Abschied in Neutrebbin

Eine Geschichte zum 9. November

Kenneth Anders, 09.11.2011

Kolumne vom 09.11.2011

Der Artikel im „Stürmer“, 1936.
Es kriecht einen das Frösteln an.

Meine Nachbarin und Freundin Johanna macht Fußpflege im Oderbruch. Sie hat eine Praxis und fährt auch zu den Leuten nach Hause. Die sind oft alt, denn die Sorgen mit den Füßen nehmen im Verlaufe der Jahre zu. Liegt es am aufrechten Gang? Das könnte sein.

Während der Behandlung erzählte eine alte Frau ihr einmal eine Geschichte, die sie erlebt hat. Es war in den dreißiger Jahren, die Nazis hatten sich die Macht bereits genommen. Die alte Frau war damals ein junges Mädchen, Tochter eines Gastwirts, sie lebte in Neutrebbin. Und sie hatte eine jüdische Freundin.

Eines Tages im Jahr 1936 fuhr diese Freundin fort, angeblich war es eine Urlaubsreise. Das ist lange her, insofern bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich eine Vergnügungsfahrt war. Vielleicht musste sie auch fort? Gern war man ja als Jude nicht mehr gesehen. Wie dem auch sei, das Mädchen brachte ihre Freundin zum Bahnhof. Zum Abschied umarmten sich die beiden. Man kann vermuten, dass es kein leichter Abschied war.

Damals gab es eine antisemitische Wochenzeitung, sie hieß „Der Stürmer“. Das Blatt wartete nicht nur mit professioneller Hetze auf, es sammelte auch hässliche Worte von ganz normalen Leuten ein, um sie redaktionell zuzubereiten und zu veröffentlichen. Und so fand unser junges Mädchen ihre Abschiedsszene auf dem Neutrebbiner Bahnhof im „Stürmer“ wieder, gleich auf der Titelseite. Sie hat den Artikel aufbewahrt, also kann ich den Wortlaut hier wiedergeben.

Die Artvergessene.
Der Kuss auf dem Bahnsteig.
Lieber Stürmer! In Neutrebbin (Oderbruch) wohnt der Gastwirt Fritz Leonhard. Er besitzt eine Tochter mit dem Vornamen Ruth. Fräulein Ruth Leonhard hat eine besondere Vorliebe für die jüdische Rasse. Ihre Freundin ist ein Fräulein Weinberg. Der Sieg des Nationalsozialismus und der Erlass der Nürnberger Gesetze haben die Gastwirtstochter Ruth Leonhard noch nicht soweit gebracht, ihre sonderbare und volksverräterische Freundschaft mit der Jüdin Weinberg zu lösen. Vor kurzem fuhr die Jüdin Weinberg fort und die Nichtjüdin Ruth Leonhard verabschiedete sich auf dem Bahnsteig von ihr. Die Leute mussten sehen, wie sich Jüdin und Nichtjüdin auf offenem Bahnsteig umarmten und abküßten. Wenn es schon der Vater dieser artvergessenen Nichtjüdin nicht fertig bringt, seiner Tochter mehr Schamgefühl beizubringen, dann gibt es vielleicht andere Deutschgesinnte in Neutrebbin, die der Gastwirtstochter klar machen, wie sich ein deutsches Mädel zu benehmen hat.

So sind die beiden also geschmäht worden und es kriecht mich die Angst an, wenn ich das lese, denn wir wissen ja, wie die Geschichte im Großen und Ganzen ausgegangen ist.

Juden in Neutrebbin, das klingt ungewohnt, aber natürlich gab es sie. Die Forschung weiß es und immerhin haben wir den kleinen jüdischen Friedhof in Groß Neuendorf sowie ein paar wenige Stolpersteine aus Messing, hier und da. Am neunten November können wir von Reinhard Schmook an der Judentreppe in Bad Freienwalde etwas über die jüdischen Bürger der Stadt erfahren und durch Hans Keilsohn ist die Tatsache, dass auch diese Landschaft jüdisches Leben hatte, sogar prominent geworden.

Trotzdem irritiert mich etwas an dem alten vergilbten Zeitungsartikel. Er offenbart eine Fratze, die ich im Oderbruch bis dahin kaum gesehen hatte: die des Nachbarn, der seinen Mitmenschen das Lebensrecht am selben Ort streitig macht. Das passt, trotz allem, nicht in das Bild, dass ich von dieser Landschaft habe.

Nun, weil es eben lange her ist, so mag man erwidern, es waren andere Zeiten. Ja, aber was ist lange? Als ich geboren wurde, lag das Kriegsende gerade 24 Jahre zurück. Viel mehr trennt uns heute nicht von der 1989er Wende. Keiner wird sagen, die läge in grauer Vorzeit.

In den Letschiner Heimatstuben finde ich ein Foto von der Maisernte im Jahre 1938. Am großen Trockenschuppen haben die Erntearbeiter die Maiskolben zu einem großen Hakenkreuz geformt, fröhlich lacht es in die Herbstsonne. Es sieht ziemlich aufwändig aus.

Auf dem Land werden die dunklen Kapitel oft noch schneller vergessen als in der Stadt, weil die Menschen Nachbarn sind. Es gibt keine anonyme Öffentlichkeit, die das  Erinnern erzwingen kann. Entscheidend ist, was zwischen dir und mir gesprochen wird. Wovon wir schweigen, das verschwindet.

Jeder nach seiner Faßon, so hieß es einst, solle hier selich werden können. In der knurrigen Art des Preußenkönigs war damit weniger die heute oft emphatisch gefeierte Toleranz bezeichnet sondern vielmehr ein pragmatisches Schulterzucken. Man sollte diese Dinge nicht so wichtig nehmen, entscheidend war das wirtschaftliche Vorankommen des jungen Staates. Diese Art Leben und leben lassen finden wir auch heute noch und man ist versucht, sie großzügig zu nennen. Manchmal ist mir ein gelassener Märker, der nicht viel Worte macht und einen in Ruhe lässt, lieber als ein eifriger Gutmensch, der seine Toleranz vor sich herträgt wie eine Trophäe. Aber kann diese Gelassenheit immer unbestimmt bleiben?

Bei einer Sommerschule zur Selbstversorgung im Oderbruch lernten wir einen Mann aus Aserbaidschan kennen, der in meinem Dorf einen kleinen Acker mit der Hand bestellte. Er mochte das deutsche Essen nicht und hatte wohl auch nicht so viel Geld. Also baute er an, was ihm zum guten Leben fehlte, fragte die Leute, ob er wohl die Walnüsse ernten dürfte, wenn sie sie nicht brauchten und kümmerte sich um das letzte bisschen Fallobst. Für die Menschen hier war er „der Russe“, weder der Name noch seine korrekte Herkunft zählte. Das ist vielleicht schade, aber immerhin konnte er in dem Dorf eine Nische besetzen. Zeit für einen Schwatz blieb ja trotzdem.

Neulich landete ein Hubschrauber in jenem Dorf. Der „Russe“ war vom Baum gefallen, offenbar hatte er einen Schlaganfall erlitten. Er starb noch am Unfallort. Ich hätte mir gern seinen Namen gemerkt und ich hätte es gekonnt, denn in der Zeitung stand eine Traueranzeige. Ich habe sie leider nicht aufgehoben.

Solche Geschichten kann man sich heute erzählen, und ich finde, es sind bessere Geschichten als jene der beiden Freundinnen in Neutrebbin. Nicht perfekt, aber besser. Aber vielleicht gab es die damals auch? Wo stehen wir, wie belastbar ist unsere märkische Großzügigkeit?

Landschaft ist geteilter Raum, es ist Platz für alle da, sofern sie sich an bestimmte Spielregeln halten. Das hätte damals in Neutrebbin gelten sollen, und es gilt auch jetzt. Vielleicht reicht es nicht, den Satz mit der Faßon und der Selichkeit als pragmatisches Schulterzucken zu geben. Vielleicht ist ein bisschen Emphase doch vonnöten, damit das auch funktioniert.

Ich habe die alte Frau angerufen, um mir ihre Geschichte noch einmal genauer erzählen zu lassen. Sie lebte inzwischen im Altersheim und es ging ihr wohl nicht so gut. Ich weiß nicht, wovon sie reden, sagte sie mir, ich weiß nichts. Ich entschuldigte mich und legte auf. Es war wohl zu spät gewesen.




P.S. Ernst-Wolfgang Schulz hat uns auf die Kolumne hin geschrieben: Der Mann aus Aserbaidschan hieß Wahid Abdullajew. "Sein Schicksal birgt noch mehr Tragik. Als er vor einigen Jahren in seiner Heimat Aserbaidschan war, ist dort sein ältester Sohn Temur gestorben. Er hat ihn dort begraben."