Auto oder Bruch....?

Eine mobile Betrachtung des niederen Verkehrsgeschehens längs der Oder.

Holger Rüdrich, 01.06.2011

Kolumne vom 01.06.2011

Im Schneetreiben Richtung Neulitzegöricke. Viel Verkehr ist nicht im Oderbruch, aber für die wenigen Teilnehmer ist er existenziell. Es soll nur ja niemand auf die Idee kommen, unsere alten Kisten krankzuschreiben!

Es kommt selten genug vor, aber es ist nicht gänzlich abzuwenden: Ich fahre auf der Autobahn. Manche Wege sind unvermeidlich, zudem möchte ich noch vor der Einführung einer PKW-Maut so lang und so viel wie möglich eine große deutsche Errungenschaft abfahren.

Erstaunlich, wie oft diese Unternehmung ins Zähflüssige übergeht. Lieber Autofahrer, sie stehen nicht im Stau, sie SIND der Stau! Gut, das lass ich gelten. Der Motor bleibt laufen, dem Klimawandel zu Nutze. Das Soundsystem bemüht sich um Abwechslung, irgendwo müssen noch krümelnde Kekse sein. „Papa, wäre es jetzt weiter zurück zu fahren oder sind wir bald da?“ Nein, noch nerven sie nicht wirklich, die lieben Kleinen. Irgendwann wird der Blechschrott da vorn ja vom Asphalt gekratzt sein. Die Insassen sind offenbar auf Versicherungsbasis in einen Helikopter umgestiegen .....

Das beliebte Spielchen Wer rät die Autonummer des Mitstauers? gerät ins Stocken, so schlecht bewegt sich die Lawine. DD... hm? Früher war das ein respektables Y, oder eben ein R für Dresden, ganz klar. Früher war alles besser, und logischer. A war Bezirk Rostock – A wie Aal (den kannte ja keiner). Und E zum Beispiel, eindeutig Frankfurt, weil F ja für Erfurt stand. Na, das haben wir überstanden. Irgendwo, verstaubt und verblichen seit Navi-Zeiten, liegt noch ein alter Shellatlas, da stehen dann MST, MOL und Co. erklärt. Das hätten wir also.

Die Fahrt nimmt Fahrt auf, es geht weiter. Wir rollen gen Osten. Im Rückspiegel der Glutball am Horizont, es wird Abend.
Obwohl, die Sonne leuchtet wohl kaum abwechselnd hell und dunkel, auch nicht beim Untergang. Das muss das neueste Xenonlicht eines herandonnernden Großraumgeländewagens sein. Tatsächlich! Mutig wage ich mich etwas über die anempfohlenen 130 Kilometer pro Stunde hinaus, schon bin ich wieder eine Wanderbaustelle. Vorbei fegt der schwarze Kombi.

Wie alt wird der gewesen sein? Und da fällt mir endlich ein neues Verkehrsspielchen ein. Der erste, der ein Automobil sieht, das älter als geschätzte zehn Jahre alt ist, ruft HIER! Los geht’s!

Aber es ruft keiner, lange nicht. Deutschland, einig Autoland.

Abfahrt Erkner. Speckgürtelrose. Auch hier, wenig HIER! Hinter Müncheberg wird es besser. Lauter im Fond: HIER, HIER, HIER,.......

Heimatgefühle. Da sind sie endlich wieder. Die kleinen Flitzer vom Schlage eines Ford Fiesta, rot, mit braunem Rostschutzfarbenring um den Tankstutzen herum. Die metallicdunkelgrünen Corsas mit durchrostetem hinterem Radlauf. Die tiefergelegten, brüllenden Polos, deren korrodierte Motorhaube aber nun schon ein Modetrick sein darf. Dann kommen endlich die Golf drei. Auch rot. Aber die Motorhaube scheint mit französisch-rot lackiert worden zu sein, so stark ist die verblichen. Und das an unserem guten Golf, der Hure auf Bauers Hof. Immer im Einsatz, unkaputtbar, man kann noch selbst Hand anlegen.

Doch jetzt kommen die vielen weißen Transporter. Relikt einer Agenda 2010, von der ICH-AG zum eigenen Boss! Klappe auf, Eimer rein. Elektro-Kasischke, Sanitär-Krawutte und der Heinzelmann für Hof und Garten... die letzten Raten voll steuerlich absetzbar. Jetzt wird es schon bunter. Der östliche Landmann macht mittels japanischem Doppelkabinenallradpickup und bulligem Kühlergrill auf seine Spezies aufmerksam, beladen mit einem lose umherklappernden Hydraulikschlauch oder einem Kasten Feierabendbier auf der Riffelblechladefläche. Dreck am Stecken, alias Kotflügel? Nicht im Leben, dafür gibt es doch Pickupwaschprogramme.

Die Zugezogenen fahren das praktische Programm, Passat Kombi aus den frühen Neunzigern, oder Frankoitaliener von PSA mit und ohne Leiterklappe. Den Rücksitz herumgewuchtet und schon wird aus der Familienkutsche ein Großraumlaster. Apropos Familienkutsche... sieben Sitze etwa? Die braucht im Oderbruch nun wirklich nur noch der Schülerfahrdienst.

Und dann kommen die Großen. Die ganz Großen. Allrad, Schwarz, Kombi, Chrom, die, welche (ich halte jede Wette) alle, ALLE! mit den Sonderkennzeichen ihrer Namen und Geburtsdaten einen Rückschluss auf deren Besitzer zulassen. Und so verwechselt man wenigstens den Autoklempner nicht mit dem Wasserbauer.
Schöne Automobile? Fehlanzeige.

Wo fährt sie denn, die reife Lady mit Sonnenbrille im alten Volvo, als ob die Welt hier draußen erst beginnt? Wo parkt er denn seinen 124 Daimler Kombi, der Herr mit der hohen Stirn und der Barbourjacke, nebst Weimaraner Jagdhund? Gar der Landrover Defender, gesteuert vom englischen Jagdpächter...

Halt. Unrecht. Es gibt sie doch. Einer, einer kommt gelegentlich gefahren, mit einem amerikanischen Leichenwagen, einem blubberndem V8, oder mit seinem Faible, den rechtsgelenkten Ostfabrikaten a la Wartburg und Moskvitsch.

Neulich an der Tankstelle. Neben mir ein kleiner Silberfisch, viertürig, Kombi. Der Besitzer erklärt mit stolzer Miene seine neueste Errungenschaft: Gasantrieb. Powerd by LADA, lese ich am Heckschriftzug. Sprechen die in Togliatti also jetzt englisch. Njet rabotajet s gasprom. Schröders Gasdeal an einer Ostbrandenburgischen Zapfsäule?

Überhaupt der alte Osten, viele sind nicht mehr übrig. Trabbi und Wartburg stinken selten noch vor einem dahin. Und noch länger muss ich zurückdenken an den letzten Sapporoshez mit Freienwalder Kennzeichen.

Alle weg, aber im Zweitaktbereich der Zweiräder qualmt es noch ordentlich. Die alte Schwalbe in orange oder eben saharagelb und das Halbgeländemokick vom Schlage eines S51 haben sich noch nicht vollends dem Trend ergeben. Ansonsten aber lohnt der Motorradbereich keiner genaueren Betrachtung, sieht man vom Altmännerfasching in Schwarzer Lederkluft, starrer Mine und Fransen an den Armen (hinter den Fuchsschwänzen an den Spiegeln) einmal ab. Ganz selten, leider, reißt mal einer neben mir sein Vorderrad in die Höhe, um in dieser Position den Ort zu durchqueren. Gar Beiwagen? Das war ganz früher.

Dafür aber haben wir hier eine Kategorie Blech, die beinahe ein Alleinstellungsmerkmal ist: 25 km/h! Meist italienischer Herkunft summt der Hüpfer hinter jeder Kurve. Kaum wahrgenommen, heißt es mit ganzer Sohle das ABS malträtieren, um in letzter Not nicht zu nah aufzuschließen. Die Sache mit der auf dem Dach angebrachten  Rundumkennleuchte war dann doch relativ schnell vom Tisch; zu viel Aufsehens für die kleinen Traktoristen.

So, nun habe ich Sie hoffentlich alle irgendwie herangezogen zum Verkehrsquiz Wer fährt was?

Aber wie soll das denn jetzt weitergehen, hier im Energieland Brandenburg? Auch hier kostet der Ostersprit fast Einssiebzig. E10? Will keiner.

Wir aber brauchen doch unsere Blechlieblinge so sehr wie kaum ein anderer. Noch fährt uns der Eisenbahnverein nur eine Runde mit der Kirche ums Dorf, mit der Draisine um die alte Eiche. Rufbusse sind verrufen oder haben den Ruf der Wildnis nicht gehört. Doktor und der Viktualienmarkt aber haben sich dünn gemacht, in der Gemeinde. Die wenigste Zeit sitzen wir auf Autobahn und Urlaubspiste. Wir müssen uns mobil was einfallen lassen.

Mein Tipp: Eine Spende der Landesregierung in Zusammenarbeit mit einem Verbund der Energieerzeuger im Oderbruch!

Elektroauto mini el city. Maximal 70 km/h, Reichweite 80 km für einen Erwachsenen und ein Kind für jeden Haushalt ohne direkten und regelmäßigen Anschluss an den ÖPNV. Intelligente Stromzähler im Haushalt, welche, sagen wir, auf grün umschalten, um uns zu signalisieren: Es weht genügend Wind, es strahlt enorm Sonne, tanken sie JETZT.

Lautloses Rollen für die wichtigsten Erledigungen (kostenfrei!) zu Lasten derer, welche unser Lebensgefühl mittels Windrad, Genmais für die Biogasanlage und Braunkohlesumpf arg beschneiden. Nehmen wir es unter die Räder, bevor wir unter selbige kommen.

Und die Blechkiste.....? nur noch als Besitzstandsanzeiger.