Es darf keine Rolle spielen

Auf eine Zigarette an einer Autobahn aus Angst.

Kenneth Anders, 04.05.2011

Kolumne vom 04.05.2011

Diese Windkraftanlagen bei Bliesdorf im Oderbruch sind vielleicht nicht hübsch, aber historisch gesehen sind sie niedlich. Die nächste Generation hat eine Nabenhöhe von über 140 m und die darauf folgende Generation erreicht schon 200 m. Früher waren die Kirchtürme die höchsten Gebäude, jetzt haben wir eine neue Religion.

Wenn man an einer deutschen Autobahn auf den Parkplatz fährt, aussteigt und sich umsieht, bekommt man keine schöne Welt zu sehen. Das irre Rasen auf der Piste, der Lärm, die Mülltonnen, die genormten Toilettenhäuschen – es ist überwältigend, wie die Standards der Mobilität das Land immer mehr abschleifen, bis es überall gleich aussieht und gleich klingt. Vielleicht haben sich andere daran gewöhnt, aber mich beeindruckt es immer noch. Es gibt nur eine Möglichkeit, diesem Eindruck zu entrinnen: Man muss wieder ins Auto steigen und weiterfahren, zu Fuß kann man den Parkplatz ja nicht verlassen, er ist mit Maschendraht eingezäunt. Sobald man wieder fährt, geht es vorbei, man hat Musik im Radio, die Landschaft gleitet dahin, es ist vielleicht nicht immer schön, aber es ist auszuhalten und wenn die Sonne durch die Wolken bricht gibt es auch hübsche Momente, die wie im Flug vergehen.

So wie die Autobahn ist unser ganzes Energiesystem. Die Erdoberfläche wird umgewühlt und in eine Raserei aus Lärm und Licht getaucht. Es besteht keine Relation zwischen der Menge des Verbrauchs und dem dadurch erzielten Effekt. Menschen fliegen um den Erdball zum Einkaufen, unsere Autostrecken reichen mehrfach um den Globus. Zementwerke pusten tausende Megawatt in die Luft, damit Gebäude errichtet werden können, die bald darauf wieder abgerissen werden. Kühlschränke laufen in beheizten Häusern, während draußen Minusgrade herrschen, Klimaanlagen schlagen die Luft um, es spielt alles keine Rolle. Die Energiebilanz heutiger Kriege ist auch beeindruckend. Natürlich ist es wichtiger, auf die menschlichen Opfer zu achten, trotzdem habe ich mich beim Irakkrieg gefragt, ob irgendjemand vor dem Beginn des großen Eingriffs mal die Spritkosten durchgerechnet hat, die da auf einen zukommen würden. Vielleicht ja, aber es spielte natürlich keine Rolle. Von außen betrachtet ist das Energiesystem verrückt; auszuhalten ist es nur von innen.

Ich wohne in einem winzigen Dorf. Es war einst das Vorwerk eines Gutsbetriebes, d.h. es wurde nur gegründet, weil die im 18. Jahrhundert vorhandenen Energieressourcen nicht ausgereicht hätten, den Viehbestand, die Maschinen und die Landarbeiter an einem Hauptort zu konzentrieren. Demselben Umstand verdanken sich die Loose-Gehöfte im Oderbruch und letztlich ist jedes Dorf das Ergebnis räumlich begrenzter Energieressourcen. Vor dreihundert Jahren wäre es energetisch gar nicht möglich gewesen, Millionen Menschen in Ballungsräumen zusammenzufassen, denn das Essen und das Heizmaterial mussten aus dem Umland herbei geschafft werden. Die Wege wären zu lang geworden und die Macht, eine so riesige Region bis ins Mark auszubeuten, hätte nicht einmal ein absolutistischer Herrscher gehabt.

Industrielle Ballungen setzen dieses Prinzip außer Kraft, denn sie konzentrieren ihren Energiebedarf unter völliger Absehung von den Ressourcen des Raumes, in dem sie sich befinden. Sie haben mehr Macht akkumuliert als ein chinesischer Kaiser. Folgt man ihrer Logik, müsste es überhaupt keine kleinen Einheiten geben, man könnte alles zusammenfassen und die benötigten Energiemengen aus einem globalen Netz entnehmen, dass irgendwie technisch gespeist wird. Je stärker die Konzentration, umso größer wird die Entfremdung von der Ressource, weil sie immer weniger räumlich gebunden ist. Das klingt ein bisschen kompliziert, aber wenn man eine Weile darüber nachdenkt, ist es eigentlich recht logisch. Es betrifft die landwirtschaftliche Produktion genauso wie das Wohnen oder die Herstellung von Flachbildschirmen.

Auf der letzten Berliner Landschaftsausstellung erlebte man Venedig, wie es sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten völlig von seiner naturräumlichen Beziehung löste und eine Kloake hinterließ: die Stadt war schlicht über das Maß ihrer naturräumlichen Belastbarkeit hinausgewachsen. Am anderen Ende der Ausstellung sah man Bilder von Las Vegas, das gleich ohne jede naturräumliche Rücksicht gegründet wurde und nach und nach das Wasser eines halben Kontinents aufbraucht. Die beiden Städte bilden die Pole heutiger Ballungsräume und ihnen ist eines gemeinsam: die völlige Blindheit gegenüber der Energie als einer begrenzten und zugleich für ihr Schicksal entscheidenden Ressource. Möglich wurde das alles durch Kohle, Gas und Öl, also durch Energie aus der Vergangenheit.

Es keimt deshalb immer wieder die Hoffnung auf den Tag auf, an dem die fossilen Energien verbraucht sein werden. Viele grüne Politiker haben mir schon gesagt, dass sie auf den Tag warten, an dem der gegenwärtige energetische Irrsinn einfach zusammenbricht. Die Idee ist nicht von der Hand zu weisen: Das Öl wird zur Neige gehen,  dann könnten wir es überstanden haben und es wäre wieder Ruhe im Kasten Erde. Auf den Autobahnen würde es still, man müsste wieder mit dem wirtschaften, was da ist. Das könnte der Beginn eines schönen Zeitalters sein. Man fängt von vorne an wie der kleine Aufräumroboter WallE - kein Rückfall ins Mittelalter, denn die Menschen würden trotzdem global kommunizieren können, für eine Internetleitung wird auch die Solarenergie noch reichen. Vielleicht reicht es auch für eine große Reise im Leben. Aber ansonsten heißt es: sich um das kümmern, was man um sich hat. Dieses Bild leuchtete mir ein.

Doch dann sah ich den Weltspiegel, in dem ein Amerikaner mit seinem Pickup an der Tankstelle gefragt wurde, ob die Spritpreise ihn jetzt eigentlich zum Sparen nötigen würden. Der Mann sah den Reporter kurz drohend an und antwortete dann: Wir Amerikaner sparen keine Energie, wir verbrauchen Energie! Der Mann hat die Wahrheit gesagt und sie ist härter, als man angesichts seines Bierbauchs im durchgeschwitzten Polohemd vielleicht vermuten mochte. Hinter der drohenden Geste lag Angst. Natürlich haben die Menschen persönlich Angst, das ist bei allen Abhängigkeiten so. Vieles von der gegenwärtigen Aggressivität in der Energiedebatte speist sich aus der individuellen Panik vor dem Entzug. Der erste Irrtum bei der Hoffnung auf den schönen Tag X des letzten Tropfen Erdöls: es muss nicht unbedingt ein friedlicher Tag sein.

Aber die Ignoranz des tankenden Amerikaners hat auch System. Der Grundsatz dieses Systems lautet: Der Einsatz von Energie darf unser Handeln nicht begrenzen, eine Abwägung der Verhältnismäßigkeit ist tabu. Einzelne Unternehmen mögen Energie sparen, aber auf keinen Fall darf die Nutzung der Ressourcen von ihrer Endlichkeit her gedacht werden – wer es versucht, gilt als fortschrittsblinder Pessimist. Denn eine Wirtschaft, die von der Endlichkeit ihrer Ressourcen her konzipiert wird, wäre anders strukturiert. Sie hätte mehr Gärtner, sie würde den Einsatz menschlicher Arbeitskraft anders bewerten, sie hätte kein steuerfreies Flugbenzin,  in ihr würde es sich rechnen, alte Ziegelsteine wiederzuverwenden, statt sie zu Bauschutt zu schreddern und dafür neue zu kaufen. Das klingt alles sehr nett, aber es wäre ein schmerzhafter Systemwechsel. Die lauten Reden vom Ökostrom, von Zero Emission und neuen Stoffkreisläufen übertonen eine einfache Tatsache: Wir sparen keine Energie, wir verbrauchen sie.

Und nun passierte der Unfall in Fukushima. Noch in derselben Woche wurde klar, dass in aller Welt trotzdem weiter Atomkraftwerke gebaut werden würden. Auch wenn ich es besser finde, dass ich meine Kinder nicht vor den Toren eines Atomkraftwerkes großziehen muss, ist doch ein panischer Unterton in den euphorischen deutschen Reden vom möglichen Ausstieg nicht zu überhören. Denn man soll eines nicht anrühren: die unbegrenzte und räumlich losgelöste Verfügbarkeit von Energie. Alle reden von Energie, aber was sie damit meinen ist: Sie darf keine Rolle spielen.

Stattdessen werden alle Fragen und Zweifel am besinnungslosen Ausbau der regenerativen Energien behandelt wie das ungezogene Nörgeln eines Wohlstandskindes am Abendbrottisch. Wir leben nun mal in einer Kulturlandschaft! Und, gegenwärtig am beliebtesten: Ihr wollt doch alle Strom aus der Steckdose haben! Man könnte auch sagen: Halt die Schnauze!

Um die Landschaften, in denen wir leben, ist mir deshalb bange. In wenigen Jahren werden wir sie nicht mehr wiedererkennen. Es geht dabei nicht nur um ruinierte Landschaftsbilder sondern auch um die Vernichtung von Lebensqualität. Mit politischem Druck wird ermöglicht, dass sich der energetische Furor der Industrie in den Räumen ausbreiten kann. Er war und ist blind gegenüber den fossilen Ressourcen, er wird ebenso blind gegenüber den regenerativen Ressourcen sein. Die Steigerungen scheinen technologisch unendlich: neue Windräder haben eine Nabenhöhe von 145 m, die nächste Generation erreicht bereits 200 m – ist irgendwann Schluss? Jahrhunderte bildeten die Kirchtürme die Landmarken des Raumes. Nun scheinen wir unsere Gebete in den Wind zu sprechen, er bringe uns Energie. Und was wird, wenn die ganzen Autos auch noch an die regenerative Steckdose müssen? Die Rechnung wird erst am Schluss gemacht, wenn offensichtlich ist, dass sie so nicht aufgeht. Dann ist es zu spät für viele einst gesegnete Plätze auf dem Land. Ist dagegen ein politisches Kraut gewachsen?

Nun, es gäbe schon zwei Pfade in eine nachhaltige Energiewirtschaft. Da wäre zuerst die Wiederherstellung von gewissen räumlichen Abhängigkeiten. Wenigstens für die Nahrungsgüterwirtschaft, die ein bedeutender Energieverbraucher ist, müsste man die räumlichen Beziehungen zwischen Land und Stadt wieder stärken. Globalisierung hin oder her, die Städte sollten wieder mehr Essen aus ihrer Umgebung konsumieren. Das ist ein langer Weg und er ist steinig, weil er gegen den Grundsatz der bedingungslosen Verfügbarkeit verstößt. Die Energiebilanz unserer Nahrungsmittelproduktion ist nicht in Ordnung. Sie umzubauen ist eine Generationsaufgabe.

Und weil dieser Weg so lang ist, wäre ein zweites Prinzip unverzichtbar: die betroffenen Räume müssten als Landschaften, die in der Energiewende etwas zu gewinnen und etwas zu verlieren haben, gestärkt werden. Als Handlungsräume sollten sie in wirkliche Verhandlungen treten können: Gut, ihr wollt Energie durch Windkraft, Sonne und Biomasse, aber wir legen die Grenzen und die Preise fest, zu denen wir sie hier bereitstellen. Für einen solchen Prozess bräuchten wir Zeit und Auseinandersetzungen zwischen Landnutzern und Bewohnern in den Regionen – und wir bräuchten eine starke Regionalplanung.

Die regionalen Planungsstellen sind in Brandenburg mit der Umsetzung der ehrgeizigen energiepolitischen Ziele dieses Landes betraut worden. Das klingt gut, aber man müsste diese Planungsstellen mit einem viel stärkeren Mandat, mit mehr Zeit und mit einer klaren handlungsräumlichen Verantwortung ausstatten. Davon ist, dem ehrlichen Bemühen vieler Regionalplaner zum Trotz, keine Rede. Es gibt keinen politischen Willen, die Regionen in einem Diskurs über ihre Bereitschaft, das Energieproblem zu lösen, als starke Partner aufzubauen. Sie sollen es hinnehmen: ihr wollt doch auch Strom aus der Steckdose haben!

Wenn es um die Energie der Zukunft geht, denke ich an einen ehemaligen deutschen Außenminister, der vor Donald Rumsfeld stand und immer wieder sagte: I‘m not convinced! Das sage ich jetzt auch. Und ich füge hinzu: Und ihr seid es auch nicht. Deshalb redet ihr so laut.