Brecht oder Gurken?

Wie Erwachsene auf die Entwicklung von Jugendlichen Einfluss nehmen

Kenneth Anders, 07.09.2018

Ich wollte nicht. Meine Deutschlehrerin hatte mich bearbeitet, einen Tag um den anderen, aber ich wollte nicht. Es sei so schön, hatte sie gesagt, genau das richtige für mich, aber ich blieb stur. Bezirksspezialistenlager für künstlerisches Wort, wie sich das schon anhörte! Zwei Wochen meiner Ferien sollte ich dafür opfern. Kam nicht in Frage.

Das stimme ja so nicht ganz, hatte die Lehrerin gesagt, wenn ich nicht zu den Rezitatoren wolle, müsse ich ins Gurkenlager nach Letschin. Das stimmte, die anderen aus meiner Klasse fuhren alle zur Erntehilfe ins Oderbruch. Aber ich wollte trotzdem nicht.
Ich musste ja ohnehin schon andauernd überall Gedichte aufsagen, beim Fest der jungen Talente und vor der Patenbrigade und für die Jugendweihefeiern hatten sie mich auch jedes Mal abgegriffen und ich war widerstrebend gefolgt. Für mich war nur klar, dass es uncool war, Gedichte aufzusagen. Ich galt in meiner Schulklasse ohnehin nicht gerade als cool, da brauchte ich nicht noch ein Bezirksspezialistenlager.

Da griff meine Deutschlehrerin zu einem letzten Mittel. Sie holte Shorty in die Schule, einen jungen Mann, der durch sein eigenwilliges Auftreten alle pubertären Kategorien von cool und uncool durcheinanderbrachte. Er arbeitete mit mir allein an einem Gedicht. Es war ein furchtbares Gedicht, ich weiß es noch wie heute, aber die Arbeit machte Spaß. Irgendwann musste ich lachen. „Warum lachstn du?“ fragte Shorty. Da sagte ich zu.

Von da an fuhr ich jeden Sommer für zwei Wochen nach Buckow, um mit anderen Jugendlichen an der Rezitation von Gedichten zu arbeiten, betreut von Lehrern und Schauspielern aus dem Bezirk Frankfurt/Oder. Die Ergebnisse trugen wir immer im Brecht-Weigel Haus vor einem kleinen Publikum vor. Im Winter ging es zusätzlich eine Woche nach Babelsberg, ebenfalls zu diesem Zweck, aber auch, um ein bisschen in die Filmstudios hinein zu schnuppern, mal einen DEFA-Film zu schauen und anschließend mit Regisseuren oder Filmautoren darüber zu sprechen. Das war schön.

Diese Wochen haben auf meine Entwicklung einen sehr großen Einfluss gehabt. Ich lernte viel über das öffentliche Sprechen. Ich entwickelte neue Interessen und bezog  mich in dem, was ich tat, auf andere Menschen, sodass nicht mehr nur die Schüler der eigenen Klasse als Maßstab galten. Auch im Alltag traf ich mich fortan in einer Arbeitsgemeinschaft (so nannte man das damals) mit anderen Jugendlichen, um an der Interpretation von Gedichten zu arbeiten. Meine Jahrzehnte lange berufliche Entwicklung nahm hier ihren Anfang.

Dem Engagement der Erwachsenen, die sich damals um Gedichte aufsagende Jugendliche kümmerten, verdanke ich also sehr viel. Und ich weiß, dass es anderen Menschen ähnlich ergangen ist, wenn auch in ganz anderen Richtungen und Metiers. Ein alter Landwirt, erfolgreicher Betriebsleiter und Kommunalpolitiker erzähle mir neulich, er habe als Jugendlicher den Beruf des Landmaschinenschlossers gelernt und wollte es damit gut sein lassen. Aber sein Betriebsleiter setzte sich jeden Tag zu ihm in die Treckerkabine und fuhr ein Stück mit. Denn er wollte ihn überzeugen, die Fachhochschule zu besuchen. Der junge Mann wollte das gar nicht, aber schließlich ließ er sich überreden. Von allein hätte er das nie getan. Er hätte es sich nicht zugetraut, er hätte auch den Sinn nicht gesehen.

Wir sprechen derzeit am Oderbruch Museum viel darüber, wie wir wohl an junge Menschen herankommen, die bereit sind, in ihrer Freizeit bei uns Kurse zu belegen, Projekte zu entwickeln und etwas auszuprobieren. Wir haben dafür gute Bedingungen geschaffen. Aber es ist nicht so einfach, Jugendliche zu finden, die mitmachen wollen. Innerhalb der Unterrichtszeit ist das kein Problem. Gelingt es, sich mit den Schulen auf eine entsprechende Interpretation der Schulcurricula zu einigen, dann können wir natürlich mit den Schülern arbeiten, im Klassenverband. Aber nach Feierabend, jenseits der Schule? Sehr schwierig. Dabei wäre gerade das nötig, um einen anderen Impuls auszulösen, einen kleinen Funken zu schlagen, ein Stück Freiheit zu entdecken. Das wissen wir, aber wissen das auch die Jugendlichen? Sie können es gar nicht wissen und vielleicht wollen sie es nicht einmal wissen.

Man kann dafür viele Gründe anführen. Die Schüler sind nach dem langen Ganztagsschultag müde und überlastet. Manche gehen dazu noch in Sportclubs oder lernen ein Instrument. Außerdem haben sie alle ein Smartphone und daddeln immer darauf herum. Sie sind unsicher über das, was sie überhaupt können, vielleicht auch bequem. Und sie haben eine tief sitzende Angst, sich zu langweilen. Das mag alles sein. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr rückt die Rolle der Erwachsenen in meinen Blick.

Es ist Sache der Eltern, ihren Kindern den Weg zu weisen. Die Schule und andere Institutionen können jenseits des Pflichtprogramms nur Angebote machen. Der Berufsweg, die Freizeitaktivitäten, die sonstigen Einflüsse, denen man die Jugendlichen aussetzt, das ist Privatsache. Damit bleibt es oft vom Bildungskapital der Eltern abhängig, welche Möglichkeiten sich ihre Kinder erschließen können. Und die Lehrer und Ausbilder als der zweiten erwachsenen Instanz für die Heranwachsenden, treten in den Hintergrund.

Ich meine damit nicht, dass früher alles besser war. Meine Lehrer wollten nicht nur schöne Dinge von mir, wie eben meine Deutschlehrerin. Es gab auch solche, die den Jungs eine Offizierslaufbahn einredeten. Das Modell der DDR, das die Lehrerschaft dafür verantwortlich machte, der Gesellschaft für die verschiedenen Bereiche und Bedarfe junge Menschen zuzuspielen, ist zum Glück passé. Und zweifelsohne gibt es auch heute noch Lehrer und Ausbilder, die ihren Kindern und Jugendlichen mit Liebe und sanftem Druck einen Impuls zu ihrem Glück geben.

Ich habe aber den Eindruck, dass sie dieser zart empfundenen Verantwortung aus einer Unsicherheit heraus kaum mehr gerecht werden können. Denn ist es nicht eine Einmischung in das Privatleben anderer, gezielt einzelnen Jugendlichen Empfehlungen zu geben, womit sie es einmal probieren sollten, vielleicht sogar mehrfach und hartnäckig? Haben sie überhaupt das Recht dazu, geschweige denn das Mandat?

Ich meine, keinen Einfluss zu nehmen, ist auch eine Handlung – und nicht unbedingt eine bessere.
Unsere Mitarbeiterinnen haben die Lehrerin einer Partnerschule gefragt, ob sie ihnen nicht ein paar Jugendliche empfehlen könnten, mit denen sie mal über unsere Workshops reden könnten. Sie wollten selbst das Gespräch suchen und den jungen Leuten selbst vermitteln, worin der Reiz bestehen könnte, etwas bei uns auszuprobieren. Die Antwort der Lehrerin kam bald: Sie habe in der Klasse gefragt, es habe sich niemand gemeldet, also habe auch niemand Interesse.

Ja, so wird das natürlich nichts.