Von wegen "Oh Täler weit oh Höhen"!

Über Deutschland und das Europäische Landschaftsübereinkommen

Kenneth Anders, 21.01.2011

Kolumne vom 20.01.2011

Obstbaumallee zwischen Kruge und Gersdorf. Bald werden diese Bäume verschwunden sein. Das ist vielleicht nicht zu ändern, aber man sollte doch wenigstens noch einmal hinsehen und sich fragen, inwiefern sie ein Teil der eigenen Landschaft sind.

Wer heute die Infozentren von deutschen Biosphärenreservaten, Natur- oder Nationalparken besucht, wird bestimmt ein paar Tierpräparate finden – einen ausgestopften Kranich, ein Wiesel, einen Fuchs. Beliebt sind auch Aquarien (oft etwas veralgt) und Soundinstallationen. Selbst sprechende Bäume wird man hier und da antreffen, sie sehen aus, als kämen sie vom Spielwarenkonzern Toys"R"Us. Im Freigehege entdeckt man dann Tastpfade, Weidenzelte und Aussichtspunkte. So soll den Besuchern Lust auf die Natur gemacht werden, denn diese Hinwendung zum Natürlichen gilt nach wie vor unausgesprochen als die Hauptaufgabe der Umweltbildung.

Lästig ist es natürlich, wenn die Umwelt gar nicht Natur, sondern Landschaft ist – längst angeeignete, überformte, in menschliche Widersprüche verwickelte Natur. In den Nationalparken versucht man diesen Umstand mit einem gewissen Recht zu ignorieren, in den Biosphärenreservaten, deren Aufgabe ja die Entwicklung nachhaltiger regionaler Wirtschaftsformen ist, geht das nicht so einfach. Deshalb werden die wirtschaftenden Menschen so in die Naturausstellung eingefügt, dass sie die heile Welt nicht stören. Großformatige Farbtafeln zeigen nachhaltig wirtschaftende Fischer, glückliche Imker, vergessen geglaubte Handwerker und freundliche Tierhalter, die genau wie die seltenen Tiere und Pflanzen hier im Reservat ihr vollendetes Habitat finden. Hier und da hängt ein folkloristisches Arbeitsutensil. Was nicht in dieses Bild passt, kommt nicht in die Ausstellung. Denn das Infozentrum ist nicht zum Informieren über die Veränderungen und Herausforderungen der Landschaften da. Es sind touristische Einrichtungen, mit denen Besuchern von außerhalb ein harmonisches Bild vermittelt werden soll. Nur historische menschliche Einflüsse sind es wert, betrachtet zu werden. Der ganze Jammer der Gegenwart hat hier nichts zu suchen – das hieße ja, vom eigenen Scheitern zu reden.

Das Europäische Landschaftsübereinkommen (auch Landschaftskonvention genannt) ist eine Initiative des Europarates, die dieses Vogel-Strauß-Denken seit über zehn Jahren zu überwinden versucht. Mit Bedacht hat man hier die Wahrnehmung der Bewohner selbst zum Ausgangspunkt gemacht und Landschaft als wichtigen Bestandteil der Lebensqualität begriffen. Die rasante Veränderung der europäischen Landschaften und die Gefahr der völligen Verwischung ihrer Eigenart werden erkannt. Landschaft muss demnach nicht nur ein rechtlich definierter Begriff werden, so dass der Landschaftplanung und dem Landschaftsmanagement der Rücken gestärkt werden. Es müssen auch große Anstrengungen unternommen werden, um unsere Landschaften ins Bewusstsein sowohl der breiten wie der fachlichen Öffentlichkeit zu heben. Die Konvention führt den Begriff Landschaftspolitik ein und macht dadurch deutlich, dass es sich bei unserer Umwelt nicht um bloße Natur, sondern um durch Interessen und Ansprüche gestaltete Räume handelt. Und sie strebt einen offenen Prozess der Auseinandersetzung an. Nehmen wir nur unseren Umgang mit dem Raum, in dem wir leben. In jeder Gegend reicht ein einfacher Spaziergang, um Beispiele für eine völlig fehlende Raumsensibilität bei der Bebauung und Zerschneidung zu finden. Zugegeben – Raumsensibilität ist schwer in Planungsinstrumenten dingfest zu machen. Aber man kann sie fördern – als ein Teil unserer Kultur des Umgangs mit der Landschaft.

Gemessen an diesem Verständnis haben wir in Deutschland einen Schwindel erregenden landschaftspolitischen Analphabetismus entwickelt. Selbst in Expertenkreisen werden Natur und Landschaft bis auf den heutigen Tag durcheinandergebracht. Obwohl wir ein föderales Bildungssystem haben, gibt es kaum Bildungsmodule, die sich mit den heimischen Landschaften befassen. In den Städten gilt Öko als gut, die Beziehungen zu den produzierenden Landschaftsräumen werden aber am liebsten von den o.g. Infopunkten abgedeckt. Bildung für nachhaltige Entwicklung ist an vielen Orten blankes Eiapopeia. Und auch in den Landschaften selbst haben tausende von Tuten und Blasen keine Ahnung. Die Umweltämter und Behörden sind genervt vom Unverstand der Leute, die viele Dinge nicht erkennen und einsehen wollen. Sie fürchten die Alphatiere auf Versammlungen von Bürgerinitiativen, aber sie tun zu wenig, um den vermissten Sachverstand in die Öffentlichkeit zu tragen. Im Oderbruch, so ergab eine Befragung während unserer letzten Sommerschule, wissen sehr viele Menschen mit den Begriffen Drängewasser und Vorflut nichts anzufangen. Das ist übertragbar. Die Chöre in Deutschland singen immer noch gern "Oh Täler weit oh Höhen" – aber wissen sie noch, was sie da besingen? Ich fürchte, sie preisen eher arkadische Ideallandschaften, wie in den frühen Tagen der Landschaftsmalerei.

Es gibt also Gründe genug für ein Land wie Deutschland, die Europäische Landschaftskonvention zu unterzeichnen! Seit 2004 ist sie in Kraft, Armenien und Spanien, Belgien und Lettland, Dänemark und Zypern, Groß Britannien und Tschechien – 38 Staaten haben sie unterzeichnet, 33 haben sie sogar bereits ratifiziert. Nur Deutschland hat es, gemeinsam mit Monaco, Russland, Andorra, Albanien, Österreich, Liechtenstein, Island und Estland noch nicht einmal unterschrieben.

Jetzt kann man fragen, warum. Zu teuer, werden die einen sagen. Das ist Unsinn. Alle Institutionen, die das Übereinkommen umsetzen müssten, die Schulen und Ämter, die Behörden und Universitäten, sind schon da. Sie müssten bei einer Ratifizierung nur einmal einen kritischen Blick auf ihre Praxis werfen und ein paar neue Prioritäten setzen.

Dann könnte man sagen: Das machen wir doch ohnehin schon alles! Das ist nun, wie bereits erwähnt wurde, geradezu falsch, obwohl es genau die Arroganz der etablierten Umweltbildung wiedergibt.
Es gibt noch weitere Argumente, die auf der bürokratischen Ebene liegen – wenn schon, dann sollte man eine EU-Richtlinie erarbeiten! Also, darauf möchte ich lieber nicht eingehen.
Warum also unterschreibt Deutschland nicht?

Ich glaube, die Verwechslung von Natur und Landschaft, ihre Vermengung in einem unreflektierten Umweltbegriff, die andauernde Verweigerung, sich mit dem, was Landschaften für uns sind, überhaupt auseinanderzusetzen, hat ihre Gründe in Interessen. Das Ausblenden der Landschaft schützt vor einer Auseinandersetzung mit den modernen Formen der Landnutzung. Es forciert eine bestimmte Form der Naturschutzpolitik (zum Beispiel der nationalen Naturlandschaften), während es eine andere, am konkreten Landschaftsraum orientierte Arbeit von Naturschützern, untergräbt. Und es verhindert, dass jemand die atemberaubende Veränderung unserer Landschaften überhaupt hinreichend reflektiert. Diese Reflexion ist in formale Umweltverträglichkeitsprüfungen und Umweltbildungsprojekte für kleine "Großstandkrokodile" oder "wilde Hühner" diffundiert. Dadurch wird es viel einfacher, die Landschaften in Claims abzustecken und nach den Interessen der ohnehin dominierenden Landnutzer auszuschlachten. Man kann sich ja bei der Grünen Woche den Bauch mit den Leckerlies vom Land vollschlagen und anschließend ein neues Naturerlebnisparadies eröffnen. Und wer etwas einzuwenden hat gegen die blindwütige Inanspruchnahme seiner Heimatlandschaft, der ist ein Fortschrittsfeind.

Mit Verachtung schauen wir auf die renitenten aufstrebenden Staaten wie China, die keine Abkommen zum Klimaschutz unterzeichnen wollen: ts, ts, ts! Wir sollten uns diese Verachtung sparen. Denn an Renitenz sind wir den Chinesen einiges voraus. Und wir haben sie weit weniger nötig.