Kolumnen

Aus der Auseinandersetzung mit dem geteilten Raum erwachsen vielfältige Positionen zu Politik, Kultur, Landwirtschaft und Kunst. In unseren Kolumnen werden sie artikuliert - oftmals tastend, hin und wieder mit rhetorischer Schärfe, oft als Vorstufe zu weiteren Projekten. Manchmal werden in längeren Zeiträumen ganze Themenfelder ausgeleuchtet, manchmal einzelne Schlaglichter geworfen. In jedem Falle sind die Kolumnen dazu da, etwas zu klären.

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Kenneth Anders: Latte Macchiato im Busch. Kolumnen über Land und Stadt
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Die drei Schweine

Über Subsistenzwirtschaft XVI

Kenneth Anders, 12.12.2017

Es lebten einmal drei Wildschweine, die hießen Fiedler, Pfeifer und Schlau. Sie wohnten an der frischen Luft, räuberten Vogelnester aus und waren überhaupt verwegene Burschen.

Aber wenn es kalt war, nervte der Wolf, der windige Hund, der rückte Ihnen beinahe auf den Pelz, dann klapperten sie mit den Zähnen. Manchmal fraß er zwei oder drei ihrer süßen Frischlinge, was die drei Schweine wütend und traurig machte. Deshalb ließen sie sich lange Zähne wachsen, um gefährlicher auszusehen und natürlich auch, um wehrhafter zu sein.

An milden Abenden machten die drei fröhlich zusammen Musik. Fiedler strich die Geige, Pfeifer flötete und Schlau sang. Das war eine wunderbare Schweinemusik, ein Quieken und Tirilieren, so dass alle Tiere des Waldes herbeikamen, um zuzuhören. Man sagte damals: An der Musik unserer drei Schweine kann man sich satt hören. Und das stimmte auch.

Wenn die drei musizierten, heulte der Wolf von Ferne mit. Es schien, als ob er von allem sänge, was einem im Leben den Spaß verdirbt: von Hunger, von Kälte, vom Kampf ums Überleben. Aber irgendwie passte das zu der Schweinemusik. Das Heulen gab der Musik eine schöne Schwingung, so dass man merkte, dass man am Leben war.

Eines sonnigen Tages lagen sie miteinander in einer kühlen Waldsuhle und verdauten frische Eier. Bald würde es wieder kalt werden. Da sagte Schlau: Kalt, schon wieder kalt, ich will das nicht mehr. Der Wolf ist mir lästig, ich bau mir ein Haus, ich will es behaglich haben. Klasse, sagten Pfeifer und Fiedler, das machen wir auch. Und jeder fing sogleich an, sein Traumhaus zu planen.

Fiedler ging zum Bauern und bat ihn um Stroh. Pfeifer ging zum Förster und fragte nach Holz. Und Schlau sprach den Ziegelbrenner um Steine an. Zum Tausch gaben alle ihre Borsten ab, denn man brauchte damals Bürsten, zum Schuhe putzen, Hände schrubben und Rasierpinseln.

Wie lachten nun die drei, als sie im Wald mit ihren Baustoffen wieder aufeinander trafen! Haha, ihr seid ja ganz nackt und rosig, sagte Pfeifer. Selber haha, antwortete Fiedler. Und Schlau sagte: Wir sehen aus wie Hausschweine und Hausschweine haben Häuser, also lasst uns anfangen.

Fiedler baute ein warmes Haus aus Stroh und nach getaner Arbeit wollte er gemütlich schlafen. Aber der hungrige Wolf pustete heulend zwischen den Strohhalmen durch und Fiedler klapperte mit den Zähnen. Er musste sich durch das Fenster zu Pfeifer retten.
Pfeifer hatte sein warmes Holzhaus gerade fertig und nahm den Fiedler auf. Gleich wollten sie darin Musik machen, um sich satt zu hören. Aber da blies sich der frostige Wolf zwischen den Balken und Brettern geradezu mitten ins Zimmer hinein. Also sahen die beiden, dass sie herauskamen.

Na, hab ich mir doch gedacht, sagte Schlau, dann kommt mal rein. Mein Steinhaus ist dicht. Ein bisschen klamm vielleicht, aber der Wolf kommt hier nicht rein, wir machen zu, da hören wir ihn nicht mal mehr heulen. Zum Musikmachen ist es etwas eng, aber wir können ja an warmen Tagen raus an die frische Luft.

So lebten die drei ruhig zusammen. Der Wolf kam nicht herein und man hörte ihn auch nicht mehr. Irgendwann ließen sie sich die Zähne ziehen, wegen Verletzungsgefahr und weil die Hauer nicht mehr als schön galten. Vor die Tür gingen sie nur selten und bald hieß es nur noch: Jaja, in unserer Jugend, da haben wir zusammen in einer Band gespielt. Aber das ist jetzt vorbei. Sie setzten Speck an, denn es gab keine sättigende Musik mehr, nur noch nahrhaftes Futter. Und als sie Kinder bekamen, wurden die ein bisschen frech.

Das Steinhaus von Schlau war unterdessen immer größer geworden, man hatte angebaut und so fasste es viele tausend Schweine, man nannte den Komplex: die Schweinecity. Alle Wildschweine waren von draußen hereingekommen, sie wollten es auch warm und gemütlich haben, ohne Wolf. So wurden sie immer mehr. Erstaunlich eigentlich, dass sie immer genug zu essen hatten!

Aber eines Abends hörten die drei Schweine die Langeweile. Sie klang schrecklich eintönig: Töt, töt, töt. Habt ihr das gehört? fragte Pfeifer. Was war das denn? Das ist ja schrecklicher als Wolfsgeheul! Das Geräusch der Langeweile konnte man nicht wegmachen, auch nicht, indem man sich die Ohren verstopfte. Denn es kam von innen.

Um die Langeweile zu übertönen, legten sich die drei Schweine Hobbies und Kapriolen zu. Pfeifer hatte Angst vor dem Älterwerden und meinte, er hätte im Leben nichts erreicht, also bändelte er mit einer jungen Sau an. Fiedler machte Halbmarathon, immer ums Haus rum. Und Schlau fing an, sich für den Wolf zu interessieren. Der war doch eigentlich interessant gewesen, fand er jetzt, aus heutiger Sicht. Man sollte wieder mehr Wölfe haben, da draußen, dachte er.

Die anderen Schweine in Schweinecity taten es den dreien gleich, sie wurden aktiv. Legten sich kleine Schweinsgärten an und wühlten darin herum. Suhlten sich in eigens angelegten Erlebniskuhlen. Und hörten vor allem dem Schweinchen Schlau zu, wenn der über den Wolf redete.
Der Wolf, sagte Schlau. Es war falsch, dass wir ihn nicht bei uns haben wollten. Mit dem Wolf war das Leben reizvoller und wir hatten gar kein Recht, ihn auszuschließen, ob wir nun gefroren haben oder nicht. Wir sollten losziehen in die herrlichen, Wälder, aus denen auch wir einst gekommen sind! Zurück zum Wolf, sozusagen!

Das begeisterte die Schweine. Sie gründeten gleich eine Organisation namens Schweinehunde, die die Versöhnung mit dem Wolf einleiten sollte. Ihre Idee war, dass Schweine eigentlich schlecht sind und der Wolf gut, sodass man höchstens als Schweinehund ein richtiges Leben führen könnte.

Außerdem schickte man einen Trupp nach draußen in den Wald, um den Wolf zu finden. Aber draußen war alles schrecklich hässlich geworden: Kein Wald mehr, überall wurde Schweinefutter angebaut, sonst nichts. Hier war auch gar kein Platz für den Wolf mehr! Der fand nichts zu fressen, nicht ein klitzekleines Ferkelchen rannte herum! Diese Schweine! sagten die Schweine, und schimpften laut.

Schweinchen Schlau fing an zu grübeln. Viele Schweine in Schweinecity meinten, wenn sie einmal in der Woche in einer Erlebnissuhle gelegen hatten, wären sie schon beinahe selbst zu einem Wolf geworden. Aber Schlau wusste: Sie waren Schweine, nicht mehr und nicht weniger. Da machte er sich nichts vor. Und dann hörte er in der Ferne ein Heulen, so dass es ihm kalt den Rücken herunterlief. Der Wolf! flüsterte er, hört ihr ihn? Ja, die anderen hatten ihn auch gehört, er war noch irgendwo da draußen.

Und plötzlich verstand Schlau, dass damals nicht der Wolf bei ihrer Musik mitgeheult hatte, sondern dass sie musiziert hatten, um das Heulen des Wolfes zu ertragen. Sorum geht die Kaffeemühle!

Sie gingen zusammen in die Kälte, in den Nebel, in ihre hässliche Schweinewelt, und machten Musik zum Heulen des Wolfes, der von ferne zu hören war. Und die Musik war wunderbar und nicht langweilig. Eine wirklich gute Schweinemusik, wie sie nur richtige Schweine machen können, die den Wolf kennen und ihre Schweinsohren vor seinem Heulen nicht verschließen.