Latte Macchiato im Busch.

Über Liebesbeziehungen zur Landschaft

Kenneth Anders, 09.03.2011

Kolumne vom 09.03.2011

Nebel im Oderbruch. Für die einen der Horror vacui schlechthin, für andere ein Ereignis, bei dem die Sinne überlaufen.

Also das wär mir nichts hier draußen, sagt Frau B. zu mir. Im Frühling oder im Sommer mal auf einen Nachmittag, ja – aber hier leben? Auf keinen Fall! Und im Winter kriegen mich keine zehn Pferde hier raus. Hier gibt’s ja nicht mal einen guten Latte. Wo geht ihr hier einkaufen? Und was ist mit Kino, mit der ganzen Kultur? Und die Leute! Hier ist doch nichts!

Ich habe wirklich schlechte Karten hier draußen. Es gibt kein Café mit einem gescheiten Latte. Beim Einkaufen steht man mit Menschen an der Kasse, deren Einkaufswageninhalt man nicht geschenkt haben möchte. Deshalb geht man hier auch nicht gern einkaufen, es ist reizlos. Im Kino ist es oft ungeheizt oder die Vorstellung fällt aus, weil man der einzige Gast ist, vom Programm ganz zu schweigen.

Frau B. ist die Essenz von hunderten Menschen, die seit fünfzehn Jahren meinen Wohnort kommentieren: Kollegen, Fremde und Bekannte, auch Freunde. Sie sagen alle eigentlich ein- und dasselbe: Hier ist nichts. Manche sagen es vorsichtig und manche direkt.

Diese Feststellung ist richtig, wenn man nach Angeboten sucht. Der ländliche Raum bietet wenig, denn die geringe Zahl von Menschen bildet nur eine kleine Gruppe von Käufern. Dieses Problem hat sich nicht erst durch den demografischen Trend der letzten Jahre ergeben, verschärft wurde es auch durch veränderte Gewinnansprüche der „Anbieter“: Es reicht eben nicht mehr aus, schwarze Zahlen zu schreiben, sie müssen tiefschwarz sein. Also zieht man sich zurück.

Die Ratlosigkeit gegenüber reizarmen Gegenden ist mir nicht fremd. Jedes Jahr sichte ich mit Freunden Dokumentarfilme für die „Provinziale“ in Eberswalde. Dieses Filmfest hat sich die Regionen am Rand zur Herzenssache gemacht. Also sehen wir uns Filme an, die in allen möglichen Provinzen der Erde spielen. Manche zeigen das Leben in der afrikanischen Wüste oder in den persischen Bergen. Dort ist es oft noch trockener, staubiger und scheinbar einförmiger als im Oderbruch. Trotzdem sieht man deutlich, dass den Menschen nicht langweilig ist. Sie können etwas mit ihrer Umgebung anfangen. Wenn sie nicht gerade etwas zu tun haben, gucken sie einfach herum – das scheint ihnen zu genügen.

Dieses Phänomen ist auch in Büchern beschrieben worden.

Mikael Niemi erzählt vom nordschwedischen Tornedal, das nach hiesigen Maßstäben wirklich nichts zu bieten hat – und er beschreibt den unendlichen Reichtum dieser Landschaft für jene, die sie sich aneignen. Man liest vom kalten Wasser, von den Kiefernwäldern, vom gefangenen und frisch über dem Feuer gebratenen Fisch. Geradezu schwindelig wird einem, wenn von den ersten Kartoffeln des Jahres die Rede ist, die die Sonnenstrahlen aufgenommen haben, gewachsen sind und nun in gelöster Butter genossen werden.

Anne Michaels berichtet von der nubischen Kultur am Nil, die aus einem symbiotischen Verhältnis mit dem Fluss entsprungen ist. Die Häuser sind wie aus der Erde gewachsen, sie sind vollkommen wie ein Geschöpf. Und die Vielfalt der Dattelpalmen hat ein feines System an Nutzungen hervorgebracht, in dem alles seinen Zweck hat.

Es ist immer dasselbe: Die kleinen Abstufungen werden wichtig, in ihnen stecken unendliche Sinnwelten; die Menschen und ihre Besonderheiten, das Wetter und die Jahreszeiten, der Geruch der Luft, die Musik eines Landstrichs, die Klänge, der Geschmack der Speisen, die Vögel. Der Blick in den Garten offenbart jeden Tag Neuigkeiten, das Sehen reicht weit in die Landschaft hinein, die Gestalt annimmt und sich zugleich ausdifferenziert. Für den, der eine solche Liebesbeziehung zum Raum hat, ist er ein unendlicher Kosmos. In ihm treten die Elemente miteinander in Beziehung, sie sind die Sterne am Firmament. Man kann sie nicht in eine andere Welt mitnehmen – wer kennt nicht die Ernüchterung beim Essen und Trinken von Speisen und Getränken aus einem Urlaubsland, die dort so gut geschmeckt hatten und zu Hause ihren Zauber schlagartig verloren hatten? Das ist nur ein schwacher Nachhall tradierter Landschaftsbeziehungen.

Niemi und Michaels erzählen aber nicht nur von diesem Reichtum, sie berichten auch von der systematischen Zerstörung dieser Liebesbeziehungen zur Landschaft. Den Menschen im Tornedal wird mit staatlichem Druck ihre Sprache, das Miänkeli ausgetrieben, bis sie keine Worte mehr für den Überfluss ihrer Landschaft haben und ihn selbst nicht mehr erkennen können. In der dritten Generation wollen alle nur noch weg in die Stadt und sie sagen: Hier ist doch nichts. Und das seit Jahrtausenden kultivierte Land am Nil wird in den sechziger Jahren für einen Staudamm geopfert, die Menschen werden mit ihrem Vieh in schlampig hingestellte Neubausiedlungen geschafft. Weinend stehen sie vor der Flutung an den verlassenen Siedlungen, es ist eine Tragödie.

Millionen dieser Schicksale wurden nie erzählt. Wer nur eine Weile darüber nachdenkt, wird das zwanzigste Jahrhundert als eine nicht enden wollende Vernichtung von solchen Liebesbeziehungen empfinden, die Menschen über Generationen zu ihrem Raum aufgebaut hatten: Die Kriegsvertreibungen, die Überbaggerung der Dörfer für den Bergbau, die Verwüstung fruchtbarer Landstriche für staatliche Infrastrukturmaßnahmen. Die Früchte der Beziehungen von Land und Mensch, ihre Gerichte, ihre Lieder, ihre Dialekte, sind mit den Vertreibungen spätestens eine Generation darauf untergegangen. Vor allem ist es die über lange Zeit gewachsene Sensibilität für den Raum selbst, die den dann folgenden Kulturen fehlen wird; für den Boden, für das Wasser, für den Wind. Aber wie gewaltsam die Zerstörung der Mensch-Raum-Beziehung auch immer vonstatten ging – eines war immer: die Arroganz der Zerstörer gegenüber dem, was die betroffenen Menschen an ihren Raum band. Ich bin sicher, schon die ersten kolonialistischen Agenten Europas haben sich vor zweihundert Jahren in den Busch gestellt und gesagt: Hier ist doch nichts.

Menschen brauchen Sinn für das, was sie tun, wenn sie nicht krank werden oder abstumpfen wollen.  Sie entwickeln diesen Sinn in Beziehungen. Früher geschah dies vor allem in drei Feldern: In ihren sozialen Beziehungen, in ihrer (Arbeits-)Beziehung zum Raum und in ihrer Beziehung zu Gott. Das waren drei große Ressourcen, die sich gegenseitig speisen und inspirieren konnten – und wenn eine versiegte, gaben vielleicht die anderen noch etwas her. Heute sollen die sozialen Bindungen als einzige Quelle von Sinn und Glück herhalten. Damit sind sie überfordert, die Last ist zu groß, unser soziales Leben birgt nun einmal auch Leid und Enttäuschung und immer wieder erleben wir das völlige Scheitern zwischenmenschlicher Glücksansprüche. Die Überlastung menschlicher Beziehungen mit diesen Ansprüchen ist eine der wichtigsten Ursachen der modernen psychischen Krankheiten. Und natürlich ist sie eine der besten Grundlagen der großen Surrogatindustrien vom Sport über die Karriere bis zum Fernsehen.

Die Liebesbeziehung zum Raum ist wohl das, was man Heimat nennt. In Deutschland haben die Nazis behauptet, Heimat ließe sich für eine Nation definieren. Das ist Unsinn, denn Heimat ist an einen Landschaftsraum gebunden. Hätten die Nazis Respekt vor so etwas wie Heimat gehabt, sie hätten nie einen Krieg angefangen. Trotzdem hat das deutsche Wort Heimat auch ohne diese Missbrauchsgeschichte einen weinerlichen Klang. Das liegt sicher daran, dass Heimat meist erst dann artikuliert wird, wenn sie verloren geht. Viele Ausdrucksmöglichkeiten für die Liebesbeziehung zum Raum sind verstummt. Briten, Schotten und Iren zum Beispiel haben noch eine Musik dafür: Es gibt dort Lieder, die nur zu einzelnen Dörfern gehören! Wir haben in vielen Gegenden nur noch Rammstein und den Musikantenstadl. In manchen Regionen zehrt man davon, dass einmal ein Fontane die eigene Landschaft beschrieben hat, nur wenige sind danach noch gekommen und haben es ihm gleichgetan. Was an Heimat übrig geblieben ist, ist wortkarg.

Wie dem auch sei; Heimat kann man nicht kaufen und man kann sie nicht verkaufen. Sie entsteht nur durch Aneignung und Gestaltung, durch Beziehung zum Raum. Es kann passieren, dass man sich den Latte selber kochen muss oder sogar dass in dieser Landschaft Latte Macchiato gar nicht schmeckt.

Kein Wunder, dass das vielen nicht gefällt.