Betrachtung über die Faulheit

Über Subsistenzwirtschaft XIV

Kenneth Anders, 27.11.2017

Eine schwere Prüfung für Eltern ist es, wenn ihr Kind, irgendwann im Verlaufe des Heranwachsens, seine natürliche Grundspannung verliert. Nicht allen widerfährt das, aber vielen. Das Kind hat zu nichts mehr Lust und sein Motivationsdefizit scheint sich auf alle Lebensbereiche zu erstrecken. Selbst das Anziehen am Morgen wird ihm zur Belastung und häusliche Verrichtungen sind eine Zumutung. Um den Eltern zu beweisen, dass ihre Mitwirkung am Hausgeschehen gänzlich aussichtslos ist, stellen sich die Kinder dann bei allem auch noch extra unbeholfen an. Es ist, als ersehnten sie sich den Titel des Nichtsnutzes.

Gefördert wird eine solche Haltung durch die Rundumversorgung, die die meisten Kinder heute in ihren Haushalten erfahren. Sie müssen nichts tun, um satt zu werden oder es warm zu haben. Sie werden dorthin gefahren, wo die Eltern sie haben wollen. Es passiert alles ohne ihr Zutun. Konsumtive Medien wie Fernsehen, Spielkonsolen und Internet senden tagein, tagaus dieselbe Botschaft: setz dich einfach hin, es wackelt von alleine! Kommen ab einem gewissen Alter auch noch Joints zum Einsatz, passiert gar nichts mehr.

Die Eltern versuchen es mit Liebe, Heiterkeit und Beharrlichkeit. Sie versuchen, ihr Kind zu motivieren und es einzuladen, das Leben zu genießen und mit frischem Mut in den Tag zu gehen. Sie ertragen die dumpfe Reaktion - bis zu einem bestimmten Punkt. Dieser ist oft erreicht, wenn die Kinder aus ihrer Sofaecke heraus auch noch anfangen, über die Welt zu urteilen. Sie brandmarken den Leistungsdruck der Gesellschaft und fällen unreife politische Urteile. Die Welt erscheint ihnen klar und einfach und die Verstricktheit ihrer Eltern in die gesellschaftliche Komplexität kommt ihnen lächerlich vor. An diesem Punkt wird die Liebe der Eltern von einer Geduldsprobe zu einer Übung in Demut.

So in etwa könnten betroffene Eltern ihr Verhältnis zu ihren Kindern in diesen schwierigen Phasen beschreiben. In den täglichen Querelen gibt es einen einfachen Satz, der ihnen auf den Lippen sitzt: Du bist faul.

Faulheit ist ein altes Konzept. Märchen erzählen von faulen Söhnen und Töchtern auf Bauernhöfen und natürlich auch von faulen Mägden und Knechten. Oft geht die Faulheit mit Dummheit einher. Da liegen Leute eben den ganzen Tag auf der faulen Haut. In der deutschen Kultur hatte man dafür keine Sympathien, in Russland war es anders - der dumme Iwan liegt den ganzen Tag auf dem warmen Ofen und wird schließlich Zar. Das hätte man hierzulande nicht so erzählt, denn die Mitwirkung an der Haus- und Hofarbeit war nun einmal wichtig und man wollte der Faulheit nicht auch noch das Wort reden. Das kann man verstehen.

Noch heute kann man sehen, dass Familien mit einem hohen Anteil an Selbstversorgung emsiger sind als andere. Diese Geschäftigkeit bekommt den Kindern durchaus nicht schlecht, wie man an ihren Lebenswegen sehen kann – sie sind es einfach gewohnt, was zu tun.

Aber dennoch ist der Begriff der Faulheit nicht klug. Erstens: Man kann ihn eigentlich gar nicht ohne Vorwurf gebrauchen. Ein Gespräch jedoch, das auf einem Vorwurf gründet, geht selten gut aus. Zweitens: Er erfasst das Problem nicht, er ist eine Schein-Erklärung. Die meisten „faulen“ Menschen leiden selbst unter ihrer Antriebslosigkeit. Sie haben nichts Heiteres, es fehlt ihnen der tägliche Impuls zum Aufstehen, es fehlt ihnen die Freude an der frischen Luft und die Lust, was zu machen. Dafür kann es verschiedenste Gründe geben: Angst, fehlendes Selbstvertrauen, auch die Beobachtung der überarbeiteten Eltern und die damit verbundene Sorge, sich möglicherweise ohne guten Grund für etwas aufzuopfern. Diese Empfindung wiederum reicht in das Nachdenken über entfremdete Arbeit und wirft die Frage auf, was eigentlich eine ureigene Angelegenheit ist. Wie dem auch sei, wenn man den Begriff der Faulheit aufschnürt, sieht man, dass in ihm viele offene Fragen stecken. Und wenn man vor diesem Hintergrund die Plattitüden vom Sofa analysiert, erkennt man, dass es Schutzbehauptungen sind.

Über diese Zusammenhänge habe ich in der letzten Zeit oft nachgedacht, nicht aber wegen der Kinder, sondern wegen der vielen populistischen Wahlergebnisse in aller Welt. Da beobachtet man nämlich Verhaltensweisen, die an die Bequemlichkeit von Heranwachsenden erinnern. Statt selbst etwas zu tun, wird eine ewige Meckerei angefangen. Dass Politik mühsame Arbeit ist und aus kleinen Schritten besteht, wird fortgenölt. Alles Komplexe wird als zu kompliziert abgetan. Und dann werden Leute gewählt, die versprechen, alle Probleme zu lösen und alle Widersprüche aus dem Weg zu räumen. Politik wird zu einem Versorgungsapparat herabgepöbelt, sie soll liefern, sie soll vermeintlich klaren Volksinteressen gehorchen. Und dann denkt man: Die Leute sind faul.

Das mag stimmen oder nicht, es ist weder hilfreich für ein Gespräch noch hilft es analytisch weiter. Denn hinter der Unlust auf die Demokratie steckt eben wiederum ein ganzes Bündel an offenen Fragen. Haben die Leute überhaupt das Selbstvertrauen, anderen Menschen, die erkennbar nicht zu ihnen gehören, offenen Sinnes gegenüberzutreten? Haben sie je in einer gewissen Tiefe erfahren, dass die Welt widersprüchlich ist und man viele Probleme nicht aus der Welt schaffen, sondern nur in Abschnitte zerlegen und einzeln bearbeiten kann? Gibt es in ihren sozialen Gruppen besonnene Akteure, die auch eine Sprache für diese Besonnenheit haben? Hatten sie mal mit einem politischen Anspruch Erfolg?

Das soll niemanden entlasten und schon gar nicht möchte ich darauf hinaus, dass der Mensch ein tugendhaftes Wesen wäre, wenn man in nur ließe. Aber so wie die eigene Hofwirtschaft täglich Mühe und Arbeit macht, so macht auch die Demokratie täglich Mühe und Arbeit. Und den Mut, diese Plackerei auf sich zu nehmen, weckt man nun einmal nicht mit dem Vorwurf der Faulheit. Man geht besser zum Komposthaufen und sagt: Er muss umgesetzt werden, kannst du mir bitte helfen? Warum tut man das nicht?
Weil es oft anstrengender ist, mit einem schlecht motivierten Menschen zusammenzuarbeiten, als es allein zu tun. Aber das rächt sich. Das ist geradezu faul.

 

Wird fortgesetzt.