Was ist dein Tagwerk?

Am Abgrund der modernen Arbeitswelt

Kenneth Anders, 29.03.2011

Kolumne vom 29.03.2011

Umbruch eines Ackers bei Letschin vor achtzig Jahren: Dass ein Tagwerk zu etwas gut ist, hat damals jedermann eingeleuchtet. Heute ist das nicht mehr so selbstverständlich. (Foto: Heimatstube Letschin)

In China wird viel gedrängelt. Die Leute stehen am Bus und drängeln, sie drängeln im Geschäft und auch im Museum. Das ist unvermeidlich, denn hier sind nun einmal viele Menschen. Aber das Drängeln hat auch noch einen anderen Grund. Meine Frau hat mich darauf gebracht, als sie aus China nach Deutschland zurückkam und in einer Schlange an der Bushaltestelle stand, aus der sich alle gemächlich in den Bus einfädelten. Sie meinte, das Verhalten der Deutschen käme ihr irgendwie leidenschaftslos vor. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und ich muss ihr Recht geben.

Auch in Deutschland hat man einmal richtig gedrängelt. Als die Bevölkerung im 19. Jahrhundert auf dem Land explodierte und die Menschen in die Städte strömten, war die Luft mit Erwartungen geschwängert. Die meisten einte der Glaube, dass sie es schaffen könnten, etwas in ihrem Leben zu erreichen. Im Einzelfall mochte diese Erwartung enttäuscht werden, aber im Großen und Ganzen ging sie auf. Wie in einem Generationsfahrstuhl standen die Kohorten dicht an dicht. Der Tochter ging es besser als der Mutter, der Sohn brachte es weiter als der Vater. Deshalb lohnte sich das Drängeln, denn man wollte als erster oben sein. Was genau man arbeitete, spielte keine so große Rolle, im Mittelpunkt stand die Laufbahn. Natürlich hat sich auch früher so mancher im Verlaufe seines Lebens gefragt, ob er da eigentlich etwas Schönes macht, in seiner Arbeit. Aber die ersten zwanzig Jahre vergingen wie im Flug, und dann ging man schon daran, sich auf den Ruhestand vorzubereiten. Der Kommissar Jensen aus der Olsenbande brachte es auf den Punkt: „Es geht nicht darum, Fälle aufzuklären, es geht darum, dass man befördert wird!“ So eine Laufbahn hat ihre Eigendynamik, da bleibt nicht viel Abstand zum Reflektieren.

In anderen Teilen der Welt kann man den Glauben an die eigene Zukunft heute wieder in den Gesichtern lesen: Begierde, Eile und Zuversicht, die Leute wirken geistig rege. Bei uns sieht es inzwischen anders aus. Die persönlichen Erwartungen sind gedämpft. Das am häufigsten benutzte Wort meiner Generation lautet „Festanstellung“. Viele Kinder wissen bereits jetzt, dass sie nicht die materielle Sicherheit ihrer Eltern erlangen werden. Das Wort Laufbahn hat einen peinlichen Klang angenommen. Im Einzelfall mag es gut gehen, aber der Generationsfahrstuhl ist abgeschaltet. Deshalb drängelt man nicht mehr oder man drängelt ohne Leidenschaft. Der Optimismus der nachwachsenden Generationen nimmt proportional zu ihrer Schrumpfung ab: Je weniger Kinder nachkommen, umso pessimistischer sind sie. Das ist nur teilweise logisch, denn angeblich gibt es ja einen Fachkräftemangel. Warum gehen die jungen Generationen also nicht forschfröhlich ans Werk – ohne Drängeln vielleicht, aber wenigstens mit Zuversicht?

Weil es doch etwas auf sich hat, mit dem Drängeln. Fällt nämlich die Aufstiegserwartung der ganzen Generation weg, schrumpfen auch der soziale Optimismus und das Grundvertrauen in das ganze System. Man kann nicht mehr an die Mechanismen des Aufstiegs glauben und entwickelt ein Schamgefühl, sie überhaupt zu bedienen. Und welche Tätigkeiten warten auf einen, wenn man dann doch in die Arbeitswelt eintritt? Da tut sich ein verstörendes Panorama auf und man hat auf einmal alle Zeit der Welt, es zu betrachten.

Denn es gibt Tätigkeiten, die gut bezahlt werden, deren Sinn mir aber um nichts in der Welt einleuchten will. Erwerbstätige produzieren schrille Medienprogramme, bewerben schädliche Produkte, schwatzen den Leuten überflüssige Versicherungen auf oder motivieren sie zu falschen Geldanlagen. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass diese Arbeitsplätze Teil des Wertschöpfungssystems sind, von dem auch ich lebe, immerhin haben wir eine gesellschaftliche Arbeitsteilung. Mir ist bewusst, dass man die Entscheidung darüber, womit jemand sein Geld verdienen kann, dem Markt überlassen muss. Diese Fragen politisch regeln zu wollen, käme einer Diktatur gleich. Man darf die Legitimität einer Tätigkeit nicht davon abhängig machen, dass ihr Sinn dem Volk einleuchtet. Und man darf sie auch nicht davon abhängig machen, ob der Betroffene selbst an den Sinn dieser Tätigkeit glaubt, denn erstens könnte er lügen und zweitens haben auch viele Stasimitarbeiter an den Sinn ihrer Arbeit geglaubt (sie hatten sich ja in den Fahrstuhl gedrängelt). Das führt also zu nichts.

Und wie ist es im öffentlichen Sektor? Ärzte, Lehrer und Straßenkehrer üben doch eine Tätigkeit aus, der niemand im Ernst die Legitimation absprechen würde. Wohl wahr. Aber ich kenne immer mehr Menschen, die unter den Bedingungen leiden, welche ihnen für die Ausübung dieser Arbeit gesetzt werden. Die Sprache der Unternehmensberatungen hat sich ihrer Arbeitsplätze bemächtigt. Das medizinische Qualitätsmanagement ersetzt die Heilung der Kranken, das Enrichment des Unterrichtsangebots verdrängt den guten Lehrer, die Zielgruppe tritt an die Stelle der Menschen, die man ansprechen wollte. In der Wissenschaft schiebt sich das Best-Practice-Beispiel vor das das Ringen um gute Lehre und fruchtbare Erkenntnis. Und die Pfarrer werden in der Kirchenreform zu einer konsequenten Zielorientierung erzogen, so dass ihre Arbeit messbar wird.

Unsere heutige Arbeitswelt ist ein doppelt schwankender Boden: Ein globales Wirtschaftssystem, das auf seine Wirkungen hin nicht befragt werden kann, weil nur der Markt dieses Recht hat, speist einen öffentlichen Sektor, der sich den Spielregeln dieses Systems immer mehr unterwirft. Auf diesem Boden kann man sich eigentlich gar nicht mehr gegenseitig nach seinem Tagwerk fragen. „Und was machst du so?“ ist eine Frage, die ausdrücklich das Verbot einer ernsthaften Antwort enthält.

Das Tagwerk war früher ein Maß für die Fläche, die man an einem Tag als Bauer bearbeiten konnte. Niemand musste infrage stellen, dass es die Mühe wert war. Denn dass der Mensch essen muss, wollte niemand bestreiten. Haben es die Landwirte deshalb heute leichter als die Pharmavertreter?

Nein, die Landwirte stehen im selben Dilemma, zumindest jene, die in einem Marktfruchtbaubetrieb arbeiten. Ihr Tagwerk bemisst sich nach Quoten, Düngemitteln und Maschinenleistung, nicht nach ihrem Beitrag für die Ernährung von Menschen. Sie beschreiben selbst die persönliche Irritation, die für sie aus diesen Bedingungen erwächst. Sie wissen, dass mit ihren Überschüssen etwas nicht stimmt und dass der Export von Nahrungsmitteln den Hunger in anderen Teilen der Welt verschärft, statt ihn zu lindern. Das Tagwerk ist nur noch ein Maß für die Effektivität, der Sinn ist nicht mehr inklusive. Und den anderen Menschen im ländlichen Raum, die noch Arbeit haben, geht es nicht besser. Der Pfarrer predigt vor wenigen Menschen auf Abruf, die Lehrerin unterrichtet unter Vorbehalt, der Amtsleiter verwaltet die demografische Schrumpfung.

Als ich aufs Land zog, wollten meine neuen Nachbarn gern wissen, was mein Beruf ist und wovon ich lebe. Sie waren aber zu höflich, um mich direkt danach zu fragen. „Und was machst du so?“ entfiel, Smalltalk hat man hier nicht gelernt. Also suchten sie nach Indizien. Ein Doktortitel wies in Richtung Arzt, aber bald stellte sich heraus, dass das nicht sein konnte. Irgendwann verlegte man sich darauf, mich als Schriftsteller zu bezeichnen. Das schien allen einigermaßen einzuleuchten und ich war fürs erste erleichtert, denn eine Erklärung wäre mir schwergefallen. Aber nach und nach versuche ich doch, mich zu erklären und bitte auch die anderen, es zu versuchen.

Was man tut, ist auf dem Land keine Nebensache, auch wenn das Tagwerk sich nicht mehr von selbst versteht. Man steht als ganze Person vor den anderen. Das schafft einen Spielraum, sich über sein Tagwerk zu unterhalten und darüber, wozu es gut ist. Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten mehr, denn der Boden ist hier so schwankend wie überall. Aber das Gespräch lohnt sich trotzdem. Und man wird erstaunlich viele Leute finden, die sich darauf einlassen.