Die Schuld vom Lande.

In Umweltfragen wollen viele gern gute Menschen sein. Ohne einen Dialog mit den Produzenten bringt das aber nicht viel. Jedenfalls nicht für die ländlichen Räume.

Kenneth Anders, 07.02.2011

Kolumne vom 20.01.2011

"Mensch, wenn hier wieder ne Schweinmast käme, hätt ick' ja wieder Arbeit!" Richtig und falsch sind auf dem Land nicht so leicht zu trennen wie es die Gütesiegel im Supermarkt nahelegen.

Also gut, was soll ich machen? Nur ökologische Produkte kaufen?

Ich zögere. Ja, Ökoprodukte sind gut. Aber im Oderbruch geht es nicht so sehr darum, ob die Landwirte ökologisch produzieren, oder nicht. Ihre Rolle in der Landschaft lässt sich damit nicht beschreiben. Die Bauern in meinem Nachbardorf haben einen ganz normalen Marktfruchtbetrieb, sie liefern an Müller und hängen wie tausende andere im Industriepreisdilemma fest. Sie werden keine Renaissance des ländlichen Raums bewirken, aber sie arbeiten redlich, sie sind für alle Anliegen im Dorf zu haben, sie beschäftigen so viele Menschen, wie es irgend geht. Ich vertraue ihnen.

Aber gegen Gen-Mais bist du doch wohl?

Ja, ich bin sogar sehr gegen Gen-Mais. Aber auf dem Land gibt einem das weniger Orientierung, als man denken möchte. Z.B. ist einer der Gen-Mais-Pioniere hier im Oderbruch durchaus ein kluger Landwirt. Er übernimmt Verantwortung und agiert als Betriebsleiter besonnen. Ein anderer Betrieb dagegen, ein paar Kilometer weiter, spielt keine so gute Rolle. Der baut zwar keinen Gen-Mais an, aber er hat einen schlechten Arbeitskräfteschlüssel für seine großen Ländereien, miserable Fruchtfolgen und überhaupt keine zivilgesellschaftliche Einbindung. Die Fronten zwischen gut und schlecht verlaufen hier nicht so übersichtlich.

Und zertifiziertes Holz ist doch wohl das Richtige! FSC, oder wie das heißt!

Jaja, das ist sicher nicht falsch. Doch viele der interessanten Waldbesitzer, die ich in Deutschland kenne, leisten sich gar keine Zertifizierungen. Für einen ökologischen Unbedenklichkeitsnachweis sind sie zu klein. Er ist mit Kosten verbunden, und er würde ihnen auch nichts bringen, denn sie liefern an die übrig gebliebenen mittleren oder kleinen Sägewerke. Die sind in Wertschöpfungsketten gebunden, in denen sich kein Mensch für Zertifikate interessiert. Hier wissen die Partner voneinander und sie pfeifen auf irgendein Prüfsiegel.

Wir achten jedenfalls immer auf Fisch aus nachhaltiger Fischerei!

Oh, sehr gut. Aber ich muss an einen Kutterfischer auf Rügen denken. Der spricht keine Lobbysprache, er zeigt nicht nur auf andere. Stattdessen beschreibt er das eigene Versagen der Kutterfischer bei der Satzfischerei und beim Aufbau selbständiger Vermarktungsperspektiven. Trotzdem wird er wohl nicht mehr lange machen. Quoten und Rote Listen, für die Industriefischerei unverzichtbare Auflagen zur Nachhaltigkeit, sind für ihn eindeutig eine Existenzbedrohung. Dabei wissen alle, dass dieser Fischer ebenso wenig Schaden in den Meeren anrichtet wie sein Vater oder sein Großvater.

Also gut, was sollen wir denn nun machen, so werde ich immer wieder gefragt, schnellschnell, wir wollen eine Antwort, wir wollen die Guten sein. Gemeint ist in der Regel: was sollen wir kaufen? Wir kaufen die unbedenklichen Produkte und dann wird weiter gefeiert. Keine Blumenerde mit Torf mehr, denn das wäre Raubbau, kein Problem. Und Ökostrom, teurer aber regenerativ, also ökologisch korrekt! Mit ein paar richtigen Konsumentscheidungen sind wir auf der sicheren Seite.

So verläuft unser ökologischer Diskurs. Und die Politik will ebenso bedient werden: Sagt uns, was richtig ist, sagt uns, was gut ist, aber schnell! Es muss klar und konkret sein, handfest wie das Glühbirnenverbot.
Das kann man verstehen. Wir wollen die Welt jetzt heile machen, nicht später. Deshalb wird auch die Wissenschaft aufgefordert, zügig geeignete Instrumente zu liefern und Best-Practice-Beispiele zu küren.
Entscheidungsunterstützungstools, Zahlungsbereitschaftsanalysen, Ecosystem Services; es muss doch möglich sein, das Richtige dingfest zu machen.

Vor solchen Anforderungen stehe ich stumm da. Ich habe, streng genommen, nur Geschichten. Von der alten Kolonistenfamilie und wie sie ihr Ackerland zusammenhält und ihren Kleinwaldbesitz. Vom Stadtförster, der auch den Betriebshof seiner Stadt am Hals hat und an den Badeseen die Gänse vergrämen muss, weil die Urlauber sich über den Vogelkot ärgern. Vom Mediziner, der sagt, er könne als Landarzt eigentlich sehr gut leben. Vom kleinen Neubauern, der seine Produkte direkt in Berlin vermarktet und gleich noch die Sachen aus den Gärten der Nachbarn mitnimmt. Von der Selbstversorgerin und ihrer Heiterkeit inmitten ihrer Lebenshärten. Es sind Geschichten, die keine einfache Aussage haben, Teile eines Ganzen, über das ich nicht verfüge, von dem ich aber sicher bin, dass es da ist. Was soll man mit so vagen Geschichten anfangen?

Man soll sie verstehen. Es soll sich der Sinn erschließen, der auf dem Land zwischen Land und Leuten entsteht. Das verlangt Geduld, man muss zuhören. Die Kluft zwischen Stadt und Land nimmt zu und mit ihr auch das Missverständnis. Es wird von der Auflösung der Polarität von Stadt und Land gesprochen, das Land sei eigentlich nur noch urbaner Funktionsraum. Ich halte dieses Urteil für vorschnell, aber wer nicht hinhört und hinsieht, kann auf so eine Idee kommen. Tatsache ist: Die regionalen Wertschöpfungsformen und mit ihnen die ländlichen Lebensgrundlagen befinden sich immer noch im Absturz. Ob Direktvermarkter oder Selbstversorger historische Relikte oder zarte Pflänzchen sind, lässt sich kaum sagen.

Junger Mann, sagt ein Besucher unserer Veranstaltung, das ist doch keine Lösung für alle, was sie uns da vorstellen.
Das weiß ich schon, es können nicht alle Selbstversorger werden oder direkt vermarkten. Ich bin selbst einer der größten Profiteure der modernen Arbeitsteilung, denn ich lebe von geistiger Arbeit. Aber ich finde, man kann von den Selbstversorgern etwas Wichtiges lernen.

Lernen? Was denn lernen? Das dauert zu lange! Sagen sie schon, was es ist, schnell.

Es geht aber nicht schnell. Es dauert. Es ist ein Gespräch, ein Klärungsprozess. Was richtig und was falsch ist hängt vom Ort und von der Landschaft ab. Was gut und was schlecht ist hat mit den jeweiligen Spielräumen der Menschen zu tun. In diesen Spielräumen entsteht ein Gespür für Nachhaltigkeit. Das Verständnis dafür müssen wir uns erarbeiten. Die Sehnsucht nach der schnellen Unschuld vom Land ist wie der Konsum: eilig, wohlfeil und dann weiter. Sie treibt die ländlichen Räume immer tiefer industrielle Logik: massenhaft und einheitlich. Die Etiketten glänzen, die Gütesiegel scheinen unbestechlich, aber sie sind nur von den großen Systemen zu organisieren. Das Filigrane und Eigenartige hat in ihnen keinen Platz.

Ob sich aufgrund unserer Arbeit schon mal ein einziger Landwirt entschieden habe, auf ökologische Produktion umzustellen, wurde ich neulich gefragt.
Nein, sicher nicht, habe ich geantwortet. Ganz sicher nicht. Um Himmels willen, nein!