Ein Stammtisch aus Elfenbein

Es gibt erstaunlich viele Gelehrte, die nichts von den Landschaften verstehen, über die sie ein Urteil parat haben.

Kenneth Anders, 27.04.2011

Kolumne vom 27.04.2011

Ein paar Trabis, ein paar Schafe. Etwas in dieser Art schwebt den Akademikern wahrscheinlich vor, wenn sie an das Oderbruch denken und meinen, der Staat soll die Leute hier einfach rausholen. Sie meinen, damit hätten sie genug gesehen.

Die Professorin für Regionalplanung fasste ihre „Analyse“ in wenigen Worten zusammen: Die Menschen in den niederlausitzer Bergbaufolgelandschaften hätten keine Beziehung mehr zu ihrer Landschaft, das sei offensichtlich.
Woher sie das wisse?

Sie sei dort gewesen und habe es sich angeguckt. Die Leute wohnten in hässlichen Fertigteilhäusern am Rande von Gewerbeparks, die man ihnen zur Umsiedlung zu Verfügung gestellt hat und nun hätten sie keine Identität mehr.

Aha, dachte ich. Die Dame hatte keine Interviews geführt, sie hatte mit niemandem gesprochen, sie kannte die Landschaft eigentlich gar nicht. Aber es hatte ihr dort nicht gefallen. Das hatte ihr genügt.

Ich dachte, das sei ein Einzelfall und ließ es dabei bewenden. Ich selbst wusste ja, dass das Bild der Niederlausitz trügt. Die Landschaft ist durch den Kohlebergbau geschunden, aber es gibt viele Menschen, die durch ihre Kenntnis der eigenen Region beeindrucken können und mit ihr eng verbunden sind. Deren Dilemma besteht darin, dass sie dieses Wissen nicht mehr gestalterisch fruchtbar machen können. Das Gesicht der Landschaft wird von EU-Agrarsubventionen, vom Marktfruchtbau, vom Ausbau der Energiewirtschaft und von Naturschutzgesetzen bestimmt. Es regen sich zarte Pflänzchen einer neuen Gestaltung der eigenen Heimat, aber die Geschwindigkeit der großen Systeme, die das Land in Anspruch nehmen, ist höher. Man kommt nicht hinterher, und die Planungsregeln hängen in der Luft. Das macht die Sache sehr schwierig, und es müsste die Aufgabe der Wissenschaft sein, die Ansätze zu stärken, in denen sich Menschen lokal organisieren, um sich Klarheit über ihre Möglichkeiten zu verschaffen, die Lücke zwischen Campa-Haus und Maisacker wieder zu schließen.

Allerdings war die Professorin leider doch kein Einzelfall. Meine Arbeit bringt es mit sich, dass ich manchmal außerhalb des Oderbruchs auf Tagungen, bei wissenschaftlichen Symposien oder Workshops über das Oderbruch und den Oderbruchpavillon berichte. Diese Tätigkeit gleicht langsam einem Spießrutenlaufen, denn meistens sitzen solche Leute im Publikum wie die oben genannte Professorin.

So sprach ich bei der Tagung einer Arbeitsgruppe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und erhielt statt Fragen und Argumenten einen schnellen Bescheid: Ein Diskurs über die Entwicklung von ländlichen Regionen Nordostdeutschlands, hielt mir hier eine Sozialwissenschaftlerin entgegen, sei naiv und sinnlos. Diese Räume seien längst in den Händen der Nazis und des organisierten Verbrechens. Ich war zu verblüfft, um zu antworten. Noch erstaunter war ich, dass keiner der versammelten honorigen Gelehrten für mich Partei ergriff. Man schien sich darüber einig zu sein, dass es die Mühe nicht wert sei, mit den Bewohnern der Landschaften über ihre Regionalentwicklung zu sprechen. Eine Professorin für Sozialwissenschaft säuselte mir noch ins Ohr: „Sie machen Sterbebegleitung!“ Dann war man fertig mit mir.

Reaktionen wie diese erlebe ich in den letzten Jahren zu Hauf. Sie werden von Soziologen und Demografen vorgetragen, von Planern oder Ökosystemwissenschaftlern. Allen diesen Menschen ist eines gemein: Sie kennen das Oderbruch nicht und sie haben keinen Kontakt zu den Menschen, die diese Landschaft als Bewohner, Nutzer oder Verantwortliche gestalten. Sie sind vielleicht einmal hier durchgefahren und es hat ihnen hier nicht gefallen. Sie sind der Meinung, sie hätten genug gesehen. Oder sie haben etwas gelesen und sind der Meinung, das genüge. Ein Göttinger Umwelthistoriker hat sogar ein ganzes Buch über das Oderbruch geschrieben, ohne Feindkontakt natürlich. Neulich spottete er über unsere Sommerschulen, bei denen wir Konflikte in der Landschaft in szenischen Formen auf die Bühne bringen, weil wir das für wirksamer und lebendiger halten als einen akademischen Vortrag: Wenn man jetzt noch nach Landschaft tanzen müsste, na dann gut Nacht Marie.

Beeindruckend war auch die Mitarbeiterin eines Bonner Bundesamtes, die unsere Bemühungen um landschaftspolitische Bildung im Oderbruch damit kommentierte, dass sie David Blackbourn gelesen habe und daraus nur schließen könne, dass man das Oderbruch an die Natur zurückgeben müsse: Wir brauchen wieder Fechtgebiete, gerade wegen des Klimawandels! Unter diesen Bedingungen habe es doch keinen Sinn, den Kindern dort die Funktionsweise der gegenwärtigen Landschaft zu erklären. Denn damit müsse ja ohnehin bald Schluss sein.

Diesen Personen ist noch etwas anderes gemein. Sie sind der Meinung, es sei auch die Mühe nicht wert, mit den betroffenen Menschen in eine Auseinandersetzung zu treten. Sie haben zwar ihre Meinung, die sie auch gern am Abendbrotbuffet äußern: Dann muss man diese Landschaften eben aufgeben!  Dann wird das eben wieder eine Wildnis. Dann überlasst das Ganze doch der Agrarindustrie! Dann muss man die Leute da eben umsiedeln! Aber sie würden diesen Leuten das nie selbst sagen.

Schon vor Jahren haben wir den Göttinger Umweltwissenschaftler gebeten, uns seine Sichtweise über das Oderbruch einmal in einem Beitrag für den Oderbruchpavillon darzulegen, da sich aus seinem Buch in keiner Weise entnehmen ließ, welche Position er zu dieser Landschaft einnimmt – er wälzt Quellen, aber er sagt nichts. Er hat abgelehnt.

Auch die Frau mit der „Sterbebegleitung“ hat auf die Einladung, ihre Sicht einmal darzulegen, nie reagiert. Ich hatte sie gefragt, was das sein solle, das Sterben einer Region. Meines Erachtens ist der Vorgang des Sterbens den Organsimen vorbehalten, Regionen oder Landschaften können nicht sterben, sie verändern sich. Wenn man also von ihrem Sterben spricht, spricht man metaphorisch. Ich hätte gern gewusst, wie die Metapher zu verstehen ist. Wie wird In ihren Augen das Oderbruch einmal aussehen und inwiefern ist es dann das Ergebnis einer bewussten Gestaltung? Aber die Leute hier sind es nicht wert, sich ihnen zu erklären. Sie sind ungebildet, ihre Dörfer sind nicht so schön wie in der Toscana und außerdem sind es nur wenige.

Den unreflektierten Vorstellungen einer Rückgabe an die Natur halte ich entgegen, dass die Vorstellung einer Rückkehr zum landschaftlichen System des 18. Jahrhunderts weder technisch, noch ökologisch oder politisch möglich ist. Den unreflektierten Vertretern einer riesigen Agrarindustriefläche setze ich entgegen, dass diese den Artenschwund und die gesamte Beschädigung des Ökosystems, der Böden und der Wasserressourcen beschleunigen würde. Beides ist den Vertretern dieser Ideen aber egal. Sie reden weiter vom Sterben, Umsiedeln, Aufgeben. Es ist wie am Stammtisch.

Ihre Haltung gegenüber den Schicksalen der hier lebenden Menschen unterscheidet sich in nichts von jener der alten Staatsmächte: Die Indianer waren in ihren Augen ungebildet, ihre Unterkünfte waren lächerlich, und sie waren wenige. Das Leben, das sie führten, war doch ohnehin zum Untergang verurteilt. Auch die alten Preußen haben sich keine Gedanken über die Wenden gemacht, die hier im Bruch lebten und sich auf die Bedingungen des Naturraums eingestellt hatten. Die paar Hanseln!

Und heute blickt man wieder so auf die Menschen, die sich noch in ländlichen Räumen wie jenen des Oderbruchs aufhalten: Sie stehen für veraltete Vorstellungen und sie sind auch weniger wert als die schicken Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie gehören nicht dazu. Man will auch nicht wissen, wie sie leben und mit welchen Erwägungen sie einen Baum im Garten pflanzen oder Kinder kriegen, um sie in dieser Landschaft großzuziehen. Die meisten sind doch alt! Natürlich will man auch nicht die Verantwortung für die am Buffet besprochenen Umsiedlungsmaßnahmen übernehmen. Die Dreckarbeit müssen dann schon andere machen.

Bedeutsam ist, dass diese zynischen Perspektiven ausgerechnet dort zu finden sind, wo mit öffentlichen Mitteln eigentlich Dienstleistungen in Form von Wissen, Verwaltung und Forschung für die nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume erbracht werden sollen. Letztlich geht von diesen Feldern Politikberatung aus. Kann man davon ausgehen, dass die gegenwärtig Verantwortung tragenden Politiker es besser wissen und die eigens finanzierte Beratung ausschlagen?

Zum Teil schon. Denn das politische System ist immer noch ein anderes als das wissenschaftliche. Aber sicher ist: Wenn die Zivilgesellschaft in den ländlichen Räumen zu schwach wird, wird es kein Pardon geben. Zumindest die oben genannten Stammtischgelehrten werden die Politik dann dringlich dazu auffordern, kurzen Prozess zu machen.

Wer immer sich auf eine Landschaft wirklich einlässt, wird mit jedem Tag vorsichtiger, was die klaren großen Parolen anbelangt. Er versteht, wie sie geworden ist, wovon sie beeinflusst wird und wie schwer es ist, sie zu steuern. Das gilt natürlich auch für die Wissenschaftler. Es gibt nicht viele davon. Forscher und Gelehrte, die sich ihr Leben lang mit dem Wasserbau im Oderbruch beschäftigt haben, die die Landschaft als Handlungsraum erkundet oder einmal als Gegenstand der Landschaftsplanung durchdacht haben, können durchaus klare Aussagen treffen und Schlussfolgerungen ziehen, was in dem einen oder anderen Bereich zu tun wäre. In Bezug auf die großen Ansagen, wohin es mit einer ganzen Landschaft geht, sind sie aber eher bescheiden. Sie wissen, dass diese Frage nicht so einfach zu beantworten ist – und schon gar nicht an einem Stammtisch, auch wenn er im Elfenbeinturm steht.

Hoffentlich haben die politischen Verantwortlichen Geduld, den richtigen Leuten zuzuhören, die leisere und besonnenere Töne anschlagen. Und hoffentlich lassen sie diese mal wieder etwas zum Oderbruch arbeiten. Es gibt nämlich kaum noch Forschung zum Oderbruch. Vermutlich liegt das daran, dass man die Landschaft nicht für wert erachtet, mit Forschung beglückt zu werden. Alles, was man wissen muss, steht ja schon im Blackbourn.

Es gibt aber auch noch ein weniger moralisches Argument dafür, mit den Landschaften sorgsamer umzugehen, als es gegenwärtig üblich ist. Der Staat muss nämlich versuchen, seine Regionen zu integrieren. Das hat man in den alten Nationalstaaten genau gewusst: Wenn man sich nicht um jede Ecke kümmert, und liege sie auch noch so weit draußen, fliegt sie einem irgendwann um die Ohren. Das gilt für die leider wirklich vorhandenen braunen Dörfer in Mecklenburg genauso wie für das Oderbruch, das mit seinen Zielkonflikten munter vor sich hin tickt. Man sollte nicht darauf bauen, dass diese Konflikte von selbst im Oderwasser Land unter gehen. Das wäre einfach nicht klug. Kein Politiker ist gut beraten, auf die Parolen vom Stammtisch zu hören – auch dann nicht, wenn sie von teuer bezahlten Gelehrten gerufen werden.