Kolumnen

Aus der Auseinandersetzung mit dem geteilten Raum erwachsen vielfältige Positionen zu Politik, Kultur, Landwirtschaft und Kunst. In unseren Kolumnen werden sie artikuliert - oftmals tastend, hin und wieder mit rhetorischer Schärfe, oft als Vorstufe zu weiteren Projekten. Manchmal werden in längeren Zeiträumen ganze Themenfelder ausgeleuchtet, manchmal einzelne Schlaglichter geworfen. In jedem Falle sind die Kolumnen dazu da, etwas zu klären.

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Kenneth Anders: Latte Macchiato im Busch. Kolumnen über Land und Stadt
Crazy Horse. Kolumnen über Land und Stadt II
Viel Glück auf dem Acker. Kolumnen über Stadt und Land III
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Das Leben querfeldein

Über Subsistenzwirtschaft V

Kenneth Anders, 13.02.2017

Wenn mein achtjähriger Sohn von der Schule kommt, muss er den letzten Kilometer von der Bushaltestelle bis zu unserem Haus zu Fuß gehen. Bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sturm ist diese Strecke zu nehmen und sie gleicht nicht an allen Tagen einem Spaziergang. Der Weg ist matschig und die Luft ist rau. Aber mein Sohn beklagt sich darüber nicht, im Gegenteil: Oft hat er Grübchen im Gesicht, wenn er zu Hause ankommt und man hat das Gefühl, dass er sich in dieser Viertelstunde gut durchgelüftet hat. Manchmal bummelt er auch. Gleich in der ersten Woche seiner Schulzeit, als ganz kleiner Erstklässler also, setzte er sich auf dem Nachhauseweg an den Feldrain, packte seine Fibel aus und blätterte darin herum. Er schien es zu genießen, dass dieser Abschnitt des Tages ihm gehörte. Wenn ich denke, dass Kinder früher nicht selten acht Kilometer zu Fuß zur Schule gegangen sind, kann ich mir vorstellen, in welcher Verfassung sie waren, wenn sie endlich ins Warme und Trockene kamen.

Auch ich habe als Kind auf dem Nachhauseweg gebummelt. Einmal kam ich so spät, dass ich einen Überraschungsbesuch aus dem Westen verpasste, das war ärgerlich. Meine Eltern mussten wegen der Bummelei immer mal mit mir schimpfen, sie wussten aber auch, dass es ganz normal war, dass die Kinder sich draußen herumtrieben. Meine Mutter schickte uns täglich vor die Tür; dauernd in der Stube hocken, das gab es nicht. Und die Welt draußen war groß. Also musste man sie erkunden.

Später habe ich es genossen, mich noch weiter von zu Hause wegzubewegen. Als Jugendlicher bin ich viel getrampt. Manchmal musste man Geduld haben, aber ich kam immer an. Mit 16, 17 oder 18 war ich fast jedes Wochenende unterwegs. Ich hatte kein Telefon und meine Eltern mussten darauf vertrauen, dass ich zur verabredeten Zeit gesund und munter zurück sein würde. Die DDR war klein, aber mir schein sie damals noch groß, denn mein Radius ließ sich immer noch erweitern. Eine Party in Weimar? Nichts wie hin! Überraschungsbesuch bei Ignaz auf Rügen? Wunderbar! Auch in den Ferien ging es hinaus in die kleine weite Welt des Ostblocks, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Ich war nicht so kühn wie mein Freund Sven, der mit einem Durchreisevisum bis ins Pamirgebirge vordrang, aber ich schlief in Straßengräben, Scheunen und bulgarischen Bauernhäusern, auf Bahnhöfen und in Transit-LKWs.

Ich will das alles nicht romantisieren. Zu lange Schulwege konnten eine Zumutung sein, besonders wenn böse Jungs auf der Lauer lagen. Das Trampen war nicht versichert und manche Fahrten waren sicher bloße Rumtreiberei und keine Bildungsreisen. Aber eines haben diese Formen der kindlichen und jugendlichen Mobilität gemeinsam: Sie boten eine körperliche Erfahrung der Freiheit und der eigenen Kraft. Man bekam Vertrauen in die Welt und in sich selbst. Dieses Wechselspiel ging mit einer gewissen Unbeschwertheit einher. Später ging diese Unbeschwertheit in der Regel verloren, das nannte man Erwachsenwerden. Aber erst einmal war sie das Vorrecht junger Menschen. Die Bewegung querfeldein war das Gegenstück zur Sesshaftigkeit. Man durfte die Bindung an den Ort lösen, für eine bestimmte Zeit jedenfalls. In dieser Zeit entzog man sich den Netzen der gesellschaftlichen Verpflichtungen und baute ein eigenes Lebensgefühl auf.

Heute haben die meisten jungen Menschen in unserer Gesellschaft dieses Selbstgefühl an das Auto abgeben müssen. Wir fahren unsere Kinder durch die Gegend, bringen sie weg und holen sie ab. Die Landschaft hat weniger Fußwege, die Trampelpfade sind zugewachsen und wo keine Radwege sind, mag man seine Kinder ungern Fahrrad fahren lassen.

Kurioserweise geht gerade das Leben auf dem Land oftmals mit der Erfahrung fehlender Souveränität im Raum einher – es hängt ja auch fast ausschließlich von den Großen ab, wann man sich wo aufhält. Und dort, wo man noch Spielräume hätte, scheinen sie unattraktiv, als berge die Bewegung querfeldein kein Freiheitsversprechen mehr. Das ist auch kein Wunder, denn man ist jederzeit erreichbar, immer vernetzt, man kann sich für die Erwachsenen nicht einfach in Luft auflösen, wie wir das früher getan haben.

Meine großen Söhne lassen sich kaum durch die Welt treiben, sie unternehmen keine spontanen Reisen, wie ich damals. Als ob sie wüssten, dass es kein Entrinnen gibt. Auf mich wirken sie viel erwachsener, als ich mich selbst in diesem Alter empfunden habe.

Junge Menschen zwischen fünfzehn und zwanzig kommen mir heute oft ein bisschen depressiv vor. Sie scheinen sich nicht auf das Leben zu freuen, das vor ihnen liegt, sie sind beschwert. Ich glaube, sie wissen, dass sie längst im Netz der Gesellschaft zappeln. Es dauert mitunter Jahre, bis sie ihre Chance auf Freiheit in diesem Netz erkennen – durch eine mühsame Suche nach etwas, das sie selbst erst einmal nicht beschreiben oder fassen können. Die unmittelbare körperliche Erfahrung, dass man mit beinahe nichts durch die Welt kommen kann, bleibt ihnen vorenthalten. Vielleicht liegt ihre Freiheit in den virtuellen Welten, in denen sie unterwegs sind, manchmal ganze Nächte lang, durch Spielen und Chatten. Sie sind nicht mehr so stark in sesshafte Lebensformen eingebunden, also ist auch das zeitweilige Entrinnen aus der örtlichen Bindung keine große Sache mehr.

Ist das nun gut oder schlecht? Das vermag ich nicht zu sagen. Immerhin machen sich die jungen Menschen keine Illusionen. Aber es ist anders und es geht etwas verloren, das wertvoll sein könnte. Und deshalb meine ich, wir sollten darauf achten, unseren Kindern ein Mindestmaß an eigener Bewegung im Raum zuzumuten - ob sie sich das nun wünschen oder nicht.

Wird fortgesetzt.