Hühner gegen das System?

Über Subsistenzwirtschaft I

Kenneth Anders, 11.01.2017

Das ist doch nicht interessant, sagt Dieter, das ist doch alles Romantik, das bringt nichts. Dieter ist Soziologe. Er will mir ein Forschungsprojekt ausreden, in dem ich mich mit heutigen Formen der Subsistenzwirtschaft beschäftigen will, mit Imkerei, Tierhaltung, Brennholzwerbung, Gärtnerei. Ich staune über die Energie, die er dabei an den Tag legt. Sieht man von der modischen Verachtung gegenüber dem Thema ab, weil es im heutigen akademischen Feld uncool ist, scheint noch etwas anderes dahinter zu stecken. Ich frage mich, was das ist. Denn auch andere haben diese Pläne spöttisch beäugt.

Das entscheidende Argument ist die Illusion der Autarkie. Tatsächlich sind in den letzten zweihundert Jahren immer wieder Menschen aus den Städten aufs Land gegangen, weil sie meinten, sie könnten sich dort durch Selbstversorgung von allen gesellschaftlichen Abhängigkeiten lösen. Das hat nie geklappt. Die Aussteiger-Projekte endeten in Streit, Armut oder Dogmatismus. Man kann der Gesellschaft nicht entrinnen.

Nur: das hat von jenen, die sich tatsächlich in bestimmten Bereichen ihres Lebens selbst versorgen, auch niemand behauptet. Schon die antike Hauswirtschaft, der Oikos, war von Tausch und militärischem Schutz abhängig und die Betroffenen haben das immer gewusst. Kein Landbewohner hält sich für autark. Den Leute ist zudem bewusst, dass Autarkie gar nicht wünschenswert ist. Wir brauchen Tausch und Austausch, einen großen Teil dessen, was wir benötigen, können wir ohnehin nicht allein herstellen. Es geht also gar nicht um Weltflucht oder Romantik. Aber wenn es darum nicht geht, warum versorgen sich manche Leute dennoch selbst, wo sie es ermöglichen können?

An der Not kann es nicht liegen. Wir leben in einer Zeit, in der manche Früchte weniger als das Saatgut kosten. Wenn es Menschen gibt, die dennoch das Beet oder den eigenen Apfelbaum bevorzugen, kann man daraus, so meine ich, etwas über die Bedeutung von Selbstversorgung lernen. Das ist mein Ansatz. Gerade jetzt, wo die Not nicht mehr herrscht, lohnt ein sorgfältiger Blick. Weil der Zwang wegfällt! Wir können vielleicht entschlüsseln, warum sich auch in reichen Gesellschaften Praxen der Selbstversorgung erhalten und warum sie immer wieder neu entstehen. Was es mit einem macht, seinen Selbsterhalt durch eigenes Wirtschaften zu sichern. Und was der Unterschied zu anderen Hobbies ist, dem Sammeln von Dingen etwa oder womit immer wir Menschen unsere freie Zeit verbringen.

Als ich damals an dem Forschungsantrag schrieb, empfahlen mir die Akademiker, im Handeln der Selbstversorger eine politische Strategie zu zeigen. Daraus ließe sich etwas machen: Hühner gegen das System. Der Weg in den euphorischen Urban-Gardening-Diskurs schien nicht weit. Das ging mir zu schnell. Ich will erst hinschauen, darüber sprechen und nachdenken.

Ich trat das Forschungsprojekt nicht an. Aber seitdem denke ich über das Thema nach. Und ich tue das vor allem für mich, denn auch das Denken kann, so wie die Haltung von Tieren oder das Gärtnern, subsistenzwirtschaftlich sein. Was nichts anderes heißt, als: es dient dem Selbsterhalt. Das bedeutet: das Denken oder das Halten von Hühnern praktiziere ich nicht gegen das System, sondern für das System. Und zwar für mein eigenes.

Fortsetzung folgt.