Man kann nicht alles haben

Das Oderbruch kann an Traditionen und ländlicher Kultur nicht mit der schwäbischen Alb oder dem Erzgebirge mithalten. Das hat nicht nur Nachteile.

Kenneth Anders, 15.06.2011

Kolumne vom 15.06.2011

Wat willst du denn hier, hat dir deine Olle wegjeschickt? Der Umgangston im Bruch ist manchmal etwas rumpelig, im Verhalten steckt aber ein gutes Maß an Freiheit.

Eent sarick dir glei, brummt mich der alte Mann im Blaumann an, Sie sare ick ni zu dir!

Brauchste o ni, gebe ich zurück. Ick sare o ni Sie zu dir!

Wir mustern uns schweigend. Es ist der erste Juni, Kindertag, wir stehen am Spielplatz, eine Art Dorffest. Da unser winziger Ort über fünfzehn Kinder auf vielleicht vierzig Einwohner zählt, hatte eine Mutter von drei Kindern den Bürgermeister überredet, auf einer freien Fläche einen Spielplatz anzulegen. Seither gibt es hier Schaukeln, Wippen und zu groben Buddelkies und am ersten Juni wird immer ein kleines Fest veranstaltet. Man macht ein bisschen laute Musik an und besorgt für die Kinder ein paar kleine Überraschungen, ein Eis vielleicht. Für die Großen gibt es Bier, zum Abend hin wird für alle gegrillt, der Bürgermeister persönlich dreht die Würstchen. Zwei Mädchen haben eine kleine Karaokeshow vorbereitet und überhaupt, wer einen Einfall hat, kann loslegen.

Der Mann mir gegenüber hat eindeutig schon früher angefangen, Bier zu trinken. Voreilige Schlüsse sollte man daraus nicht ziehen, die öffentliche Rede vom ländlichen Alkoholismus in Nordostdeutschland ist Unsinn. Natürlich gibt es auf dem Land Trinker, aber es sind wahrscheinlich weniger als in den Städten. Die Leute haben sich ziemlich gut im Griff,  es ist ihnen bloß nicht peinlich, sich geplant zu betrinken. Wenn es für sie an der Zeit ist, na dann Prost, und sei es auch am Kindertag, vor allem, wenn keine eigenen Kinder im Sandkasten sitzen.

Du bist do der, der uns absaufn lassen will, sagt der Mann.

Er meint die Szenarien. 2008 hatten wir vier verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten für das Oderbruch beschrieben, darunter eine Katastrophengeschichte – ein verheerendes Hochwasser mit sich anschließendem Konflikt um die Wiederbesiedlung. Seitdem verfolgt mich der Ruf, ich wolle das Oderbruch absaufen lassen.

Wieso eingtli, du wohnst so selber mittn drin? fragt mein Gesprächspartner.

So geht es oft. Beim Elterneinsatz im Kindergarten mache ich mit einem anderen Vater Pause. Wir erzählen uns, was wir so treiben. Er ist Schornsteinfeger. Ich bin, naja, ich beschäftige mich mit Landschaften. Ach du bist der, der uns alle absaufen lassen will, sagt der Schornsteinfeger. Hat mein Chef jesacht. Wieso eingtli?
Er meint es nicht böse. Und auch die anderen, die es mir sagen, meinen es nicht so schroff, wie es klingt. Wie meinen sie es dann?

Nun, zuerst gibt man sich mal zu erkennen: Ich habe von dir gehört. Ich werde nicht so tun, als hätte ich es nicht. Falsche Höflichkeit ist nicht des Märkers Pläsir, er tut nicht so, als käme er aus dem Mustopf, es sei denn, das ist der Fall, dann sagt er: Weeß ick ni, davon hab ick no nie wat jehört.

Die direkte Ansprache des Gegenübers ist aber auch ein kleiner Test. Kann man doch mal sehen, was der so sagt! In umständlichen Erklärungen sollte man sich jetzt nicht verlieren, man hat nicht viele Chancen zu reagieren. Will man glaubwürdig bleiben, sollte man schlagfertig sein.

Aber zu ernst sollte man die Sache auch wieder nicht nehmen. Dass etwas mit dem absaufen lassen wollen nicht ganz stimmen kann, haben die anderen ja schon mitgekriegt.
Beim Erstkontakt im Oderbruch muss man also auf Überraschungen vorbereitet sein. Als ich aufs Land zog, hielt der Nachbar seinen LADA an und sagte: Wat willste denn hier, dit Haus fressen dir do die Wespen uff! Fünf Minuten stand ich unbeholfen in seinem Redeschwall, Anfang zwanzig und völlig überfordert. Schließlich lachte er und fuhr ab. Damals dachte ich, diesen Leuten bin ich nicht gewachsen. Du hast keine Chance, die machen dich platt, so wie die dich angehen!

Am nächsten Tag kam Fritz von nebenan. Er war etwas geschmeidiger. Als ich ihm erzählte, wie es mir am Vortag ergangen war, lachte er. Ach, dit war do bloß Ralle, der meint et ni so!

Drei Jahre später kamen wieder neue Leute aus Berlin. Sie hatten ein leeres Haus gekauft und wollten gerade loslegen. Fritz ging gleich mal vorbei und machte sich ein Bild. Wie alt die denn seien, fragte ich ihn. Na weeßte, dit war schwer zu schätzn, die hatten so ne Thermoklamotten an. Ein Urteil gab er nicht ab. Die neuen Nachbarn wollten gerade mit dem Ausbau anfangen, da kam Mambo vorbei, ein sehr eigenartiger Mann aus dem Dorf. Das Gespräch dauerte eine Stunde. Wie von einem Zufallsgenerator wurden die Neuankömmlinge mit Fragen, Bemerkungen und Einschätzungen zur Weltlage zugeschüttet. Binnen weniger Wochen verkauften sie das Haus und zogen sich wieder nach Berlin zurück. Sie hatten es mit der Angst gekriegt.

Sie hätten es nicht so ernst nehmen dürfen. Man kann das nämlich einfach über sich ergehen und es nicht viel bedeuten lassen.

Oder man kann antworten, so wie man eben ist und wie man es eben versteht. Das reicht völlig aus, es muss nicht besonders lässig ausfallen. Die anderen sind erstaunlich schnell bereit, einem beizupflichten. Man kann es sich bei den anderen abgucken.

Früha jab et ja no Pökelflesch, sagt die alte Meta.

Ja, aber dit hat do ni jeschmeckt, sagt ihr Mann.

Doch, dit hat jut jeschmneckt, mit Sauerkraut, herrlich.
Naja, ja, jeschmeckt hat et, gibt ihr Mann nun zu. Eigentlich hatte sie ja doch Recht. Eigentlich hatte es geschmeckt, aber nun ist er doch froh, dass es Kasseler gibt. So in etwa.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich es manchmal bedaure, dass die Leute hier nicht so starke Traditionen haben wie etwa der Süden Deutschlands. Ich denke dann: Gäbe es hier mehr ländliche Kultur, engere Bindungen an das Handwerk und mehr lokales Liedgut, dann stünde es bestimmt auch mit der kleinen Wirtschaft besser. Es gäbe erkennbar so etwas wie ländliche Entwicklung. Kleine Mittelständler, mehr lokale Gerichte, tolle Restaurants, besseres Brot, eine feiner strukturierte Landnutzung, lauter schöne Dinge, eine vielfältigere Kulturlandschaft eben. So in etwa. Und wahrscheinlich stimmt das auch.

Aber dann saß Tina bei mir im Garten und sah mit uns auf den riesigen Ackerschlag und sagte, es gefalle ihr trotzdem besser hier. Man sei freier. Es sei nicht eng, keiner sehe einem die ganze Zeit auf die Finger, man könne viel ungehinderter leben. Und wahrscheinlich stimmt das auch, wiederum.

Ich hatte nie Probleme, in dieser Gegend anzukommen. Als Zuzügler aus Berlin war ich willkommen, es gefiel den Leuten, dass jemand hier heraus zog und nicht nur am Wochenende auftauchte. Es war aber auch nicht allzu wichtig. Am Anfang hatte ich befürchtet, es könnte schwierig werden, sich mit seinem persönlichen Lebensstil zu behaupten und im Zweifelsfall auch einmal abzugrenzen. Das war es nicht. Die Leute haben ein sehr gutes Gespür für Distanz und Nähe. Sie kommen einem nur so weit entgegen, wie man es möchte. Abgesehen von Ralle und Mambo, die muss man schon erst mal überstehen.

Nicht mal auf den Klatsch kann man sich wirklich verlassen, wenn man nicht allen Leuten alles selbst erzählen will. Natürlich gibt es auch hier neugierige Spitzmäuse, die alles wissen wollen und gern für einen ordentlichen Tratsch zu haben sind. Aber die sind nicht so gut vernetzt. Sie sind umzingelt von anderen Leuten, die einfach nicht klatschen und ziemlich viel Respekt gegenüber privaten Angelegenheiten haben. Wer denkt, man redet da im Oderbruch vielleicht einfach nicht miteinander, liegt übrigens falsch. Zeit für einen Schwatz ist immer. 

Im Oderbruch ist man seit Generationen daran gewöhnt, neue Menschen aufzunehmen. Immer wieder schleifen sich darum die Gewohnheiten ab. Es sind so viele geschichtliche Winde über die Landschaft gefegt, dass sie sich in Stil und Differenz nicht über das Niveau hinaus entwickelt hat, das schon Fontane als verfeinerungsbedürftig bezeichnet hatte. Die Baukultur ist im Argen. Zu den Konzerten und Veranstaltungen kommen immer wieder dieselben, die meisten lassen sich nicht blicken. Oft hat man das Gefühl, man kommt nicht voran.

Aber wenn ich Hilfe brauche, muss ich kaum darum bitten. Im Winter war ich mit meiner Familie eingeschneit, man konnte das Haus mit dem Auto weder verlassen noch erreichen, der Winterdienst hatte aufgegeben, wir hatten ein kleines Baby im Haus, es war ein bisschen angespannt. Drei Nachbarn schoben mir den Weg mit ihren Treckern und Radladern wieder frei; drei Nachbarn, die ich vorher gar nicht gekannt hatte. Hinterher gab es einen Grog, dann Schwamm drüber. Man soll sich nicht ewig verpflichtet fühlen. Ich habe ihnen im Jahr darauf nur aus dem Auto zugewunken.

Sie kommen selten oder gar nicht in den Gottesdienst, aber wenn beim Arbeitseinsatz auf dem Kirchfriedhof Leute gerbraucht werden, sind sie da. Sie kommen nur im Ausnahmefall in die Konzerte, aber wenn man sagt, man bräuchte noch jemanden fürs Kaffeebuffet davor oder fürs Grillen danach: Kein Problem.
Es ist einfach. Für manchen Geschmack vielleicht zu einfach, aber das Leben ist hier sehr unkompliziert.

So hat alles zwei Seiten. Es fehlt hier an vielen Reizen des traditionellen ländlichen Lebens. Aber es gibt eine große Gelassenheit gegenüber Menschen, die anders sind, als man selbst. Sogar denen gegenüber, die die Landschaft angeblich absaufen lassen wollen. Man ist weder nachtragend noch rechthaberisch. Das ist schon schön.

Man kann nicht alles haben.