Teilt es doch auf!

Warum Proteste auf dem Land besonders ärgerlich sind.

Kenneth Anders, 26.04.2010

Kolumne vom 26.04.2010

„Was haben die denn im Oderbruch gegen die CO2-Verpressung, da ist doch nichts los!“ So konnte man es kürzlich in Potsdam hören. Nicht nur Landespolitiker blicken verständnislos auf die renitenten Menschen im Osten. Die Frage, was die Leute dort eigentlich treiben, beschäftigt auch ganz normale Bürger. Bei einer Führung durch das Oderbruch wurde ich unlängst gefragt, warum man denn noch solchen Aufwand mit seiner Erhaltung betreibe, hier gäbe es doch keine Arbeitsplätze und deshalb sei es doch am besten, wenn man die Leute so schnell wie möglich umsiedele. Was aus dem Volksmund unverhohlen stalinistisch daherkommt, nimmt sich bei Demographen und Planern kultivierter aus: Diese Räume seien kaum mehr demokratisch verfasst, ein gefundenes Fressen für die die Rechten und nicht zuletzt für die organisierte Kriminalität. Sie seien nicht zu retten, hier müssten schmerzhafte politische Entscheidungen getroffen werden. Wie auch immer sich das Stirnrunzeln ausdrückt, diesen Perspektiven auf die ländlichen Räume Ostdeutschlands ist, neben ihrer Ignoranz, eines gemein: Die Menschen, die hier noch leben, geraten unter Legitimationsdruck. Das ist neu. Jahrelang hatte man sich mit Klagen begnügt, dass man zu viel Geld in diese Landschaften pumpe und diese sich nicht so entwickelten wie erhofft. Nun müssen sich die Regionen rechtfertigen und erklären, warum sie immer noch da sind. Die Lebensentwürfe auf dem Land selbst stehen auf dem Prüfstand: Sind sie denn sinnvoll? Sind es nicht allenfalls Nischen, die da besetzt werden? Ein Job in der Stadt, sei er auch absurd – gegenüber einem ungewissen Leben auf dem Land erklärt er sich von selbst. Das Land nervt – vor allem mit seinen ständigen Protesten, die sich ausnehmen wie eine Spielwiese von starrsinnigen Alteingesessenen und renitenten Lebenskünstlern.

Könnte man nicht für die ganzen Fördermittel ein wenig mehr Entgegenkommen verlangen, wenn es um die Interessen der Allgemeinheit geht? Wer von Transferleistungen abhängig ist, sollte kooperieren. Das gilt nicht nur für den Ausbau der Windenergie, es gilt auch für Erdgas-Pipelines, für große Grenzübergänge und Straßenbauprojekte, für Massentierhaltungsbetriebe und nicht zuletzt gilt es eben auch für das CO2. Wenn diese Landschaften schon von sich aus zu nichts mehr nütze sind, dann sollten sie eben für drängende gesellschaftliche Bedarfsfälle genutzt werden; als Endlagerstätten, zur Energiegewinnung, für den Transit. Leben will doch hier eh keiner mehr: „Im Oderbruch? Da ist doch nichts los!“

Dabei wäre alles so einfach: Das Land Brandenburg könnte sich in seine wenigen Städte zurückziehen. (Was als Stadt gelten kann, wird in einem Wettbewerb der Arroganz ausgetragen, wobei Städte wie Jüterbog, Wriezen oder Calau gar nicht erst anzutreten brauchen.) Der Rest des Landes wird in Betriebsflächen aufgeteilt: den Naturschutz findet man mit Wildnisgebieten ab, die Agrarlobby bekommt riesige Landstriche zur freien Verfügung und kann endlich wirtschaften, wie es ihr passt, für die Energieproduktion und die Entsorgung von Rückständen werden ausreichend Kippen und Halden vorgehalten, Forst und Jagd werden mit preiswerten und ausgedehnten Revierclustern ruhiggestellt. Hier noch ein Vergnügungspark und eine Tourismuszone, der Rest wird Speckgürtel. Dann ist alles aufgeteilt und es kann endlich in Ruhe durchregiert werden. Bewohnt werden die Betriebsflächen nur noch von den Mitarbeitern der Unternehmen, die sie bewirtschaften. Auf den weiten Flächen muss man sich nicht um den Erhalt der schrumpfenden Schulen zanken, weil es keine mehr gibt. Auch die Kirchen sind ein Problem los, denn wenn das Dorf nicht mehr ist, kann man endlich auch die Kirche die Kirche darin dichtmachen. Für die Einhaltung des Gewaltmonopols auf dem Land können dann die Sicherheitsservices der Flächeneigner gleich mit sorgen. Man kann technische Anlagen in die Landschaft setzen,  Braunkohle fördern, im Wald wilde Sau spielen – es wird keiner mehr da sein, der sich mit seinem ländlichen Unverstand daran stößt und so etwas wie nachhaltige Landnutzung fordert. Die Landkreise werden am besten aufgelöst, in einer letzten Kreisgebietsreform schließt man alles zusammen. Und Brandenburg könnte endlich wirtschaftlich nach vorne kommen – denn wo man sich den Raum nicht mit anderen teilen muss, können die Betriebsziele viel rationeller und effektiver verfolgt werden – man kann sie direkt an die Industrie anschließen, als riesige Freilandbetriebshallen.

Das wäre doch praktisch. Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie man die Leute aus dem Land rauskriegt. Aber dafür hatte die Frau, die ich neulich durch das Oderbruch geführt habe, ja schon eine Lösung: Umsiedeln!