Die Sturheit des freien Bauern

Über Subsistenzwirtschaft VIII

Kenneth Anders, 02.04.2017

Es gibt wahrscheinlich kaum eine Eigenschaft, die den Menschen vom Lande häufiger nachgesagt wurde als die Sturheit. Auf dem Land, so heißt es seit etwa zweihundert Jahren, lassen sich die Leute ungern von Neuem überzeugen. Gemeint ist dabei übrigens in der Regel: vom Richtigen. Die Landleute scheinen ihrem Wesen nach konservativ oder gar verstockt, diese Meinung wurde schon Bismarck in den Mund gelegt, mit der übrigens nicht belegten Behauptung, in Mecklenburg ginge die Welt 100 Jahre später unter. Ist an diesem Urteil etwas dran?

Ich möchte diese Frage nicht beantworten, indem ich Beispiele sammle und sie dann als Empirie verkaufe, obwohl das natürlich gern so gemacht wird und ein leichtes Spiel wäre. Ein paar Impressionen aus meinem Gemeinderat würden dafür genügen, der verhält sich manchmal wie eine lahme Ziege am Strick. Allerdings meine ich, dass solche Verallgemeinerungen unzulässig sind und außerdem den Kern der Sache nicht treffen. Man reimt sich etwas zusammen und nennt es dann Sturheit. Ich meine: Es geht um Freiheit, und zwar um eine Freiheit, die ein Außenstehender schlecht wahrnehmen kann.

Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass von Ressourcen nur dort gesprochen werden kann, wo der Mensch eine Bindung eingeht. Eine der wichtigsten Bindungen dieser Art ist die zum Boden, den wir bewirtschaften, um uns von ihm zu ernähren. Aber man kann diese Bindung in verschiedenen sozialen Formen eingehen.

Eine faszinierende Strategie der gemeinschaftlichen Nutzung von Flächen besteht in der Allmende. Bis heute üben ihre Spielarten eine große Faszination aus, denn man hat sofort vor Augen, dass mehrere Menschen auf Augenhöhe miteinander ihren Selbsterhalt gewährleisten oder gar einen Mehrwert erzeugen – das hat etwas Utopisches. Allerdings ergibt sich diese gewünschte Augenhöhe nicht automatisch. Will man verhindern, dass sich Muster der Herrschaft oder Unterdrückung in die kollektive Praxis einschleichen, muss man sehr strenge Regeln aufstellen. Diese Erfahrung haben die Leute immer wieder gemacht, wahrscheinlich schon vor zweitausend Jahren, auf jeden Fall auch heute in Urban-Gardening-Projekten oder Landkommunen. Die Regeln stellen eine gewisse Gleichwertigkeit der Individuen her, aber sie engen die Leute auch ein und vor allem lassen sie sich nicht gut an veränderte Bedingungen anpassen.

Eine andere Form der Unfreiheit sehen wir im herrschaftlichen Grundbesitz, der mit Landarbeitern, bewirtschaftet wird, die einst leibeigen, später jedenfalls ohne eigene Rechte am genutzten Boden waren. Es gab zwar Ausgleichsmechanismen und auch immer wieder nobles Verantwortungsbewusstsein der großen Landeigentümer und gerade in den zwanziger Jahren glichen die ostelbischen Gutsherren oft eher modernen Betriebsleitern als überheblichen Aristokraten. Aber in der Regel steckte doch etwas paternalistisches in diesen Modellen. Insofern stellte die Kollektivierung der landwirtschaftlichen Produktion in vielen Ländern des Ostblocks gewissermaßen einen modernen Versuch dar, die Allmende wiederherzustellen. Dieser ideologische Anspruch legitimierte sich damit, dass gutsherrlichen Strukturen die Muster der sozialen Ungleichheit nicht nur in Kauf nahmen, sondern sie aktiv immer wieder reproduzierten.

Das klingt plausibel, dennoch haben sich viele Menschen gegen diesen Versuch gewehrt und wurden damals prompt der Sturheit geziehen – und das waren die freien Bauern. Waren sie wirklich stur? Und inwiefern kann man überhaupt von freien Bauern sprechen?

Als Bauer ist man zunächst vollkommen unfrei, denn man kann von seinem Stück Land nicht weg. Die Redensart „an der Scholle kleben“ kommt nicht von ungefähr. Für einen Bauern muss es eigentlich ein Hohn sein, wenn ein Universitätsprofessor, der für seine Karriere in seinem Leben zehnmal die Stadt und vielleicht sogar mehrfach den Staat wechselt, die moderne Landwirtschaft als industriell schmäht. Denn dieser Universitätsprofessor agiert ebenso mit industriellen Produkten und Werkzeugen und hat einen riesigen ökologischen Fußabdruck, vor allem aber bewirtschaftet er überhaupt keine natürlichen Ressourcen mehr. Er hat die totale Freiheit des industriellen Verbrauchs erreicht, in der alles austauschbar ist. Der Bauer dagegen ist an sein Ackerland gebunden, das noch dazu durch Witterung andere Unbill keinen zuverlässigen Ertrag abwirft.

Dennoch nimmt sich der Bauer in einer bestimmten Hinsicht als frei wahr, und dies hat mit seinem Eigentum zu tun. Der Boden hält ihn zwar an Ort und Stelle fest, in gesellschaftlicher Hinsicht aber stellt er den Menschen auf seine eigenen Füße. Er kann selbst bestimmen, was auf dem eigenen Land geschieht, was angebaut wird, wie es genutzt wird – und auf dieser Basis kann er sein Überleben sichern. Diese Entscheidungsfreiheit und ihr Ertrag sind etwas Wunderschönes, sie stiften Selbstbewusstsein und Stolz. Wer das erlebt hat, lässt sich weder das eigene Land gern wegnehmen noch die Rechte an der freien Entscheidung über dieses Land, selbst wenn er das eine oder andere einsehen mag, was andere fordern. Der kürzlich gestorbene Autor John Berger erzählt dieses Dilemma anhand eines französischen Bauern, der unversteuerten Schnaps brennt und dafür, beinahe wie ein Michael Kohlhaas, ins Gefängnis geht. Warum tut er das? Es ist der Schmerz, etwas von der Selbstbestimmung und den Früchten abzugeben, die man sich so mühsam erarbeitet hat. Bei den aktuellen Auseinandersetzungen vieler Bauern mit dem Naturschutz verhält es sich ganz ähnlich.

Was soll an einer solchen Haltung gut sein, werden sich einige fragen. Ich meine, sie ist wertvoll, einen aufgeklärten Menschen vorausgesetzt. In ihr steckt ein Verantwortungsbewusstsein: am immer gleichen Ort für das eigene Handeln einzustehen in seiner ganzen Komplexität, sich nicht auf eine allgemein angesagte Moral einzulassen, weil sie einen nichts kostet. Den freien Bauern kostet die Moral etwas, wenn er nicht lügen will. Es beweist sich auf dem Feld, in seiner täglichen Praxis, ob er die Wahrheit sagt. Die anderen haben gut reden, sie können alles Mögliche fordern  - der freie Bauer muss vorsichtig sein, will er sich selbst noch im Spiegel anschauen können.

Karl Marx und Friedrich Engels haben das Eigentum einer scharfsinnigen Kritik unterworfen, sie haben gezeigt, dass mit ihm auch die Aneignung von Arbeit gesellschaftlich legitimiert wird. Deshalb sind die Linken auch dem Eigentum des Bauern immer mit Misstrauen begegnet, das ebenfalls bis auf Marx und Engels zurückgeht, die dem „Idiotismus des Landlebens“ mit „industriellen Armeen, vor allem für den Ackerbau“ beikommen wollten. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Die beiden waren bürgerliche Intellektuelle, sie hatten für das bäuerliche Eigentum und seine kulturelle Kraft einfach nichts übrig. So wurde aus Unverständnis ein jahrhundertelanges Missverständnis und der Beitrag der freien Bauern zur Demokratie – seine durch die eigene Bindung an den Boden bedingte Ehrlichkeit, konnte leider vollkommen übersehen werden. Was nicht ins Schema des moralischen Fortschritts passt, hat seither einen einfachen Namen: Sturheit. So leicht sollte man es sich in Zukunft nicht mehr machen, jedenfalls nicht, solange wir noch freie Bauern haben oder Menschen, die als freie Bauern leben wollen.

Wird fortgesetzt.