Rehe, Biber und Politik

Spielregeln der großen Welt im Kleinen, ob man sie mag oder nicht

Kenneth Anders, 28.03.2012

Kolumne vom 28.03.2012

Spätsommer 2010, am Oderdeich werden Biberschutzmatten verlegt. Ob es hilft? Alle sind sich unsicher. Aber in der Politik darf man das eigentlich gar nicht sagen.

Neulich habe ich das Dilemma heutiger Politik so klar vor Augen gehabt, als sei ich selbst... doch dazu später. Es war eigentlich eine Kleinigkeit, aber die große Welt spiegelt sich im Kleinen. Es ging um den Friedhof in unserem Dorf und um die Rehe. Nichts Politisches, sollte man denken. Aber irgendwie dann doch. Und zwar war das so.

Seit vielen Jahren bin ich jetzt Vorsitzender des kleinen Gemeindekirchenrates einer sehr kleinen Kirchgemeinde. Ein nettes, kleines Ehrenamt, sollte man denken, gäbe es da nicht, vom demografischen Wandel und dem ungewissen Schicksal der Kirche auf dem Land einmal abgesehen, einen scheinbar gewöhnlichen Umstand: Unsere Gemeinde hat einen großen Friedhof zu betreuen. Das ist nichts Seltenes, aber unser Friedhof ist irgendwie ein großes Thema. Ständig stellt er die Gemeinde und überhaupt die Leute im Dorf vor Zerreißproben: Die einen wollen die Laubbäume fällen, Rillen in den immer sandiger werdenden Boden harken und alles mit Scheinzypressen und Blautannen bepflanzen, die anderen schätzen gerade den parkartigen Charakter der Anlage, aus der die friderizianische Kirche so schmuck hervorleuchtet. Die einen sagen, der Zustand des Fontanegrabes (es handelt sich um Louis Henri, Theodors Vater, in dessen Grabstein lustiger- und fälschlicherweise der Name „Hanri“ gemeißelt ist) sei „eine Schande“. Andere sagen, naja, das ist doch ein netter, schlichter Stein. Die einen leiden unter der Verwahrlosung aufgegebener Gräber, die anderen nehmen es als Gang der Dinge. Die einen wollen die alten Kastanien abhauen („Wenn da mal ein Ast runterkommt!“) die anderen wehren ab und holen einen Baumgutachter. Zweimal im Jahr gibt es einen dorfweiten Arbeitseinsatz, an dem Dorfbewohner beider Parteien teilnehmen, aber das ändert nichts daran, dass viele anstrengende Auseinandersetzungen um den Friedhof ausgetragen werden und dass es leider auch keinen Fortschritt gibt, weder in Bezug auf die „Leitbilder“ noch in Bezug auf das „Management“. Der Friedhof ist der Brennpunkt unserer dörflichen Selbstorganisation (schon das ist irgendwie schade) und zugleich unser wichtigster Zankapfel.

Man kann versuchen, das positiv zu sehen, das habe ich lange versucht. Zum Beispiel habe ich eine große Baumfällung organsiert, die einen Kompromiss enthielt: Die wilden Robinien kamen herunter, damit man die Kirche wieder vom Bruch aus am Berg leuchten sehen konnte, die alte Linde kam herunter, weil sie schadhaft war und Ängste vor einer Zerstörung der Gräber laut wurden. Ein Nachbar zeigte uns an, aber ich hatte vorher eine Genehmigung eingeholt. Und ich pflanzte nach, eisern um die Standorte der jungen Bäume feilschend; Eschen, Linden, Ahorne. Bis auf einen sind alle zehn Bäume angegangen. Bei der Pflanzung hatte ich mir an alten Glasscherben in der Komposterde, die von den Gläsern der Friedhofsblumen herrühren (sehr zum Ärger der „ordentlichen Fraktion“)  die Hand aufgeschnitten. Jedenfalls ist der Berghang, an dem der Friedhof liegt, seitdem frei und wir kämpfen Jahr für Jahr gegen den Stockausschlag aus Robinie und Flieder.

Aber trotz aller Sympathie für den Wegebau mit ausrangierten Grabsteinen, für billige Lösungen beim Zaunbau mit frisch geschlagenen Robinienstämmen und für den Schutz von Wasserleitungen mittels Wünschelruten, hatte ich nach acht Jahren genug. Denn unsere Küsterin war gestorben und Willi (dieser und alle anderen Namen wurden von der Redaktion geändert) zieht sich immer mehr zurück - er hatte bis dahin die meiste Verantwortung für den Friedhof übernommen. Es ist das Alter, es ist die Hüfte, aber es ist auch eine zunehmende Bitterkeit, die sich bei ihm bemerkbar macht, denn die Dinge entwickeln sich nicht so, wie er sich das gewünscht hatte. Neulich sagte Willi zu mir, für unseren Friedhof müsse man sich, verglichen mit anderen Friedhöfen, schämen. Oft sagt er: Ich sage nüscht mehr! Wie dem auch sei, Willi zieht sich langsam aber sicher zurück.

Nun dachte ich, wir machen eine Gemeindeversammlung zum Thema Friedhof. Es interessiert die Leute nun mal, also können wir doch besprechen, wie wir das zukünftig organisieren und ein bisschen darüber reden, wie der Friedhof mal aussehen soll. Im Moment differenziert er sich in Zonen aus, hier wird intensiviert, dort wird extensiviert, wo soll das hinführen? Dazu kommen praktische Probleme. Rehe springen über den Zaun und fressen die Grabbepflanzung. Die alten Steine der Grabstellen brauchen einen Rütteltest. Im Herbst muss das Wasser abgestellt werden. Die Bänke in der Leichenhalle sind wurmstichig, von der Holzklappe, über die früher die Särge nach oben gefahren wurden (längst außer Betrieb), ganz zu schweigen.

Die Leute kamen und ich hielt also eine kleine Rede: Wir brauchen eine Art Friedhofsgärtner, einen, der das informelle Amt von Willi übernimmt. Er muss nicht unbedingt selbst Hand anlegen, aber er muss mit den Leuten reden, die wichtigen Fragen sammeln und sie dann mit dem Ältestenrat zusammen angehen. Das Wasser im Herbst abstellen und im Frühjahr wieder anstellen. Mal mit Herrn Dornberg reden, der übrigens freiwillig den Rasen mäht, weil seine Eltern hier begraben liegen und er selbst vielleicht auch einmal. Einen neuen Grasmäher haben wir ja nun schon gekauft. So jemand muss doch im Dorf zu finden sein, sagte ich. Seit Jahren reden wir im Gemeindekirchenrat nun bei jeder Sitzung über den Friedhof. Ich finde die Sorge um eine Kultur des Umgangs mit dem Tod wichtig, aber das geht zu weit. Die Anlage nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Statt ständig über den Friedhof zu reden, wäre es wichtiger, über die Zukunft nachzudenken, Konzerte zu planen, Feste zu feiern, Rüstzeiten zu organisieren und Partnergemeinden aufzusuchen. Wir müssen unsere Friedhofsbewirtschaftung ändern. Sagte ich.

Mir gegenüber saß Frau Schmuck. Sie hatte mich die ganze Zeit über verschmitzt und freundlich angesehen und als ich nun der Gemeinde das Wort erteilte, meldete sie sich zu Wort und sagte in aller Ruhe und immer noch ganz freundlich: Es ist ja nur wegen der Rehe. Sie springen über den Zaun und fressen die Stiefmütterchen. Der Zaun muss erhöht werden.

Das war ihr einziges Anliegen. Und sie hatte damit gewonnen. Den Rest des Abends sprachen wir nur noch über den Zaun und nicht über die Organisation der Friedhofsbetreuung. Auch noch darüber, warum Herr Dörnberg nicht auch an dem und dem Grab mäht. Und ob man nicht mal das Fontanegrab anders gestalten sollte. Oder wie man bei den Grabsteinen der alten Pfarrer, die seit Hundert Jahren dort liegen, mit Goldbronze die Buchstaben nachmalen könnte. Alle Versuche, das Gespräch bei der Versammlung im Verlaufe des Abends wieder auf die Nachhaltigkeit unseres Friedhofsregimes zu bringen, scheiterten. Es kam nicht mal der Hauch einer Idee auf, wer von unseren Dorfbewohnern sich darum kümmern könnte.

Zugegeben, ich habe mich ein bisschen über die Sturheit von Frau Schmuck geärgert und auch die anderen hatten wenig Konstruktives beigetragen. Aber man muss sich vor Augen führen, welcher systemische Konflikt hinter der Sache steht. Frau Schuck will nicht mit mir über die Organisation des Friedhofs reden, sie ist der Meinung, es sei meine Aufgabe, das mit dem Reh zu regeln, wie ich das mache, ist ihr egal. Und ich kann hundertmal sagen, dass ich auch keine befriedigende Lösung für die Rehe und die Stiefmütterchen habe, das akzeptiert sie nicht. Sie wird es nie akzeptieren. Es ist mein Job, solange ich Vorsitzender dieses Gemeindekirchenrates bin. Wie ich das löse, ist ihr egal.

Und genauso ergeht es Menschen im politischen System. Man gesteht ihnen nicht zu, dass sie sich hinstellen, und sagen: Ich weiß es nicht, sagt ihr mir, wie ich es machen soll!

Jetzt kann man eigentlich nur an einen denken. Er heißt Prof. Dr. Matthias Freude und ist Leiter des Brandenburgischen Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Er ist kein Politiker, aber er agiert in einem politischen Raum. Sein Amt hat Schwierigkeiten mit dem Bibermanagement. Die Tiere wandern ein, sie stauen Gräben in unserer hochmeliorierten Landschaft an, sie buddeln sich im Hochwasserfall in den Deich, sie knabbern die letzten Bäume in der ausgeräumten Gegend ab, sie unterhöhlen die Wege, sie sind, um es mit einem menschlichem Ausdruck zu bezeichnen, sehr frech. Sie bringen die Leute auf die Palme, ob man das nun gut findet, oder nicht. Wahrscheinlich hat Herr Freude auch noch Mitarbeiter, die die Extensivierungsarbeit des Bibers im Oderbruch stillschweigend begrüßen. Aber das ist eine Unterstellung, lassen wir das.

Es gibt hier ein echtes Problem, denn obwohl Herrn Freude im Oderbruch „Biberzucht“ vorgeworfen wird, ist die europäische Populationsdynamik des Bibers nicht so leicht zu steuern. Wer immer auf das Umweltamt schimpft, sollte bedenken, dass bei der letzten Ausrottung des Bibers tausende von Menschen in der Landschaft gearbeitet, gepflügt, gegrubbert und den Biber gestört haben. Heute beschäftigen die Landwirte nur noch eine Handvoll Leute. Die können den Biber nicht in Schach halten, jedenfalls nicht, wenn sie auch noch Trecker fahren sollen. Es ist ein bisschen verlogen, dass die wütenden Bibergegner im Oderbruch diesen Umstand verschweigen.

Ich will damit nur sagen, dass ich Herrn Freude verstehe, die Sache ist nicht so einfach, zumal es auch noch Gesetze gibt. Er steht zwischen Baum und Borke, Gesetz und Handeln, Biberfreunden und Bibergegnern. Und beide Seiten spielen nicht ganz mit sauberen Karten. Aber trotzdem.

Wer Verantwortung für eine Sache hat, der hat sie. Er ist frei, sie abzugeben, an andere, die sich das zutrauen, er ist frei, auszuprobieren, wie man die Sache am besten gestalten kann, wie man die Probleme löst, er kann sich für Lösungen einsetzen, die er sich ausgedacht hat oder die ihm seine Experten empfehlen. Aber er ist nicht frei zusagen: Ich weiß es auch nicht, sagt ihr mir, wie ich es machen soll! Dieses Register wird ihm niemand zubilligen. 

Ich jedenfalls werde kein zweites Mal vor die Gemeinde mit ihrem Friedhof treten und die Leute auffordern, etwas zu lösen, das aus der gegenwärtigen Praxis heraus nicht lösbar ist. Beim nächsten Mal habe ich entweder einen Friedhofsgärtner in petto, oder ich trete zurück. Oder mir ist etwas anderes eigefallen, etwa eine Firma, die aus horrenden Grabgebühren bezahlt wird, was alle ärgern würde, aber dann könnten sie mich ja abwählen. Oder ich entscheide mich, das Lamento über die Rehe und die Rasenmahd und die alten Gräber und die Bäume weiter auszuhalten und mich durchzuwursteln. Oder ich stelle mich selbst als Rehscheuche auf den herrlichen Prallhang an der alten Oder. Ich weiß es noch nicht, aber das werde ich Frau Schmuck nur persönlich sagen, nicht in einer Versammlung, nicht öffentlich. So sind die Spieregeln.