Alles an die Front!

Über unser Leben mit dem Wasser.

Kenneth Anders, 04.06.2010

Kolumne vom 04.06.2010

Eines muss zuerst gesagt werden: Danke. Danke allen, die sich in den letzten Wochen um die Oder und ihre Wassermassen gekümmert, ehrenamtliche oder professionelle Verantwortung wahrgenommen, sich die Nächte um die Ohren geschlagen und miteinander nach Lösungen in den vielen kleinen Ernstfällen gesucht haben. Danke den Deichläufern, der Feuerwehr und dem THW und danke auch allen Steuerzahlern für die neuen Deiche, die das eindringende Wasser so gut wieder abgeben konnten. Sie waren teuer, wir wissen das zu schätzen. Allen nochmals besten Dank!

Hoffen wir, dass uns weder die nächsten Niederschläge noch das anstehende Warthehochwasser in größere Bedrängnis bringen.

Und nun muss gesagt werden, was auch zu sagen ist.

Vor drei Jahren saß ich in Neulietzegöricke im Gasthof zum Feuchten Willi, um mit Vertretern der Gemeinde Oderaue sowie von Vereinen und Verbänden darüber zu sprechen, wie das zehnjährige Jubiläum der 1997er Oderflut zu begehen sei. Man diskutierte, ob die Dörfer gemeinsam oder einzeln feiern sollten,was alles koordiniert werden müsste. Und dann ging es darum, wie man wohl die bestmögliche Außenwirkung erzielen könnte. Welche hochrangigen Politiker würde man zu den Festivitäten an die Oder locken können? Würde Herr von Kirchbach noch einmal kommen, vielleicht sogar Altkanzler Kohl? Und wie könnte man die überregionalen Medien interessieren?

In diese Überlegungen mischte sich schließlich die Mahnung des Chefs eines im Oderbruch wichtigen Verbandes. Er äußerte, man solle die Festlichkeiten nicht nur nutzen, um zurückzuschauen. Man müsse auch nach vorne schauen. Die tägliche Entwässerung des Oderbruchs sei immer noch eine wichtige Aufgabe und auch das nächste Hochwasser müsse ersteinmal abgewehrt werden. Keines sei wie das andere und deshalb sei es nötig, dass die Öffentlichkeit auch zukünftig für diese Fragen sensibilisiert werde, denn erst das Verhalten von Vielen gewährleiste, dass die Landschaft mit dem Wasser auch weiterhin solches Glück habe, wie es uns 1997beschieden gewesen sei.

Auf diese Mahnung erhielt der Redner die unmissverständliche Antwort der Versammlungsleiterin: Eine öffentliche Thematisierung dieser Fragen sei vollkommen ausgeschlossen. Man habe genug Schwierigkeiten, die Bautätigkeit im Oderbruch wieder anzukurbeln, mit Hiobsbotschaften vom nächsten Hochwasser würden diese nur größer. Ein Regen wie 1997 trete nur einmal in 100 Jahren auf, außerdem hätten wir inzwischen die modernsten Deiche der Welt. Wenn es denn unbedingt etwas in dieser Hinsicht zu besprechen gäbe, solle dies in einer Fachtagung geschehen;für die Ohren der normalen Oderbücher seien diese Dinge nicht bestimmt. Punkt!

Schweigen am Tisch. Da dachte ich, es sei Zeit für ein gutes, vermittelndes Wort. Ich meldete mich und berichtete, dass wir gerade mit dem ZALF Müncheberg eine Wasserroute erarbeiteten, die den Zusammenhang von Land, Mensch und Wasser im Oderbruch für Radfahrer auf attraktive und leicht verständliche Weise greifbar machen sollte: Schöpfwerke und Gräben, Deiche und Siedlungsformen wurden dabei erklärt. Gefördert wurde das kleine Vorhaben von Kulturland Brandenburg, es war also auch die Landesregierung ein bisschen mit ihm Boot. Ich bot an, die Route in die Feierlichkeiten zu integrieren. Keine Panikmache, statt dessen Bildung, Aufklärung und zugleich Genuss an der geliebten Landschaft. Ein Vorschlag zur Güte!

Die Versammlung im Gasthof zum Feuchten Willi sah mich an und schwieg. Dann aber gab mir ein alter GemeindevertreterBescheid: Wenn es nach dem ZALF ginge, wären wir schon längst alle abgesoffen.

Mehr hatte er dazu nicht zu sagen, die Diskussion war zu Ende. Wir realisierten unsere Radroute, die Bürgermeister feierten, jeder für sich.

Und nun also doch schon wieder eine Vb-Wetterlage. Am Deich, so sagt man, würden die Erfahrungen von 1997 genutzt. Alles sei professioneller, eingespielter, flüssiger. Die Zusammenarbeit mit den Polen klappe besser. An der Front sozusagen, laufen die Dinge wie geschmiert. Und deshalb, so war es immer wieder in den Medien zu hören, seien die Leute im Hinterland gelassen.

So in etwa hat man sich das am Stammtisch im Feuchten Willi auch vorgestellt: Hier die verantwortungsbewussten Experten des Landesumweltamtes, die Politik und die Akteure aus den beteiligten Institutionen, dort die Bürger, die besonnen bleiben sollen, die man zur Ruhe auffordert, denen man sagt, dass es keinen Grund zur Panik gibt, die man aber auch vor Übermut warnen muss, denn die Gefahr ist noch nicht vorüber usw.
Wir haben lauter gute, sorgende Väter.

Aber was machen die Leute in der Zwischenzeit? Seit dreizehn Jahren ist nur in romantischen Erzählungen vom letzten überstandenen Hochwasser geredet worden. Wirklich weitergekommen in unserem Leben am Wasser sind wir nicht.
Nun kommt die Flut, wir gehen auf die Hochwasserportale im Internet und suchen nach Anhaltspunkten, was zu tun ist. Gehen wir sie einmal durch:

Verfolgen Sie aktuelle Wettermeldungen und Hochwasserwarnungen über regionale Rundfunk- und Fernsehsender: Das haben wir gemacht, aber die Abhängigkeit vom Medieninteresse ist zermürbend. Es wird ja nicht unterschieden, ob die Radiohörer betroffen sind oder nicht. Für Betroffene sind die allgemeinen Medieninforationen meistens viel zu ungenau.

Überprüfen und ergänzen Sie Ihre getroffenen Vorsorgemaßnahmen.Welche meinen sie? Meine Hochwasserversicherung? Freunde, die mir beim Ausräumen helfen und ein Umzugsauto? Ab wann muss ich ausräumen? Wie viel Zeit bleibt mir nach der Bekanntgabe der Evakuierung? Eine Stunde? Zehn Stunden? Die Alarmstufen haben nichts mit meiner eigenen Vorsorge zu tun. Es wäre aber hilfreich, wenn es auch für die Bewohner Warnstufen gäbe. Wenigstens einenOrientierungsrahmen für das private Hochwassermanagement!

Räumen Sie rechtzeitig gefährdete Räume aus. Welche Räume sind denn gefährdet? Es gibt im Oderbruch kein genaues Wissen über die Höhenlage der einzelnen Häuser. Ein, zwei Meter können hier alles bedeuten! Und wie hoch wird das Wasser denn steigen, wenn es kommt? In meinem Haus erinnert ein Streifen abgeriebenen Putzes an die Marke des Jahres 1947: hier schwamm die Treppe waagerecht im Flur. Die Pegel im Polder sind bei jedem Hochwasser anders, aber sie lassen sich gewiss berechnen. Es wäre es doch gut zu wissen, ob es sich überhaupt lohnt, seine Sachen auf den Dachboden zu bringen – oder ob der auch überflutet werden würde.

Dichten Sie gefährdete Türen, Fenster sowie Abflussöffnungen ab. Hat das im Oderbruch überhaupt Sinn? Die Alten erzählen, 1947 haben sie Fenster und Türen geöffnet, damit das Wasser ungehindert aus- und einströmen kann. Sollte man jetzt wirklich anfangen,Sandsäcke vor die Fenster zu legen?

Sichern Sie Heizung und elektrische Geräte in bedrohten Räumen, bzw. schalten Sie diese ab. Die Heizung! Der Strom! Alles ist im Erdgeschoss! Es gibt keine für unseren Polder angepassten Bauvorschriften, nicht einmal Empfehlungen, die den Leuten bei Neu- oder Ausbauten eine Orientierung geben, welche Anlagen besser unters Dach gelegt werden sollten. Nun ist es zu spät.

Es gibt noch mehr Hinweise für das richtige Verhalten bei Hochwasser, aber wir brechen hier ab. Die vielen offenen Fragen haben die Oderbrücher letztlich jeder für sich beantwortet. Manche räumten schon ihren Hof leer, andere warteten ab, schliefen schlecht und hätten gern ins Radio gebissen, wenn wieder nichts Genaues zu hören war.

Misstrauen bestimmte viele Gespräche, wenn es um die Biberbauten im Deich ging – ein Zielkonflikt zwischen Natur- und Hochwasserschutz, für dessen Lösung ebenfalls seit Jahren fastein Redeverbot herrscht.

Das laute Nachdenken über Überlaufbauwerkeam Deich gilt als Spinnerei. Mit solchen Bauwerken könnte man im Ernstfall gezielt Wasser in den Polder laufen lassen, und so mit einer kontrollierten Vernässung eine Katastrophe verhindern. Das würde heißen, man nimmt einen Schaden in Kauf, aber man zockt nicht.

Die wenigsten Leute haben ein Boot auf dem Hof. Viele kennen die Bedeutung der Schlafdeiche nicht. Wie die Landschaft an der Oder reguliert wird, ist nur in groben Zügen bekannt.

Wir leben nicht mit dem Wasser, wir leben dagegen.

Jeder muss in einer Flut für sich selbst Verantwortung tragen, der Staat kann einem die Sorge um Haus und Hof nicht abnehmen. Damit die einzelnen diese Verantwortung wahrnehmen können, damit sie klug und umsichtig das Richtige tun, muss auch in den trockenen Zeiten geredet werden. Wissen wächst durch Mitteilung, durch Fragen und Informationen. Der Umgang mit dem Wasser muss Teil der Lebenskultur sein. Alles, was mit dem Wasser zu tun hat, muss in die Ohren der „normalen Oderbrücher“. Stattdessen werfen wir alles an die Front: an den Deich.

Nach der Versammlung im Feuchten Willi fuhr ich auf meine Baustelle, ein altes Bauernhaus, dasich gerade sanierte. Ich stand davor und dachte kurz darüber nach, ob man den Stromverteilerkasten und die Heizung lieber unters Dach legen sollte. Es stand niemand neben mir und ermahnte mich, die Dinge ernst zu nehmen. Ohne schlechtes Gewissen schob ich die Überlegungen beiseite: zu aufwändig, zu teuer. Wird schon gut gehen.

P.S. Vielleicht sollte noch ergänzt werden, dass in der Folge des Gesprächs im Feuchten Willi in Zusammenarbeit mit dem Verein Forum Oderbruch die Oderbruchfiktionen entstanden sind.