Leere Räume sind keine Freiräume

Von den soziokulturellen Möglichkeiten der Raumpioniere

Kenneth Anders, 03.06.2013

Hören sie, sagte der Organisator dieses Agenda-Prozesses zu mir, sie brauchen doch bloß ein paar Leute aus ihrer Region zusammentrommeln, sie kennen doch die Akteure, die Einfluss haben. Die muss man doch mal ein bisschen an die Hand nehmen. Wir haben da eine Ausstellung über Dorfentwicklung, die können wir mitbringen und dann machen wir eine Moderation mit einer Zukunftswerkstatt, wie man das Dorf wieder nach vorne bringen kann, wenigstens kulturell.

Vorstellungen wie diese sind nicht selten. Gerade wird die brandenburgische Wallachei mit Coaching-Programmen abgescannt, man sucht emsige Kümmerer, die sich beraten lassen. Außerdem lockt der Leerstand an alten Gebäuden, die auf neues Leben warten. So viel Platz – da kann man doch was draus machen! Es ist ein Denken aus der Überlegenheit heraus. Hier sind die Leute mit Kompetenz aus der Stadt, dort sind die Freiräume und die Eingeborenen, die zu erschließen sind oder denen man helfen muss.

Nach etwa zwanzig Jahren auf dem Land muss ich erwidern: Ein leeres Gebäude ist kein Freiraum und ein Dorfbewohner hat keinen leeren Kopf. Das Gebäude ist Teil eines sozialen Gefüges, auch wenn es leersteht und der alte Bewohner hat mehr Ortserfahrungen, als man selbst. Man kann sich das Gebäude aneignen, man kann versuchen, es mit einer neuen Funktion zu beleben. Aber wer die unsichtbaren Fäden übersieht, die die Menschen und ihre Strukturen hier zusammenhalten, wird scheitern.

Der Journalist Jan Grossarth hat ein ganzes Buch über Leute geschrieben, die aufs Land gegangen sind: „Vom Aussteigen und Ankommen“. Es sind sehr verschiedene Menschen darunter – Mönche und Esoteriker, Künstler, Öko-Freaks und Einsiedler. Nur eines ist ihnen allen gemein: Sie ignorieren die Komplexität des Raumes, in dem sie siedeln. Dass da schon Menschen sind, die eine Geschichte haben, dass da eine Landschaft ist, die vor jeder Willkür zurückweicht, das übersehen sie. Deshalb sind sie alle in bisschen sonderbar, nicht bösartig, aber schrullig. Und von den Einheimischen werden sie dann die Zugereisten genannt. Hinter diesem Titel steckt nicht mal ein xenophobes Vorurteil. Es ist einfach eine Beobachtung: die neuen Bewohner haben Schwierigkeiten, sich auf die anderen einzulassen. Sie sind nur an ihren eigenen Projekten interessiert.

Kann man deshalb keine kulturellen Innovationen auf dem Land schaffen? Ist das Konzept des Raumpioniers deswegen unhaltbar? So weit würde ich nicht gehen. Aber mit einer avantgardistischen Haltung ist es nicht vereinbar. Denn jeder Raum, so leer und erschöpft er auch wirken mag, hat eine landschaftliche Eigenlogik, die aus langen kulturellen und natürlichen Prozessen erwächst. Wer sie beeinflussen will, muss sie zuerst anerkennen.

Gerade feierte mein Dorf ein Jubiläum. Die Frauen hatten schon im Winter hübsche Wimpel genäht. Strohpuppen wurden ausgestopft, eine ganze Festwoche vorbereitet. Mich hatten die Organisatoren eingeladen, meine Arbeit im Dorfgemeinschaftshaus in einer Ausstellung zu präsentieren. Zum krönenden Abschluss gab es einen Festumzug mit historischen Bildern. Ich sollte das Geschehen am Mikrofon kommentieren, hatte aber erst gezögert. So ein Spektakel, ist das was für mich? Dann dachte ich, was soll eigentlich diese noble Zurückhaltung? Ich sagte also zu, stand schließlich mit Zylinder und Gehrock am Straßenrand und kommentierte die liebevoll gestalteten Wagen, auf denen von der alten Fischerei, vom großen Dorfbrand und vom Schützenverein erzählt wurde. Übrigens regnete es in Strömen und eiskalt war es auch. Aber die Dorffestwoche war dennoch eine wunderbare Zeit. Die Leute saßen abends auf dem Anger am Lagerfeuer, sie tranken, lachten und sangen zusammen.

Einen anderen soziokulturellen Entwurf als den des Aussteigens oder den des Missionierens beschreibt Elke Michael in ihrem Buch „Leben, Singen, Schweine schlachten“. Sie ist auch aus der Stadt aufs Land gezogen, aber ihr war von Anfang an klar, dass sie sich auf das Dorf, in dem sie nun lebte, einlassen musste. Die Tierhaltung, die Musik, die Feste: Man muss den Leuten nicht willfahren, aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass sie ihre Praxis haben und sich dazu in Beziehung setzen. Wer den Kirchenchor leitet, kriegt dann vielleicht auch dreißig Leute für seinen Traum von einer eigenen Ukulelenkapelle zusammen. Das Leben ist nun mal keine Einbahnstraße.