Wenn das Schlachten vorbei ist

Über Subsistenzwirtschaft IV

Kenneth Anders, 02.02.2017

Wenn das Schlachten vorbei ist, so heißt ein sehr guter Roman von T.C. Boyle. Er beschreibt, wie in einer Welt, in der wir uns nicht mehr selbst von dem ernähren, was die Erde hergibt, alle Begriffe von richtig und falsch, von Ökologie, Vernunft und Moral im Umgang mit der Natur durcheinander schießen. Zwischen Natur- und Tierschutz tut sich in dem Roman ein hoffnungsloser Abgrund auf, in dem die Menschen letztlich nach ideologischen Prämissen handeln, die an den unvermeidlichen Widersprüchen der Welt vorbeigehen. Nur jene, die vom Fleisch ihrer eigenen Tiere leben müssen, scheinen belastbare Maßstäbe für ihr Verhalten in der Natur zu haben. Aber diese Menschen werden an den Rand gedrängt, bis sie ihre Lebensgrundlage verlieren.

Ich will die Nutztierhaltung damit beileibe nicht zur Norm erheben, aber philosophisch ist sie schon interessant. Mit den Tieren eine gemeinsame Hofstelle zu teilen, sich um sie zu kümmern, Gefallen an ihnen zu haben, ein tägliches Einvernehmen mit ihnen herzustellen und sie schließlich zu töten, das löst bei mir immer wieder neue Beobachtungen und Überlegungen aus. Und was ist nun, wenn das Schlachten vorbei ist?

Um ganz ehrlich zu sein: Die Phase nach dem Schlachten empfinde ich als Erleichterung. Man hat es überstanden. Die Belastung, die man vorher über längere Zeit empfunden hatte, löst sich ab. Dem Tier ist kein überflüssiges Leid zugefügt worden, es ist vorbei. Es bleibt ein stilles Bedauern. Vielleicht gibt es sogar einen ganz alten Reflex, über den man nicht gern spricht, das ist der Triumph, selbst überlebt zu haben. Aber dann geht das, was war, in etwas Neues über.

Zuerst natürlich das Essen. Fleisch von einem Tier zu essen, das man selbst aufgezogen hat, das ist auch nach Jahren für mich noch etwas Großartiges. Es ist nicht nur schmackhaft und sättigend, ich empfinde auch einen nicht hintergehbaren Sinn darin, der sich schon in der Zubereitung entfaltet: Man eignet sich etwas an, so wie es unserer Ernährungsweise entspricht: wir leben nicht von Licht und Wasser, sondern davon, dass wir uns anderes Leben einverleiben. Das ist die Wahrheit. Aber, im Unterschied zu gekauftem Essen, verantwortet man diese Wahrheit selbst. Deshalb steckt auch ein Moment des Stolzes darin.

Ich koche eine Suppe aus dem schönen Hahn, nach dem ich ihn ausgenommen habe. Ich rupfe bei einer Freundin die Taube, die eben noch auf dem First gegurrt hat. Ich bereite eine Lammkeule zu. Es sind Vorgänge, in denen Dankbarkeit sowohl für das Leben als auch für das Essen steckt. Sie sind langsam und sorgfältig, auch wenn die Hand geübter wird. Es ist mir unvorstellbar, das Steak von einem Schwein aus dem eigenen Stall „in die Pfanne zu hauen“. Es steckt einfach zu viel darin. Man brät es.

Wer wenige Tiere hat, weiß in der Regel, wessen Fleisch er da gerade isst. Viel wird davon erzählt, dass gerade dieses Bewusstsein von der Individualität des Tieres zart besaitete Menschen vom Genuss des Fleisches abhält. Ich kann das nicht bestätigen. Und auch meine Kinder reagieren auf die Information von der Individualität der Salami eher mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit.
Schließlich liege ich nachts auf dem Schaffell meines grauen Lieblingsböckchens.

Wenn das Schlachten vorbei ist, macht sich in mir keine Leere breit. Es ist der Beginn einer neuen Fülle. Und, so seltsam sich das anhört, je öfter ich das erlebt habe, empfinde ich durch diese Erfahrung auch die Begrenztheit des eigenen Lebens farbiger als früher – wenn auch, wie es in einem alten Kirchenlied heißt, „in aller Not und Traurigkeit“.

Wird fortgesetzt.