Wenn man den anderen etwas schuldig bleibt

Gedanken beim Lesen alter Heimatkalender

Kenneth Anders, 23.03.2018

Alle zwei, drei Jahre nehme ich mir die alten Heimatkalender für den Kreis Freienwalde vor, um zu einem bestimmten Thema zu recherchieren. Man findet hier unglaublich viel: Informationen zur Landwirtschaftsgeschichte, zum Wasserbau, zur regionalen Kultur, zu wichtigen Baudenkmalen und vor allem und immer wieder zu einschneidenden Veränderungen der Landschaft. Man trifft auch alte Bekannte, die als handelnde Personen in den Texten auftreten. Manche, wie Kurt Kretschmann oder Hildegard Schumacher, sind gestorben. Aber mache sind heute immer noch unter uns und erstaunlich viele sind auch noch aktiv. Es ist schön, von Joachim Wurl als Feldbauleiter zu lesen und ihn immer noch in Altranft auf den Feldern zu sehen. Vor allem aber trifft man in den Heften auf sehr fleißige Autoren. Einige, wie Konrad Gründler oder Hans Ohnesorge, habe ich nicht mehr kennengelernt, aber andere schon. Und auch hier bin ich immer wieder erstaunt, über wie lange Zeit diese Menschen ihre Region schreibend begleitet haben. Jahrzehnte lang, unermüdlich und qualifiziert.

Nach einer Weile überkommt mich beim Lesen ein Schwindel, weil ich die Fülle kaum verarbeiten kann. Diese Menschen wissen so viel und sie haben dieses Wissen unermüdlich preisgegeben und tun dies oft bis heute! In beinahe jedem Heft ist ein Artikel von Peter Trömel zur Wasserbaugeschichte. Immer wieder finden sich Fotos und Texte von Ernst-Otto Denk oder Ulrich Frischmuth, Berichte von Ingrid Linke und von vielen anderen. Und in beinahe jedem Jahr gibt es Beiträge von Reinhard Schmook.

Wenn ich diese Texte lese, frage ich mich oft, ob man dem Wirken dieser Menschen – der handelnden Personen in den Texten und der schreibenden Autoren – überhaupt gerecht werden kann. Ich glaube, man kann es nicht. Ich fürchte, es wird niemand je wieder so viel regionalgeschichtliches Wissen akkumulieren wie sie. Dieser drohende Verlust macht mich beklommen.

Bei der Lektüre zeigt sich zudem, dass die DDR eine in Bezug auf die Heimatkultur spezielle Zeit war. Einerseits herrschte eine unerträgliche Gängelei, was aus vielen Beiträgen der Heimatkalender überdeutlich hervorgeht. Der Druck, sich der Partei und dem Staat gegenüber loyal und möglichst dankbar zu verhalten, war groß. Ich habe z.B. ein Heft im Regal, in dem eine unbekannte Person unwirsche handschriftliche Randbemerkungen an den Texten hinterlassen hat. Bei einem Text von Vera Wesner wird bemängelt: „Politische Aussage für Gegenwart verschenkt!“. Und bei Reinhard Schmooks Text über die Geschichte der Stadt Wriezen wird kritisiert, das seien doch nur Fakten, es fehle die wertende Aussage und überhaupt müsste die Rolle der SED herausgearbeitet werden! Das liest sich heute fast komisch, aber ich weiß noch, dass es damals nicht so lustig war.

Umso mehr muss man nun aber anerkennen, wie sehr zumindest die beständigen Autoren um „redaktionelle Integrität“ bemüht waren. So drückte es Konrad Gründler in einem Vorwort aus. Da wird schon mal notgedrungen oder aus Überzeugung (wer weiß das schon) eine Phrase gedroschen, aber alles in allem kann man diese sorgfältigen Texte auch heute noch mit Gewinn lesen. Es wird eine hohe Durchdringung der regionalen Kultur spürbar, von der ich, wie gesagt, nicht weiß, wer sie eigentlich weitertragen soll und kann.

Wenn ich mir das durch den Kopf gehen lasse, wird mir ein Dilemma mit den neu in ländliche Gegenden kommenden Menschen deutlich. Sie kommen zum Beispiel hier heraus ins Oderbruch und wollen ja nun auch etwas bewirken, aber sie eignen sich das, was da schon gewachsen ist, kaum an. Nein, sie wollen etwas Neues und Eigenes machen! Und dann verlangen sie auch noch Unterstützung dafür – und zwar genau von jenen, die die regionale Kultur bisher tragen und dafür unermüdlich arbeiten. Diese sollen nun bei den neuen Initiativen mitmachen – nicht umgekehrt. Eine solche Erwartungshaltung muss, so denke ich heute, für die bereits hier verankerten und engagierten Leute schwer zu ertragen sein. Und ich vermute, dass auch ich auf diese Menschen immer mal wieder so gewirkt haben muss oder vielleicht auch heute noch wirke. Statt das fortzuführen, was andere aufgebaut haben, nerve ich mit eigenen Projekten, ohne richtig Ahnung zu haben. So wird es ihnen erscheinen und es ist vielleicht nicht unberechtigt. Das ist kein schöner Gedanke.

Inzwischen bin ich seit fast fünfundzwanzig Jahren im Oderbruch unterwegs und stelle fest, dass ich auch selbst immer öfter solche Begegnungen habe. Es kommen neue Leute mit viel Selbstvertrauen. Sie erklären mir, wie sie hier mal frischen Wind reinbringen wollen und dass ja hier nichts los ist. Und dann wollen sie, dass ich ihnen helfe. Und ich weiche stirnrunzelnd zurück.

Ich habe mich gefragt, ob ich Konkurrenz fürchte. Nein, die fürchte ich nicht, ich habe mir tief ins Herz gesehen. Ich bin, um es offen zu sagen, einfach genervt. Ich kann nicht verstehen, wie jemand so locker, flockig daher kommen kann, ohne sich das Wissen angeeignet zu haben, das man braucht, um die Dinge hier beurteilen zu können. Aber nur genervt zu sein ist natürlich keine Lösung.

Ich habe aber für dieses Dilemma keine Lösung. Ich meine, dem, was Menschen über ihre Heimat wissen und in sie investiert haben, kann man tatsächlich nicht gerecht werden. Das betrifft die heute aktiven Regionalhistoriker genauso wie jene der vorherigen Generation – bei dem, was Rudolf Schmidt zusammengetragen hat, kann einem ja auch schwindelg werden. Was immer man auch tut, man bleibt diesen Menschen etwas schuldig. Das muss man wissen. Und umgekehrt, wenn nun Leute zu mir kommen und Unterstützung wollen, werde ich diesen Menschen auch etwas schuldig bleiben. Ich kann das Neue, das sie möglicherweise in die Welt bringen, nicht gänzlich ergreifen, denn ich habe meinen eigenen Prozess. Ich will noch etwas fertig kriegen, nach Möglichkeit, in meinem Leben. Ich kann nicht alles stehen und liegen lassen und nun bei denen einsteigen. Das geht nicht.

Aber wenn beide Seiten wissen, dass sie sich etwas schuldig bleiben? Dann könnte es vielleicht doch klappen, dass einige Dinge weitergehen und weitergetragen werden? Dass alle zusammen, über die Zeiten und Generationen hinweg, an einer Kultur arbeiten – oder einer Heimat – wenn auch in unterschiedlichen Formen? Das wäre doch schön. Es ist aber, das wird mir dabei klar, für alle Beteiligten eine Übung in Demut.