Hobbits beim Aufräumen

Vom Siedeln auf dem Land nach einer seltsamen Zeit

Kenneth Anders, 06.07.2011

Kolumne vom 06.07.2011

Sturz und Tür, was kann ich dafür? In den letzten Jahrzehnten war es nicht gerade Mode, auf die Dinge viel Rücksicht zu nehmen. Wer sich die Mühe nun wieder machen will, braucht ganz schön viel Zuversicht.

Der Hof, den ich in den neunziger Jahren im Oderbruch bezog, war eine Neubauernstelle. Er war zubetoniert. Das Haus hatte klaffende Risse im Gemäuer, nicht wegen seiner schwachen Bausubstanz, sondern wegen falscher Eingriffe: Am Giebel hatten die letzten Bewohner wichtige Stützen entfernt, weil sie gestört hatten, daraufhin brach die Dachlast den Giebel auseinander. In den Stallbereich hatten sie ein riesiges Loch für ein Garagentor gerissen, weil unbedingt das Auto unters Hausdach sollte, dadurch fiel das Gebäude an dieser Seite einfach auseinander. Für das Vieh hatte man stattdessen eine endlose Reihe windschiefer Schuppen aneinander gelehnt, die mit Wellasbest gedeckt waren. In einem davon war zeitweilig ein Getränkestützpunkt betrieben worden, hier konnten die Leute aus dem Dorf, wenn sie von der Schicht im Schweinestall kamen, ein Feierabendbier trinken. Die Gardine flatterte noch im Wind. Der Garten war ein Rätsel. Aus der Erde tauchten immer wieder Schnapsflaschen, Fischbüchsen, Plastik- und Eisenteile auf. Beim Abriss eines Anbaues zeigte sich unter der Bodenplatte eine Hausmüllgrube: Asche, alte Damenstrumpfhosen und immer wieder Scherben.

Tobias hat ein Haus in der Nähe gekauft, bei ihm ist es ähnlich. Wo er geht und steht, hebt er Müll auf, es ist alles voll. Was haben die hier gemacht, fragte er neulich. Es ist schwer zu verstehen.

Wieder ein anderer Hof: keine Müllhalde, aber er gibt auch Rätsel auf. Zwei Schuppen stehen unmotiviert im Garten herum, die Reste der alten Nebengebäude sind eine Brache aus Schutt und Brennnesseln. Die Risse im Gemäuer gehen auf Granateneinschläge der letzten Kriegstage im Dachgebälk zurück, die ganzen Jahrzehnte über war an eine Reparatur wohl nicht zu denken gewesen. Beim Umgraben des Kartoffelbeetes taucht ein volles Maschinengewehrmagazin auf. In die Hauswand sind Initialen geritzt, hier und da auch kyrillische. Das Haus war nach dem Hochwasser von 1947 nur zum Teil wieder bewohnbar gemacht worden, ein Zimmer diente als Lager oder Werkstatt. Es gibt kein Bad, keine Toilette, nicht mal ein Klohäuschen, das Geschäft wurde immer gleich im Garten weggetan. Reste einer alten Windmühle, Weinballons mit Agrarchemikalien, eine Flasche mit Quecksilber, Blech, verrostete Eisenträger. Überall liegen Ziegelsteine aus allen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, nicht sortiert und gestapelt, sondern in Haufen mit Erde, bewohnt von Ameisenvölkern, übersät von Schneckenhäusern. Gepflanzt hatten die alten Hausbesitzer ein paar Douglasien und Blaufichten, aber keine Laubgehölze, und keine Hecken, obwohl es auf dem Grundstück sehr zugig ist. Im Stall ist es so, als hätten gestern noch Schwein und Kuh darin gestanden, dabei sind die Tiere schon seit Jahrzehnten verschwunden.

Aus diesen Eindrücken kann man kein allgemeines Urteil ableiten, schon gar kein moralisches. Natürlich haben viele Menschen auf dem Land in den Jahrzehnten der DDR ihre Höfe und Häuser auch anders bewirtschaftet. Das beschriebene Neubauernhaus galt einmal als der schönste Hof im Ort, mit guten Obstbäumen, vorbildlich angelegten Hecken und vielen Blumenstauden. Dann wurde der Mann krank und die Familie musste den Hof aufgeben, der nun an Landarbeiter der LPG vermietet wurde.

Manche Höfe haben den Stolz ihrer Vorkriegszeit bewahrt. Es gab herrliche Gärten und es gab hin und wieder die Sturheit der Tradition: Ehe ich keine neuen Biberschwänze bekomme, lass ich die alten drauf, vorher wird das Dach nicht neu gedeckt! Also findet man es mit uralten Dachpfannen vor, immer noch halbwegs dicht und der Dachstuhl wunderbar in Ordnung.

Trotzdem muss man sagen: An vielen Stellen des Landes hatte die DDR einen bleiernen Stillstand bewirkt. Es schien sich nicht zu lohnen, die Dinge schön zu machen, es war die Sache nicht wert. Das Provisorische herrschte beinahe überall: Anbauten, die nie fertig verputzt wurden, olle Baracken, Vorgärten mit Essigbäumen. Und nicht überall wurde gewohnt, mancherorts wurde gehaust.

Wer sich heute solcher Grundstücke annimmt, um auf ihnen zu leben, braucht andere Aussichten als die Menschen damals. Man muss glauben können, dass es sich lohnt, wieder von vorn anzufangen, den Müll aus der Erde zu holen, sich immer wieder zu bücken und es einfach aufzuheben, die Häuser wieder zu reparieren, Hecken zu pflanzen und den Gartenraum wieder neu zu ordnen. Man muss abreißen und stehenlassen, Entscheidungen treffen, Stück für Stück alles durchsehen und probieren, ob sich das Alte und das Neue zusammensetzen lässt. Es dauert Jahre, bis man sich so ein Haus angeeignet hat, bis man sich restlos in ihm wohl, geborgen und zu Hause fühlt. Der Geruch, das Licht und der Staub verändern sich im Laufe der Zeit. Im Garten dauert es noch länger. Sieben Jahre musst du warten, dann singt die Nachtigall im Garten, sagt Sophie. Sie hat Recht – und sieben Jahre sind das Mindeste.

Schneller ginge es, den Radlader auf dem Grundstück einzusetzen und den Boden einfach auszutauschen. Schneller ginge es, gleich größere Gehölze mit einer Anwachsdüngung zu pflanzen. Schneller ginge es, das alte Haus einfach abzureißen und ein neues zu bauen.

Aber auf diese Weise lernt man die Landschaft nicht kennen und man kann seine Umgebung auch nicht wieder ins Lot bringen. Man muss sich die Zeit nehmen und mit dem arbeiten, was man vorfindet. Alles andere ist Tabula Rasa: Nach einem Jahr ist alles schick, aber man versteht nichts und man gewinnt nichts zurück.

Als die Hobbits nach dem großen Krieg in Mittelerde in das Auenland zurückkehrten, war es düster geworden. Anstelle der gemütlichen Erdbauten beherrschten Kasernengebäude das Bild, die Gärten waren verwildert, die Böden devastiert. Um hier wieder leben zu können, mussten die Hobbits von vorn anfangen. Ein Fläschchen gesegneter Erde von den Elben half ihnen dabei. Sie verteilten es in den Gärten und die Wunden verheilten.

Ganz gleich ob als Einheimischer, Rückkehrer oder Neubesiedler: Elbenerde hat im Oderbruch keiner in petto. Aber wie die Hobbits müssen auch wir uns die Landschaft neu aneignen, indem wir die Fischbüchsen vom Boden aufheben und die Glasscherben auflesen. Dafür brauchen wir Geduld und die Zuversicht, dass es gut werden kann.

Die neu gepflanzte Walnuss könnte im Hochwasser ersticken bevor sie Schatten wirft, aber wir setzten darauf, dass es ausbleibt.

Die Aneignung der Landschaft könnte an ihrer zunehmenden Industrialisierung scheitern, aber wir glauben, dass andere Prozesse in ihr die Überhand gewinnen.

Uns könnte nicht genug Lebenszeit beschieden sein, um eines Tages die Nachtigall im Garten singen zu hören, aber wir hoffen, dass wir es doch noch erleben können.

Wir spielen auf Zeit. Es dauert alles. Hobbits brauchen Zeit und Hoffnung, sonst können sie nicht arbeiten.