Alt werden auf dem Land

Über Subsistenzwirtschaft VI

Kenneth Anders, 27.02.2017

In unserem Haus führt eine Treppe ins Dachgeschoss. Sie ist recht steil, wie das bei den alten Häusern oft vorkommt. Steige ich hier herauf, knacken die Knie. Es braucht eine gewisse Muskelspannung, um die Treppe beschwingt nehmen zu können. Rufen mich die Kinder nach oben, spüre ich eine leichte Unlust, die Treppe hochzusteigen. Es ist nur ein Hauch, ich kann die Unlust mühelos überwinden. Aber wie wird es sich in zwanzig Jahren anfühlen, wenn ich die Treppe erklimmen muss? Oder, wenn ich dann noch lebe, in dreißig Jahren?

Mit dem altersgerechten Wohnen ist es auf dem Land so eine Sache. Brennholz machen, Tiere füttern, den Garten pflegen – das ist eine Menge Arbeit. Dann kommt die Mobilität hinzu, das Einkaufen, die ärztliche Versorgung. Wie lange kann man noch Auto fahren? Schafft man es, das Haus in Schuss zu halten? Wird es in meinem Haus einmal etwas komisch riechen und nicht mehr ganz sauber sein? Dann wäre es gut, etwas Geld zu haben, für einen Putzdienst. Auch wenn ich als alter Mensch den Schmutz vielleiht nicht mehr sehe, hätte ich doch gern auch dann ein frisches Haus, in dem es gut riecht.

Einmal war ich in Wulkow zu einem Gespräch über das Altern auf dem Land eingeladen. Ich las eine Geschichte von einer tapferen, nicht mehr ganz jungen Frau vor, aber einige Besucher waren wegen ihrer ganz konkreten Probleme mit dem Altern gekommen und hatten gehofft, ich würde etwas Helfendes dazu sagen. Ich habe sie enttäuscht. Ich weiß auch nicht, wie man damit umgehen soll und es erscheint mir anmaßend, als jüngerer Mensch den Älteren Tipps zu geben, wie sie damit klarkommen können.

Auf dem Land sind ältere Menschen sehr wichtig. Sie sitzen in Gemeindevertretungen und Kirchenräten, machen Kultur und bringen ihre Lebensklugheit in die Gesellschaft ein. Wenn ich den demografischen Schlechtrednern der Provinz etwas übel nehme, dann vor allem die Arroganz gegenüber den Alten, deren gesellschaftliche Kraft massiv unterschätzt wird, gerade heute, wo die Lebenserwartung steigt. Natürlich brauchen wir junge Leute, aber wir brauchen auch Alte. Diese Anerkennung ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Alten mit der Frage, wie sie ihr Leben in einem täglich kleiner werdenden Radius bewältigen, meist allein sind – es sei denn, sie haben noch Kinder in der Nähe. Wie gehen sie damit um?

Inge und Klaus leben seit Jahrzehnten allein auf einem Hof mitten auf dem Oderbruchacker. Lange Zeit haben sie hier ihre Mutter gepflegt, nun sind sie selbst in die Jahre gekommen. Die Kinder machen sich Sorgen, sie hätten ihre Eltern vielleicht lieber in einer warmen sicheren Stadtwohnung, rundum versorgt und im Zweifelsfall mit kurzen Wegen für den Pflegedienst. Inge sagt: Wir wollen aber nicht, dass sich die anderen um uns Sorgen machen. Es geht uns hier gut, auch wenn vieles beschwerlicher wird. Vielleicht wären wir gar nicht mehr so gesund, wenn wir anders leben würden.

Der Film Cousin Jules von Dominique Benicheti zeigt einen alten Schmied im französischen Burgund bei seiner Arbeit. Im ersten Teil des Films ist auch seine Frau noch dabei, aber während der Dreharbeiten stirbt sie und Jules ist allein. Man sieht ihn Holz hacken, heizen, die Hühner füttern, Essen kochen, sich rasieren, die Stube ausfegen, Mais vom Kolben ablösen, essen, schlafen, das Bett machen, Wein aus dem Lager holen. Jeden Tag sieht man ihn von vorn anfangen – er wird langsamer, die Schritte werden mühsamer, aber er tut, was getan werden muss. Ich bin in diesem langsamen Film nicht eine Minute auf die Idee gekommen, dass der Protagonist ein schlechtes oder langweiliges Leben führt. Ich weiß nicht, wie er gestorben ist, aber vermutlich ging es auch bei ihm sehr schnell.

Die subsistenzwirtschaftlichen Tätigkeiten erhalten nicht nur das physische System, indem sie es mit Wärme und Essen versorgen, sie erhalten auch das ganze System Mensch, indem sie es in Bewegung und Aktivität halten. Jeder Handgriff hat einen Sinn, der einen für den Moment ganz ausfüllen kann. Dadurch ist auch das Leben bis ins hohe Alter sinnvoll, selbst wenn die sozialen Kontakte erheblich zurückgehen. Die Versorgung durch die Gesellschaft kann diesen Selbsterhalt nicht ersetzen. Deshalb beschreibt man alte Dorfbewohner gern folgendermaßen: Die sind jeden Morgen halb fünf aufgestanden, haben das Vieh versorgt und den ganzen Tag auf dem Hof gewirtschaftet. Sie waren nie krank und immer in Bewegung. Und als sie das nicht mehr konnten, sind sie in kurzer Zeit gestorben.  

Wie ich selbst einmal leben werde, wenn ich alt werde, das weiß ich noch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass das Gefühl, alles nicht mehr zu schaffen, beklemmend für mich wird. Viele Filme stellen lustige Alters-WGs vor, aber für wahrscheinlicher halte ich doch, dass die Stille einzieht. Wir werden sehen.

Wird fortgesetzt.