IFrüher habe ich mich oft über den Ärger von Menschen gewundert, die aufgrund bestimmter Merkmale zu irgendeiner Minderheit gehörten. Oft beklagen sie sich nämlich darüber, von den anderen falsch behandelt zu werden. Zum Beispiel regen sich körperlich Behinderte immer wieder darüber auf, im öffentlichen Umgang nicht richtig ernst genommen zu werden. Fürsorge, aber auch fehlender Respekt bestimmen die sozialen Kontakte. Man sei zwar zum Beispiel querschnittsgelähmt, aber ansonsten vollkommen normal und es sei unerträglich, ständig wie jemand behandelt zu werden, der allgemein minder bemittelt sei. Ich habe im Prinzip verstanden, was diese Menschen meinten, aber ehrlich gesagt konnte ich mich nie so richtig in sie hineinversetzen.
Dabei werden Erfahrungen wie diese zu Hauf gemacht. Nicht nur Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen wird ihre Integrität manchmal abgesprochen, auch Angehörige kultureller oder religiöser Minderheiten erleben immer wieder, dass man sie für Leute hält, die man nicht ganz für voll nehmen muss. In ihrer Gegenwart wird anders gesprochen und gelacht als sonst, es kommt falsches Mitleid auf oder es wird Verständnis geheuchelt, wo eigentlich gar nichts verstanden wurde.
Und nun habe auch ich eine solche Erfahrung gemacht, weil ich ein bisschen behindert bin, durch einen einfachen Umstand: Ich lebe im Oderbruch. Das ist nicht nur ein ländlicher Raum (obwohl auch dies bald ausreicht, um Sonderzonen auszuweisen wie einst Indianerreservate) es ist darüber hinaus ein Polder. Wie der Name vermuten lässt, dieser Polder erlebt Überschwemmungen. Da er besiedelt ist, muss man diese als Katastrophe ansehen, bei der das eigene Leben wie auch das Vieh und das Haus usw. in Gefahr sind. Das alles ist allgemein bekannt. Im Prinzip weiß auch jeder, dass wir Oderbrücher deshalb Angst haben. Die Angst vor der Katastrophe ist unser täglicher Begleiter. Wir gehen aber verschieden mit ihr um.
Die einen verdrängen die Angst und leben ihr Leben scheinbar normal.
Andere kanalisieren ihre Angst und werfen all ihre Kraft auf die Verteidigung vor der Flut – auf den Deich.
Und wieder andere fragen sich, was passiert, wenn der Deich trotzdem einmal bricht und ob man dann eigentlich einen Plan hat.
Meines Erachtens gehören alle drei Reaktionsweisen zu einem gesunden Umgang mit der Angst. Man muss sie mal beiseite lassen können, man muss sie überwinden und der Gefahr mutig im Kampf begegnen und man muss auch klug sein und darüber nachdenken, wie man sich verhalten sollte, falls man den Kampf einmal verliert. Die Mischung dieser drei Strategien macht einen intakten Menschen aus und ich behaupte, sie macht auch eine intakte Kultur aus.
Jetzt haben wir aber im Oderbruch ein spezielles Problem. Das liegt daran, dass wir nie eine normale Provinz geworden sind wie der Fläming oder der Barnim, obwohl die Preußen auch dort kolonisiert haben. Wir hier im Oderbruch sind nie aus der Abhängigkeit des Staates herausgekommen. Wir sind immer im Status einer Minderheit geblieben, um die man sich besonders kümmern muss, die Deiche und das Wassermanagement hätten wir vor 250 Jahren nicht allein bezahlen können und wir können es heute auch nicht allein bezahlen. Seit des Königs großen Maßnahmen leben wir in einer Art betreutem Wohnen für eine ganze Landschaft. Man kümmert sich um uns, denn wir können es nicht allein. Uns wird eine Gnade zuteil, aber wir sind auch nicht ganz zurechnungsfähig.
Dieser Status bestimmt unsere Auseinandersetzungen mit dem Staat. Manche Oderbrücher haben sich angewöhnt, es so zu halten wie auch andere Minderheitenvertreter. Sie setzen also ihr besonderes Merkmal als politisches Instrument ein. Demnach sind wir ein besonders leicht zu verschreckendes Völkchen, das man nicht nervös machen darf, sonst drehen wir durch. Man darf zum Beispiel nicht von Hochwasser reden, dann verdrehen wir die Augen und fangen an zu schreien, so stellen sie es dar. Dem Staat sagen sie: ihr müsst weiter bezahlen, aber reden wollen wir nicht, denn wir sind traumatisiert.
Nun gehöre ich aber zu der oben beschriebenen dritten Gruppe, deren Umgang mit der Angst immer wieder darin besteht, über den ernstesten Fall nachzudenken. Das heißt nicht, dass ich „Strategie eins“ (einfach weiterleben) und „Strategie zwei“ (alles an den Deich setzen) verzichtbar finde. Im Gegenteil. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir hier Menschen haben, die den Deich bewachen und sich für seine Erhaltung und Sanierung aufopfern. Und ich bin auch froh, dass es heitere Menschen gibt, die sagen: Ich habe ne Flasche Whisky im Schrank und ne gute Versicherung, das muss reichen! Ich gebe mir auch Mühe, es diesen beiden anderen Charakteren gleichzutun, etwa, wenn ich landschaftskundliche Bildung mache und den Kindern die Bedeutung der Deiche und der Gräben mit heiterer Miene erkläre.
Aber meine grübelnde „Strategie drei“ gehört nun mal auch dazu. Und deshalb versuche ich immer wieder, über das richtige Verhalten im Katastrophenfall, über den besten Umgang mit dem Wasser, über die Notwendigkeit angepassten Bauens, über die Vorteile von Booten auf dem Hof und über allgemeine kulturelle Formen des Umgangs mit solchen Dingen ins Gespräch zu kommen.
Die beiden anderen Strategen sehen das nicht so gern, aber im Verlaufe der Zeit haben sie gelernt, dass es nicht unredlich ist. Die meisten akzeptieren es. Sie hören sich sogar meine Vorträge an, vielleicht wackeln sie ein bisschen mit dem Kopf, das ist in Ordnung.
Aber es stört natürlich jene, die den Minderheitenstatus der Oderbrücher als politisches Instrument einsetzen. Zum Beispiel gibt es einen Journalisten, der mir und meinen Mitstreitern vorwirft, wir würden die Oderbrücher verschrecken. Er zählt nur die Strategen „eins“ (ignorieren) und „zwei“ (Frontkämpfer) dazu, er setzt sie fälschlicherweise mit allen Oderbüchern gleich. Jeder, der sich anders verhält, ist erstens kein Oderbrücher und zweitens betreibt er Wehrkraftzersetzung.
Das muss man aushalten. Solche Konflikte gehören in eine Zivilgesellschaft. Und jede Minderheit muss solche Konflikte auch in sich austragen. Die einen sagen: Mir fehlt zwar das und das, aber ansonsten bin ich ganz normal und die anderen sagen: Das darfst du aber nicht laut sagen, sonst schwächst du uns! Und dann macht man sich eben doch unbeliebt.
Aber wirklich fatal wird es, wenn dann Menschen von außen kommen und mich verständnislos ansehen: Warum machst du denn Stimmung gegen die Region? Was erweist du deinen Leuten da für einen schlechten Dienst? Du redest doch deine Landschaft schlecht! Sei doch still und sei doch zufrieden damit, wie es ist! Wer weiß, wie lange der Staat das noch mitmacht, also beweg dich lieber nicht, du könntest ihn aufwecken! Du gehörst zu einer Minderheit, verlange nicht, dass wir dich wie einen normalen Menschen behandeln, der so wie andere versucht, mit seiner Angst umzugehen.
Wenn solche Ratschläge von außen kommen, fange ich wirklich an, mich zu ärgern. Ich weiß nicht einmal, ob sie gut gemeint sind. Aber gut gemeint oder nicht, es sind schlechte Ratschläge. Kein Gemeinwesen sollte auf das Fragen und Vorsorgen der Leute verzichten, auch wenn es unberufen kommt. Wenn es kracht, gibt es einen Katastrophenstab, der muss schnell handeln und nicht lang palavern – das ist richtig. Aber vorher und nachher sind alle dran, jene mit Handicap und jene ohne Handicap. Sie haben alle die Aufgabe und das Recht, sich Sorgen zu machen. Und wenn man sich darüber beklagt, das Oderbruch wimmele von lauter selbst ernannten Experten, dann hat das einen einfachen Grund: In Bezug auf sein Leben ist nun mal jeder ein Experte. Die Frage ist nur, ob man ein schlauer oder ein dummer Experte ist, einer, der lernfähig ist oder einer, der renitent ist. Darauf kommt es an. Und deshalb müssen wir reden!