Artenschutz für den gemeinen Oderbruchbewohner.

 

Holger Rüdrich, 20.04.2011

Kolumne vom 20.04.2011

Mal zu wenig, mal zu viel Wasser im Raps – kann man wirklich alle Probleme der Landschaft dem Biber anlasten? Dann müsste man ihn ja dringend erhalten, es fehlte sonst der gemeinsame Feind.

„Der Kopf ist Rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“
Francis Picaba


Versuchen wir es damit.
Versuchen wir die Gegenrichtung einmal etwas auszuleuchten.
Das Oderbruch beginnt zu leben.
Gerade jetzt im Frühjahr, nach einem langen und kalten Winter.

Es grünt und sprießt allerorten, ich sehe Schwäne auf neu entstandenen Wasserflächen um uns herum, den Biber im Letschiner Hauptgaben, einen Stamm vor sich herschiebend im kalten Wasser, neuerdings Möwen und hoffentlich auch bald wieder den Wolf aus den polnischen Wäldern... Ein großer Erfolg für den Europäischen Naturschutz. (vorausgesetzt, wir gestatten uns, in diesem Rahmen zu denken...)

Aber dann sehe ich diese hilflosen Plakate an der Laterne prangen....... Vielleicht ein Geleit, den Biber bei der nächsten Kommunalwahl rot anzukreuzen? Und diese Denkschriften, in welchen der konventionelle Großlandwirt als der scheinbar wahre Umweltaktivist sein Stelldichein erfährt. Wenn nur alles immer so bliebe, wie in guter, alter Zeit gewesen....

Nein. Der Biber macht kein Wetter. Zuviel der Interpretation. Und er hat auch nur geringe Schuld an den Neuseen in unserer Umgebung. Hier, im Umfeld meines Hofes, haben wir ein geschätztes Freibord von Wasserfläche Graben zu Feldsee von fast zwei Metern. Wenn nun das Wasser vom See einfach nicht zum Grundwasser will oder kann, dann darf getrost auch einmal über Flächenverdichtung nachgedacht werden.

Der Maulwurf, auch ein Biber-Ratten-Mäuseartiger, - der seit jeher beste Meliorationsarbeiter – vergiftet, verdichtet, vom Acker gefegt.

Ich ahne, dem Landwirt sein handwerkliches Geschick in Frage zu stellen, ist nicht die Art Freundewerbung wie wir sie kennen, wahltaktisch ist es noch weniger klug. Auf die Ökologie zu verweisen, welche sich durch regionale Erzeugnisse tatsächlich erkennen lässt, ist sicher eindrucksvoll und richtig. Jedoch Zehntausende Tonnen Getreide für die Vergasung anzubauen, oder aber Übermengen von erbärmlichem Federvieh zu füttern, ist ein wenig weit weg, vom hehren Gedanken einer umweltgerechten Landwirtschaft. Das Jammern auf höchstem Niveau ist nicht nur ein viel gehörtes Zitat unseres Ministerpräsidenten, es ist eine Tatsache.

Oder was sagen wir dem Almbauern im bayrischen Land, wenn seine Wiesen noch im Juni vom Schnee bedeckt sind. Und nur der Tatsache geschuldet, dass es in den letzten Jahrzehnten nie so nass war wie derzeit (wahrscheinlich ist es derzeit schon wieder viel zu trocken), ist das Vernachlässigen der tieferen Feldbearbeitung ebenso überdenkenswert und sträflich, wie der Hobbykeller in zwei Meter Tiefe. Wir haben besonders in Hinblick auf die unbestreitbare und hausgemachte Klimaveränderung verlernt, auf die Natur zu achten, sie zu analysieren und MIT ihr zu leben. Und auch der abgeknickte Baum am Grabenrand ist ärgerlich, vor allem, wenn selbst gepflanzt. Aber er gehört ebenso in eine intakte Umwelt wie das gerissene Reh oder die SUMPFdotterblume. Wenn wir heute in einer von uns selber ausgeräumten Landschaft leben, wenn wir sowenig Bäume im Bruch haben, dass wir deren Verluste derart bitter bemerken, liegt auch das nicht im Lebensplan des Bibers. Mehr stehen gelassen, mehr gepflanzt statt zu roden, so stelle ich mir eine tolerante Schöpfung vor. Der Zusammenhang von störendem Laub und der neu erstandenen Baumarktkettensäge erschließt sich mir nur ungenügend.

Da geht es sich natürlich um vieles besser aus, den Volkszorn (sogar vom VolkSTURM gegen Biber hörten wir auf einer Veranstaltung zum Thema) auf fünfzig Zentimeter Fell plus Plattschwanz zu fokussieren.

Ein Land aber, welches zugibt, sich Wirtschaftswege am Hindukusch freischießen zu dürfen, und dann am heimischen Nager verzweifelt, das scheint mir Ratlosigkeit auszulösen.

Nein. Der Biber macht kein Wetter. Er macht Schaden. Zweifelsfrei. Diesen in möglichem Rahmen zu halten, sollte eine lösbare Aufgabe sein. Gehen wir sie an. Ausrottung? Davon sollten genug Versuche missglückt sein.

Und wenn ich heute hier in meiner vom Wind umwehten Laube sitze und die leichte Bodenkrume als Staubwolke gen Osten ziehen sehe, dann plane ich schon insgeheim das Plakat gegen die Versteppung des Oderbruchs. „Mehr Biber bitte! Wir brauchen die Staudämme für die Wasserhaltung“, bevor wieder Hunderte Anträge ins Bauamt flattern, um staatlichen Ausgleich bemüht, die Kosten für die Sanierung der Gebäuderisse in Folge einer Grundwassersenkung zu übernehmen. Der Biber im Oderbruch, sogar Gefahr für Leib und Leben?

Der abenteuerliche Gedanke einiger „Visionäre unseres Landstriches“ einen Antrag zur Aufnahme des Oderbruches als Weltkulturerbe zu stellen, sollte grundsätzlich zum ersten April verbreitet werden, dann ergibt es wenigstens einen, wenn auch nur humoristischen Sinn. Oder aber, und dann verspreche ich, mich mit Mann und Maus hinter diesen Gedanken zu stellen, sie meinen das Bruchgebiet in den Facetten einer interessanten Wassergeschichte: also auch mit Platz für lebendige Auenflächen, mit erosionsschützenden Pflanzstreifen um kleinere Felder zur naturnahen Bewirtschaftung. Die Aufnahme von Agrarindustrieflächen in Größenordnungen mittlerer Luftlandeplätze, von Getreideverstromung und industrieller Geflügelmast werden am East River oder in Genf wahrscheinlich mit schallendem Lachen und Schenkelklopfen honoriert.

Ein Freund und Denker über den Horizont des Oderbruchs hinweg, hat es vor Wochenfrist freundlich und treffend formuliert. Zu Zeiten des Alten Fritz war die Ernährungsfunktion des Oderbruches überlebensnotwendig, in den vierzig Jahren genossenschaftlicher Nutzung ergaben sich bei Ausfällen immer noch Engpässe in der Versorgung der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Heute wird, egal bei welchem Wasserstand, nicht ein Brötchen weniger verkauft, in der Kapitale. Auch wir müssen die Funktion unserer Landschaft zeitgemäß analysieren, vielleicht neu bewerten. Eine Kulturlandschaft hat auch das Wort Kultur in sich. Kunstlandschaft, wie neulich in einer in Umlauf gebrachten „Denkschrift“ zu lesen.... Kunst, ist ganz was anderes, auch wenn Wortspiele mit Worten wie Kunstdünger, Kunstrasen, Kunstblumen oder gar Kunsterziehung im Oderbruch dem Linguisten reichlich Stoff bieten.

Auch die immer wieder so geliebte Arbeitsplatzkeule.... sie schwingt nicht mehr mit lautem Summen. Wo Vater und Sohn mittels modernster (und schwerer!) Technik fünfhundert Hektar Acker allein bearbeiten, vertritt dieser Berufszweig lange keine Masseninitiative mehr. Das ist einerseits traurig, andererseits eröffnen sich dadurch eben auch neue Möglichkeiten. Tourismus, Naturschutz, Gastronomie, Kultur und Initiativen bieten seit längerer Zeit nachhaltige Lösungen an. Und auch diese Menschen wollen in dieser Badewanne, dem anerkannten Luxusgemüsegarten (O-Ton GEDO), in diesem Oderbruch leben.

Dafür bedarf es einem Miteinander, denn wenn schon WIR IM ODERBRUCH, dann WIR AUCH!
Versuchen wir einfach einen Zusammenhang herzustellen, zwischen flachem Land und Horizont.

Versuchen wir es. WIR!