Lyrik und Landschaft

Eine Unterrichtsstunde im Fach Deutsch

 

Baustein Landschaftspolitische Bildung

Entwickelt 2013 mit der Klasse 9b des evangelischen Johanniter-Gymnasiums in Wriezen

1. Was ist Lyrik überhaupt?

Anhand der antiken Geschichte führen wir uns vor Augen, dass der Begriff von der griechischen Lyra herstammt, dem Instrument, auf dem die Dichter und Sänger früher ihre Vorträge begleitet haben. Lyrik hat also etwas mit Singen zu tun, auch dann, wenn sie nur gesprochen wird. Orpheus, Bob Dylan und heutige Popsänger liegen gar nicht so weit auseinander und die baskischen Bertsolari, die in freier Improvisation singend dichten, zeugen noch heute von dieser großartigen oralen Tradition. An der Geschichte von Orpheus und Eurydike machten wir uns klar, dass es bei Lyrik um ureigenste Empfindungen des Sängers geht. Was da gesungen wird – das ist dem Sänger sehr, sehr wichtig. Deshalb braucht Lyrik einen besonderen Aufmerksamkeitsraum eine besonders zarte Handhabung. Wer Lyrik dichtet oder spricht, ist verletzbar.


2. Wenn Lyrik etwas mit den Empfindungen des Subjekts zu tun hat, wie kann es dann Landschaftslyrik geben?

Diese Frage ist wichtig, denn wenn die Definition von Lyrik stimmt – also dass sie etwas erfasst, dass dem sprechenden oder singenden Menschen elementar wichtig ist, dann muss Landschaftslyrik mehr sein als nur eine nette Beschreibung. Zwei wichtige Aspekte lassen sich da finden, die erklären, worum es bei Lyrik mit landschaftlichen Beschreibungen gehen kann:

  • um Stimmungen bei der Betrachtung von Landschaft
  • um die Frage, ob man sich auf einen Raum überhaupt einlassen will und kann – ob man in ihm ein zuhause hat.

An drei Beispielen gingen wir diese Möglichkeiten durch. Das erste war ein Gedicht von Heine aus dem Buch der Lieder:

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh';
Ein Knabe fährt im Kahne,
Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich,
In winziger, bunter Gestalt,
Lusthäuser, und Gärten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.

Die Mägde bleichen Wäsche,
Und springen im Gras herum;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm'.

Am alten grauen Turme
Ein Schilderhäuschen steht;
Ein rotgeröckter Bursche
Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er präsentiert und schultert -
Ich wollt, er schösse mich tot.

 

Rezitiert das Gedicht! Wenn man zuhört, stellt man fest, dass nur in der ersten und letzten Zeile auf den Gemütszustand des Autors eingegangen wird. Das ist sehr geschickt von Heine geschrieben! In seinem Gedicht wird sichtbar, dass die Landschaft mit ihrem bunten frohen Reizen im krassen Gegensatz zu den Gefühlen des Autors steht. Die Landschaft scheint geradezu einen eigenen Willen zu haben, sie will der Traurigkeit des Autors gar nicht folgen! Statt aber auf diese Fröhlichkeit einzuschwenken, formuliert der Romantiker Heine am Ende den Wunsch, er möge durch einen Schuss aus diesem netten Treiben gelöst werden! Das ist ein wohl kalkulierter Schock. Man sieht daran gut, wie geschickt die Romantiker mit Affekten umgingen und man kann vielleicht auch verstehen, warum andere Autoren wie Goethe ein ziemliches Misstrauen gegen diese Literatur gehegt haben. Sie spielen geradezu mit unseren Gefühlen.

Als nächstes sehen wir uns ein Gedicht von Friedrich Nietzsche an:

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck' du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Liest man das Gedicht, findet man schnell heraus, dass die Fremdheit, die er beschreibt, auch eine Distanz zur Umwelt in ihm selbst bezeichnet. Denn er wurde nicht ausgestoßen, er hat sich selbst in diese Position des Außenseiters gebracht. Im Gegensatz zu den Krähen, die auf Heimat und Geborgenheit verzichten können, wird der Autor dieses Gedichtes aber immer an der eigenen Entwurzelung leiden. Da schwingt, im Gegensatz zu Nietzsche, eine Spur Pathos mit. Das Gefühl, sich von der Heimat entfernt zu haben und nicht wieder zurückzukönnen, wird als Einsamkeit begreiflich.

Das dritte und schwierigste Gedicht der Stunde ist von Johannes Bobrowski. Es geht so: 

Ebene

See.
Der See.
Versunken die Ufer. Unter der Wolke
der Kranich. Weiß, aufleuchtend
der Hirtenvölker
Jahrtausende. Mit dem Wind
kam ich herauf den Berg.
Hier werd ich leben. Ein Jäger
war ich, einfing mich
aber das Gras.

Lehr mich reden, Gras,
lehr mich tot sein und hören,
lange, und reden, Stein,
lehr du mich bleiben, Wasser,
frag mir, und Wind, nicht nach.

 

Bobrowski verhandelt hier den historischen Prozess der menschlichen Sesshaftwerdung, der das, was unter einem Menschen zu verstehen ist, völlig verändert hat. Am Ort blieben – das verändert alles – das hören, das Reden, aber auch die Vorstellungen vom Tod. Bobrowski schreibt es so, als habe sich jemand bewusst entschlossen, das Leben der Jäger und Nomaden aufzugeben. Damit einher geht aber eine größere Distanz zur Natur, denn ihre Dynamik, ihre Beweglichkeit gibt der Mensch nun auf. Eine Schwere hält in das menschliche Leben Einzug: Stein, Gras und Wasser bestimmen dieses Leben – nicht mehr der Wind.

Vergleichen wir die drei Gedichte verhandelt

  • das erste Gedicht die Frage, ob die Landschaft ein Resonanzboden für die eigenen Empfindungen sein kann
  • das zweite Gedicht die Frage, ob der Raum noch Heimat sein kann
  • das dritte Gedicht die Frage, inwiefern die Landschaft uns als Menschen überhaupt prägt.

In allen drei Fällen ist es den Autoren gelungen, etwas für Sie sehr wichtiges zu erfassen. Deutlich wird aber auch, dass die Landschaft nicht als bloß als zu beschreibendes Objekt behandelt wird, sondern Teil des menschlichen Ausdrucks ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen haben diese Dichter also erkannt, dass Landschaft mehr ist als Natur.


3. Ein Versuch über das Oderbruch

Schließlich gehen wir der Frage nach, inwiefern es möglich ist, ein Landschaftsgedicht über das Oderbruch zu schreiben. Als Gegensatzpaar wählen wir dazu die Begriffe Eigenart und Veränderung. Die Eigenart von Landschaft ist das, was sie von anderen unterscheidet, was sie zu einem unverwechselbaren Raum macht. Leicht lassen sich Elemente dieser Eigenart für das Oderbruch zu benennen: das Wasser, die Weite, die Felder, den Himmel, die Loose-Gehöfte, die typischen Dörfer, die geraden Straßen, die Tieflage der Landschaft, die Rehe und Kraniche auf den Äckern, die Pappeln und Weiden und vieles mehr.
Die Veränderung der Landschaft wird von vielen Faktoren bestimmt: die Wirtschaft ist ein maßgeblicher Faktor, untersetzt mit Prozessen wie der Energiewende und dem Klimawandel. Aber auch Katastrophen, Kriege, demografischer Wandel und überhaupt das tägliche Tun des Menschen verändern die Landschaft. Exemplarisch lesen wir zwei Gedichte, die diese Perspektiven auf die Landschaft einnehmen. 

Eigenart

Ist eine Landschaft: klein und weit, am Wasser, im Nebel,
umfasst von lichten Hügeln aus Sand und Lehm,
mit Wald bestanden und von kargen Wiesen bedeckt.
Grün und grau schillert’s im Bruch,
hell und dunkel gehen in mannigfaltigen Schattierungen ineinander über.
Der Himmel ist ein Ereignis aus Farben und Wolken.
Winde streichen rauschend über die Weiden, silbrig wispern sie und beschatten den Saum des Flusses,
der träge dahinströmt.

Schilf und Kraut hüllen die Wasser ein.
Quappen und Welse, Aale, Hechte und Weißfische tummeln sich in Alter und Neuer Oder.
Die Wiesen stehen fett und saftig.
Auf den fruchtbaren Lehmböden der Aue gedeihen die Feldfrüchte.
Rehe fliehen auf den Feldern.
Menschen leben in eigenartigen Dörfern an Angern und Straßen.
Ihre Häuser sind aus Fachwerk und Stein, das Holz vom Wetter vergraut.
Die meisten haben schon viele Hochwasser erlebt, waren umspült vom Oderwasser, wurden verlassen,
wieder aufgebaut und erneut bewohnt.

Wo die menschliche Hand sich zurückhält, wächst Holunder.
Die Luft ist von Mist und Erde schwer.
Der Krieg hat Spuren hinterlassen: Bombenkrater, in denen heute das Wasser steht, Gebeine auf den Äckern,
nie geschlossene Lücken in den Siedlungen.

Die Kirchenglocken werfen ihr Getön über den Sonntag.
Straßen verlaufen in rechten Winkeln und führen in seltsamen Pfaden von Ort zu Ort.
Auf den Schildern und Masten singen scheppernd die Grauammern.
Kraniche vollführen auf den Feldern ihre Tänze. Ihr Gesang hallt über die weiten Flächen.
Störche nisten auf Masten und Dächern. Sie folgen den Erntemaschinen auf der Suche nach Nahrung.
Kiebitze rufen in die Nacht.
Hier und da grasen Schafe und Ziegen.
Viele Menschen halten sich Hühner.
Schleiereulen gehen lautlos auf Jagd.
Auf den Friedhöfen die Steine der ersten Kolonisten.
So eine eigenartige Landschaft!

Das erste Gedicht ist ohne Versmaß, nichts reimt sich. Auf diese Weise kann man dem Rhythmus der Worte freien Lauf lassen – trotzdem gefährdet das natürlich seine Gestalt als Gedicht. Aber die vorher genannten Elemente kommen natürlich vor – und noch viele mehr. Das Gedicht scheint noch nichts mit den Empfindungen des Autors zu tun zu haben, wer aber genau liest, wird sehen, dass ihn das, was er da beschreibt, auch bewegt. Es ist eine Beschreibung, aber sie tastet sich in den Raum. Der Autor will zeigen, dass ein Mensch, der sich mit allen Sinnen auf eine Landschaft einlässt, darin Sinn findet. Im zweiten Teil geht es um die

Veränderung

Ist eine Landschaft, verändert sich leis.
Windrad um Windrad dreht sich im Kreis.
Die Menschen besorgt, vom Wasser am Deich.
Sie hüten die Scholle, sie sind nicht so reich.

Und andre verlassen die Heimat sobald
die Schule vorbei und sie hinreichend alt.
Geschlossen ist längst schon die Zuckerfabrik,
kann man denn Leben von Vogelmusik?

Fabriken entstehen für Strom und für Mast,
sie fallen der eigenen Hoffnung zur Last.
Und rufen die einen nach Arbeit und Geld,
zieh`n andre hinaus in die Ruhe, aufs Feld.

Sie hoffen auf Freiheit und Ungestörtheit,
für sie ist die Landschaft zum Leben bereit.
Doch ziehen sich Vögel und Fische zurück,
für Nische und Schutz bleibt ein winziges Stück.

Und sprachlos stehn manche vor Graben und Fluss,
verstehn nicht, wie’s Wasser sich drängen muss,
und wenig sagt ihnen die Weide am Saum,
ist halt eine Pflanze, ist eben ein Baum.

So greift eine Fremdheit das Leben an
und wächst wohl auch Liebe zu Landschaft heran.
Was zählt uns die Heimat, der Winkel, der Ort?
Fängt’s neu an zu wachsen, ist’s aus längst, und fort?

Hier ist nun wieder auf Verse zurückgegriffen worden – als Erinnerung an die alten Heimatgedichte. Die Frage, ob denn die Landschaft noch Heimat sein kann, wird durch die Form des Gedichts verstärkt. Das Gedicht endet mit einer Frage, die einerseits bang, andererseits lauschend, hoffend daherkommt. Der Autor spricht hier aber von „wir“ – er befragt also alle die Landschaft bewohnenden Menschen. Kann es dann noch ein gutes Gedicht sein? Daran hat der Autor selbst so seine Zweifel.



Stundenidee und Texte:
Kenneth Anders