Schönheit durch Mangel

Über Subsistenzwirtschaft XV

Kenneth Anders, 30.11.2017

Heute beginnen wir ausnahmsweise mit der Natur. Ich habe nicht so viel Ahnung von ihr, aber in diesem Zusammenhang scheint es geboten.

Nehmen wir eine große trockene, nährstoffarme Fläche, eher sandig und kuppig. Man möchte meinen, die Pflanzen- und Insektenwelt auf dieser Fläche müsste kümmerlich ausfallen. In gewisser Hinsicht, nämlich in Bezug auf die Biomasse, stimmt das auch. So ein Trockenrasen gibt nicht viel Heu, das muss man zugeben. Er ist keine fette Wiese. Aber in Bezug auf sein Erscheinungsbild ist er alles andere als karg. Eine enorme Vielfalt an Blüten ist dort zu finden – und ebenso vielfältige blütenverliebte Insekten schwirren auf ihnen herum. Man sieht tausend Farben und Formen. Dass auf so einem armen Standort eine solche Pracht entstehen kann, erscheint beinahe wie ein Wunder.

Tatsächlich kann der Mangel in der Natur zur Triebkraft einer einfallsreichen Schöpfung werden. Die Pflanzen und Tiere müssen sich, um zu überleben, in ihrem Spezialistentum geradezu überbieten. Sie passen sich immer besser an die Verhältnisse an und differenzieren sich dabei aus, um ihre Fortpflanzung zu sichern. Es ist als schrieen die Blüten geradezu die Aufmerksamkeit der Insekten herbei und diese wiederum täten es den Pflanzen gleich.

Gemessen an dieser Produktivität können nährstoffreiche Standorte kaum mithalten. Hier wächst zwar alles doppelt so dicht und hoch, aber man hat das Gefühl, die Fauna muss sich nicht so viel Mühe geben.

Ich habe diesen Zusammenhang wahrscheinlich unvollkommen wiedergegeben, es geht mir eher um das philosophische Prinzip: Ein Mangel kann auf gewissen Ebenen kreative Folgen haben. Und diesen Zusammenhang kann man auch bei subsistenzwirtschaftlichen Systemen gut ablesen, wie auch umgekehrt bei denen, die alles Subsistenzwirtschaftliche gänzlich abgelegt haben.

Da ist z.B. das Grundstück von A. und T., bei dem alle, die daran vorbeifahren, sich den Hals ausrenken. Denn da passiert immer etwas Interessantes. Hier kommt ein Heuschober dazu, dort ein Unterstand für die Schafe, da ist das Geflügel. Vorn ist ein Beet angelegt worden und dort noch eins und da, ja da hinten haben sie das Dickicht aufgelichtet, da ist eine neue Fläche entstanden. Was haben sie denn da wieder geplant? Die Grundstücksfläche ist begrenzt, und eben dieser Mangel scheint dazu zu führen, dass sie immer feiner und vielfältiger genutzt wird. Die Ausdifferenzierung hat dabei nichts Schrulliges. Sie ist zweckmäßig, alles ist auf ein Ganzes bezogen – es ist ein kleines hauswirtschaftliches System.

Bei Mike ist es anders, aber auch interessant. Er butzelt eben tagein, tagaus herum und denkt sich Lösungen für seinen kleinen Hof aus. Jede Klappe am Hühnerstall ist eine Erfindung, jede Gartenpforte eine Entwicklung. Alles hat eine Bewandtnis und je öfter die Dinge gebraucht werden, umso mehr schreibt sich diese Bewandtnis in sie ein.

Als ich meinen Hühnerstall gebaut hatte, kam Mike ihn anschauen. Er betrachtete das kleine Gebäude, inspizierte den abgeteilten Gluckenstall mit den Futterfässern und dem extra Auslauf für die Küken, prüfte Türen, Fenster und natürlich die Hühnerstange. Dann nickte er anerkennend und sagte: Dit ist ja ni so einfach allet, wa? Nein, ist es nicht. Man muss ich damit beschäftigen – und dann entsteht etwas, das nur an dieser Stelle so entstehen kann.

Dieses Prinzip galt früher für ganze Ortschaften: Alles war knapp, vor allem das Land zum Leben. Also wurde das, was man hatte, differenzierter genutzt. Es wurde auch übernutzt, das sieht man auf alten Fotos, die nicht selten eine erschreckend ausgeräumte Landschaft zeigen. Aber die Dörfer selbst bildeten nicht selten vielfältige Mosaike. Jede noch so kleine Hofstelle war ein Universum. Steht man dagegen heute auf einer Dorfstraße, in der ab fünf Uhr die Rollos in den Häusern heruntergelassen sind, staunt man über die freiwillig hergestellten Einheitsfassaden und über die ausgeräumten Gärten. Diese Dörfer wirken wie fette Wiesen: es geht ihnen, in gewisser Hinsicht zu gut, sie sind überdüngt. Die Menschen müssen sich nichts einfallen lassen.

Ich will das nicht verklären. Mangel kann grausam sein und gerade unter den Selbstversorgen auf dem Land gibt es auch verwegene Typen, auf deren Höfen man kein Butterbrot auspacken möchte. Sie haben vielleicht alles so weit im Griff, aber es ist zugemüllt, von behelfsmäßigen Zäunen durchzogen und außerdem vom Viehzeug vollgeschissen. Dass Subsistenzwirtschaften schön werden wie eine Trockenwiese, das ist kein Automatismus. Es gehören Liebe dazu und Hingabe und sehr viel Überlegung.

Aber gilt das nicht für alles auf der Welt?

 

Wird fortgesetzt.