Mein Ort, von Tieren bevölkert

Über Subsistenzwirtschaft II

Kenneth Anders, 18.01.2017

Ich lebte seit mehr als zehn Jahren auf dem Land, als meine Frau die ersten Hühner holte. Sie hatte Levin mitgenommen, er war damals vielleicht elf und trug die Tiere wie Schätze in Pappkartons aus dem Auto in den Stall.

Der Stall war eine windschiefe alte Hütte, die an der Scheune klebte, mit Asbest gedeckt und nur noch aus Gewohnheit stehend. Wir hatten notdürftig ein paar Vorkehrungen getroffen, dabei immer zweifelnd, ob wir den Anforderungen artgerechter Haltung genügen würden: zwei Stangen, zwei Legenester, etwas Einstreu, der Ziegelboden im Sandbett gegen die Nager mit Kaninchendraht  abgesichert. Wir nahmen die Hühner aus den Kartons und setzten sie auf die Stange. Da saßen sie nun.

Noch heute erinnere ich mich an diesen Abend. Die Hühner waren zwar noch etwas aufgeregt und trauten sich nicht heraus, aber allein ihre Haltung auf der Stange war wie ein Zeichen, dass alles so in Ordnung war. Als sie zum ersten Mal in den Hof liefen, fingen sie gleich an zu scharren. Der Hahn suchte den Himmel nach Greifvögeln ab und rief die Hennen, wenn er einen Wurm gefunden hatte. Picken, Scharren, ein bisschen Zanken. Sonst wenig, aber das war großartig.

Das mag für Menschen, die keine Hühner haben oder für solche, die schon immer Hühner haben, lächerlich erscheinen. Die einen verstehen den Witz nicht, die anderen haben vielleicht schon zu oft über den Witz gelacht. Die Tiere tun nichts anderes als das, was von ihnen erwartet wird. Es ist ein Einvernehmen mit der Situation, die man ihnen geschaffen hat. Das lässt das eigene Leben richtiger erscheinen als vorher.

Als Peter zwei Jahre später unsere ersten Schafe brachte, war es ähnlich. Sie lagen erst ängstlich und benommen auf der Wiese, dann standen sie auf und fingen an zu grasen. Was sollten sie sonst tun? Bald wurden sie mutiger und verlangten nach Leckerlis, weil wir ihnen Äpfel und Brotrinden gebracht und ihnen das geschmeckt hatte. Ich weiß schon, dass das eine ganz normale Sache ist: Grasen und Blöken eben. Aber für mich fühlte sich das an wie eine Beglaubigung des Lebens an diesem Ort.

Bald vermehrten sich die Tiere. Mit dem Nachwuchs ging es nicht immer gut, mal hatten wir ein totes Lamm, mal wurden die Küken vom Habicht gefangen. Aber erstaunlich oft klappte es. Die Glucken kümmerten sich um die kleinen fiependen Federbällchen, die Schafmütter säugten ihre Lämmer und stießen tiefe kehlige Laute aus, um mit ihnen zu kommunizieren. Es war wunderbar.

Dabei hatte ich das Ende durchaus vor Augen – die Geburt verweist auf das Ende, vielleicht sogar auf das Schlachten. Doch dazu später. Hier sei nur gesagt, dass das Bewusstsein, die Tiere zu nutzen und vielleicht sogar zu töten, der Freude über den Nachwuchs keinen Abbruch tut. Bestimmend ist das Leben und die Verblüffung, dass es unter den eigenen Bedingungen gedeihen kann. Die Tiere bevölkern die eigene Hofstelle, sie leisten mir Gesellschaft und das nicht aus Jux, es ist ein richtiges Leben.

Ich empfinde den Nutztieren gegenüber Dankbarkeit, gerade deshalb, weil sie nichts anderes tun, als Huhn oder Schaf zu sein. Ich erwarte nichts anderes von ihnen. Zum Dank überraschen sie mich manchmal. Einmal baute ich ein kleines Gehege für die Glucke und die Hühner standen um mich herum und legten den Kopf schief, um mein Werkzeug genauer in Augenschein zu nehmen. Die Neugier der Tiere ist sehr lustig. Einmal baute ich einen Unterstand für die Schafe und sie schnappten sich ein Maul voll Nägel und liefen damit fort, weil sie dachten, man könne sie essen. Wie dem auch sei, die individuellen Merkmale, Gewohnheiten, Vorlieben und Marotten der Tiere sind keine Abweichungen. Sie vertiefen meinen Begriff vom Schaf, vom Huhn, von der Katze.

Der Vergleich mag sonderbar wirken, aber mit meinen Kindern geht es mir ähnlich. Dass sie Kinder sind, ist vollkommen ausreichend. Ich erwarte nichts anderes von ihnen, als dass sie spielen und lachen, sich langweilen und streiten, weinen und lieb und frech sind. Es macht mich glücklich, dass sie das tun. Es gefällt mir, dass sie genau das sind, was sie sind. Nichts sonst. Natürlich ist es schön, dass viele Möglichkeiten in ihnen stecken, aber das spielt keine so große Rolle, wie man denken mag.

Und wir, wir erwachsenen Menschen, was sind wir? Bestätigen die tausenden Verhaltensweisen, zu denen wir in der Lage sind, auch den Begriff vom Menschsein? Was ist mit den schlimmen Dingen, die wir tun können? Und wem könnten wir gefallen mit dem, was wir tun? Diese Fragen, so finde ich, sind sehr schwer zu beantworten, obwohl sie sehr alt sind. Dennoch finde ich, dass sie in eine gute Richtung weisen.

Wird fortgesetzt.