Wir haben nur Tassen! Aber wir haben sie nicht im Schrank!

Über Lebensstandard auf dem Land.

Kenneth Anders, 21.05.2010

Kolumne vom 21.05.2010

Für uns Deutsche, die wir so gern reisen, hält die Welt viele Überraschungen bereit. Fahren sie zum Beispiel nach Tunesien und setzen sie dort auf die Kerkennah-Inseln über. Es ist eine Inselgruppe wie in einem Land-Art Projekt: Ab und zu eine Palme, sonst Sand. Folglich leben nicht viele Menschen dort, aber es gibt kleine Hotels, in denen es von früh bis spät Tintenfisch zu essen gibt – Tintenfisch ist das einzige, was man dort fangen kann. Der Fischer erzählte mir von einem Tag vor dreißig Jahren, da ging ihm ein Schwarm Thunfische ins Netz. Da war was los!

Also nur Kalamar, in vielen Variationen. Man isst, was man hat. Und es gibt ein Geschäft, in dem man alles kaufen kann, was man so braucht, natürlich übernimmt das Geschäft auch die Funktion der Post. Es ist, wie gesagt, nicht gerade aufregend in Kerkennah, aber die Leute sind entspannt und es geht ihnen nicht schlecht. Tintenfisch, Briefmarken, alles kein Problem.

Oder fahren sie nach Schweden, da hängen die alten Dorfbewohner mancherorts einen Teekessel an die Straße. Zuvor haben sie die alten Gerätschaften und Möbel aus den Bauernhöfen, die nicht mehr gebraucht werden, in einer alten Scheune oder in einem aufgelassenen Haus zusammengestellt, wie man das auch hier von den Heimatstuben kennt. Und der Teekessel zeigt an, dass man gern hereinkommen und sich alles ansehen kann und auch einen Kaffee bekommt, wenn man will. Manche backen sogar Waffeln (die besten, die es gibt) und es kostet auch nicht viel. Dafür stellt man ihnen aber gleich eine ganze Kanne hin. Trinken sie, soviel sie wollen, wir kochen auch neuen Kaffee, wenn er alle ist.

Ich könnte noch mehr Beispiele bringen, etwa aus dem benachbarten Polen, aber bei der Kaffeekanne bin ich damals stutzig geworden und deshalb komme ich lieber gleich zu Sache. Da, wo ich lebe, stellt man nämlich nicht einfach eine Kanne hin und eine Tasse dazu und sagt: Trink, bitte, es ist genug da. Das geht in Schweden und vielleicht auch in Irland aber es geht nicht hier. Ich habe es probiert.

Ich war mit Freunden in einer Pension und einer hatte Geburtstag und ich fragte, ob es möglich sei, dass wir eine ganze Kanne Kaffee bekämen und vielleicht eine Kanne Kakao dazu. Nein, bekam ich zur Antwort, das ginge nicht, hier gäbe es nur einzelne Tassen, anders ginge es nicht, allein abrechnungstechnisch, man wüsste ja nicht, wie viele Tassen in eine Kanne passen.

Ich bekam auch in einer hiesigen Fischgaststätte keine große Fischsuppe, es gab nur kleine Tassen. Wenn ich mehr Suppe wollte, müsste ich eben zwei oder drei Tassen nehmen und sie nacheinander auslöffeln. Das ginge!

Sie werden sich fragen, warum ich so auf dem Problem mit den Tassen herumhacke, aber es geht um das Prinzip, das hinter diesen schmächtigen, einzelnen Tassen steckt, die weder meinen Kaffeedurst noch meinen Hunger auf Fischsuppe stillen: Wir haben nur Tassen, anders können wir es nicht abrechnen! Dieses Prinzip, so behaupte ich, herrscht bei uns in allen Winkeln und es vernichtet die ländlichen Räume (und noch vieles mehr, aber auf dieser Seite geht es ja um die ländlichen Räume). Da muss ich natürlich erklären, wie ich das meine.

Die Idee mit der Kaffeekanne könnte nämlich auch hier funktionieren. Wir haben hier im Ort ein Heimatmuseum, das in den Sommermonaten durchaus Touristen anzieht, weil einmal Theodor Fontanes Vater Louis Henri darin gewohnt hat. Es ist liebevoll eingerichtet, eine kleine historische Attraktion. In der warmen Jahreszeit sitzen nun ABM-Kräfte in dem Haus und halten es für Besucher offen, die hier entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Reisebus vorbeischwärmen. Und also sprachen wir einmal mit unserem Bürgermeister über die Idee, die alten Herrschaften bei uns im Dorf, von denen es ja viele gibt, für eine schwedische Betreibervariante zu interessieren. Es ist ja nicht so wichtig, ob sich das letztlich rechnet, am Ende geht es ja darum, dass sich die Leute aus dem Ort hier selbst gut aufhalten können, dass sie sich zum Plausch treffen und ein Käffchen trinken und wenn noch ein Tourist kommt, na dann hereinspaziert.

Alle waren begeistert von der Idee. Es gab nur ein Problem: die Toiletten. Ach, und der Ausschank, wie ist es damit, dürfen die Rentner einfach Kaffe ausschenken? Und die Abrechnung? Es waren dann doch viele Probleme. Ach, das wird alles zu kompliziert, es hängen lauter Genehmigungen dran und wer weiß, ob es dann am Ende die Mühe lohnt. Wir haben es dann gelassen.

Jetzt denken Sie bestimmt, ich will auf die ärgerliche Bürokratie in Deutschland hinaus. Nicht ganz. Ich will darauf hinaus, dass wir mit irrigen Standards und Erwartungen an die Entwicklung unserer ländlichen Räume gehen und dass wir von den großen Apparaten in Wirtschaft, Politik, Kirche und auch in der Bürokratie auch ständig dazu angehalten werden. Wo wenige Menschen sind und wo es in absehbarer Zeit noch weniger sein werden, weil wir einen entsprechenden demografischen Trend haben, müssen wir unsere Erwartungen ändern und andere Wege gehen. Aber doch nicht weggehen!

So werden zum Beispiel die Kirchgemeinden kleiner und sie werden vielleicht einmal keine Pfarrer mehr haben oder falls doch, dann nur einen, der alle zehn Wochen einmal vorbeischaut. Das war vor zweihundert Jahren in vielen Dörfern auch nicht anders! Stattdessen verabschiedet man sich von der Kirche vor Ort – sie sei nicht zu halten, heißt es. Hektisch werden die Kassen zusammengelegt, das Selbstverwaltungsprinzip aufgegeben, die Gemeindekirchenräte entmündigt. Wofür das Ganze, wenn die Kirche am Ende nicht mehr im Dorf stattfindet?

Es sind auch weniger Kinder für die Schulen da, also werden immer wieder Schulen geschlossen. Die Schulen sollen aber für die Kinder da sein, nicht umgekehrt! Unser Schulsystem ist spätestens in der Gymnasialstufe auf riesige Agglomerationen von Kindern angewiesen, um existieren zu können. Statt diese Schulen von Jahr zu Jahr mit der Schließung zu bedrohen, sollte man lieber darüber nachdenken, kleine und flexible Schulmodelle zu ermöglichen, wie sie in aller Welt üblich sind. Was auf dem Land an Standards nicht zu leisten ist, lässt sich leicht durch die Freiheitsgrade wettmachen, die die Menschen hier haben. Ich bin sicher, die Kinder würden am Ende nicht schlechter für ihr Leben vorbereitet als in einem ausgefeilten Berliner Kurssystem.

Auch die Forstreviere werden immer größer, wir wissen ja, die Kosten. Warum aber macht es niemand so wie die Stadt Lychen? Die hat einen eigenen Stadtförster eingestellt und zwei Waldarbeiter dazu. Sie hat sich nicht gefragt, wie sie möglichst günstig aus der Sache herauskommt sondern umgekehrt, wie viele Menschen ihrer Stadt durch den Wald wohl eine Lebensgrundlage finden können. Das Land ist für die Leute da. Und weil es für den Förster finanziell ein bisschen eng werden würde, muss er auch noch den städtischen Wirtschaftshof übernehmen – so ist das eben.

Schon wird die nächste Runde der Gemeindereform eingeläutet und auch über die Kreisgebietsreform wirft ihre Schatten voraus: die Demografie, sie ist objektiv, es sind immer weniger Menschen und wir müssen Kosten sparen. Aber vielleicht wäre es stattdessen klüger, die Aufgaben der Landkreise und der Gemeinden einmal neu zu diskutieren. Was sie nicht leisten können, weil sie zu wenig Geld haben, muss auf den Prüfstand. Ein Landkreis ist kein Bezirksamt Mitte von Berlin. Man kann nicht alles haben.

Die Logik der allgemeinen Standards für Verwaltung, Bildung, Kirche, Gastronomie usw. führt dazu, dass man lieber darüber nachdenkt, ländliche Räume ganz aufzugeben, statt sie nachhaltig einzurichten. Ein Verwaltungschef im Oderbruch präsentierte mir vor Jahren einmal begeistert Auszüge aus einem Vortrag, in dem ein Raumplaner laut darüber nachgedacht hatte, ganze Dörfer aufzugeben, weil man sie nicht mehr unterhalten könne. Mutig, mutig! Mit diesem Abrüstungswissen können wir dann in der ganzen Welt hausieren gehen, wie wir es ja als Exportweltmeister schon gewohnt sind, z.B. auf die tunesische Inselgruppe Kernkennah. Wir halten den Leuten einen Vortrag, dass es sich nicht mehr lohnt, die Insel zu bewohnen und dann verkaufen wir ihnen unsere Erfahrung bei der Aufgabe von Dörfern als Entwicklungshilfe.

Für wen muss es sich eigentlich lohnen? Warum hat mir damals auf der Insel niemand etwas vorgejammert von Bevölkerungsschwund usw.? Da müssen wir noch nachhelfen.
Auf dem platten Land können die Lebensfunktionen der Menschen nicht so behandelt werden, wie in einem städtischen Ballungsraum. Das ist auch nicht nötig, denn das Leben auf dem Land bietet viele Vorteile und Freiheiten. Man muss sie nur nutzen.

Stattdessen zählen wir die Tassen.