, brach der Verantwortungsbegriff überhaupt auseinander. Was wir heute haben, sind Zuständigkeiten, keine Verantwortungen. Das ist ein großer Unterschied.

Verantwortung wahrzunehmen heißt, Dinge zu tun, die getan werden müssen. Wer von seiner Verantwortung aus denkt, steckt den Kreis seiner Tätigkeit möglichst weit ab, denn alles, was wir tun, muss auf unsere Umwelt abgestimmt sein, muss reagieren und interagieren, sonst ist es sinnlos. Wer aus Verantwortung handelt, darf keine Scheuklappen aufsetzen.  

Zuständigkeit heißt, zu tun, wofür man bezahlt wird und darauf zu achten, wofür man haftet. Wer seine Arbeit nach Zuständigkeit verrichtet wird deshalb den Kreis seiner Tätigkeit immer enger stecken, denn das Geld ist begrenzt und Haftung möchte man so wenig wie möglich am Hals haben. Ob das eigene Handeln einen Sinn hat, wird irrelevant. Aus Zuständigkeiten heraus zu handeln heißt: sich Scheuklappen aufsetzen.

Damals, als junger Mann, war ich gegen den wohlfeilen Beitritt. Ich hatte das Gefühl, es sei etwas nicht richtig damit. Sicher, ich überschaute die Dynamik des ganzen Prozesses nicht, es musste schnell gehen, die Leute wollten alle nur das Geld und das haben sie ja dann auch bekommen. Trotzdem hätte ich mir nicht träumen lassen, dass es sich einmal so bitter rächen würde. Welche gesellschaftlichen Felder ich auch betrete: die Fördermittelbürokratien, die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Agrarpolitik, die Bildung für nachhaltige Entwicklung, der Naturschutz – alles verwickelt sich in einen Korruptionszusammenhang. Die Menschen flüchten sich in Sicherheiten, sie schlüpfen unter den Mantel großer Institutionen. In den Pausen wird getuschelt und gekrittelt, aber keiner sagt laut, was er denkt. In der DDR konnte man noch richtig Ärger kriegen für ein offenes Wort. Heute haben wir das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber die Leute halten bereitwillig den Mund, weil sie ihre Sicherheiten nicht aufs Spiel setzen wollen. Jede politische Auseinandersetzung wird letztlich mit Geld abgemacht, das irgendwoher geborgt ist.

Wir feiern eine schreckliche Sause. Es ist alles gratis, die Tische des Buffets biegen sich unter ihrer Last. In der Luft liegt der Geruch der Spiritusflammen, mit denen die Häppchen warmgehalten werden. Keiner ist wirklich heiter, keiner tanzt, aber da alles schon bezahlt ist, schlägt man sich den Bauch voll und bestellt sich eine Flasche Weißwein. Und dann noch eine und noch eine.

Der Kater am nächsten Morgen wird furchtbar sein.