Das Lied vom Einzelkämpfer

Sommerschule am Oderbruch Museum Altranft vom 19.-24. September 2016

Präsentiert am 23. und 24. September 2016 in der Feldsteinscheune auf dem Berg-Schmidt-Hof Altranft

Das Lied vom Einzelkämpfer

Das Team der Rock-Oper


Das Handwerk ist Teil der ländlichen Kultur. Wo es verschwindet oder an den Rand gedrängt wird, verblasst auch die Kraft des ländlichen Lebens. Wo es neu entsteht, erhält auch die ländliche Sesshaftigkeit Impulse. Fertigkeiten, Materialbewusstsein und Selbstwertgefühl des ländlichen Lebens gehen mit der Präsenz und Vitalität bestimmter Gewerke in den Dörfern und kleinen Städten einher.

Im Rahmen des Themenjahres „Handwerk“ am Oderbruch Museum Altranft haben Sommerschülerinnen der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) Handwerker und Handwerkerinnen im Oderbruch nach ihrer Arbeit befragt. Gemeinsam mit der Rockband HELIO aus Wriezen präsentierten sie ihre Eindrücke an zwei Abenden in der Feldsteinscheune des Berg-Schmidt-Hofes in Form einer kleinen Rock-Oper, die Szenen, Dialoge, Lieder und Choreografien rund um das Handwerk bot. Der folgende Beitrag gibt einen Teil der Aspekte wieder, die an diesem Abend auf die Bühne gebracht wurden.

 


 

Zitate
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Von Banausen
Das Lied vom Einzelkämpfer

Ich bin ein Banause. Ein Handwerker. Handwerkskunst, téchnaibanausikaí, ist was ich tue. Ich bin ein Banause. Xenophon, sprach diesen Sommer auf der Akropolis aus, wie die Athener über uns denken:

„die so genannten handwerklichen Berufe sind verrufen und werden aus gutem Grund in den Städten besonders verachtet. Sie schädigen nämlich die Körper der Arbeiter und Aufseher, indem sie diese zwingen, zu sitzen und unter einem Dach zu arbeiten; manche nötigen sie sogar dazu, den ganzen Tag vor dem Feuer zuzubringen. Sind die Körper aber erst verweichlicht und von der hellen Hautfarbe der im Haus Tätigen, werden auch die Seelen anfälliger für Krankheiten. Auch gewähren die so genannten handwerklichen Berufe die geringste freie Zeit, sich noch um Freunde oder die Stadt zu kümmern, so dass solche Leute unbrauchbar zu sein scheinen für geselligen Umgang und zur Verteidigung des Vaterlandes. Folglich ist es in einigen Städten auch keinem Bürger erlaubt, in handwerklichen Berufen zu arbeiten.“

Rolle seitwärts in den Stand an den anderen Bühnenrand, Hülle abwerfend, ein zweites, lachendes Gesicht aufsetzend)

Heute ist das Handwerk ein Berufsstand und eine Organisationsform der gewerblichen Wirtschaft. Die handwerkliche Tätigkeit, die von der industriellen Massenproduktion abzugrenzen ist, ist eine selbstständige Erwerbstätigkeit auf dem Gebiet der Be- und Verarbeitung von Stoffen sowie im Reparatur- und Dienstleistungsbereich.

Der Handwerks-Meister ist Arbeiter, Kapitalgeber und Unternehmer in einer Person, er ist ein Eckpfeiler der Volkswirtschaft, der in der Regel auf Bestellung für einen weitgehend lokalen bzw. regionalen Absatzmarkt produziert. Dazu bedient er sich der überwiegenden Hilfe von Handwerks-Gesellen und Auszubildenden des gleichen Gewerbezweigs.

Mit beiden Gesichtern in der Bühnenmitte:

Wer sind die Banausen von morgen?

 


 

Eine Grabrede
Das Lied vom Einzelkämpfer

Herzlich Willkommen zur Vollversammlung des Fördervereins der Autoschlosserinnen und Autoschlosser!

Schön, dass Sie gekommen sind. Am heutigen Tage, im Jahre 2046, schließt nun leider die letze freie Autowerkstatt im Oderbruch. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstand dieser Beruf und viele Dorfschmiede fanden hier eine neue Perspektive. Nun, 150 Jahre später, geht die letzte Autoschlosserin in Rente. Wie ihr nur zu gut wisst, müssen nun alle Autoteile programmiert werden, ganze Baugruppen werden nur noch ausgetauscht und Schweißvorgänge sind heute automatisiert. So gibt es für die letzte freie Werkstatt keine Perspektive und der Beruf des Mechatronikers ist ganz an diese Stelle getreten. Die Entwicklung hat sich ja nun auch dadurch verstärkt, dass der Personen-Nahverkehr auch hier auf dem Land mit Elektrobussen die Automobilität an den Rand gedrängt hat. Es ist jetzt an uns, weiter an unsern Oldtimern zu schrauben und unsere Kultur zu erhalten: am Zylinderkopf zu arbeiten, die Keilriemen per Hand zu spannen, Zündkerzen zu putzen und Karosserien zu schweißen bis die Werkstatt leuchtet, Motoren in Einzelteile zu zerlegen, Getriebe ein- und auszubauen. Auch zu Hause können wir alte Autos schrauben und die Freiheit der eigenen Werkstatt und ihre Abläufe erhalten.

Nun lasst uns der letzten Werkstatt im Oderbruch die Ehre erweisen, Abschied nehmen und sie in schöner Erinnerung behalten.

In einer an ein Begräbnis erinnernden Zeremonie werden Werkzeuge in eine Kiste gelegt. Die letzte Trauernde nimmt Kiste mit von der Bühne.

 


 

Das zweite Standbein | Ein Turnstück in vier Übungen
Das Lied vom Einzelkämpfer

Übungsleiter: So, liebe Handwerkerschaft, willkommen bei „Medizin nach Noten“, dem neuen Format der Handelskammer, um Sie, liebe Meister, Gesellen und Lehrlinge, fit zu halten. Fit für Ihren Dienst am Kunden. Thema des heutigen Abends ist das 2. Standbein. Ein Turnstück in vier Übungen. Hier unser Modell ...

Erste Übung: Der Spieler
Die erste Übung heißt „DER SPIELER“. … So – nimm erst mal die Grundposition ein. ... (Zum Publikum) Das entscheidende dieser Übung ist das Stehen auf einem Bein. ... Wir sehen, diese Position ist relativ stabil ... Aber schon kleinere konjunkturelle Schwankungen können das Gebilde aus dem Gleichgewicht bringen. Bitte das Bein absetzen. ... (Zum Publikum) Sie sehen, in dem Moment, wo das Spielbein gebraucht und benutzt wird, ergibt sich eine wesentlich höhere Standfestigkeit. Diese Position macht Sie aber auch flexibel und leichtfüßig. Und sie ist etwas fürs Auge: sieht einfach, mühelos und spielerisch aus. Danke. Meine Damen und Herren Handwerker, diese Übung ist bestens geeignet für Fleischer mit Partyservice oder für Zimmermännermit Sägewerken.

Zweite Übung: Die Eiche
Die zweite Übung zum 2. Standbein heißt „DIE EICHE“. …  Das entscheidende dieser Übung ist das Stehen auf einem Bein. Sie täuschen sich, wenn sie meinen, dass wären zwei Beine. Schauen Sie genau hin. Das ist eins!!!! Zugegeben deutlich kräftiger als bei der Übung zuvor... Wir sehen, diese Übung macht Sie sehr standfest und stabil – in alle Richtungen. Auch Druck kann Ihnen nichts anhaben. Außerdem wurzelt die gemeine Eiche tief genug, um sich in die Höhe und in die Breite zu entfalten. Danke. Meine Damen und Herren Handwerker, diese Übung ist bestens geeignet für Friseure, Tischler, Glaser, orthopädische Schuhmacher. 

Dritte Übung: Der Sumoringer
Die dritte Übung am heutigen Abend heißt „DER SUMORINGER“. … Das entscheidende dieser Übung ist das Stehen auf zwei Beinen. Wozu diese Übung, fragen Sie sich? Diese Übung macht Sie ausgeglichen und widerstandsfähig. Was könnte Sie schon in dieser Position umhauen? Nun der Sumoringergang. … Sie sehen, liebe Handwerker, es ist nur kurzzeitig möglich, dass eines der beiden Standbeinedas gesamte Gewicht trägt. Das macht es immer wieder nötig, zur Grundposition zurückzukehren. Meine Damen und Herren Handwerker, diese Übung ist bestens geeignet für Uhrmacher mit Schmuckverkauf, für Maurer, die auch Dachdecker sind, und umgekehrt.

Vierte Übung: Der Vielfüßler
Nun kommen wir zur vierten und letzten Übung dieser Ausgabe von „Mach mit, mach`s nach, mach`s besser“ für Handwerker. Sie heißt „DER VIERFÜSSLER“. … So – bitte die Grundposition einnehmen. ... Das entscheidende dieser Übung ist das Stehen auf vielen Beinen. Sie können durchaus mal auf das eine oder andere Bein verzichten, aber dauerhaft ist dies nicht möglich. Weil die anderen Standbeine die Last nicht lange tragen. Diese Übung erzeugt aber eine große Verbundenheit mit dem Raum, schränkt allerdings den Weitblick etwas ein. Meine Damen und Herren Handwerker, diese Übung ist bestens geeignet für Allroundtalente, die auchberuflich breit aufgestellt sein möchten. Und wenn all das nicht reicht, auch noch Zeitungen austragen.

Epilog
So, meine Damen und Herren Handwerker, wir sind nun am Ende unserer Übungsstunde angekommen. Ich hoffe, meine Übungen ... und ich können Ihnen zu mehr Standfestigkeit verhelfen. Wir sehen uns schon in einer Woche wieder zu einer weiteren Folge ... Bis dahin üben Sie gut und bleiben Sie standhaft. Auf Wiedersehen!

 


 

Das Lied vom Einzelkämpfer

 

Leidenschaft

Die Helligkeit von frisch gehobeltem Holz. – Nach der Arbeit heißt es fegen.
Die Maserung des Holzes. – Splitter sind schmerzhaft.
Der Geruch von Kien beim Aufsägen des Stammes. – Ist die Säge schon stumpf?
Das Knistern eines frisch geflochtenen Korbes. – Und ein Almosen zum Lohn.
Die Glut des Schmiedefeuers. – Oder unerträgliche Hitze.
Der Klang des Eisens auf dem Amboss. – Da beschweren sich die Nachbarn.
Der Geruch von frisch geräucherter Wurst. – Fleischer essen Schokolade.
Die Schärfe des Fleischermessers. – Und was ist mit den Vegetariern?
Die Munterkeit eines gut frisierten Kopfes. – Hab ich noch nie gesehen.
Der Schwung des gewaschenen und geschnittenen Haares. – Das ist doch Eitelkeit.
Die Elastizität des Leders. – Das kann man heute auch anders machen.
Die Wärme des frisch gebackenen Brotes. – Gibt’s auch bei Netto.
Der Duft des Kuchens. – Ich ess keinen Kuchen.
Der Klang des Geigenholzes. – Da müsste man erstmal Geige spielen können.
Der Geruch von Fensterkitt. – Macht man doch heute mit Silikon.
Das Geräusch des Glasschneiders. – Da kräuseln sich mir die Fingernägel.
Die Gefügigkeit des Tons auf der Drehscheibe. – Ist das sowas wie Knete?
Die Ordnung der Werkstatt zum Feierabend. – Aber dafür muss man doch erst aufräumen.
Der Glanz des geschärften Beils. – Nie gesehen, keine Ahnung.
Das Klopfen des Beitels beim Abbund. – Was ist Abbund?
Die erste Wärme, die aus einer installierten Heizung strömt. – Bei uns ist es immer warm.
Die Helligkeit nach dem Betätigen des neuen Lichtschalters.  – Was soll daran Besonderes sein?
Die sauber geschlossene Dachhaut. – Na, das will ich aber auch hoffen.
Das warme Rot der Ziegel. – Ich mag lieber blau.
Die Spannung eines gut gebauten Polsters. – Ich geh in Möbelhaus, die machen das mit Schaumstoff.
Das Ticken der gut gehenden Uhr. – Das ist Nostalgie.
Das Anspringen des Motors. – Ich  hab keine Fahrerlaubnis.
Die mit Öl getränkte Luft. – Furchtbarer Gestank.
Der Geruch des Kalkmörtels. – Kann man sich damit verätzen?
Das Geräusch des Hobels. – Elektrohobel klingen grässlich.
Die Lebendigkeit des Materials. – Plaste ist praktisch.
Leidenschaft ist schwer übertragbar.

 


 

Das Lied vom Einzelkämpfer
Das Lied vom Einzelkämpfer
 

 

Helio: Baumarkt Blues

Da kommt doch noch was drüber, da kleben wir was dran
Da nimmste Silikon, machstn paar Leisten dran
Dann nimm doch noch n Winkel, das dauert ja sonst Tage
Sei doch kein feiner Pinkel, das Handwerk is ne Plage.

Das muss nich ewig halten, den Aufwand macht sich keiner
Die Leute wollen sparen, was bist denn du für Einer
Gibt Fertigaggregate, die baust du ein im Keller
und wenn die mal kaputt sind, dann liegts am Hersteller.

Für alles gibt es schnelle Pflaster,
Da geht es fix, da rollt der Zaster,
Doch wo bleibt da mein alter Stolz,
Ich bin doch noch aus anderm Holz!

Was willst du hier noch diskutiern, das musst du dir nicht geben!
Ein Haus steht heut nich lange, dann wird es abgerissen,
Das ist doch nach Jahrzehnten schon vollständig verschlissen,
Du baust nich für die Ewigkeit,  du baust zum Überleben.

 


 

Das Lied vom Einzelkämpfer
Das Lied vom Einzelkämpfer
 

 

Helio: Weißglut

Ich hab geschwitzt, mich nicht geschont,
stand immer früh auf, kaum zu Haus gewohnt,
keine Mühen gescheut, hast dich immer gefreut,
Jetzt bin ich fertig.

Ich war unterwegs, hab Baustoff rangeschafft,
hab nie geklagt, dich nie angeblafft,
hab alles verbaut, kein bisschen versaut,
doch jetzt bin ich fertig.

Komm schon, jetzt zahl doch deine Rechnung – das ist unfair
Komm schon, jetzt zahl doch deine Rechnung – das ist unfair
Oder ich weiß nicht, weiß nicht, was ich tu

Leute mit nichts, haben kaum genug,
wir zahlen pünktlich und immer gut.
Solche wie du sind ein Betrug.
Du machst mich fertig.

Ich hab Familie, gebe Lohn und Brot,
nicht nur ich bin in so schwer in Not.
Jetzt pass mal auf, ich hau dir eine drauf,
Dich mach ich fertig.

Leute wie du, ihr zerstört ein Leben,
so will ich nie sein, das ist voll daneben,
schlimmer als ein Dieb, der mich hierher trieb:
Jetzt bin ich fertig!

Und vor Gericht, spielt für euch die Zeit,
ihr habt einen Anwalt, der grinst gescheit,
ich steh nackt in der Flur, was macht ihr nur?
Ihr macht mich fertig!

Komm schon, jetzt zahl doch deine Rechnung – das ist unfair
Komm schon, jetzt zahl doch deine Rechnung – das ist unfair
Oder ich weiß nicht, weiß nicht, was ich tu

 

Das Lied vom Einzelkämpfer

 


 

Das Lied vom Einzelkämpfer

 

Leidenschaft
Briefe von Marcel P. an seine Freundin

Hallo Nadja,
es ist wirklich krass, dass man dich in deinem Ferienjob nicht anrufen kann. Selbst hier im Oderbruch gibt es fast überall Funknetz, bloß in Kienitz ist schlecht. Dass ich nochmal mit Briefeschreiben anfangen würde, hätte ich nicht gedacht. Da kannst du mal sehen, wie gut ich dich finde.
Jedenfalls stehen mir jetzt zwei seltsame Wochen bevor. Ich kam gestern Abend nach Hause und setzte mich an den Abendbrottisch. Mama guckte mir beim Essen zu und sagte kein Wort. Da wurde mir mulmig und dann hab ich gefragt, was denn los ist. Und da hat sie gesagt, sie hat etwas für  mich organisiert, für die ersten zwei Wochen Sommerferien.
Du fährst Handwerker ab. Hier in der Gegend. In der ganzen Region. Ich habe alles ausgemacht.
Zimmerleute, Dachdecker, Geigenbauer, Bäcker, Fleischer, Friseure, Autoschlosser. Jeden Tag einen. Du fährst hin, guckst ihnen bei der Arbeit zu, legst mit Hand an, wo man dich darum bittet und fragst sie nach ihrer Arbeit.
Dann hast du Ferien. Dann kannst du mit deiner Freundin wegfahren.
Wozu soll denn das gut sein?
Mein lieber Sohn, sagte Mama da, du weißt nicht, was du mal im Leben anfangen willst. Ich seh‘ dich nicht auf der Hochschule. Du musst dich bewerben. Wenn du keine Idee hast, musst du dir eben mal angucken, was es so gibt.
Gar nüscht muss ich, sag ich. Ich fahr nirgendwo hin.
Du fährst, sagte sie.
Und dann stand sie auf. Wahrscheinlich mach ich das jetzt einfach. Morgen geht’s los. Wär ich bloß mit dir zu dem Ferienjob gefahren.

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