Grund und Boden: Fundamente einer Landschaft

Ein interdisziplinäres Landschaftspleinair im Oderbruch

Gabow 09. bis 15. Juli 2011

 

Grund und Boden: Fundamente einer Landschaft


Grund und Boden sind die Fundamente jeder Landschaft. Sie ermöglichen das Leben im Naturraum und geben die Spielräume für seine Nutzung vor. Auf Boden wird gebaut und angebaut, er ist Eigentum, Spekulationsobjekt und Gegenstand harter Auseinandersetzungen über seine Bewirtschaftung. Eine Vielzahl an kulturellen Perspektiven ist deshalb auf den Boden gerichtet.

Viele Ökologen gehen davon aus, und wissenschaftliche Untersuchungen machen es deutlich, dass die weltweite Vernichtung fruchtbarer Böden eine der größten Gefahren der Zukunft darstellt. Gleichwohl wird der Boden im politischen Diskurs seit Jahrzehnten nur wenig beachtet. Das liegt vor allem daran, dass die interessanten Dinge an diesem Thema so schlecht wahrzunehmen sind: Weder die Humusschicht noch die verschiedenen mineralischen Bodenpartikel in den Erden, Sanden, Tonen und das Bodenleben im Untergrund oder die an die einzelnen Flächen geknüpften Vorstellungen, Geschichten, Perspektiven und Interessen der Eigentümer und Nutzer sind für die menschlichen Sinne leicht zu erkennen.

Grund und Boden: Fundamente einer Landschaft


Der Arbeitsort des Pleinairs: ein unscheinbarer, mit Gras bestandener, als Grünland genutzter und etwa 4 Hektar großer Ackerschlag der Agrogenossenschaft Schiffmühle e.G. bei Gabow im Niederoderbruch, unmittelbar an der Stillen Oder und der Landesstraße 28 nach Neuranft gelegen. Eines gibt der Standort auf den ersten Blick preis: Wo Grünland angebaut wird, ist die Viehwirtschaft nicht weit. Die Gräser sind als Silage ein wichtiges Futtermittel für Milchkühe. Was vermag der Ackerschlag darüber hinaus zu erzählen, wenn Künstler, Kulturwissenschaftler, Landschaftsökologen, Landschaftsplaner und Landschaftsentwickler eine Woche Zeit bekommen, ihn zu befragen?

Mit dem Pleinair waren zwei Ziele verbunden. An erster Stelle galt es praktisch zu erproben, ob und wie eine Zusammenarbeit von Künstlern, Natur- und Geisteswissenschaftlern sowie Planern an einem gleichen Landschaftsausschnitt, im direkten Miteinander möglich ist. Was haben sich die unterschiedliche Wahrnehmungs- und Arbeitsweisen zu sagen, können sich das unterschiedliche Wissen, die angewandten Methoden und die eingenommenen Perspektiven auf den Gegenstand ergänzen, einander erhellen, neue Einsichten eröffnen? Hier nahm das Pleinair einen Faden auf, der ein gutes dreiviertel Jahr zuvor auf einer Tagung der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Landschaftsökologie (IALE-D) in Nürtingen zu spinnen begonnen wurde. Damals konnte ein möglicher Beitrag der Künste für eine geschärfte, auf nachhaltige Landschaftsgestaltung ausgerichtete, Position beziehende Landschaftsforschung nur theoretisch in Vorträgen und im Rahmenprogramm über das Kunst-Honig-Projekt von Christiane Wartenberg (IALE abstracts 2010) und Robert Lenz (Landschaft im Honig) angerissen werden (siehe www.kulturlandschaft.iale.de Archiv für Kunst und Landschaft). Im Hörsaal in Nürtingen wurde verabredet, einen praktischen Versuch in einer konkreten Landschaft folgen zu lassen.

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Gruppenbild kurz vor der Präsentation der Arbeitsergebnisse. Von rechts nach links: Hubert Wiggering, Klaus Scholz, Lars Fischer, Jens Kleber, Kenneth Anders, Verone Stillger, Almut Undisz, Kerry Morrison, Hubertus von Dressler, Helmut Lemke, Anne Kulozik, Antje Scholz, Uta Steinhardt. Leider nicht mit auf dem Bild: Christiane Wartenberg und Elisa Holzhauer.

 

An zweiter Stelle sollte die für Landschaftsentwicklung wichtige Frage der Flächenverfügbarkeit und Bodenpolitik in einer öffentlichen Veranstaltung zur Sprache gebracht werden. Dieser Problematik nahm sich ein Randthema „Grund und Boden“ im Theater in Zollbrücke begleitend zum Pleinair an. Wie überall auf dem Land ist auch im Oderbruch der Boden das wichtigste Produktionsmittel. Die Verfügbarkeit an landwirtschaftlich nutzbaren Böden ist ein begrenzender Faktor. Für eine zukunftsoffene, auf die Nutzung möglichst vieler natur-und kulturräumlicher Potenziale setzende Landschaftsentwicklung macht es einen großen Unterschied, ob es wenige große Landwirtschaftsbetriebe gibt, die nur noch wenige Kulturpflanzen für einen Weltmarkt oder die Energiewirtschaft anbauen, oder viele kleinere mit unterschiedlichen Zielen, Produkten und Vermarktungsstrategien. Vor dem Hintergrund des Verkaufs von staatseigenen landwirtschaftlichen Flächen nach Höchstgebot und des Einstiegs von kapitalkräftigen, immer öfter landwirtschaftsferner Investoren wird die Etablierung von auch ökologisch angeratenen differenzierten Landnutzungen eine immer drängendere politischen Frage. Leider blieb die Diskussion im Theater in der wenig produktiven, aber mit vielen Emotionen behafteten Frage stecken, ob bei der Privatisierung der sozialistischen Landwirtschaft in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Rechtsnachfolger der alten LPG-Strukturen in punkto Flächenerwerb zum Nachteil von Wiedereinrichtern und Alteigentümern sowie der Einkommensmöglichkeiten im ländlichen Raum bevorteilt worden seien. Welche Alternativen böten sich, wenn man eine neu ausgerichtete Bodenpolitik über den Verkauf von bundes- und landeseigenen Flächen die Ausdifferenzierung nachhaltiger landwirtschaftliche Produktion und Kooperation förderte? Interessante Aussagen hierzu gab es, wurden jedoch in der Diskussion nicht aufgenommen.

 


 

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Stille: Wie müssten Grund und Boden bespielt, bewirtschaftet werden, um das Oderbruch in all seinen Tönen klingen zu lassen?

 



Die Zitate

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Für die Arbeiten im Landschaftsraum hatte die Agrogenossenschaft Schiffmühle e.G. vier Flächen zur Auswahl gestellt. Nach einer gemeinsamen Begehung am Abend des ersten Tages fiel die Wahl auf den gut vier Hektar großen Grasacker an der Stillen Oder, der sich zum Bruch hin öffnet und dem Charakter des Oderbruchs in den Augen der meisten Teilnehmer am besten entsprach.

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Die angebotenen Arbeitsflächen für das Pleinair. Die Entscheidung fiel auf die Fläche 4. Wie sich später im Arbeitsprozess herausstellte, stehen die Flächen 3 und 4 in einer direkten räumlichen Beziehung, die oberflächlich erst vor wenigen Jahrzehnten durch den Bau der Landesstraße unterbrochen wurde. Daher wurde auch die Fläche 3 folgerichtig zum Arbeitsgegenstand.

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Wie nähert man sich dem Thema? Erste Diskussionen am Rande des Betriebsfestes der Agrogenossenschaft Schiffmühle auf dem Maschinenhof in Gabow.

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Die Geschäftsführerin der Agrogenossenschaft Schiffmühle, Frau Wesner, erläutert den an der Praxis der Landnutzung interessierten Plenairteilnehmern die Betriebsflächen des Landwirtschaftsbetriebes.

 


Die Mitarbeiter der Agrogenossenschaft konnten die Pleinairteilnehmer auf dem Betriebsfest etwas kennen lernen, zu dem die Geschäftsführerin Frau Wesner eingeladen hatte. Wie der Landwirtschaftsbetrieb sich entwickelt hat und heute aufgestellt ist, was und wie er auf seinen gut 650 Hektar produziert, warum die Milchwirtschaft noch immer im Zentrum des Betriebes steht und was zu dem ausgewählten Ackerschlag zu sagen ist, darüber gaben sie und der ehemalige Feldbauleiter Herr Ewald bereitwillig Auskunft. Weitere Gesprächstermine mit Landwirten aus dem Oderbruch, zum Beispiel mit Peter Huth, einem auf 20 ha wirtschaftenden Landwirt aus Wollup, gaben vor allem den Teilnehmern, die das Oderbruch nicht oder nur wenig kannten, einen ersten Einblick in die landwirtschaftlichen Strukturen der Region. 

Nachdem Klarheit über den Ort der Arbeit bestand, drängte es fast alle Teilnehmer aufs Feld, um sich dem Raum zu stellen und ihn mit den eigenen Methoden zu erkunden. Darüber trat die Suche nach gemeinsamen Wegen, sich den Raum anzueignen in den Hintergrund. Im Arbeitsprozess bildeten sich partiell Partnerschaften für die Umsetzung einzelner Ideen. Meist taten sich dann doch Vertreter einander nahe stehender Disziplinen zusammen. Dennoch wurde viel diskutiert, versucht, formale Beziehungen zwischen den Arbeiten zu knüpfen und das Wissen oder Ergebnisse Anderer in die eigene Arbeit zu integrieren. So beleuchteten die nachfolgend einzeln vorgestellten Arbeiten nicht nur das Thema Grund und Boden auf je eigene Weise, sondern erhellten sich am Ende auch gegenseitig.

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Landkarte zum Pleinair, eine Zeichnung der Landschaftsentwicklerin Elisa Holzhauer. In Hand- und Fußarbeit hat Elisa Holzhauer eine Karte der beiden Ackerschläge erarbeitet, die für das Pleinair zur Verfügung standen. Mit Maßband und Schrittmaß wurde der Standort abgeschritten und vermessen. Die Lage der einzelnen Arbeiten wurde verzeichnet, ebenso vorhandene Infrastrukturen wie Straße und Entwässerungsgraben sowie die Höhen und Tiefen des Geländes - wie Entdecker ein unbekanntes Land kartieren würden. Dabei zeigte sich, dass alle auf dem Feld Arbeitenden sich das Gelände angeeignet haben, indem sie besonderen Orten Namen gaben, um leichter miteinander kommunizieren zu können. Auch die Orte, an denen Helmut Lemke Tonaufnahmen gemacht hat, sind verzeichnet. An der Nummer 1.4-6 wurden zum Beispiel Aufnahmen im Schilf gemacht, an der Nummer 3.9 befindet sich ein Verkehrsschild, an dem eine lange Saite befestigt wurde, deren Klang durch den Wind verändert wird.

 


 

Alternative views.

Performance. Kerry Morrison, environmental art.

Kerry Morrison untersuchte die nördlich und westlich an den Acker angrenzende Vegetation entlang der Stillen Oder und eines Grabenverlaufs, machte Fotos, entnahm Wasserproben, sammelte Samen, Pflanzenteile und Losungen von Wildtieren und verstaute sie in Plastiktüten, bestimmte 78 Pflanzen- und Tierarten, hielt die Fundorte in Skizzen fest und legte ein Herbarium an.

Am Tag der Ergebnispräsentation lud sie die Gäste ein, sie auf ihrer Entdeckungsreise zu begleiten und über die Funde ihrer naturkundlichen Recherche ins Gespräch zu kommen. Ihre zwischen Ökologie, Kunst und Wissenschaft pendelnde Arbeitsweise ist auf die Teilhabe von anderen Personen ausgerichtet und angewiesen. Ihre weiße Arbeitskleidung, die ausgebreiteten Instrumente und Ergebnisse – alles dient der Stiftung von Gesprächsanlässen über das Beziehungsgefüge zwischen Mensch und Natur bezogen auf den Ort, an dem sie arbeitet.

Sie spannte den Bogen zur Arbeit „Verspannung“, indem sie eine Reihe der in Plastiktüten verpackten Pflanzen im Einkaufswaren zum Verbrauchswert platzierte, und durch die Aufnahme des Herbariums in die Arbeit „Ganz Stille Oder“. Beides betont den Einfluss kultureller Entscheidungen auf ökologische Zusammenhänge.

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Boden.

Skulptur. Antje Scholz, Installation, Malerei, Grafik.
Unterstützt durch Uta Steinhardt, Almut Undisz und Lars Fischer.

Die Arbeit betont die Verletzlichkeit des Bodens, wenn er ungeschützt offen liegt. Freigeräumt von der Grasnarbe, ungepflügt, glatt gestrichen, gewinnt der Betrachter den Eindruck, hier liege die Haut der Landschaft offen zu tage. Andererseits erscheint der kahle Boden als eine Wunde in der Landschaft und man ist versucht, sie wieder zu schließen.
Während die Grasnarbe abgenommen wurde, sind auf einem Quadratmeter die gefundenen Tiere gezählt worden, ohne sie im Einzelnen bestimmt zu haben: 23 Regenwürmer, ein Ohrwurm, ein Laufkäfer, eine Spinne, eine Schlupffliege, hinzu kommen ein Mausloch und zwei Pilze. Ist das viel oder wenig?

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Bodenprofile.

Geologische Aufschlüsse und Bohrungen zur Bodenbestimmung.
Hubert Wiggering und Uta Steinhardt, Landschaftsökologie.
Unterstützt durch Klaus und Antje Scholz.

Nach einer ersten Sichtung des Geländes wurden mit einem Bohrstock über das Feld verteilt auf den Höhen und in den Senken Bodenproben bis in Tiefen von circa drei Metern genommen. Die Böden unterschieden sich stark in der Mächtigkeit der Humusschicht sowie der der Korngrößen der mineralischen Anteile. Auf den Kuppen dominierten die Sande, in den Senken bindige Lehme und Tone. Auch die Bodenfeuchte variierte auf engem Raum. In den Senken wurde das Grundwasser erbohrt.
Schließlich wurde entschieden, wo einfache Bodenprofile ausgehoben werden sollten, um die unterschiedlichen Böden zu präsentieren. Es wurde deutlich, wie verschieden der Grasbewuchs auf den unterschiedlichen Böden des Ackerschlages war.

In einigen der Bohrlöchern und Aufschlüsse machte Helmut Lemke Klangaufnahmen.

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Ganz Stille Oder.

Installation entlang eines alten Oderlaufs. Verone Stillger und Hubertus von Dressler, beide Landschaftsplanung, und
Christiane Wartenberg, Bildhauerei.
Unterstützt von Antje und Klaus Scholz und Kerry Morrison.

Die Arbeit entwickelte sich aus zwei Richtungen. Christiane Wartenberg war einen Tag lang das Feld abgelaufen, hat es umrundet, gequert und immer wieder betrachtet bis sie den Raum und der Raum sie aufgenommen hatte. Eine Skizze des Ackers entstand, ein Grundriss seiner Topografie.

Unabhängig davon hatten Verone Stillger und Hubertus von Dressler mit ihren Erkundungen begonnen und dazu alte und neuere Landkarten, die deutlich unterschiedliche Zusammensetzung der Gräser auf dem Acker und die Gespräche mit den Landwirten herangezogen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die große Senke im nordöstlichen Bereich zum alten Flusssystem der Oder gehört haben muss. Diesen Zusammenhang wollten sie deutlich machen.

Ein gemeinsamer Blick auf den von Christiane Wartenberg gezeichneten Grundriss, machte deutlich, dass die Topografie des Feldes sich jenseits der Landesstraße 28 fortsetzt und auch diese Fläche bearbeitet werden muss, um den landschaftlichen Zusammenhang zu verdeutlichen.

Im Ergebnis entstand gemeinsam die Installation „Ganz Stille Oder“, die die Landschaftsgeschichte und raumbildende Wirkung längst vergangener Kräfte erschloss. Die zerschneidende Wirkung der erhöht angelegten Straße wurde gezielt aufgenommen.

Die Senke verläuft in einem seichten Bogen auf die Stille Oder zu, fasst parallel zur ihr wurde ein Entwässerungsgraben angelegt. Indem das von Kerry Morrison zusammengestellte Herbarium auf einem kleinen Tisch im Auslauf der Senke platziert wurde, konnten die ökologischen Verschiebungen auf der Fläche betont werden. Arten, die Kerry Morrison in ihrem Herbarium zeigte, wuchsen früher mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bereich der „Ganz Stillen Oder“. Ein Bodenprofil in der Senke fügte der Arbeit eine weitere Dimension zu.

Die Ausmaße der Arbeit ließen eine Darstellung in nur einem Bild nicht zu.

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Gipfel.

Installation. Verone Stillger, Landschaftsplanung, und Klaus Scholz, Wasser- und Landschaftsbau.
Unterstützt von Elisa Holzhauer und Hubertus von Dressler.

Die auf den ersten flüchtigen Blick fast eben erscheinende Ackerfläche stellte sich in den Begehungen schnell als von mehreren Höhen und Tiefen gekennzeichnet heraus. Diese Unterschiede genau zu fassen und über eine Installation herauszustellen, war die leitende Idee für die Arbeit. Der gesamte Acker wurde mit einem Nivelliergerät in seinen Höhen vermessen. 2,60 m über Null wurde für die höchste Stelle gemessen.

Im tiefsten Punkt des Feldes eine Säule bis auf Gipfelniveau zu errichten und so die Reliefunterschiede zu verdeutlichen, dieser Ansatz wurde verworfen. Auf dem Gipfel wurde schließlich ein Stuhl samt Gipfelbuch platziert. Der Weg dorthin sollte die Topografie hinreichend erfahrbar machen.

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Lerchenfenster.

Installation. Anne Kulozik, Landschaftsentwicklung. Unterstützt von Kenneth Anders und Jens Kleber.

Ein Fenster, das nicht, wie vermutet, den Blick auf die Landschaft preis gibt, sondern auf den Boden gerichtet ist. Warum? Dazu folgendes: Lerchen waren beständige Begleiter der Arbeiten auf dem Feld. Wahrgenommen werden sie zumeist hoch in der Luft, wo sie mit langem Atem einen trällernden Singflug vollführen. Man denkt dabei kaum daran, wie verwurzelt sie auch mit dem Boden sind, denn Feldlerchen sind Bodenbrüter. Eine intensive Grünlandnutzung mit mehreren Schnitten im Jahr gefährdet den Bestand dieser Vögel. Eine Möglichkeit, Feldlerchen in ihrem Bruterfolg zu unterstützen, sind sogenannte Lerchenfester, gut 20 Quadratmeter große Bereiche, die durch Aussparen der Einsaat entstehen: Sie werden von den Lerchen angeflogen und als Brutstätte genutzt.
Davon ließ sich Anne Kulozik inspirieren. Ihr Lerchenfenster ist zwar an den aus dem Naturschutz stammenden Begriff angelehnt, will aber zunächst einmal die Wahrnehmung für die kleinen, für viele Menschen essentielle sinnliche Qualitäten von Landschaft wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.
Die Installation war Anlass, während der Präsentation mit den Landwirten und anderen Gästen über Naturschutz ins Gespräch zu kommen.

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Über den Hörwert.

Klangsammlung. Helmut Lemke, sound art.

Ist es möglich eine Umgebung durch ihre Klänge wiederzugeben? Ist Klang in Wort und Bild zu fixieren? Mit verschiedenen, meist selbst gebauten Spezialmikrofonen für Aufnahmen über und unter Wasser dokumentiert er den Klang von Landschaftselementen und hält die Aufnahmesituation in Zeichnungen, auch Fotografien fest, die mit kurzen Kommentaren versehen werden. So entstehen Klangtagebücher über den Hörwert, die einen „unerhörten“ ästhetischen Formenreichtum offenbaren.

Auf einem „Gehörgang“ über das Feld konnten die Besucher der Präsentation an seinen Klagforschungen teilhaben und zum Beispiel in den Boden, in den Wassergraben, in die Luft lauschen.

anhören Gehörgang:

Boden

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Wassergraben

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Luft

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Überlebensfläche.

Installation. Christiane Wartenberg, Bildhauerei.
Unterstützt von Lars Fischer.

Fruchtbare Böden sind für unser Leben unabdingbar, auf ihnen gedeiht, was die Menschen brauchen. Dafür müssen sie bestellt, beackert, gepflegt werden. Arbeiten die in der industriellen Landwirtschaft zunehmend weniger Menschen verrichten.

Christiane Wartenberg hat einen Quadratmeter Grasacker umgebrochen, die Grasnarbe beiseite gestapelt wie eine schützende Einfriedung und einzelne Erdstücke davor angeordnet. Zwei Campingstühle laden ein, davor Platz zu nehmen. Das eigene Verhältnis zum Boden rückt in den Mittelpunkt. Wie viele Quadratmeter bräuchte ich zum Überleben, wie viele muss ein Landwirt bearbeiten, um sein Einkommen zu sichern? Mit 850 m² kommt er aus, betreibt er Gartenbau, macht Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Zwiebel, Möhren, erntet Obst, Erdbeeren,veredelt zu Marmeladen und Brotaufstrichen, hält eine Kuh, Hühner, ein oder zwei Schweine, was ihm Fleisch, Käse und Butter bringt. Mit 1000 Quadratmetern oder eine 1 Hektar käme er aus, wenn er ausschließlich Kleegras als Futter für die Kaninchen im Berliner Zoo produziert. Mit 20 Hektar, macht er Weizen, Körnermais, Futterrüben und Gerste, hält Schafe und Schweine, von denen er jeden Monat eines schlachtet und das Fleisch wie die Wurst direkt nach Berlin vermarktet. 200 Hektar schließlich braucht er, produziert er ausschließlich Energiemais für die Biogasanlage oder BtL-Weizen für Biosprit. Diese Informationen steuerte Lars Fischer bei.

Aber muss ich darüber überhaupt nachdenken? Kann ich den Boden einfach als Boden betrachten oder über ihn hinweg sehen und mit Wohlgefallen die Landschaft betrachten? Nicht ohne Weiteres. Mit einer weißen Tafel in der Sichtachse der Stühle, die den Blick einfängt, bindet Christiane Wartenberg den Betrachter in den Zusammenhang einer anderen Arbeit ein, der „Verspannung“, die die Grund und Boden als ein gesellschaftliches Spannungsfeld zu kennzeichnen sucht.

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Verspannung.

Installation. Kenneth Anders, Kulturwissenschaft, und Jens Kleber, Garten und Landschaftsbau.
Unterstützt von Anne Kulozik, Elisa Holzhauer, Almut Undisz, Antje und Klaus Scholz, Kerry Morrison und Christiane Wartenberg.

Die Installation vereint zwei Ansätze. Jens Kleber hatte aus einem Gespräch mit dem früheren Feldbauleiter der Agrogenossenschaft Schiffmühle das Motiv des „Clubs der der 50er“ mitgebracht. Zu diesem Club gehörten zu DDR-Zeiten nur Landwirtschaftsbetriebe, die auf den Hektar 50 Doppelzentner Weizen oder mehr einfuhren. Aus Stellwänden, untereinander und auf dem Acker mit alten Pflugscharen fest verspannt, sollte ein Raum entstehen, der die Frage aufwirft, wer heute beim Umgang mit Grund und Boden die Gangart vorgibt.

Kenneth Anders nahm dieses Motiv auf, landschaftlich drängende Fragen in der Landschaft selber auch öffentlich zu verhandeln. In vier kurzen Texten skizzierte er jene Positionen, die die Debatten im Umgang mit Grund und Boden bestimmen und platzierte sie auf symbolträchtige Träger, außerhalb des Clubs, aber in den Hauptsichtachsen.  

(Boden macht Arbeit) geschrieben auf einen alten Pflug

Wer sich an die Scholle bindet,
kann nichts ins Feld führen,
nur seine Existenz,
er macht sich abhängig
von Boden, Humus und Wasser,
von Wind und Wetter;
von Jahreszeiten und Widrigkeiten;
eine Übung in Demut,
die bauernschlau macht.

Wird geerntet, gedrillt und gedroschen,
gedüngt, gegrubbert, gefüttert,
gemolken, geschlachtet, gejätet,
gepflügt, geeggt und gesät,
gepleudert, gepflückt und gestriegelt,
immer wieder!

Alles dreht sich im Kreis.
Das Stroh geht zum Vieh,
die Kuh pisst hinein,
es wird Mist,
der Mist geht hinaus,
bringt Kraft in den Grund
du arbeitest wund,
dich und deine Leute.

Nur auf die Würmer und Mikroben
ist Verlass:
unermüdliche Kreaturen,
solang man sie nicht vergiftet oder zerquetscht.    

Die Arbeit auf dem Feld:
Keine Fläche ist wie die andere,
kein Regentropfen ist wie der andere,
kein Sonnenstrahl ist wie der andere,
keine Kuh ist wie die andere.

 

(Verbrauchswert) geschrieben auf einen Einkaufswagen

Jeder Liter Milch soll gleich sein,
das Korn rein und in Bestform,,
genormt und in großen Mengen,
ohne Rücksicht auf die Besonderheit
deines Bodens, deines Ortes.

Ärmer wird die Wiese,
die Feinheiten auf dem Feld
werden vergessen,
das Vieh, einheitlich
im Massenstall.

Hierfür bekommst du Geld,
dafür  wirst du bestraft,
damit wirst du gefördert, gegängelt, gedrängelt, kontrolliert, beargwöhnt!

Bedrohlich die Radios und Zeitungen,
das Unwissen und die Panik der Leute:
BSE, Dioxin, Vogelgrippe und EHEC:
Nie wieder ess ich Rindfleisch!
Nie wieder ess ich Geflügel!
Nie wieder trink ich Kuhmilch!
Nie wieder ess ich Salat!
Ein harter Journalist
kann tausend Bauern
zugrunde richten.

 

(Verkehrswert) geschrieben auf eine umgelegte Präsentationswand

Der Marktwert steigt,
die Pacht klettert,
schier unendlich die Leiter
der Bodenpreise.
Wer Land hat, hat zu lachen,
aber nur wenn er‘s verkauft,
nicht wenn er‘s bestellt,
es sei denn,
er macht Energie.
Wie Pilze schießen aus dem Boden,
Filialen für gefördertes Maisgas.

Verknappt durch grüne Energie,
versiegelt, bebaut und erschlossen,
steigen weiter die Preise,
schwellen beharrlich und leise.

Schon kostet es mehr
als man in vier Generationen
durch seine Nutzung gewinnen kann:
eine Bodenblase!

Längst geht der Blick nach Osten:
Dort ist noch so viel Land,
und die Leute haben dem Makler
nichts zu bieten.

 

 (Unveräußerlich) geschrieben auf transparenter Plaste

Wo finde ich Grund
zum Leben?

Ich wühl ihn auf,
mit meinen Händen,
fühle die Erde,
grab mich hinein
finde Käfer und Würmer,
suche nach Gley, Sand und Wasser
frage nach dem Woher
des Bodens,
versuche zu verstehen
dass er Nahrung spendet.

Die Lerche am Rand, unsichtbar,
hat ein Fenster
zum Brüten,
da seh‘ ich hinein,
hör ihren Gesang,
still gebettet
auf den Geräuschen des Bodens,

Hier, in der Senke
ging einst der Fluss,
ich lauf im Bett,
zähl die Schritte,
setze zusammen,
was zerschnitten wurde,
begreife die Kuppen und Senken,
suche den Saum auf,
den Schutz, das Wasser, den Schatten,
wo Zuflucht ist für die Tiere und mich:
kleiner Mensch
auf großer Fläche.

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Am Freitag, dem 15. Juli wurden die Ergebnisse der Öffentlichkeit an Ort und Stelle präsentiert. Eine gemeinsame Begehung des Feldes mit den gut 40 Gästen schuf den Raum für erläuternde Gespräche, Momente des Schauens, Hörens und Nachdenkens. Ob Bodenprofile, Herbarium, Klänge aus der Erde und der Luft, auf Einkaufswagen, Pflug, Tafel und die Grasnarbe applizierte Texte, aufgenommene Raumstrukturen aus der Tiefe der Landschaftsgeschichte oder Installationen wie Überlebensfläche, Boden oder Lerchenfenster – über das Miteinander dieser Arbeiten entstand eine für das Oderbruch wohl einmalige Beschreibung eines Feldes. Der unscheinbare Ackerschlag offenbarte im Zusammenspiel von Kunst, Wissenschaft, Landschaftsbau und Planung natürliche, kulturelle und sinnliche Dimensionen, die für viele Besucher wie Teilnehmer überraschend waren.

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Im Gipfelbuch, ausgelegt auf dem höchsten Punkt des Ackers bei 2,6 Meter über Normal Null (NN), wurden einige Eindrücke festgehalten, zum Beispiel:

„Himmel und Menschen in Bewegung, ein Tag querfeldein.“
„Leider keine Sonne und zu frisch um barfuß-zu-laufen; und mit einem `labenden Trunk´ wäre es nicht zu überbieten.
Habe noch nie auf dem Acker im Stuhl gesessen!!!“
„Soo viel Himmel braucht guten Boden als Träger.“
„Nach 5 tägigem Aufstieg im sauberen Klettern und ohne Sauerstoffmaske ist der Gipfel eine Enttäuschung.
Aber das täuscht. Und der relative Gipfel braucht keine Maßeinheit.“
„Erst ein Grasacker, am Ende ein vielfältiger Ort mit Gipfel.“
„Wir haben es gespürt: die Luft war sehr dünn, aber dafür die Aussicht umso besser.“
„Weites Land, überraschendes Land – weiter geworden während der Woche und konzentrierter und vielfältiger der Blick.
Vielen Dank für Einblick, Ausblick und vielleicht auch noch Weitblick, wenn´s denn sich vielleicht noch im Kopf zusammenfügt.“

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Der Acker zwei Stunden nach der Präsentation. Alle Installationen, Eingriffe und Aufschlüsse wurden abgebaut, zugeschaufelt und die Grasnarbe wieder geschlossen, so gut es ging. Was bleibt?


Dieses Pleinair ist ein Beginn. Die realisierten Arbeiten sprechen jede für sich und schärfen gemeinsam den Blick nicht nur auf dieses Stück Ackerland im Niederoderbruch. Es ist deutlich geworden, dass Kunst und „Landschaftswissenschaften“ einander ergänzen und kulturlandschaftlichen Auseinandersetzungen wichtige Impulse geben können zum Verständnis von Landschaft als einem unteilbaren Zusammenhang von einander beeinflussender natürlicher wie kultureller Elemente, mit je eigener sinnlicher Qualität.

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Tischnotiz vom Auftakttreffen in Schiffmühle.

Eine Woche war jedoch viel zu kurz und das Thema Grund und Boden zu vielschichtig, als dass die sich andeutenden Möglichkeiten hätten ausgeschritten werden können. Darin sind sich die Teilnehmer einig. Dass Landschaftsökologen, Künstler, Landschaftsbauer, Landschaftsplaner, Landschaftsentwickler und Kulturwissenschaftler gemeinsam an einem konkreten Ort zu einer Fragestellung arbeiten, ist Neuland. Hier gibt es viel zu entdecken und zu erarbeiten. In diesem Sinn war das interdisziplinäre Landschaftspleinair „Grund und Boden. Fundamente einer Landschaft“ ein erster Schritt – nicht mehr, nicht weniger.

Ohne die Unterstützung der Agrogenossenschaft Schiffmühle e.G. in Gabow hätte dieser Schritt nicht gegangen werden können.
Zum Pleinair erscheint mit Unterstützung der Sparkasse Märkisch Oderland eine kleine Landkarte, die den temporär angelegten Arbeiten etwas Dauer verleiht. Sie ist gegen eine Schutzgebühr von 10,00 Euro per E-Mail zu beziehen.
Für die Dokumentation wurden Bilder von Kerry Morrison, Hubertus von Dressler, Kenneth Anders und Lars Fischer verwendet.

 

Die Teilnehmer:
Dr. Kenneth Anders | Landschaftskommunikation | Oderbruch
Prof. Hubertus v. Dressler | Landschaftsplanung | Osnabrück
Lars Fischer | Landschaftskommunikation | Eberswalde
Elisa M. Holzhauer | Landschaftsentwicklung | Osnabrück
Jens Kleber | Garten- und Landschaftsarchitektur | Berlin
Anne Kulozik | Landschaftsentwicklung | Osnabrück
Helmut Lemke | sound art | Todmorden, Großbritannien
Kerry Morrison | Environmental Art | Todmorden, Großbritannien
Antje Scholz | Installation, Grafik, Malerei | Oderbruch
Klaus Scholz | Wasser- und Landschaftsbau | Oderbruch
Prof. Dr. Uta Steinhardt | Landschaftsökologie | Eberswalde
Prof. Verone Stillger | Landschaftsplanung | Osnabrück
Almut Undisz | Landschaftskommunikation | Oderbruch
Christiane Wartenberg | Bildhauerei, Rauminstallation, Loose Art Verlag | Oderbruch
Prof. Dr. Hubert Wiggering | Landschaftsökologie | Müncheberg

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