Mein Land, dein Land, wem gehört das Ackerland

Über Agrarstrukturen und Flächenbesitz.

Wolf-Peter Huth, Basta, 12.07.2010

Der Fraktionschef der Grünen im Brandenburger Landtag sieht den Geist Lenins durch die ehemaligen LPGen wandeln, ein brandenburgisches Bundestagsmitglied der CDU möchte Alteigentümer mit bis zu 100 ha Ackerland zum Vorzugspreis versorgt sehen, in Kyritz wird vom Bauernbund in Anwesenheit des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt ein Gedenkstein für die Opfer der Bodenreform eingeweiht, der Vorsitzende des Brandenburger Bauernverbandes, SPD-Mitglied und Landtagsabgeordneter, ist in dubiose Ackerlandkäufe verwickelt. In Zeiten allgemeiner Krisen gewinnen Sachwerte an Bedeutung. Die landwirtschaftliche Nutzfläche Deutschlands ist eine begrenzte Ressource, die sich durch Siedlungs- und Verkehrswegebau eher noch verringert. Längst haben Nichtlandwirte und Finanzanleger das Ackerland als Spekulationsobjekt entdeckt.

In Ostdeutschland werden immerhin noch 40% des Bodens von der BVVG (Boden Verwertungs- und Verwaltungs-GmbH) verwaltet, der nach dem Willen der Regierung in Zeiten knapper Kassen meistbietend verkauft werden soll. So betrug 2008 der durchschnittliche Hektarpreis 3707 €, die BVVG aber verkaufte ihre Flächen für 8200 € je ha. Der Verkauf von 73.000 ha brachte dem Bund 2009 494 Millionen Euro ein. (MOZ, 12.2. 2010, S. 9: „Ein Ende der Preistreiberei“).

Hier wird eine Riesenchance vertan. Das Bewirtschaften durch Verpachtung anstelle der Privatisierung würde der Gesellschaft langfristig die Mitsprache bei der Verwendung dieser lebenswichtigen Ressource ermöglichen. So könnte man Strukturpolitik machen, das Entstehen kleinerer Betriebe fördern, die direkt für den Konsumenten und nicht nach rein maximalprofitorientierten Interessen für einen mehr oder weniger imaginären und hochspekulativen Weltmarkt produzieren.

Es gibt eine Reihe von Förderprogrammen für die Vielfalt des ländlichen Raumes, aber das Hauptproduktionsmittel – das Ackerland – ist nicht zu bekommen.

Auch in unserem schönen Oderland schreitet die Amerikanisierung der Landwirtschaft weiter voran. Die errichteten Biogasanlagen begünstigen Maismonokulturen und Massentierhaltung. Ein erfolgreicher Junglandwirt, der eine Hähnchenmastanlage mit 324.000 Mastplätzen und einer jährlichen Produktion von 2,6 Millionen Tieren plant, äußerte sich dahingehend, dass er „Proteine fürs Volk“ produziere und selbstverständlich davon nichts essen werde.

Das Oderbruch war fast 100 Jahre der Gemüsegarten Berlins. Irgendwann ist Schluss mit der Transportsubventionierung von spanischem Gemüse. Dafür sollten wir uns aufstellen in großen und kleinen Strukturen. Der Bedarf an regionalen Qualitätsprodukten wächst schon heute. Der Tourismus ins Berliner Umland und das Interesse für Landwirtschaft und gesunde Lebensmittel nehmen zu.

So sollten junge Menschen, die eine vielfältige Landwirtschaft mit Direktvermarktung in der Region und nach Berlin betreiben wollen, langfristige Pachtverträge über 30 bis 50 ha erhalten. Dafür müsste ein Landfonds für regionale Projekte und Existenzgründer eingerichtet werden.

Nur eine Vielfalt von großen, mittleren und kleinen Betrieben macht den ländlichen Raum interessant und lebenswert. Die Großbetriebe, egal ob LPG-Nachfolger oder Familienbetriebe mit 1000 ha, sitzen fest im Sattel, gestärkt werden müssen flexible kleine und mittlere Betriebe. Das schafft Arbeitslätze und bewahrt die noch vorhandenen kleinbäuerlichen Traditionen und Fähigkeiten für die Zukunft. Es gibt noch altmodische Menschen, die mit kleinen Betrieben oder einer Selbstversorgerlandwirtschaft selbstbestimmt arbeiten und leben wollen und ihre Nutztiere mit Achtung behandeln. In einer Anlage mit über 300.000 Hähnchen ist das schlicht unmöglich.

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts lasen wir im Deutschunterricht der Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule Tolstois Novelle „Wie viel Erde braucht der Mensch“ über einen landhungrigen Bauern. Warum bloß geht sie mir nicht aus dem Kopf?