Kolumnen

Aus der Auseinandersetzung mit dem geteilten Raum erwachsen vielfältige Positionen zu Politik, Kultur, Landwirtschaft und Kunst. In unseren Kolumnen werden sie artikuliert - oftmals tastend, hin und wieder mit rhetorischer Schärfe, oft als Vorstufe zu weiteren Projekten. Manchmal werden in längeren Zeiträumen ganze Themenfelder ausgeleuchtet, manchmal einzelne Schlaglichter geworfen. In jedem Falle sind die Kolumnen dazu da, etwas zu klären.

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Kenneth Anders: Latte Macchiato im Busch. Kolumnen über Land und Stadt
Crazy Horse. Kolumnen über Land und Stadt II
Viel Glück auf dem Acker. Kolumnen über Stadt und Land III
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Angst vor den nächsten Wahlen?

Über Subsistenzwirtschaft X

Kenneth Anders, 20.06.2017

In diesem Jahr finden einige Wahlen in Deutschland statt und viele Menschen sind etwas aufgeregt darüber. Immerhin wurde im letzten Jahr zum Beispiel in England und den USA gewählt, und wie es ausgegangen ist, wissen wir. Deshalb geben wir uns alle erdenkliche Mühe, unsere Demokratie vor unvernünftigen Kräften zu schützen. Auch ich bin alarmiert, wenn auch fast schon wieder ein bisschen eingelullt, weil es den Anschein hat, als ginge es bei uns doch glimpflich aus.

Aber woher kommt bei so vielen Leuten überhaupt dieses Misstrauen in die Demokratie? Geht es ihnen wirklich so schlecht? Oder sind sie nur staatsbürgerlich schlecht erzogen? Beide Antworten werden im politischen Diskus gegeben: Man müsse die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern, sagen die einen. Man müsse die Politik besser erklären, sagen die anderen. Und das kann ja beides so falsch nicht sein.

Sofern aber das Misstrauen gegen die Demokratie abseits der Ballungsräume gedeiht, meine ich, dass andere Gründe wichtiger sind. Auf die Provinzen, die ländlichen Räume oder wie immer man sie nennen mag, kommt es in diesem Zusammenhang ganz schön an. Über 90 Prozent der amerikanischen Landkreise haben „America First“ gewählt und der Brexit ist auch nicht in London beschlossen worden. Meiner Beobachtung nach kann man diese Räume nicht für die Demokratie gewinnen, wenn man den Menschen dort die Demokratie besser erklärt, wie es Politiker nach Wahlniederlagen oft beabsichtigen. Und auch eine verfassungsmäßige Angleichung der Lebensverhältnisse, wie sie die Soziologin Claudia Neu unlängst wieder gefordert hat, wird kein neues Vertrauen in die Demokratie wecken. Die Belehrung wird scheitern, weil sie von oben herab gedacht ist. Und was die Angleichung der Lebensverhältnisse anbetrifft, wissen die Menschen auf dem Land am besten, dass sie eine Illusion ist. Wo weniger Menschen wohnen, gibt es eine geringere Dichte an Angeboten, also auch weniger Wahlfreiheit für Konsum, Bildung und Karriere. Gemessen an den Idealen des Stadtlebens wird das Land immer die schlechtere Stadt sein.

Ich möchte stattdessen einen anderen Weg vorschlagen, um das Vertrauen dieser Menschen in die Demokratie zu stärken oder zurückzugewinnen: Eine Investition in die Selbstbeschreibung dieser Regionen. Was ist damit gemeint?

Sehen Sie sich einen aktuellen Fernsehkrimi an, der in der Mark Brandenburg spielt. Die Dörfer sind schön fotografiert, die Bilder sind mit Gelbfilter aufgewärmt. Immer sitzen die Menschen in der Kneipe, obwohl es in diesen Dörfern in Wahrheit gar keine Kneipen mehr gibt. Neulich sah ich einen Film, in dem die märkischen Kinder angezogen waren wie in der Nachkriegszeit, sie trugen blonde Zöpfe und Lederhosen. Außerdem sind alle Landmenschen in diesen Filmen ein bisschen einfältig. Wenn auf dem Land gedreht wird, werden die Leute zu Komparsen.

In der Literatur ist es nicht viel besser, wenngleich sich die deutsche Literatur wenigstens in letzter Zeit darum bemüht, Perspektiven des Lebens in der Provinz einzunehmen. In vielen Fällen habe ich Zweifel, dass sich die Menschen diese Beschreibungen zu eigen machen werden, aber immerhin.

Wie dem auch sei, die Qualität des politischen Urteilens einer Gesellschaft hat maßgeblich damit zu tun, wie gut sich diese Gesellschaft selbst kennt und beschreiben kann. Die Menschen müssen die Widersprüche kennen, in denen sie stehen. Nur dann können sie ein Gefühl für die Notwendigkeit von Abwägungsprozessen entwickeln und werden ihre Stimme denen geben, die es sich nicht zu leicht machen. Nur wer sein eigenes Leben genau erkundet hat, bekommt auch Neugier auf das Fremde und Andere. Eine genaue Selbstbeschreibung ist nicht das Gegenteil einer offenen Haltung zur Welt – sie ist vielmehr deren Voraussetzung.

Wer meint, es reiche aus, wenn die Menschen in den Ballungsräumen durch guten Journalismus, kluge Filme, lesenswerte Bücher oder anspruchsvolle Debatten dabei unterstützt werden, ihr eigenes Leben besser zu verstehen, der darf sich nicht wundern, wenn die Menschen in der Provinz gefährlich einfache politische Antworten akzeptieren.

Dabei ist es jedoch wichtig, dass ihre eigenen Diskurse unterstützt und qualifiziert werden. Man sollte sich nicht einbilden, man könne einfach andere Diskurse – akademische, stadtökologische, gendermäßige oder welche auch immer – auf diese Menschen anwenden. Diese haben ihren eigenen Kopf, ihre eigene Sprache und man sollte das zunächst einmal anerkennen. Sonst wird man keinen Zutritt zu den Gesprächen erlangen, die in diesen Regionen geführt werden.

Und was ist nun in Deutschland, mit unseren Wahlen, unseren Ängsten um die Zukunft der Demokratie?  Ich würde sagen: Sofern wir auch nur halbwegs entspannt auf die zurückliegenden und bevorstehenden Wahlen blicken können, hat es möglicherweise damit zu tun, dass die Selbstbeschreibung vieler ländlicher Gesellschaften nicht ganz so heruntergekommen ist wie jene in anderen Weltregionen. Wir haben noch professionelle Regionalzeitungen und Verwaltungen, deren Mitarbeiter täglich mit den Menschen sprechen. Ausruhen darf man sich darauf freilich nicht. Auch das zeigen ja die Wahlergebnisse.

Wird fortgesetzt.