Mufflige Schäfer, was habt ihr denn?

Über Subsistenzwirtschaft XI

Kenneth Anders, 06.07.2017

Vor 18 Jahren führte ich Interviews mit Schäfern in Brandenburg und Sachsen, die mit ihren Tieren auf ehemaligen Truppenübungsplätzen Landschaftspflege betrieben. Die Schafe hielten den Aufwuchs kurz, so dass die Flächen als Heimstatt für Heidekraut, Haubenlerche, Laufkäfer und Zauneidechse dienen konnten. Die Ergänzung des mickrigen Einkommens aus der Schafhaltung durch Mittel aus dem Naturschutz erschien mir damals als ideale Ergänzung. Munter ging ich also auf meine Gesprächspartner los und erwartete ihrerseits eine Art Dankbarkeit über dieses Arrangement. Aber die schauten nur finster drein und brubbelten in ihre Bärte. Damals wurde mir klar: Bei der Schäferei in der Landschaftspflege, so sinnvoll sie auch sein mag, stößt man auf ein gesellschaftliches Missverständnis. Die einen meinen es gut und die anderen sind trotzdem nicht zufrieden.

Sieht man einmal vom Verwaltungsaufwand und der geringen perspektivischen Sicherheit der Förderprogramme ab, hatten die Schäfer nämlich ein Problem damit, dass ein Nebenprodukt ihres Berufs auf einmal zum Eigentlichen erklärt wurde. Niemand mag mehr etwas für Wolle, Fleisch und Milch  bezahlen, alle wollen stattdessen eine Heidelandschaft, die einst als sträfliche Verwüstung des Bodens galt. Für die Schäfer war das eine verkehrte Welt.

Ich kann das verstehen. In meinem Arbeitsleben halte ich viele Vorträge. Ich stelle mir vor, eines Tages ist man nicht mehr an meinen Mitteilungen interessiert, engagiert mich aber wegen eines vielleicht angenehmen Rededuktus, von dem man festgestellt hat, dass er den Leuten emotional gut tut. Also, auf so etwas würde ich mich ungern einlassen.

Noch viel gravierender tritt dieses Missverständnis bei Entschädigungszahlungen zutage, welche den Schäfern bei Naturschutzkonflikten in Aussicht gestellt werden. Sie machen nicht glücklich. Auch hier muss man wieder unterscheiden zwischen dem Misstrauen, ob man das versprochene Geld denn am Ende wirklich bekommen wird und wie viele Formulare man dafür ausfüllen muss, und dem Unbehagen, dass eine Gesellschaft überhaupt meint, man könne für den erlittenen Schaden adäquat entschädigt werden. Reißt ein Wolf die Schafe, dann ist das für den Schafhalter schlimm, denn er hat Zeit, Liebe und Sorge in seien Tiere investiert und er hatte mit ihnen Pläne für die Zucht und die Schlachtung. Sie sind für ihn Ressourcen und also nicht so einfach austauschbar. Natürlich ist es besser, ihm für den erlittenen Verlust eine Ausgleichszahlung zu gewähren, als ihn ganz im Regen stehen zu lassen. Aber dennoch wird sich der Schafhalter ein wenig unverstanden fühlen, jedenfalls wenn er die Erwartung spürt, dann müsse es aber wieder gut sein. Wie viel kostet mein Schaf? Das lässt sich nicht allein mit Geld abmachen. Es war doch ein bestimmtes Schaf.

Dieser Mechanismus greift übrigens auch bei Schäden durch die Bibertätigkeit an Gräben, Straßen und Deichen, die für die Menschen auf dem Land ebenfalls den Charakter von lebenswichtigen Ressourcen haben. Selbst wenn diese ersetzt werden (was leider selten der Fall ist), bleibt die vorausgehende Tolerierung ihrer Schädigung eine schier unerträgliche Provokation.

Interessant daran ist, dass der Naturschutz in diesem Spiel die Rolle des Marktes einnimmt, in dem alles einen Preis hat, die Schäfer dagegen auf der Unveräußerlichkeit ihrer Welt beharren.

Man kann den Spieß allerdings auch noch einmal umdrehen, indem man sagt: Die Schäfer müssen sich künftig eben vor der geschützten Natur schützen, und dafür bieten wir ihnen Hilfe an. Neulich war eine studentische Arbeitsgruppe bei mir, um mich als kleinen Schafhalter nach meinem Verhältnis zum Wolf zu befragen. Ich hatte keine ausgereifte Position und zuckte etwas unbeholfen mit den Schultern. Ich hoffte, sagte ich, dass der Wolf meine Schafe in Ruhe lassen würde.

Warum ich denn noch keine Elektrozäune gekauft hätte, das Land würde die doch fördern, fragten die Studenten. Oder einen Herdenschutzhund?

Ich wusste es nicht. Kann man für so wenige Tiere wirklich eine Förderung beantragen? Ich kann auch nicht für sechs Schafe einen Hund anschaffen. Und was kosten 400 m Elektrozaun? Und wie viel Strom würde das verbrauchen, tagein, tagaus? Ich bin kein Profi, das ganze überfordert mich.

Tja, sagten die Studenten dann, also, wer sich so schlecht vorbereitet, der sollte sich aber nachher nicht beklagen, wenn seine Herde gerissen wird!

Da haben sie vielleicht recht. Aber als sie schließlich abgefahren waren, dachte ich: Das ist doch alles blöd!

Wird fortgesetzt.