Umzingelt von Eierpappen

Über Subsistenzwirtschaft XIII

Kenneth Anders, 09.11.2017

In unserem Haushalt bleibt nie Brot übrig. Erstens essen wir es in der Regel auf. Ist es altbacken, machen zwar alle ein unzufriedenes Gesicht, aber wir essen es trotzdem, zur Not geröstet, auch Brötchen, die am zweiten Tag pappig sind. Wir sind so erzogen, meine Mutter legte das frische Brot sogar einen Tag weg, bevor wir es essen durften (frisches Brot galt als ungesund). Außerdem leben wir in keinem Umfeld mit besonders hoher Backkultur. Es ist eine Herausforderung, an passables Brot zu kommen, also wird man bescheiden. Falls wir doch einmal die Unlust an einem alten Kanten nicht überwinden können, kommt er in den Hühnereimer.

Meine Freunde haben diese Form der Verwertung schnell für sich entdeckt. Oft bringen sie mir ihre Brotreste mit oder hängen sie an die Tür. Es sind große Tüten. Beim Auspacken staune ich, was da so alles verschmäht wurde, aber ich will mich nicht zum Richter machen. Es ist alles trocken und also lagerfähig und seitdem mich mein soziales Umfeld mit seinem Altbrot versorgt, kriegen auch die Schafe ab und zu etwas ab. Sie freuen sich sehr darüber. Allerdings bin ich manchmal fast etwas ratlos, wohin ich mit dem vielen Brot soll. Früher hätte man sich ein Schwein angeschafft.

Auch die Eierpappen sind schwer zu bewältigen. Unsere Freunde kaufen Eier, dann haben sie die Verpackungen am Hals und möchten sie natürlich nicht einfach wegschmeißen. Also kommen die Eierpappen zu uns. Wir haben zwei sehr hohe Türme mit Eierpappen, einen für Sechser- und einen für Zehnerpacks. Alle paar Wochen nehme ich mir ein Herz und baue den Turm ab, indem ich einige Eierpappen in die Papiertonne schaffe. Wir haben einfach nicht so viele Eier, wie wir verpacken könnten.

Die beharrliche Rückführung von Honiggläsern stellt uns vor ein ähnliches Dilemma. Nicht alle Deckel und Gläser passen zusammen, eine individuelle Behandlung von Honiggläsern ist aber selbst in unserer Kleinstimkerei nicht zu leisten. Man muss hunderte Gläser und Deckel extra im Geschirrspüler waschen, hinterher ist es zu aufwändig, sie wieder zusammenzusuchen. Also sortieren wir viele Gläser gleich aus und bringen sie in den Glascontainer, immer mit schlechten Gewissen. Es hat keinen Sinn, dieses Problem bei jeder Glasübergabe auszubreiten, man muss die Gläser erfreut entgegennehmen und dann tun, was zu tun ist.

Die Reihe ließe sich fortsetzen, ich möchte mich aber über das durchaus sinnvolle und immer gut gemeinte Verhalten meiner Freunde keineswegs lustig machen. Es verweist auf ein Bedürfnis, das ich teile, nämlich, die Dinge unseres Verbrauchs wieder zurückzuführen, kleine Stoffkreisläufe zu unterstützen und vor allem: zu wissen, wo was herkommt und zu wissen, wo was hingeht. Wenn ich aus unserem Bad auf die Kleinkläranlage im Garten schaue, freue ich mich auch jedesmal darüber, dass das Wasser gleich hier geklärt wird und nicht irgendwo sonst. Die Nährstoffe werden bei einer Pflanzenkläranlage zwar quasi vernichtet, insofern gäbe es noch bessere Varianten. Aber wenigstens habe ich das, was da abläuft, vor Augen.

Das kann man von den meisten Dingen unseres Lebens nicht mehr sagen. Wir verbrauchen Dinge, deren Produktionsketten wir ebenso wenig überblicken wie das Leid, die Zerstörung und das Unrecht, das in diesen organisiert ist. Wir vertrauen auf zweifelhafte Label oder entscheiden uns für ein Achselzucken. Beides ist unangenehm. Und die Versuche von Menschen, durch eine konsequente Lebensführung und strenge Konsumregeln aus diesem Unbehagen auszubrechen, sind nicht angenehmer. Es haftet ihnen nicht selten etwas ebenso Illusorisches wie Unaufrichtiges an. Auch die Versuche zur Rückkehr in das alte stoffgebundene Leben verwickeln uns in Widersprüche. Der wiederverwendbare Kaffeebecher erscheint erst einmal als Fortschritt, aber es steht doch zu befürchten, dass die weltweite Kaffeebecherproduktion durch diesen Trend eine weitere absurde Steigerung erlebt. Nichts ist, wie es scheint. Während ich immer wieder mit der korrekten Eingabe von irritierend langen IBAN überfordert bin, kaufen mir die Internetkonzerne diese Komplikationen durch praktische Algorithmen ab und vermitteln mir eine Illusion der Einfachheit.

Schauen wir uns die Räume an, in denen wir leben. Die beschriebene Verwirrung schlägt sich auch hier nieder. Es wird immer schwieriger, unsere Wirklichkeit im Raum selbst wahrzunehmen. Auch früher hat der Glanz der adligen Paläste das Elend der Landarbeit ausgeblendet, ja geleugnet. Aber dieses Elend war dennoch zu Fuß erreichbar. Heute entwickeln wir getrennte Wohn- Arbeits- und Vergnügungswelten, die nicht mehr im Hinblick auf ihren Zusammenhang lesbar sind. Der marxistische Ästhetiker Lothar Kühne hatte einst gefordert, in der kommunistischen Landschaft müssten die Raumsphären „sinnlich erlebbar, praktisch ohne ein besonders einzu­setzendes Verkehrsmittel … durch Gehen erschließbar“ sein, und er hatte gewusst, warum er das forderte: Eine souveräne Persönlichkeit muss die Dinge, die sein Handeln strukturieren, selbst erkennen und mitgestalten können. Es gibt wohl kaum ein utopisches Ziel des zwanzigsten Jahrhunderts, von dem wir weiter entfernt sind.

In dieser gesellschaftlichen Situation kann ich mit den Zuordnungen „fortschrittlich“ und „konservativ“ nichts mehr anfangen.  Dass wir gut beraten sind, Verschiedenes zu erhalten, unser Leben zum Beispiel oder die kommunale Selbstverwaltung, das scheint mir unstrittig. Dass wir dennoch Umstände ändern müssen, die diese Dinge gefährden oder aus anderen Gründen nicht hinnehmbar sind, doch auch. Jeder Fortschritt wirft Gestaltungsfragen auf, jedes Bemühen um Erhaltung auch. Ich habe den Eindruck, dass die letztlich mit „links“ und „rechts“ assoziierten Zuordnungen vollkommen durcheinander geraten sind und dass sie das Denken der Menschen in etwas Falschem gefangen halten.

Der einzige eingeübte Begriff, der merkwürdigerweise immer noch funktioniert, ist der des Reaktionären. Damit wird in meinem Verständnis eine Strategie bezeichnet, die Veränderungen der Welt zu leugnen und die Menschen in ein Korsett zu zwängen, das den Bildern entspricht, die man von der Vergangenheit hat. Diese Bilder stimmen ja nicht und die entstandene Komplexität lässt sich auf diese Weise nicht aus der Welt schaffen. Wer sich dem gegenüber dumm stellt, agiert letztlich gewaltsam. Das ist reaktionär.

Ein gutes Beispiel ist die Globalisierung. Sie wirft lauter unbeantwortete Fragen, auf, die sich sowohl in Unabhängigkeitskämpfen von Wohlstandsregionen als auch in Schwindel erregenden Wahlergebnissen niederschlagen. Eine absolute Rückbindung der Energie-, Stoff und Informationsflüsse auf einzelne Kontinente, Staaten, Regionen oder Haushalte ist m.E. weder möglich noch sinnvoll, der Preis wäre in zunehmender Armut und in noch mehr Kriegen zu zahlen. Aber selbst wenn das stimmt – der Anspruch auf die Rückgewinnung der Souveränität über den eigenen Selbsterhalt ist dennoch berechtigt. In ihm steckt sogar ein emanzipatorischer Impuls. Um ihn aber fruchtbar zu machen, bräuchte man einen Gegenbegriff zu dem, was reaktionär ist. Wie ließe sich ein solches Bewusstsein auf den Punkt bringen, wie könnte man die Sehnsucht nach einer „Eierpappe am richtigen Platz“ in einer globalisierten Welt wirklich fruchtbar machen? Ich meine, von der Beantwortung dieser Frage hängt wirklich viel ab.

Wird fortgesetzt.