Eine Entengeschichte

Gibt es Fortschritte im Stad-Land-Dialog?

Kenneth Anders, 13.06.2013

Ich habe meinem Sohn gestern eine Geschichte vorgelesen. Sie entstammt einem Kinderbuch aus den zwanziger Jahren, ist also beinahe 100 Jahre alt. Die Geschichte ist sehr lang, beinahe ein Generationenepos. Es geht um ein Entenpärchen. Sie heißt Nuckelchen und er heißt Schnackerl. Der süddeutsche Klang des Erpelnamens verweist auf die Herkunft der Entenmama, doch das nur nebenbei. Es gab eben schon immer Migration.

Jedenfalls leben die jungen Enten (sie sind eigentlich Vetter und Base) in einem kleinen Weiher im Pommerschen. Dort geht es scheinbar schön und fröhlich zu. Ab und zu treibt der Kuhhirt seine Herde ans Ufer, sonst gibt es nicht so viele Berührungspunkte mit den Menschen bis auf – ja bis auf den dicken schnurrbärtigen Gutsbesitzer, der immer wieder gern auf Entenjagd geht. Er ist der Feind der Enten und vor ihm nehmen sie sich in acht. Aber eines Tages passiert etwas Schreckliches – der Gutsbesitzer rückt mit seinen Jagdgenossen an und mit Hunden und nun wird in einem grausamen Gemetzel die ganze Entenschar umgebracht. Das kommt in der Geschichte etwas unverhofft daher, man kann die Darstellung dieses Enten-Genozids nicht absehen und mein kleiner Sohn wie auch ich waren etwas verwirrt.

Aber zum Glück überleben Nuckelchen und Schnackerl durch Zufall diesen Massenmord, sie und eine alte Tante, die im Walde nach Schnecken gesucht hatte. Sonst aber niemand! Jedenfalls beschließen Nuckelchen und Schnackerl, dem Weiher, auf dem sie so verfolgt werden, den Rücken zuzukehren und ihre Heimat zu verlassen, nur die alte Tante bleibt einsam und verlassen zurück. Das angehende junge Paar begibt sich also auf die Reise und fliegt viele Tage lang, bis die Nuckelchen eines Tages sagt, sie könne nicht mehr weiter, heute Abend müsse man sich irgendwo niederlassen und dort dann auch bleiben. Schnackerl ist besorgt. Wird man eine neue Heimat finden? Aber kaum dass sich die Sonne am Horizont rötet, zeichnet sich die Silhouette einer großen Stadt ab. Und während die beiden noch darüber hinweg fliegen, sehen sie ein großes Tor mit einer Figur darauf, die lenkt vier Pferde. Und dahinter öffnet sich der Blick auf einen wunderschönen Wald und in dem finden sie einen idyllischen See. Dort lassen sie sich nieder und verleben einen herrlichen Sommer. Die Menschen füttern die beiden lieblich mit Brotkrumen, so dass es ihnen fast zu viel wird. Um Futter müssen sie sich jedenfalls nicht sorgen. Und als Schnackerl, seiner alten Wildentengewohnheit folgend, im Winter weiterziehen will, widerspricht Nuckelchen. Der Winter hier sei bestimmt nicht so hart wie in Pommern und die Menschen hier in der Stadt seien gütig, man solle doch hierbleiben. Schnackerl fügt sich und so kommt das nächste Frühjahr und bald hat Nuckelchen es so geschickt angestellt, dass an ein Weiterziehen gar nicht mehr zu denken ist. Das Nest wird gebaut.

Nuckelchen gefällt auch, dass die Menschen hier so freundlich sind und die vielen jungen Paare am Ufer sich unentwegt küssen. Bei ihnen in Pommern hatte sich niemand geküsst, nur der Kuhhirt hatte es einmal mit einer Magd versucht, sich aber eine Backpfeife eingehandelt. Armer Kuhhirt!

Da watschelt der Entenbräutigam eines Tages am Ufer des Tiergartengewässers entlang und es trifft ihn der kalte Schlag: Inmitten der freundlichen Menschen steht der dicke alte pommersche Gutsbesitzer mit seinen kalten Augen und nörgelt: Es sei eine Schande, dass man die Wildenten hier nicht jagen dürfe. Bei ihm zu Haus lebe nur noch eine einzige alte Ente! Aber hier, mitten in der Stadt, da laufen sie unbehelligt herum! Schnackerl sieht den „blutrünstigen Mörder“ (das ist ein Zitat!) an und kann sich vor Angst nicht bewegen, aber es passiert ihm nichts, der Gutsbesitzer zieht vergnatzt von dannen. Und nun ist eigentlich alles überstanden. Die beiden bekommen viele Kinder und Enkel und Urenkel und leben glücklich, gefüttert und zufrieden. Sodass Schnackerl schließlich zu seinem inzwischen etwas drall gewordenen Nuckelchen sagt: „Auch ich liebe Berlin, in dem wir so heimisch geworden sind, und sage aus vollem Herzen: Berlin ist uns ein Paradies!“

Warum erzähle ich das alles? Weil der demografische Stadt-Land-Diskurs sich im letzten Jahrhundert scheinbar kaum verändert hat. Auf dem Land leben dicke, tiermordende, zurückgebliebene oder sonstwie minder bemittelte Käuze, die die Nachhaltigkeit mit Füßen treten und sich nicht küssen, während in der Stadt eigentlich alle Menschen tierlieb und ohnehin im Prinzip Vegetarier sind und urban gardening machen, und sich küssen. Und hier hat man es auch einfach besser und bequemer und die Winter sind nicht so hart und wir haben lauter Stadtökologen, die die hohe Artenvielfalt betonen, die man hier findet. Da, in Pommern, da wollen weder Enten noch Menschen leben und wir decken das ganze irgendwie mit Spargelfolie ab. Schnackerl und Nuckelchen, die haben schon gewusst, was gut ist!



M. von Loga: Die Bienenkönigin und andere Blumen- und Tiergeschichten. Meidingers Jugendschriften Verlag GmbH Berlin, ca. 1920