Wasser im Oderbruch

Helga Behrendt, Zeitzeugin aus Güstebieser Loose Fotografie: Stefan Schick 2017

Da hinten kommt das Wasser

Helga Behrendt, Zeitzeugin aus Güstebieser Loose

Aufgeschrieben von Georg Weichardt

Als 1947 in Reitwein der Damm gebrochen ist, haben wir nichts davon mitbekommen. Es gab sehr viel zu tun, der Krieg war noch nicht lange her. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie im Radio groß darüber gesprochen haben. Heute ist das alles anders, da gibt es das Telefon, alle rufen an. Es gibt Radio und Fernsehen, die Zeitung. Und überall wird darüber berichtet. Das war damals einfach nicht so.
Karfreitag ist bei uns das Wasser gekommen, da war ich 10 Jahre alt. Erfahren haben wir das erst kurz vorher durch meine Cousine. Die war mit einer Freundin aus Neukarlshof zur Kirche, zum Unterricht. Und die Freundin hatte in Neulietzegöricke Verwandte, die Großens, dort wollten sie nach der Kirche hingehen. Da kam ein älterer Herr, der sagte: „Na Mädgens, wo wollt ihr denn hin?“ „Na, nach Großens.“ „Na, die sind all weg“, sagte der, „da hinten kommt dit Wasser!“ Und dann habe sie Richtung Altwustrow geguckt und da war das richtig zu sehen, das Wasser. Da haben sie gemacht, dass sie nach Hause kamen und haben uns dann Bescheid gesagt. Natürlich waren wir alle aufgeregt, wir wussten ja nicht was passiert.
Vor unserem Haus, über die Straße Richtung Damm, lief nach und nach alles voll. Hinter unserem Haus war auch überall Wasser. Nur der Hof, der blieb trocken. Zum Glück war hinter der Scheune ein kleiner, schmaler Steig, nicht breiter als ein Fußweg, da konnte man mit dem Fahrrad lang. Der ging bis zum Oderdamm. Von dort aus konnten wir weiter bis zum Hof von meinem Onkel. Dort konnte man gut sehen, dass in dieser Richtung viele Stellen trocken geblieben sind. Der Weg von unserem Haus zu Müllers hin, am Damm bei der Alten Oder, der war auch trocken. Aber von hier rüber zu Fehlbergs, Richtung Neukarlshof, da waren mehrere Durchbrüche. Das Wasser ist von einer Seite rüber gelaufen zu der anderen, wie ein Fluss. Wie es nach Karlshof hin war, weiß ich gar nicht. War ja auch abgeschnitten, ist man nicht mehr hin­gekommen. Aber bei uns hier, das liegt alles so hoch, wie gesagt, der Weg war wirklich frei. Man konnte prima sehen, was hoch und was tief ist. Kann man an manchen Stellen auch heute noch gut sehen. Wenn bei uns auf der Straße ein Auto kommt, denkt man, die Straße ist glatt. Da ist aber eine Stelle, da sieht man das Auto fast nicht mehr, so tief liegt die. Das ist nicht alles platt hier. Auch wenn das immer alle sagen, dass das Oderbruch platt ist.
Richtung Karlsbiese hatten es die Leute nicht so gut. Die Häuser dort, die standen alle im Wasser, die sind alle abgesoffen. Dort haben wir auch Schule gehabt, die ist dann natürlich für eine ganze Weile ausgefallen. Richtung Neutrebbin war es besonders schlimm. Bis zu den Fensterkreuzen sind die Häuser dort versunken.
Eigentlich hatten wir schon zum zweiten Mal großes Glück. Schon zum Kriegsende hin hatten wir es an und für sich sehr gut. Wir waren auf dieser Seite vom Damm, hier waren bis zum Schluss die Deutschen. Auf der anderen Seite waren die Russen. Die anderen im Dorf mussten alle über die Oder und haben Schreckliches mitgemacht. Das haben wir lange gar nicht gewusst. Meine Schwester hat erst vor zehn Jahren angefangen, darüber zu sprechen. Auch meine Cousine hat erzählt, sie hat die Kinder an die Hand genommen und gesagt: „Ich möchte am liebsten ins Wasser gehen.“ Sie waren in einem Bunker, wurden auch vergewaltigt und so. Also sie haben wirklich Schreckliches mitgemacht.
Wir konnten zum Glück noch rechtzeitig fliehen. Meine Mutti war gelähmt, die konnte gar nichts machen und unsere Nachbarn haben uns Kinder dann mitgenommen. Wir waren über Nacht in Karlshof und sind dann nach
Altwriezen und später nach Wollenberg. Vater ist kurz darauf mit Mutter im Pferdegespann nachgekommen und am Ende sind wir immer weiter bis runter an die Elbe. Ende April herum sind wir zurückgekommen. Und wenn man bedenkt, wie die Gehöfte hier ringsum aussahen, hätte es auch für uns viel schlimmer kommen können. Nur die Scheune war abgebrannt, eine Seite vom Dach und der Giebel waren eingerissen. Das hat mein Vater alles wieder aufgebaut.
Beim Hochwasser hatten wir nicht mal einen nassen Keller, fast alles ist trocken geblieben. Deswegen sind wir auch nicht geflüchtet, auch wenn wir für eine Weile vom Rest des Dorfes abgeschnitten waren. Aber ich war als Kind auch sonst nicht so viel mit den anderen Kindern hier im Dorf zusammen. Deswegen hat mich das nicht so gestört. Nach Wriezen hin hat überall ganz mächtig Wasser gestanden, Richtung Freienwalde auch. Das muss alles tiefer liegen. Viele sind mit den Kähnen gefahren, auch die Jungs in der Gegend, die haben sich damit einen Spaß gemacht.
Wir hatten hier auf dem Hof fast alles, was wir brauchten. Wir hatten Hühner, Schweine, Kühe, Kaninchen, da wurde auch geschlachtet, Fleisch haben wir nie gekauft. Im Keller waren zu der Zeit auch noch Kartoffeln, wir hatten einen Topf Schmalz und Sirup und Marmelade. Lauter Eingekochtes. Wir haben fast alles selbst gemacht. Die Mühle war auch im Dorf. Es war alles da, was man brauchte. Heute ist das anders, da kauft man einfach den Zucker und die Marmelade, muss aber dafür nach Wriezen fahren.
Darum war das mit dem Hochwasser für uns gar nicht so viel anders als sonst. Und wenn wir doch mal was kaufen mussten, haben wir schon Wege gefunden. Mein Onkel ist mit dem Pferdewagen auf dem Damm nach Wutzen zum Bäcker gefahren und hat Brot geholt. Hier um die Ecke am Friedhof, da war so eine kleine Gaststätte. Die haben 1947 auch Lebensmittel verkauft, so das Alltägliche. Diese Dinge haben sie bestimmt auch mit einem Kahn geholt.
Wann genau das Wasser wieder abgeflossen ist, daran kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, ich glaube es war Ende Mai. Ich erinnere mich, dass hier drüben Lein gesät worden ist, als das Wasser schon weg war. Der blühte so blau, das ganze Feld, das sah so aus, als ob immer noch Wasser da stehen würde. Bis die Äcker wieder ganz trocken waren, hat es lange gedauert. Es hat auch noch ewig so modderig gerochen, so dumpfig. Das war eklig. Interessanter Weise kann ich mich gar nicht daran erinnern, ob wir Ernteausfälle hatten. Ich weiß bloß, dass da der Lein war, und dass das richtig schön blau geblüht hat. Das weiß ich. Aber das andere? Ich meine, man bringt ja im April die Kartoffeln rein und als es Ende Mai war, konnte man noch nicht auf den Acker, war ja noch nicht trocken. Sicher wird im Sommer 1947 einiges anders gewesen sein. Aber als Kind hat man eben andere Erinnerungen.
Mit dem 1997er Hochwasser war das alles anders, obwohl der Deich am Ende gehalten hat. Wir haben viel mehr gezittert als damals. Meine Enkel­kinder haben uns hier rausgeholt. Diesmal konnten wir nicht bleiben, das war zu unsicher. Wir waren in Neuenhagen bei Verwandten. Immer haben wir zum Himmel geguckt. Solange die Hubschrauber mit den Sandsäcken noch ge­flogen sind, war noch Hoffnung.
Wir waren in dieser Zeit ein paarmal mit dem Auto hier am Hof. Als wir ins Bruch reingefahren sind, habe ich gedacht, das ist alles wie tot hier. Man kam sich richtig fürchterlich vor. Einmal kamen wir an Abend her und durften bloß eine halbe Stunde bleiben. Da hat es angefangen mächtig zu regnen. Wir wussten nicht, ob wir heil wieder rauskommen. Aber am Ende ist alles gut ausgegangen. Die haben schon was geleistet, Kirchberg und die alle.
Irgendwie gehört das Hochwasser zum Oderbruch dazu. Es kann auch richtig schön aussehen, die riesigen Wasserflächen. Vor Jahren, als das Wasser wieder bis oben an den Deich ran stand, bin ich hingefahren und habe geknipst und geknipst. Was habe ich da für eine Menge Bilder gemacht, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: Ein ganzes dickes Album voll mit Bildern von der Oder.
Gestern war ich auch dort. Jetzt sind gerade die Eisschollen auf dem Fluss, die nennen sich Brieger Gänse. Die Oder ist ein Fluss, bei dem das Wasser von unten gefriert. Dann kommen die Eisschollen hoch, so kleine runde Schollen mit einem weißen Rand. Die nennen wir Brieger Gänse. Das war wunderhübsch. Die Sonne schien und die Eisschollen flossen so heran, drehten sich und manchmal knallten sie gegeneinander. Am Mittwoch war ich unten und am Donnerstag wieder. Da waren es schon weniger Schollen. Und am Freitag­vormittag war nichts mehr da, kein Eis. Das ist über Nacht alles weggetaut. Aber am Mittwoch und am Donnerstag, das sah so herrlich aus! Da waren sogar noch Schwäne, die schwammen mit den Eisschollen mit. Also, wirklich herrlich.

 

Aus: Wasser - Fotografien von Stefan Schick und Ulrich Seifert-Stühr und Berichte zum Thema Wasser im Oderbruch. Werkstattbuch 2, Aufland Verlag 2017