Was sagen Landwirte zum Glyphosat-Einsatz?

 

13.06.2018

Ein Rechercheteam hat in diesem Jahr für das Jahresthema des Oderbruch Museums Altranft etwa 25 Landwirte über ihre Praxis, ihre Erfahrungen und Sichtweisen befragt. Geachtet wurde auf unterschiedliche Betriebsformen, Spezialisierungen und Betriebsgrößen. Alle angefragten Landwirtschaftsbetriebe, ausgenommen die Nachfolgegesellschaft der KTG Agrar, gingen auf die Gesprächsanfragen bereitwillig ein und investierten viel Zeit in die Erstellung und Abstimmung der auf ihrer Basis erstellten Texte.
Manche Landwirte äußerten sich auch explizit zum Thema Glyphosat, da wir sie gezielt darauf ansprachen. Da das Thema derzeit in aller Munde ist, haben wir eine Auswahl der Statements zusammengestellt, die wir hier unkommentiert wiedergeben.
Nur eine Anmerkung: Deutlich wird, dass die Landwirte das Thema nicht ganz gleich bewerten. Wir haben wenige ökologische Betriebe im Oderbruch, allerdings nur wenige im Feldbau. Dies hängt mit den fruchtbaren, aber schweren Böden zusammen. Ihre Bearbeitung ist nicht nur energieaufwändig, sie ist darüber hinaus auch nur in ganz kleinen Zeitfenstern möglich. Der sogenannte Minutenboden kann nicht bearbeitet werden, wenn er zu feucht ist, man gefährdet dann die Bodenstruktur und hat auch hinterher keinen vernünftig bestellten Acker. Aber auch bei Trockenheit kann der Boden nicht bearbeitet werden, weil er extrem hart und rissig wird. Also geraten die Landwirte unter extremen, meist vom Wetter befeuerten Zeitdruck, der mit feldbaulicher Kunst, hohem Fingerspitzengefühl und sehr ungewöhnlicher Arbeitszeitverteilung bewältigt wird – und eben auch durch effektive Maschinen und Agrochemikalien. In dieses Spannungsfeld sollte man die Aussagen der Landwirte einordnen.
Olaf Stöhr: „Sorgen hat man als Landwirt derzeit mit dem Getreidepreis. Der ist momentan so niedrig wie nie. Wir hatten noch vor acht Jahren einen Preis von 240 Euro pro Tonne. Jetzt liegen wir bei 160 bis 170 Euro pro Tonne. … Wir arbeiten … mit Pflanzenschutzmitteln und verschiedenen Düngern. Wir nutzen die ganze Palette, die als Hilfsmittel für die Landwirtschaft zur Verfügung steht. Auch hier reden wir über Einkommen. Wenn die Gesellschaft fordert, dass wir weniger Dünge- und Pflanzenschutzmittel einsetzen, wir also einige Sachen nicht mehr machen dürfen und sich der Arbeitsaufwand damit erhöht, dann sind für uns damit Einkommensverluste verbunden und wir müssen über die Kompensation reden. Früher sind die Leute durch die Felder gegangen und haben den Windhalm aus dem Getreide gehackt. Die haben Disteln ausgestochen. Mit der Hand. So wurde Pflanzenschutz betrieben. Wer soll das heute machen und vor allem bezahlen! Ertragssenkende Maßnahmen, die man vielleicht gern ausprobieren möchte, so aus dem Bauchgefühl heraus, können wir uns nicht leisten.“

Andreas Schmidt-Frielinghaus: „Die konventionellen Bauern würden z.B. ohne Glyphosat besser dastehen. Sie würden zwar weniger ernten, aber dafür hätten sie diese Kosten nicht. Es müsste dann aber der ganze Wirtschaftsraum z.B. ohne Glyphosat produzieren – also unser polnischer Kollege sollte nicht lachend an uns vorüberfahren können! Wir müssen derzeit auf dem Weltmarkt mit amerikanischen Bauern konkurrieren, die zwölf Liter Glyphosat auf den Hektar einsetzen. Aber das wird  dem Bürger nicht gesagt, was er da isst, wenn er sich einen Hamburger kauft und ein Weizenbrötchen zwischen den Zähnen hat, das von einem so gespritzten Feld kommt. Wir setzen im Durchschnitt vielleicht 1,5 Liter auf den Hektar ein, beschränken uns an vielen Stellen auf Randbereiche, wenn die Fruchtfolgen in der Nachbarschaft nicht in Ordnung sind, oder wir machen auch mal ein Jahr gar nichts. …Dabei ist es immer das Gleiche: Man prügelt auf die Landwirte ein, aber man nennt gar nicht die wahren Profiteure. Wenn das Mittel nun verboten wird, kauft man sein Herbizid nicht mehr für 2,80 € sondern muss sich ein Gräsermittel für 38 € holen – fantastisch! In der Öffentlichkeit vermeidet man es auch, die Zwangslage darzustellen, in der sich jeder Landwirt befindet – auch die biologischen. Denn alle stehen den Nahrungsmittelmonopolen gegenüber. Ich habe im Studium gelernt: Fünf Prozent mehr Kartoffeln auf dem Markt machen fünfzig Prozent Preisverfall aus. Das gilt bis heute. Und es wird auch die biologischen Betriebe gefährden, je mehr Betriebe ihre Wirtschaftsweise umstellen. Wir müssen uns das Fleisch aus den Rippen schneiden, damit andere Exportüberschüsse erzielen können. Mir ist sehr wohl bewusst, dass die afrikanische Mutter, statt zu stillen, das europäische  Milchpulver für ihr Baby in der Pfütze anrührt oder dass sich der afrikanische Bauer erhängt, weil er nicht von seiner Arbeit leben kann.“

Joachim Schulz: „Glyphosat gibt es schon sehr lange. Aber früher war es sehr teuer, und mit den Jahren ist es erschwinglich geworden. Als wir unseren Betrieb aufbauten, kostete der Liter 30 DM. Heute liegt der Literpreis bei drei Euro. Ohne Glyphosat haben wir zu LPG-Zeiten gearbeitet. Damals wurde der gesamte Unkrautdruck mit Ackergeräten bewältigt. Es wurde gepflügt, geschält und gegrubbert, solange, bis der Acker sauber war. In den 1960er Jahren kamen die Spritzmittel auf. Es gab da als Pflanzenschutz ein Pulver, mit dem mein Vater hantierte, und Pflanzenschutzspritzen, die man mit Pferden zog. Vorher ging man nochmal durchs Feld und zog Disteln oder stach sie mit dem Distelstecher aus. Auch Kornblumen wurden ausgepflückt. Und Rüben wurden mit der Hand gehackt. Es gab den „Pflichtmorgen“, das war die Fläche Rübenacker, die jedes LPG-Mitglied hacken musste. Meine Mutter bewältigte 12 bis 13 Morgen. Dazu gingen die Frauen schon morgens um vier Uhr aufs Feld, um nicht in der Hitze arbeiten zu müssen.“

Ulrich Leupelt: „Im Kern geht es …darum, so anzubauen, dass man die Menge der Spritzmittel reduzieren kann. Das bedeutet weniger Kosten und mehr Arbeitsaufwand. Es bedeutet auch, neue Methoden auszuprobieren. Es gibt da viele Möglichkeiten: Auf Monokulturen zu verzichten und mit Fruchtfolgen zu arbeiten, ist ein Schritt in diese Richtung. Wer immer nur eine Frucht anbaut, züchtet förmlich Unkräuter, die er ohne massiven Einsatz von Herbiziden nie wieder loswird. Wir sehen zu, dass wir möglichst gut mit Fruchtfolgen arbeiten. Glyphosat setzen wir seit längerem nur in „Notfällen“ ein: Gegen Queckennester zum Beispiel hilft nicht viel anderes. Aber es gibt Landwirte, die spritzen drei Mal im Jahr Glyphosat auf den selben Schlag. Manche nehmen es, um vor der Getreideernte den Halm abzutöten, sodass das Ernten leichter geht. Wir machen das nicht und ernten den Weizen vom Halm, der manchmal noch saftig ist, – und das ist aufwändiger. Ich glaube nicht daran, dass sich Glyphosat so vollständig abbaut, wie behauptet wird. Mein Eindruck ist, dass es die Pflanzen, die ich danach säe, in ihrem Wachstum behindert. Auch gegen Schädlinge gibt es andere Mittel als die chemischen Insektizide: Zum Beispiel arbeiten wir teilweise mit Milchsäurebakterien, die nicht giftig sind und die Schädlinge vergrämen.“

Tommy Bogdain: „Der Stellenwert des Landwirtes in der Gesellschaft sinkt und sinkt, seit Jahren. Das ärgert mich sehr, denn daran hat auch die aktuelle Medienmache einen großen Anteil. In den Berichten geht es nur noch um große Überschriften und Sensationsmitteilungen. Das merkt man besonders am Thema „Glyphosat“. Dabei ist die durch die Medien verbreitete Meinung oft irrational, gefühlsgeleitet und durch wissenschaftliche Studien schwer zu belegen. Selbst wann man kritisch an das Thema herangeht, bis heute gibt es keinen wirklichen Beweis, dass Glyphosat krebserregend ist. Die Stimmung ist mittlerweile dermaßen angespannt, dass Landwirtskinder in den Schulen gemobbt werden. Die Mitschüler tragen die Meinung ihrer Eltern knallhart weiter: „Glyphosat ist blöd, der Landwirt ist blöd, du bist blöd.“. Die meisten Kinder wissen heute überhaupt nichts mehr über die Landwirtschaft, die haben damit aus eigener Erfahrung null zu tun. Das war vor 50 Jahren noch ganz anders. Aber wehe wenn heute ein Bericht im Fernsehen kommt, wo gezeigt wird, wie ein Schwein geschlachtet wird. Eigentlich müsste das Fach Ernährungskunde in der Schule eingeführt werden, wo erklärt wird, wie das Brot überhaupt auf den Teller kommt. Oder das Schwein auf den Grill. Und zwar unvoreingenommen und ohne Scheuklappen, ähnlich wie es im Religionsunterricht gemacht wird. Ein neutraler, vergleichender Unterricht, das fände ich gut: Das ist Vegan oder Vegetarisch, so läuft das mit dem Fleisch, das ist Bio und so weiter.
Was habe ich mir schon alles anhören müssen. Jeder der noch mit Landwirtschaft zu tun hat, ist einer ständigen Fragerei und einem Kampf ausgesetzt weil alle voreingenommen sind und sagen: „Na, spritzt du schon wieder Glyphosat? Warum machst du denn das? Das kann doch nicht sein.“ Heute kriegt man oft die Konfrontation ins Gesicht obwohl alle mehr davon hätten, wenn wir uns nicht immer nur feindlich gegenüberstehen würden. Ich habe auch schon ganz tolle Gespräche geführt, mit Menschen, die konstruktiv hinterfragen ohne gleich alles niederzureißen. Es gibt nicht nur gut und böse, dazwischen muss Platz bleiben für die Feinheiten. Und das wünsche ich mir von denen, die mit mir diskutieren.“