Der prüfende Blick

Über Subsistenzwirtschaft III

Kenneth Anders, 23.01.2017

Seit Tagen schaut mir der Bock ins Gesicht. Vielleicht hat er das auch früher getan – dann ist es mir nicht aufgefallen. Aber seit ich weiß, dass wir ihn schlachten werden, spüre ich seinen Blick. Beinahe prüfend wirkt er, dunkel und hübsch. Als fragte er: Was hast du mit mir vor?

Die Probleme beim Schlachten von Haustieren fangen mit der Entscheidung an, welches denn getötet werden soll. Für diese Entscheidung lassen sich viele Gründe finden. Man kann nicht sinnvoll auf Dauer mehrere Männchen halten. Man möchte Inzucht vermeiden. Man sucht die besten Tiere aus. Und wenn das alles zur Auswahl nicht reicht, geht man nach Gefallen. Es ist eine Einschätzung, in die viele Überlegungen und Beobachtungen einfließen, aber so sehr man sie auch abmildert, es bleibt doch eine harte Angelegenheit, eine Selektion. Und diese muss man verarbeiten.

Von manchen Tieren hat man kaum ein Bewusstsein. Gerade bei den Schafen scheint es mir, als wüssten einige von vornherein, dass es zwecklos ist, eine Beziehung zum Halter aufzubauen. Sie grasen im Hintergrund, sind scheu, und wenn es sie dann trifft, dann ist es eben so. Aber andere haben Charakter, machen auf sich aufmerksam, sind lustig oder weisen Eigenheiten auf. Mit denen hat man es schwerer. Und dann ist da noch die Schönheit mancher Tiere.

Mike, unser Nachbar, der uns das Schlachten von Hühnern beigebracht hat, hat für die Empfindung der tierischen Schönheit im Angesicht des Schlachtens ein einfaches Wort: schade! Wenn es nach seinem Empfinden schade ist, kann es passieren, dass er es ablehnt, ein Tier zu schlachten. Einmal hat er einen einäugigen Hahn aufgepäppelt, obwohl er gar keinen zweiten Hahn brauchte. Er nannte ihn Siegfried und schenkte ihm drei Hennen, die kleine Schar hat jetzt eine extra Ecke auf dem Hof. So weit kann es gehen, mit dem Bedauern. Einmal kam ich mit einem wunderschönen Hahn zu ihm, der allerdings die Hühner zu heftig getreten hatte. Ach, dit is aber schade, sagte Mike und erst nach langem Zögern machte er sich ans Werk.

Ja, auch die Hühner und Hähne machen es einem manchmal schwer. Nach zwei Überfällen des Fuchses im letzten Jahr hatten wir in diesem Jahr kein Glück mit den Glucken. Erst jetzt, im kalten Herbst, brütete eine Henne drei Küken aus. Als ich die kleinen Bällchen so über den Hof laufen sah, dachte ich: Da ist bestimmt ein Hahn dabei, wenn der überlebt, ist es wohl mal an der Zeit, den alten zu ersetzten. In diesem Moment bog der alte Hahn um die Ecke. Ein schönes, großes, fuchsrotes Tier, das vor vier Jahren seinen Vater grausam entthront hatte. Die zwei Angriffe durch den Fuchs im letzten Winter hatte er nicht nur selbst überlebt, sondern dabei auch jeweils zwei Hennen verteidigt. Ach, dachte ich… schade.

Was ich damit sagen will: Das Problem liegt nicht so sehr in dem Moment des Schlachtens. Es ist der ganze Prozess davor. Er legt sich wie eine Last auf das eigene Bewusstsein, selbst dann, wenn man die Tiere zu sich auf Abstand hält. Und es gibt darauf nur eine Antwort, welche die Menschen geben, seit sie Tiere zu ihrem Nutzen halten: Das gehört dazu.

Wird fortgesetzt.