Kolumnen

Aus der Auseinandersetzung mit dem geteilten Raum erwachsen vielfältige Positionen zu Politik, Kultur, Landwirtschaft und Kunst. In unseren Kolumnen werden sie artikuliert - oftmals tastend, hin und wieder mit rhetorischer Schärfe, oft als Vorstufe zu weiteren Projekten. Manchmal werden in längeren Zeiträumen ganze Themenfelder ausgeleuchtet, manchmal einzelne Schlaglichter geworfen. In jedem Falle sind die Kolumnen dazu da, etwas zu klären.

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Kenneth Anders: Latte Macchiato im Busch. Kolumnen über Land und Stadt
Crazy Horse. Kolumnen über Land und Stadt II
Viel Glück auf dem Acker. Kolumnen über Stadt und Land III
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Am Abend mancher Tage, da stimmt die Welt

Über ein Wiedersehen mit dem Ostrock

Kenneth Anders, 05.02.2018

Ich habe mir nie besonders viele Gedanken über meine ostdeutsche Herkunft gemacht. Als die DDR die Segel strich, war ich noch jung. Danach wurde ich nicht diskriminiert und konnte über mein Leben selbst bestimmen. Also überwiegen Dankbarkeit und ein Bewusstsein für die Endlichkeit von Systemen.

Überhaupt habe ich es nicht so mit der kulturellen Identität. Ich versuche mich, so gut es geht, in andere Menschen hineinzuversetzen und stelle mir selten die Frage, wer ich bin und wo ich hingehöre. Man hätte ja auch in eine ganz andere Situation hinein geboren werden können und würde dann trotzdem gern glücklich sein, wenn irgend möglich.

Trotzdem zog mich eine unwiderstehliche Neugier am letzten Sonnabend nach Wilhelmsaue. Es sollte Rockmusik aus der DDR zu hören sein, gespielt von der „Zunft“, die für dieses Projekt von Heike Matzer und Thomas Sternberg unterstützt wurde. Veronika Fischer stand auf dem Plan, und dann auch Karat, Renft, Karussel, Holger Biege, Gundermann, Silly, Lift und sogar die Roten Gitarren. Ich wollte das unbedingt hören, hätte aber kaum sagen können, warum. Jetzt weiß ich es.

Zunächst muss man sagen, dass es einfach gut gemacht war. Die Musiker legen in diesem Programm eine Körperspannung an den Tag, als seien die Songs ganz frisch. Der Satzgesang ist so klar, dass man damit Brot schneiden könnte. Schlagzeug und Gitarren erreichen eine Leichtigkeit, wie sie den Originalen fehlte, weshalb im Saal sofort getanzt wird. Die Arrangements lassen sich Facetten und Ideen, die schon damals den Reiz der Songs ausmachen, nicht entgehen. Dafür fehlen aber glücklicherweise die gesanglichen Marotten, die in einigen Originalen störten. Ich konnte zum Beispiel „Lebenszeit“ von den Puhdys wegen des genödelten Gesangs nicht so richtig hören. Aber hier geht es auf einmal, und es geht gut. Das liegt auch an der Haltung, mit der das alles vorgetragen wird: ohne Eitelkeit, ohne ausgestellte Ironie, mit Interesse an den Songs. Ganz offensichtlich braucht es ein gewisses Alter und eine über Jahre erarbeitete Souveränität, um sich diesem Material mit so einer wohlmeinenden Großzügigkeit stellen zu können. Alle singen auch mal solistisch, was die mentale Offenheit noch ein weiteres Mal erhöht. Da kommt wirklich Freude auf.

Und nun ist da auch eine Überraschung, die aus der Vertrautheit mit den Liedern herrührt. Man hat sie gehört, mehr oder weniger freiwillig. Nun stellt man fest, wie gut man sie kennt. Es ist ein Wiedersehen mit der Vergangenheit. Das kennen sicher die meisten Menschen, wenn sie Musik aus ihrer Jugend hören – aber was hier ausgelöst wird, ist keine Nostalgie. Durch die Neuinterpretation kann man alles noch einmal ganz anders hören, mit Abstand, Empathie und mit dem Wissen, wie alles weiterging. Man stellt fest: Es sind ein paar sehr gute Lieder dabei. Die Texte sind manchmal etwas gewollt, dann wieder werden sie aber auch zu echter, schlichter Lyrik. Man hört auch die politische Gängelei heraus und das Ringen um einen eigenen Ausdruck. Und dadurch ist es wiederum mehr als nur Popmusik. Es ging um Wichtiges, eine gesellschaftliche Spannung hat diese Lieder geprägt, das merkt man auch dort, wo sie heute etwas unbeholfen daherkommen.

Dieses Neuentdecken kennen wohl viele Menschen, wenn sie nach Jahrzehnten der Musik ihrer Herkunft begegnen und feststellen, dass sie doch mehr davon geprägt sind, als es ihnen bewusst war. Mir jedenfalls war zumute, als hätte ich eine Art eigener Folkmusik gefunden, in mir selbst und dort auf der Bühne, die wahrhaftig ist, weil sie ganz unvoreingenommen gespielt wird.

Auf die letzten Akkorde des Konzerts sang Heike You can’t always get what you want. Das mag Zufall gewesen sein, es passt eben gerade. Aber es stimmte auch. Denn in dem Text heißt es ja weiter: But if you try sometimes you just might find You get what you need. Und so ein Konzert, das wurde mir da bewusst, brauchte ich mal.