Meinst du, man kann da leben?

Über das verlorene Bürgertum der Provinz

Kenneth Anders, 17.08.2011

Kolumne vom 17.08.2011

Der leere Schaukasten sagt doch alles! Auch in Ostbrandenburg möchte man manchmal „Willkommen bei den Sch'tis“ sagen.

Xaver wohnte im Südwesten Deutschlands, im wärmsten und reichsten Zipfel – dort, wo alle hinwollen, wo es die höchsten Zuzüge und das beste Essen in den Restaurants gibt, wo die Grünen regieren usw. Er hatte sich hier gut eingelebt und wollte gern bleiben. Aber wo schon viele sind und bald noch mehr sein werden, gibt es auch viel Konkurrenz. Es sah also nicht gut aus mit der ersehnten Stelle innerhalb des Apparates, in dem er nun einmal seine Laufbahn geplant hatte. Also hatte er sich auf eine Position hier im Nordosten beworben. Es war kein leichter Entschluss gewesen. Und eines Abends am Biertisch im beschaulichen Südwesten fragte er mich dann: Sag mal, meinst du, man kann da leben?

Seine Sorgenfalten lagen tief im Gesicht, die Augen geweitet, ein Tunnelblick, es sah aus, als habe er ein schreckliches Panorama vor sich: Rauchschwaden, die von einem verwüsteten Boden aufstiegen und fettleibige Menschen mit Hitlerbärtchen, die dazwischen herumkrochen – etwas in dieser Art muss er vor sich gehabt haben.

Ich packte also meine Leidenschaft für das Leben in den strukturschwachen Räumen aus und machte ihm Mut: Xaver, dort kann man wunderbar leben! Es ist nicht so überlaufen wie hier bei euch und alles ist jung und im Entstehen! In diesen Regionen kann man als Einzelner viel mehr verändern und bewegen. Es gibt vielleicht weniger Angebote, aber für jemanden, der gestalterisch wirksam werden will, ist es das ideale Pflaster! Ich erzählte von Jazz in E. und vom Theater am Rand, von der Provinziale und von einem Lebensgefühl aus Freiheit und Gestaltungslust.

Das schien allerdings nicht das zu sein, was mein Gesprächspartner hören wollte. Seine Sorgenfalten vertieften sich zu schwarzen Schluchten. Er sah schon durch mich durch, etwas arbeitete in ihm. Schließlich sagte er: Weißt du was, ich hab mir was überlegt: Wenn ich den Job krieg, dann zieh ich gar nicht da hin. Ich zieh nach Berlin und fahr dann mit dem Zug da raus. Und weißt du was, ich hab mir noch was überlegt: Ich zieh gar nicht in die Mitte von Berlin! Ich zieh nach Randberlin!

Jetzt sah er richtig glücklich aus. Er hatte eine Lösung für sein Problem gefunden. Er musste nicht in der nordostdeutschen Provinz wohnen, er würde diesen Zombies ein Schnippchen schlagen. Und er müsste auch nicht am Hackeschen Markt wohnen, wo, das hatte er wohl schon mitgekriegt, Tag und Nacht betrunkene Schulklassen herumtorkelten. Er würde in den Speckgürtel ziehen. Was für eine gute Idee!

Aber mein Kollege hat seine Stelle dann doch nicht bekommen. Man könnte sagen, das sei auch besser so, für die Nordostprovinzen jedenfalls: Schöner ist es doch allemal, wenn sich die Leute auch auf die Räume einlassen, in denen sie Arbeit haben.

Nur ist der Kollege gar keine Ausnahme, er ist der Normalfall. Wer in Deutschland einen Hochschulabschluss hat, ist meistens mit ebendiesem Horror vor der Provinz geimpft.
Unsere Kinderärztin sucht händeringend nach einer Kollegin, die in ihre Praxis einsteigt. Ihr Wartezimmer ist ständig überfüllt, die Gegend könnte noch zwei, drei weitere Kinderärzte ernähren. Aber es kommt niemand.

Pfarrer, für die es in früheren Generationen ganz normal war, den Beginn des Berufslebens auf dem Land zu gestalten, können sich das heute oft nicht mehr vorstellen. Manche würden, so scheint es mir,  lieber in die Hölle gehen, als in die Provinz zu ziehen. Lieber eine Projektstelle in der Großstadt als eine Gemeinde in der Walachei.

Und die meisten Hochschulprofessoren in den Städten Brandenburgs leben natürlich in Berlin und fahren zu ihren Lehrveranstaltungen mit dem Zug raus. Eine soziale Gruppe, die früher das Bürgertum der Provinz geprägt hat, pendelt heute nur mal vorbei, wenn es einen unvermeidlichen Termin gibt.

Es sind auch immer weniger Studenten, die an diesen kleineren Hochschulstandorten studieren und dann auch dort wohnen. Sie nehmen nicht am städtischen Leben teil, wie es früher für die Hochschulstädte üblich war. Sie wachsen seltener in die lokalen Strukturen hinein, sie werden in ihnen nicht sesshaft, sie nutzen das Studienangebot und sind wieder weg. Das ist in Frankfurt/Oder nicht anders als in Eberswalde oder Cottbus.

Die Angst vor dem „weit draußen“ ist nichts Neues, aber sie hat eine neue Qualität erreicht. Früher war es für die kleinen Städte ein großer Erfolg, wenn sie Bildungsinstitutionen oder große medizinische Einrichtungen bei sich ansiedeln konnten. Sicher bringt das immer noch gewisse finanzielle Vorteile. Aber die Menschen, die hier zur Arbeit oder zum Studium kommen, wollen ihr Schicksal kaum noch teilen. Es sind Nomaden. Sie bevölkern die Provinz nicht, sie bereichern ihre Zivilgesellschaft nicht, sie nehmen lediglich in Kauf, dass sie sie sich hin und wieder blicken lassen müssen – je weniger, desto besser.

Deshalb wäre es natürlich am besten, die ganzen Läden gleich einzupacken und in der Metropole wieder aufzustellen. Alle Hochschulen nach Mitte, bitte! Das wäre ja auch viel ökologischer. Man denke doch nur an die Fahrtkosten. Und den Klimawandel. Also wirklich. Was wolln wir denn da noch, das ist doch tiefste Provinz!