Lesen Sie "Tiere Essen"! Und halten Sie Schafe!

Was die industrielle Massentierhaltung mit dem ländlichen Raum zu tun hat.

Kenneth Anders, 10.11.2010

Kolumne vom 10.11.2010

Auf einem Hof mit Tieren kann es zuweilen ein bisschen improvisiert aussehen. Wer Jonathan Safran Foer gelesen hat, wird diese Unordnung zu schätzen lernen.

Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das derzeit in Deutschland viel gelesen wird. Man hätte von ihm einen dritten Roman erwarten können, aber offensichtlich war ein Thema für ihn so drängend, dass er sich für eine unverstellte und direkte Auseinandersetzung entschieden hat: „Tiere Essen“ ist ein Sachbuch über die Massentierhaltung. Drei Jahre lang hat Foer recherchiert, Menschen befragt und nachgedacht. In seinem Buch rekonstruiert er die rasante Entwicklung der industriellen Fleischproduktion und trägt Statistiken zum Verbrauch, zur Technologie der modernen Tierhaltung und den mit ihr verbundenen Umweltbelastungen zusammen. Er führt vor Augen, dass die massenhafte Konzentration tierischer Organismen nur durch permanente Antibiotikamediaktion möglich ist. Er erklärt, warum die Tierfabriken letztlich als Virenzuchtanlagen funktionieren, in denen genau jene Pandemien ausgebrütet werden, die in den letzten Jahren regelmäßig weltweite Panik verursachten. Manches davon hat man vielleicht gewusst oder geahnt, in der Zusammenschau entsteht doch ein neues Bild: Der industrielle Übergriff auf die landwirtschaftliche Produktion ist noch nicht abgeschlossen und seine langfristigen Folgen für Umwelt und Gesundheit lassen sich bislang noch gar nicht absehen. Das Kaufverhalten der Konsumenten in der reichen Welt und das Streben nach Profitmaximierung wird zu noch viel monströseren Formen der Tierproduktion führen, als wir sie bereits haben. In Foers Beschreibung wird unendliches Leid sichtbar, das wir als Fleisch konsumierende Industriegesellschaft den anderen Kreaturen zufügen. Es stellt uns an einen Abgrund. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jede industrielle Tötung nimmt in Kauf, dass immer wieder Tiere bei lebendigem Leib enthäutet und zerlegt werden, denn kein industrieller Schlachtungsprozess wird angehalten, nur weil die Tötung gescheitert ist. (Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen und jeder, der einmal in einer industriellen Schlachtung gearbeitet hat, wird das nicht leugnen können - vom Sadismus der psychisch schwer belasteten Mitarbeiter ganz zu schweigen.)

Das Besondere an "Tiere Essen" ist Foers Arbeitsweise. Vorsichtig, diskursiv und persönlich erkennbar bewegt er sich durch das Thema. Er schreibt keine Vegetarierbibel, er will es wirklich wissen. So erzählt er von den komplexen Bedeutungen des Fleischverzehrs in seiner Familie, vom Hunger der Großmutter und von ihrem späteren Glück, den Enkeln ein Hühnchen kochen zu können. Er erfasst die soziale Bedeutung des Fleischkonsums bei Festen und lässt auch die Tierliebe zum eigenen Hund als Instanz zur Sprache kommen. Aber das Wichtigste ist: Er fragt viele Menschen nach ihrer Sicht auf das Problem. "Tiere Essen" gibt die Perspektiven von Tierhaltern, Schlächtern, Veganern und politischen Aktivisten wieder. Nicht alle sind derselben Meinung. Während die einen den Konsum tierischer Erzeugnisse aus voller Überzeugung ablehnen, beharren die anderen auf der Möglichkeit, Tiere mit Respekt als Teil des menschlichen Nahrungsspektrums zu behandeln. Auf diese Weise entsteht ein Spannungsraum, in dem man als Leser gefordert wird. Und es passieren Geschichten: Da ist ein Putenzüchter, der auf artgerechte Haltung setzt, und seine Bestellbücher sind voll. Die Tiere gehören zu einer älteren, heute fast vergangenen Haustierrasse und werden in einem nahe gelegenen regionalen Schlachthof verarbeitet. Aber dieser Schlachthof wird von der Industrie aufgekauft und geschlossen. Man könnte meinen: es soll niemand sehen, dass es auch anders geht. Aus dieser Situation entsteht eine ernste Gefahr für den ambitionierten Betrieb. Ohne einen Schlachthof in der Nähe, der dazu noch akzeptable Methoden einsetzt, muss er schließen. Aber es gibt Hilfe: Ein vermögender Mann springt ein, investiert und baut einen "humanen"“ Schlachthof, in dem die Puten fortan ihr erträgliches Ende, ihre Verarbeitung, finden können. So weit so gut, wäre da nicht ein besonderer Umstand: Der Investor ist überzeugter Veganer.

Man könnte noch viel aus dem Buch von J.S. Foer erzählen. Aber lesen Sie es selbst, wenn sie es noch nicht kennen. Es ist die Lektüre wert. Und, so seltsam es klingt, obwohl so viel Furchtbares darin berichtet wird, ist es im Ganzen kein deprimierendes Buch. Es macht auf deprimierende und unhaltbare Umstände aufmerksam, aber es führt menschliche Kräfte des Argumentierens, des Mitfühlens und des Verstehens vor Augen, denen man sich beugen muss: Dieses Fleisch aus industrieller Haltung und Schlachtung ist nicht guten Gewissens essbar. Punkt.

Hat dieses Thema etwas mit unseren ländlichen Räumen zu tun? Ich denke schon. Deutschland, das weist der Autor mit viel Akribie nach, gehört in die Riege der großen Industriefleischkonsumenten. Aber gemessen an diesem riesigen Konsum wissen wir fast nichts über die Produktion und Herkunft dieses Fleisches. Es mag Sache von Kontrolleuren sein, aber die Orte, an denen es hergestellt wird, sind nicht mehr Teil unserer Umwelt. Man mag das darauf schieben, dass die Tierhaltung hier in Nordostdeutschland massiv zurückgegangen ist. Wahrscheinlich liegt es jedoch eher daran, dass die industrielle Tierproduktion ohnehin ins Verborgene abtaucht. Man soll sie nicht sehen und man soll nach Möglichkeit auch nichts von ihr wissen – das ist eines der zentralen Argumente Foers, der darauf baut, dass es jedem normalen Menschen letztlich unangenehm ist, seine Ernährung auf ein so trauriges Fundament zu stellen.

Da die ländlichen Räume auch hier wieder viel stärker für die Massentierhaltung genutzt werden sollen, fragt sich, wie diese Räume sich durch solche Inanspruchnahmen verändern werden. Betroffene Anwohner wehren sich, so etwa im Oderbruch gegen massenhafte Hähnchenmast oder in der Uckermark gegen die zentausendfache Schweinehaltung. Sie fürchten die direkten Umweltbelastungen oder sie möchten einfach nicht in der Nachbarschaft einer solchen Praxis wohnen. Diese Menschen haben ein Problem, denn sie stehen als räumlich Betroffene für sich allein. Es gibt keinen gesellschaftlichen Diskurs, der ihre Haltung stützt. Was stört  es den ökobewussten Berliner? Der wird vielleicht sein Bedauern ausdrücken, dann aber sagen: Ich esse den Mist ja nicht, also kann ich auch nichts dafür. Geht es die Städte überhaupt etwas an, was auf dem Land passiert?

Das hängt erstens davon ab, ob die Gesellschaft bei der Erzeugung von Nahrung und insbesondere bei jener von Fleisch eine bedingungslose Industrialisierung überhaupt akzeptiert. Dazu ist zu sagen: Die industriellen Methoden sind vielleicht für die Produktion von Mobiltelefonen geeignet, nicht aber für die Produktion von Schweinefleisch. Wer behauptet, die Wirklichkeit der industriellen Landwirtschaft beweise das Gegenteil, irrt, denn die gegenwärtige Praxis ist blind für ihre immensen Kosten an Umwelt, physischer und psychischer Gesundheit. Es sollte also unbedingt Thema eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses sein, auf welche Weise in unserer Landschaft überhaupt Nahrung produziert werden darf.

Zweitens hängt es davon ab, ob die Städte das Land als Teil ihrer Umwelt begreifen. Denn die industrielle Tierproduktion geht mit einem zivilgesellschaftlichen Niedergang der ländlichen Räume einher. Pointiert könnte man es so sagen: wo in den Dörfern kein Vieh mehr zu sehen ist, gibt es ein Problem. Sie degenerieren zu Wohngebieten, in denen landwirtschaftliche Arbeit gar nicht mehr akzeptiert wird. So verschwinden auch die Tiere aus dem Blickfeld. Sie stehen fortan in langen fensterlosen Hallen, in Dunkelhaltung. Die Lebensvollzüge werden ausdifferenziert und dadurch lassen sie sich immer leichter in die Logik des industriellen Wachstums einpassen. Es ist aber eine wichtige gesamtgesellschaftliche Frage, ob die Aufteilung der Landschaft in schematisch bewirtschaftete Funktionsflächen mit einer demokratischen Perspektive einer Gesellschaft vereinbar ist. Wohngebiet, Tierfabrik, Maisacker, Wellnessoase und Shoppingmall. Und was steht dahinter für eine Welt, die wir vielleicht gar nicht mehr betreten können?

Man kann die Welt so einrichten, aber wenn wir auf die Landschaft als Habitat des Menschen verzichten, verlieren wir uns selbst. Denn wir können uns dann in unserer Umwelt nicht mehr erkennen: Je nachdem, wo wir gerade sind, üben wir Teilfunktionen aus: als Angestellte, Kunden oder Erholungssuchende, aber nie als Subjekt, das auf seine elementaren staatsbürgerlichen Ansprüche an seine Umwelt verweisen kann. Wir ernähren uns dann durch eine Praxis, die wir vielleicht gar nicht gut finden, aber da wir sie nicht sehen, da sie nicht Teil unserer Umwelt ist, stochern wir im Nebel.

Auf dem Land gibt es hier und da Orte, an denen man steht und sagen könnte: Hier lebe ich. Da arbeite ich, dort ruhe ich mich aus, da drüben gehen wir im Sommer baden, dort hinten im Wald gehen wir spazieren und es wird Holz gemacht, das da ist das Gasthaus. Und hier scharren meine Hühner, dort oben gurren die Tauben und das sind die Schafe des Nachbarn, ich freue mich schon auf die Hammelkeule im nächsten Jahr. Wenn man über die Wiese läuft, tritt man sich die Schafsköttel in die Schuhsohlen, das gehört dazu. Auch in einer alten Agrarlandschaft werden die Nutzungen und Lebensvollzüge getrennt und haben ihre besonderen Platz, aber bitte unter meinen Augen! Zuletzt waren es die großen Armeen, die Teile der Landschaft dem öffentlichen Blick entzogen haben. Man sollte es nicht wieder akzeptieren.

Und die Dörfer? Vor Gericht hat ein Dorfbewohner in einem mir bekannten Dorf erfolgreich seinen Nachbarn gezwungen, seine Tauben für immer einzusperren, weil ihm die Vögel angeblich aufs Dach gekackt hatten. Ich fürchte, der Mann ist ein Trendsetter.

Deshalb: Lesen Sie "Tiere Essen"! Und halten Sie, wenn Sie auf dem Land sind, ein paar Tiere! Lassen Sie sie ein bisschen Krach machen, muhen, blöken und gackern. Und lassen Sie sie aufs Dach oder auf die Straße scheißen. Ob Sie sie dann essen oder nicht: Es ist für einen guten Zweck.