Aufklärung über die Landlust

Die Idyllen vom Landleben sind schlimm, aber noch schlimmer ist ihr Abgesang

Kenneth Anders, 18.05.2011

Kolumne vom 18.05.2011

Blick über das Frankfurter Tor in Berlin. Die Stadt hatte historisch immer einen sehr starken Bezug zum Umland. Sie sollte ihn wieder herstellen.

Es sind wohl inzwischen zehn Magazine, die mit der Zeitschrift „Landlust“ in das fröhliche Hochglanzlob des Landlebens einstimmen. Sie heißen „Landglück“ und „Heimat“, „Landgenuss“, „Landidee“ oder „Countryside“. Angeblich verkaufen sie sich sehr gut. Das ist in den letzten Monaten vielfach bemerkt worden und man bekommt dann immer gleich dazu erklärt, dass es sich bei diesen Bildern und Berichten vom Leben auf dem Land zwar unbestreitbar um Verklärungen handelt, dass sich aber auch in diesen Verklärungen letztlich etwas Gutes ausdrücke: Eine Sehnsucht nach Einfachheit, Authentizität, tradiertem Handwerk, seelischer Gesundheit, schönen Haustieren und saftigen Wiesen, durch die sich klare Bäche winden. Die Bilder seien zwar falsch, aber dass die Leute diese Bilder mögen sei eigentlich ein gutes Zeichen.

Dasselbe wurde vom Naturlook der siebziger Jahre auch schon behauptet, Blümchenmuster und sogar die Holztapete auf dem Fernseher galten damals als gutes Zeichen für eine ökologische Wende. Wie dem auch sei, den Leuten auf dem Land wird es nicht gerecht. Man denke nur an die ganzen sterbenden Gewerke, deren letzte Protagonisten für diese Zeitschriften noch einmal ihre Werkzeuge auspacken, Korbmacher, Böttcher, Holzschindelschreiner. Mit keinem Wort wird in den Artikeln erwähnt, dass ihnen der Arsch auf Grundeis geht. Stattdessen: Heiterkeit, Gemütlichkeit, Idylle.

Aber auch ohne moralische Überlegungen können einen die Warmlichtfilter in den Landlustmagazinen durchaus ärgern. Zum Beispiel war ich selbst einmal so naiv, der „Landlust“ einige Texte meiner Freundin aus Sachsen zu empfehlen. Ihre Berichte sind wach und warm und sie blenden nicht aus, dass das Leben auf dem Land heute Mut und Entschlossenheit verlangt, wenn es denn ein Aufbruch zu neuen Ufern sein soll: Man muss sich selbst organisieren und sich auf die Menschen, die Tiere und den Garten einlassen – es ist ein Bindungswagnis. Man geht es ein, während die Demografen mit ihren Statistiken herumwedeln und predigen, dass das Leben auf dem Land gegen den Trend ist. Falls Sie die Texte lesen wollen – man findet sie unter www.landkolumne.blog.de. Die „Landlust“ hatte sie natürlich abgelehnt, ihre Leser seien an so etwas nicht interessiert. Zugegeben, es war dumm von mir gewesen, sie überhaupt dort hinzuschicken.

Der Fairness halber sei noch gesagt, dass manche Artikel in der „Landlust“ durchaus interessant sind, dass die Zeitschrift selbst auf dem Land von vielen Menschen als Ideenspender genutzt wird und dass sie sogar einen Artikel über das Oderbruch gebracht hat, der die Landschaft zwar durch einen journalistischen Weichspüler zieht, aber immerhin, man hätte ja auch nobel die Nase rümpfen können.

Nun gibt es auch andere Blicke auf das Land als jene der Monatsmagazine. Bei der letzten Buchmesse wurde gleich ein ganzer Stapel an Romanen vorgestellt, die auf dem Land spielen. Es wäre nicht richtig, diese Bücher über einen Kamm zu scheren, denn sicher sind lesenswerte Geschichten darunter. Aber ich hatte eine starke Unlust, sie zu lesen –- eine Landunlust sozusagen.

Das liegt an meinem Beruf: Ich befürchte, dass die Medien durch die ländlichen Räume jagen, hier und dort ihren Nektar saugen und sich irgendwann im Überdruss wieder abwenden. Ich will ja einen Diskurs über die ländlichen Räume erreichen, mit einem Strohfeuer ist mir nicht gedient. Schon jetzt koche ich innerlich, wenn ich an den Abgesang denke, der auf die Idyllen folgen wird. Dann wird nämlich zu hören sein, man habe sich alles genau angesehen und könne nur sagen, dass es sich bei den schönen Bildern und Geschichten nur um Projektionen gehandelt hat. Das wirkliche Landleben sei nämlich eine Enttäuschung. Es bestehe nur aus Maisäckern und Windrädern, Trunksucht und alten Leuten und der Bach schlängele sich schon lange nicht mehr durch die Wiese. Der Bach sei längst begradigt und die Wiese inzwischen ein frisch gespritzter Rapsacker.

Genau diesen Abgesang fürchte ich, weil er die Aufmerksamkeit vom Land wieder wegspülen wird.  Ich nehme außerdem an, dass er schon begonnen hat. Die ersten Schlaumeier haben sich schon zu Wort gemeldet, der Hype erschlafft, wahrscheinlich werden die Landmagazine bald ihre Produktion einstellen. Stattdessen gibt es dann einen neuen Trend, Health Products oder etwas Ähnliches. Aber bevor sich die Leute wieder ganz abgewendet haben, sei ihnen noch eines gesagt.

Was immer euch auf dem Land nicht gefällt ist Teil eures Lebens in der Stadt. Man muss nicht hinsehen, aber es ist trotzdem da: Die immergleichen Maisäcker, die mühsam versteckten Massentierhaltungsbetriebe, die verdichteten Böden, der Artenschwund und all die sozialen Probleme sind die Kehrseite der heutigen Ballungsräume, sie sind Teil ihrer Wirklichkeit. Es ist legitim, dort draußen nicht mehr wohnen zu wollen, wenn das trübe Bild vom Land auch ebenso falsch ist wie das verklärte. Aber bitte tut nicht so, als hättet ihr damit nichts zu tun. Das Land ist Euer Hinterland. Und wenn es einmal nicht mehr schön ist, dann habt ihr eben ein hässliches und trauriges Hinterland und wir alle zusammen haben es gemacht, nicht nur die letzten Mohikaner da draußen.

Auf Dauer bleibt kein Haus schön und lebenswert, wenn es einen ruinierten Hinterhof hat, den keiner mehr betreten mag. Da passieren unschöne Dinge, so dass man nicht mehr gern aus dem Fenster schaut. Und der Wind zaust dort auch das letzte Heft der „Landlust“, mit dem sie ihr Erscheinen einstellt. Titelthema: So schön haben wir geträumt!