Zu Besuch beim Kirchenfürst

Auch die Kirche hat leider das Einmaleins der Unternehmensberatung gelernt

Kenneth Anders, 20.07.2011

Kolumne vom 20.07.2011

So schön sieht man vom Kirchturm in die Landschaft. Wenn die Kirche auf dem Land ihre Rolle in der Zivilgesellschaft nicht überdenkt, wird sie aus den meisten Orten verschwinden.

Die Kirche im Dorf hat das gleiche Problem wie das Dorf selbst: sie schrumpft. Die Leute werden weniger, die Alten sterben, es kommen kaum neue nach, diese Litanei ist nichts Neues, nichtsdestotrotz ist sie wahr. Also muss man die Strukturen den sinkenden Menschenzahlen anpassen, das kennen wir schon von den Kommunalreformen. Die Kirchenkreise werden größer, die Gemeinden fusioniert, die Sprengel umgeformt. Bei der Zusammenlegung von Haushalten wird darüber hinweggesehen, dass die Rechenschaftspflichten der gewählten Gemeindeältesten in demokratische Unordnung geraten, da sich deren Zuständigkeiten oft gar nicht mehr aus einer direkten Wahl ergeben. Aber davon abgesehen gibt sich die Kirche Mühe, den Schrumpfungsprozess ordentlich durchzuführen. Der ständig angepasste Sollstellenplan hat die Bedeutung eines neuen Katechismus angenommen, er ist in aller Munde.

Besorgniserregend ist natürlich, dass das Ende vorgezeichnet ist. Es gibt nämlich keinen Grund, warum die Schrumpfung irgendwann aufhören sollte. Der letzte Christ der Berlin-Brandenburgischen-schlesischen-Oberlausitz-Kirche wird zugleich Bischof, Probst, Pfarrer, Küster und Gemeindeglied sein. Er wird eine Menge damit zu tun haben, seine Fusion mit dem Christen der Nachbarkirche vorzubereiten, wenn nicht einer von beiden vorher stirbt, denn dann kann man einfach die eine Diözese der anderen zuschlagen. Aber er muss ja dann auch nur noch den lieben Gott und keine Menschen mehr verwalten, wie ein kluger Mann aus Oderberg neulich treffend bemerkte.

Das hat man sich in der Kirche wohl auch schon gedacht und also stößt man Reformprozesse an, die eine Wiederbelebung des Glaubens bewirken sollen. Schon der vorherige Bischof hatte das versucht, sein Reformprogramm nannte sich „Salz der Erde“. Es hatte nicht richtig gegriffen, also wurde nun ein neues Programm aufgelegt. Das trägt den Titel „Salz der Erde – Reform ist möglich“. Ich nehme an, man hat den alten Reformtitel noch mit in den Namen aufgenommen, um Kontinuität zu beweisen. Die letzte Körperschaft, die das meisterlich vorgeführt hat, war die SED gewesen. Sie hieß nach der Wende SED-PDS, erst später verschwand „SED“ aus dem Namen und irgendwann nannte man sie dann „Die Linke“. Hat ja auch irgendwie geklappt.

Ich bin dann aber doch der Einladung zur Diskussion mit dem Bischof nach Cottbus gefolgt. Das neue Reformprogramm sollte mit Pfarrern und Laien diskutiert werden. Gekommen waren knapp einhundert Leute, die meisten ächzten über die weite Anfahrt in dem inzwischen riesigen Sprengel. Na schön. Man hätte die Gäste wohl in einem der Gemeindesäle versammeln können, die Cottbus aufzuweisen hat, es wurde aber eine große Kirche gewählt – warum auch immer. Wie in einem Gottesdienst saß man streng in Reih und Glied, die Verständigung in dem riesigen überakustischen Schiff war nur über Mikrofon möglich. Und dann ging es los.

Nach einer gescheiten Andacht durch den Bischof stellten seine Mitarbeiter die Eckpunkte des Reformprogramms mit Hilfe von Powerpointfolien vor. Definiert wurden drei Handlungsfelder, die in insgesamt 12 Projekte unterteilt sind. Begleitend hatte man eine Online-Umfrage durchgeführt, über deren Ergebnisse genau Rechenschaft abgelegt wurde, die Genauigkeit war angesichts der geringen Teilnehmerzahl etwas übertrieben, trotzdem meinte der Referent, die Umfrage hätte sich gelohnt, wie die Werte aus der Umfrage selbst es bewiesen. Ich glaube, das nennt man Tautologie, aber wichtiger war etwas anderes und zwar die Sprache des Reformprogramms. Sie ist eindeutig von der Unternehmensberatungswissenschaft vorgegeben: Zieldefinition, Maßnahmenplanung und die Formulierung einer messbaren Wirkungserwartung. Die Denkweise ist statisch: Problem – Analyse – Ziel – Maßnahme – Wirkung. Qualitative Ziele werden gnadenlos so ausgedrückt, als seien sie quantifizierbar. Das Projekt 0 fasst die einzelnen Anstrengungen in einem Gesamtrahmen zusammen. Hier lautet die erwartete Wirkung: „Die Ziele des Reformprozesses werden zu 70 % erreicht.“

Ich wandte nun ein, dass man mit der Sprache der Unternehmensberatung keinen Erfolg haben würde. Meines Erachtens ist diese Sprache schon für den Bereich der Wirtschaft ungeeignet und erst recht ist sie im Bereich der Bildung und Verwaltung irreführend. Sie ist lebensfremd, sie hat die einfachsten Grundsätze der Systemtheorie nicht verinnerlicht, doktert aber dauernd an Systemen herum. Sie hat in den letzten Jahren ein unglaublich dummes mechanistisches Denken gefördert und damit viel Schaden angerichtet. Jeder weiß das, aber in den betroffenen Bereichen spricht es niemand aus, denn die Leute werden dafür bezahlt, dass sie den Unsinn mitmachen und zu Hause ist es ihnen zu peinlich und zu langweilig, darüber zu sprechen.

In der Kirche wird das aber nicht klappen. Sie wird ja vor allem aus Freiwilligen gebildet, die eben nicht dafür bezahlt werden, dass sie ihrem Glauben nachgehen, sonst wären es ja keine Freiwilligen. Kein Mensch wird sich in ein Korsett der Unternehmensberatung begeben, wenn er nicht dafür bezahlt wird. Ich bin überzeugt, dass man den Schrumpfungsprozess der Kirche mit diesen Reformprogramm beschleunigt, statt ihn aufzuhalten.

Naja, sagte darauf unser Bischof, da haben sie schon ein bisschen Recht, die Sprache ist nicht so schön, die ist wirklich ein bisschen ungünstig. Ich dürfe das alles nicht so wörtlich nehmen, gemeint sei doch was anderes – die Wiederbelebung des Glaubens eben. Darauf müsse man letztlich sehen.

Ein evangelischer Bischof steht in der Tradition Luthers. Er weiß, dass die Sprache nicht hintergehbar ist. Man kann nicht das eine sagen und das andere meinen und erwarten, damit das zu erreichen, was man eigentlich gewollt, aber nicht gesagt hat. Das Wort ist das Wort und wenn es nicht wahrhaftig gesprochen wird, ist es falsch. Gerade in der Kirche sollte man das ernst nehmen und sich fragen, wo heutzutage aktiver Glauben benötigt wird und was man als Kirche dafür tun kann: zuallererst durch eine klare und glaubwürdige Sprache. Man kann nicht alles Margot Käßmann überlassen, die darüber selbst schon zum zwielichtigen Popstar auf dem doppelten Boden der Medienöffentlichkeit geworden ist.

Aber einstweilen Schwamm drüber, denn nun nehmen wir die einzelnen Projekte in Augenschein. Und oh hallo, da ist ja mein Lieblingsthema: die kleinen Dorfkirchengemeinden. Auch ihrer nimmt sich das Reformprogramm an. Sieben Pilotgemeinden werden ausgewählt. Sie werden intensiv von der großen Kirche in ihren anstehenden Herausforderungen begleitet und an ihnen wird dann gezeigt, dass Reform auch für diese Kleinstgemeinden möglich ist.

Nun muss ich mich aber nochmal melden. Denn die Pilotgemeinden folgen ja schon wieder der Logik des guten Beispiels, das man heute Best Practice nennt und das auch durch die Übersetzung ins Englische nicht zu einem klugen Konzept wird. Das gute Beispiel, das wir uns nehmen sollen, hat schon in meiner Kindheit in Schule und Elternhaus nicht gewirkt. Es war schon damals schlechte Pädagogik, weil man sich seine Vorbilder immer selbst aussuchen muss.

Mit den sieben Pilotgemeinden würde man deshalb nicht weit kommen, wende ich also ein. Jede Gemeinde ist lokal und muss ihre eigenen Antworten auf die Schrumpfung finden. Übertragbar sind nur Prinzipien wie Selbstorganisation und Offenheit, ein Selbstverständnis des Glaubens im Alltag, eine Distanz zur Macht – abstrakte Einsichten, die sehr schwer von A nach B exportiert werden können. Die Menschen in jeder Gemeinde müssen sich in den nächsten Jahren konkret die Frage stellen, was ihnen eine offene Kirche im Dorf wert ist. Sie müssen darüber sprechen, wer als letzter das Licht ausmacht und die Tür verrammelt oder ob es Chancen gibt, christliches Leben im ländlichen Raum mit Partnern außerhalb der Kirche neu aufzubauen – womöglich in völlig neuen Formen. Es sind schmerzhafte und notwendige Fragen, zu deren Beantwortung jeder unerschrocken auf sich selbst blicken muss; auf seine Bereitschaft, sich zu engagieren und auf Vertrautes zu verzichten. Meines Erachtens muss die Kirche dringend durch ihre Pfarrer die Menschen in den Gemeinden dazu auffordern, diese Fragen zu diskutieren. Man muss einen offenen Diskurs darüber in Gang setzen, in dem keine Antworten und kein Best Practice vorgegeben sind. Man darf die Leute nicht länger in einer bleiernen und trügerischen Sicherheit wiegen. Der Neuaufbau der kleinen Gemeinden ist nur möglich, wenn die Menschen auf das Ende sehen und sich dann gemeinsam fragen, ob es nicht auch ein Anfang sein könnte.

Wieder gab mir der Bischof in gönnerhafter Weise recht. Das seien sicher wichtige Fragen, kein Zweifel. Aber junger Mann, wovon sie hier reden, das sind die Gewitterstürme, die ohnehin über die Christen auf dem Land hinweg ziehen. Das kommt doch sowieso! Was wir hier wollen ist aber, ein paar Lichtblicke zu schaffen. Die Flut kommt unvermeidlich, aber wir möchten ja hier auf die Blüten sehen, die treiben und uns Hoffnung machen.

Später gab es ein kleines Buffet. Ich stand mit Pfarrern an einem Tisch, die sich über den Quatsch von oben lustig machten. In der Diskussion haben sie nichts gesagt. Hat doch keinen Zweck.

Manchmal frage auch ich mich, ob es vielleicht wirklich keinen Zweck hat, zumindest innerhalb der bestehenden Apparate. Sie sind zerschlissen, sie absorbieren jede Kritik, sie unterbinden Lernprozesse. Die Mitarbeiter ihrer sterbenden Institutionen haben bereits ausgerechnet, dass es für die eigenen Gehälter und Pensionen gerade noch ausreichen müsste. Das ist bei der Gewerkschaft vielleicht nicht anders als bei der Kirche oder beim Verband der Rentenversicherer. Mit dem, was danach kommt, müssen sich dann eben andere auseinandersetzen.

Als hingen alle an einem riesigen Tropf. Jeder sieht, dass er sich entleert. Aber wenn man ihn wieder füllen wollte, müsste man sich abnabeln und den ganzen Stoffwechsel umbauen. Also hofft man, dass es für die eigene Frist noch ausreichen wird, bleibt sitzen und tut so, als arbeite man an einer Lösung.

Kinder, Kinder!

Apropos Kinder. Ich bin sicher, dass diese oben beschriebene Lebenseinstellung einer der wichtigsten Gründe für unsere rückläufigen Geburtenzahlen ist. Doch dazu vielleicht ein andermal.