Die schwere Kolonie: BühnenCollage


Die schwere Kolonie: Das Oderbruch - Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere.

Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne im Rahmen von "Kulturland Brandenburg".

Vor über 250 Jahren initiierte Friedrich II. die Trockenlegung und Besiedelung des Oderbruchs, des heute größten eingedeichten Flusspolder Deutschlands. Er gewann eine Kolonie und viele Menschen aus entfernten Gebieten fanden unter Entbehrungen eine neue Heimat. Durch die harte Arbeit der Kolonisten konnte sich das Oderbruch zu einem wichtigen Versorger mit landwirtschaftlichen Produkten entwickeln und galt seit Beginn des 20. Jahrhunderts als der „Gemüsegarten Berlins“. Aber nicht nur der wirtschaftliche Nutzen machte das Oderbruch für die Menschen aus den Metropolen bedeutsam. Immer wieder wird es auch Ziel von Raumpionieren, die Freiräume erschließen und von denen innovative Impulse für die Entwicklung der Kulturlandschaft ausgehen. Die spannungsreichen Beziehungen zwischen Provinz und Metropole spiegeln sich deshalb auch in Biographien wider. Wirtschaften und Träumen, Kalkulieren und Hoffen – zwischen diesen Polen steht das Leben im Oderbruch.

 

Die schwere Kolonie: BühnenCollage

 

Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) und das Büro für Landschaftskommunikation erkunden diese Zusammenhänge, die vom KammerMusikTheater als Collage zur Aufführung gebracht werden. Auf unterhaltsame Weise vermittelt die Produktion die Besonderheiten der Kulturlandschaft im Spannungsfeld zwischen Provinz und Metropole und bietet Anregungen für Diskussionsprozesse über ihre künftige Entwicklung.

 

Do, 11. September 2008, 19.30 Uhr Premiere mit anschließender Podiumsdiskussion und Livemusik
Theater am Rand, Zollbrücke Nr. 16, 16259 Zäckericker Loose

So, 21. September 2008, 16.00 Uhr Vorstellung
Kirche von Neutornow, 16259 Bad Freienwalde (Oder) OT Neutornow

Fr, 10. Oktober 2008, 20.00 Uhr Vorstellung
Gasthaus Wilhelmsaue 'So oder So', Wilhelmsauer Dorfstraße 9, 15324 Letschin OT Wilhelmsaue

Sa, 29. November 2008, 19.00 Uhr Vorstellung
KammerMusikTheater im Hotel 'Haus Chorin', Neue Klosterallee 10, 16230 Chorin

 

 

 


 

Text zur Collage - Die schwere Kolonie - 1. Akt Text zur Collage - Die schwere Kolonie - 1. Akt


Text zur Collage - Die schwere Kolonie

Die schwere Kolonie: Das Oderbruch - Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere.
Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne

1. Akt (Staatskanzlei Berlin-Brandenburg)

L.: Sehr geehrter Herr Landrat, verehrte Damen und Herren aus Politik und Verwaltung, liebe Oderbrücher! Liebe Oderbrücher. Sagt man –brücher oder brüchler?

K.: Guten Abend, meine Damen und Herren, da unser Mann hier am Schreibtisch offenbar ins Stocken gerät, darf ich Ihnen die Situation kurz erklären. Sie wohnen hier einem schwierigen kreativen und politischen Prozess bei – dem Redenschreiben. Wozu die Rede? Im Oderbruch stehen wieder einmal Feierlichkeiten ins Haus: 275 JAHRE TROCKENLEGUNG, wir schreiben das Jahr 2022. Vor zweidreiviertel Jahrhunderten haben die Preußen damit begonnen, einen neuen Kanal für die Oder zu graben. Eine Trockenlegung war das ja eigentlich nicht, denn seither ist man Jahr für Jahr damit beschäftigt, das Wasser mit Gräben und Pumpen aus der Landschaft zu schaffen (mit mäßigem Erfolg übrigens). Außerdem ist das Jubiläum nicht richtig rund. Aber für die Landesregierung ist es natürlich ein Muss. Die Leute im Oderbruch erwarten hohen Besuch und sie sollen ihn haben.

Man hat im Deichvorland eine Bühne aufgerichtet, gleich an der Fähre bei Güstebieser Loose, just an jenem Ort, wo 1753 der Fangedamm der alten Oder durchstochen wurde. Jetzt, nach der Fusion von Berlin und Brandenburg, muss eine zündende Rede her, die Anweisung kam direkt vom MP zu Tisch in Sanssouci: seine Kabinettsmitglieder sollten schleunigst einen geeigneten Redenschreiber finden.

Die Wahl fiel schließlich auf Karl-Friedrich Koenig: lang gedienter Referent für die ländliche Entwicklung in der Staatskanzlei mit Auelehm an den Füßen. Da sitzt er, und er ist ein Mann vom richtigen Schrot und Korn. Er ist in Seelow geboren und in Altgaul aufgewachsen. Die Wende spülte ihn ins Umweltministerium. Platzeck holte ihn später in die Staatskanzlei, weil er nach der Jahrhundertflut 1997 und dem Elbhochwasser 2002 Organisationstalent bei der Schadensregulierung bewiesen hatte. Und nun also eine Rede mit Fingerspitzengefühl. So richtig zu schmecken scheint ihm die Aufgabe allerdings nicht. Keine Versprechungen, viel Zuversicht! - Das hat man mit rotem Stift auf die Dienstanweisung geschrieben. Eine Quadratur des Kreises, wird sich Herr Koenig gedacht haben.



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Was – so hatte der Ministerpräsident vermerkt – stünde Berlin-Brandenburg besser an, als das Oderbruch, immerhin ein preußisches Kernland, aus seiner Randexistenz in eine deutsch-polnische Region mit Zukunft zu führen. Das Thema Kulturlandschaft ist seit Jahren in aller Munde, das muss sich doch auch hier platzieren lassen. Die größte Landschaftsbaustelle des 18. Jahrhunderts gehört zu den herausragenden Leistungen preußischer Zivilisation und Modernisierung. Hier wieder anzuschließen und für neue Kolonisten aus Deutschland und Polen eine prosperierende Landschaft hinter modernsten Deichen zu beschwören: Das wäre ein prestigeträchtiges politisches Unternehmen für die Metropole. Das Oderbruch ist als der beispielgebende Flusspolder Deutschlands zu beschreiben, mit Blick auf die großen Polder von Weichsel und Memel, vielleicht gar Europas… na ja, jedenfalls  beispielgebend.

Der stolze Satz aus dem frühen 20. Jahrhundert Das Oderbruch in seiner heutigen Gestalt ist ein Werk der preußischen Staatsverwaltung hat aber auch etwas unangenehm Deutliches. Immerhin war das Werk ja so angelegt, dass es den Kolonisten anschließend zur Verfügung gestellt wird. Ein Staat kann sich nicht auf ewig um jedes einzelne Dörfchen kümmern. Also einerseits muss der Staat hier zu sehen sein, als Macher in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Andererseits sollte er sich nicht allzu sehr in die erste Reihe stellen, sozusagen.

Wollten Sie diese Rede schreiben, von der man erwartet, dass sie es allen Anwesenden Recht macht? Die übliche Pressefahrt durchs Bruch vor den Augen der Lokalprominenz und in Begleitung des polnischen Wojewoden ist dagegen ein Kinderspiel. Da setzt man sich in den Bus, lächelt und winkt. Aber reden, in dieser Situation? Wie würden sie es anstellen? Seien sie ehrlich – sie würden den Ministerpräsidenten in Allgemeinplätzen über die einst im Frieden gewonnene Provinz untergehen lassen! Hören wir doch Herrn Koenigs Gedanken beim Redeschreiben eine Weile zu. Er denkt sich so ungefähr:

Wieder soll also das Oderbruch herhalten und dem Land moralisch den Rücken stärken. Aber so leicht wie Platzeck damals zehn Jahre nach der Flut wird es der Neue nicht haben: Mir sind wie jedem, der Anteil nahm, die Bilder dieser Tage im Juli und August 97 sofort wieder vor Augen, die aufgeweichten Deiche im Oderbruch, die Sandsacklasten der allgegenwärtigen Hubschrauber… und auch die Ungewissheit, die Angst, die Tränen in diesen Tagen. ... Die Frauen und Männer die unermüdlich kämpften, damit die durchweichten Deiche halten, haben eins bewiesen, das Glück gehört immer nur und ganz besonders dem Tüchtigen… Und je häufiger wir die Erinnerung an Damals bemühen, umso klarer wird eigentlich eins, wir brauchen diesen Geist, diesen Geist des Miteinander, diesen Geist des Füreinander. Er ist der Kitt unsers Zusammenhaltes, und der Zusammenhalt wiederum der einzige Garant für eine gute Entwicklung unseres Landes. Die Not als Kitt: Was kann einem Landesvater besseres widerfahren, als ein erfolgreich überstandenes Jahrhunderthochwasser?



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Auch 1947 wurde versucht, aus der Katastrophe einen Aufschwung zu machen. Der Krieg war kaum überstanden – noch bis in die frühen 50er Jahre hinein passierte es, dass beim Pflügen Minen explodierten. Aber offiziell wurde verlautbart: Neue Wohnhäuser und Ställe in vierstelligen Zahlen - Spenden von Vieh, Saatgut, Maschinen und Düngemitteln - Bewirtschaftung früheren Brachlandes - Übersiedlung von Neubauern, Industriearbeitern, Lehrern und Ärzten ins Oderbruch - neue Landambulatorien, Kultureinrichtungen und Schulen - Einsatz von Baubrigaden aus der gesamten DDR - freiwillige Erntekollektive - neue Brunnen - Baumpflanzungen - Straßenbau - 5 016 Mark Geldspenden der Bauern des Kreises Seelow für die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin - Traktoren und Mähdrescher aus der UdSSR - Theatergastspiele, Lehrgänge der Volkshochschule und Volkskunstarbeit… Das Oderbruch verändert sein Gesicht. Seine Bewohner spüren die Kraft der Solidarität und ihre eigene Energie.

Heute, im Jahr 2022 fehlt eine solche Flut. Und auf dem Festakt am Deich von der nächsten Flut in der Zukunft reden? Das geht nach hinten los. Die nächste Flut ist tabu, das steht auch in der Dienstanweisung. Es würde als Schwarzmalerei ausgelegt, heißt es in Potsdam.

Aber was dann? Versprochen soll nichts werden, eine Großinvestition in noch modernere Deiche steht nicht an. Gegen neue Verkehrstrassen wehrt man sich mit Händen und Füßen. Das Oderbruch für landwirtschaftliche Versuchsanbauten vorzuschlagen, dürfte auch nicht allen gefallen, die grüne Gentechnik ist immer noch nicht salonfähig. Dabei wird hier bereits seit Jahren solcher Genmais angebaut. Schon im Jahre 1910 schrieb Bauer Manske aus Letschin: Meine Originalzüchtung Pommern-Mais kam auch in den schlechten Witterungsjahren zur Vollreife und zeigte sich alljährlich widerstandsfähig gegen Krankheiten… Mein Zuchtziel habe ich erreicht. Damals eine agrarische Heldentat, heute ein Skandal, so ändern sich die Zeiten.

Da bleiben eigentlich nur zwei belastbare Statements für den Ministerpräsidenten übrig: Erstens, dem Fluß sein altes Bett im Oderbruch zurückzugeben, komme `wirklich nicht in die Tüte´. Damit wäre deutlich gemacht, wo die Politik steht, nämlich an der Seite der Menschen im Land und nicht hinter der Versicherungsindustrie oder den großen Naturschutzverbänden. Für die ist das Oderbruch eigentlich ein natürliches Überflutungsgebiet. Es sollte, vom Katastrophenschutz her gesehen, auch wieder ein Flutgebiet werden. Danach käme - zweitens - der von den Oderbrüchern sehnlich erwartete Satz, dass seitens des Landes auch in Zukunft alle notwendigen Mittel bereitgestellt würden, um Hochwasserschutz und Binnenentwässerung abzusichern. Punkt, Ende, Aus, Abtritt.



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Allerdings sollte dann vorher geprüft werden, wie die Lage im Bruch gerade ist. Nicht dass wir uns wie einst der Landwirtschaftsminister eine geharnischte Kritik an seinem Landesumweltamt anhören muss, die Wasserwirtschaft im Oderbruch werde vernachlässigt, weil Naturschutzbelange Vorrang genießen… die wasserwirtschaftlichen Anlagen seit Jahren nicht ausreichend gepflegt werden… die Landwirte nicht auf ihre Felder kommen und Keller voll gelaufen sind.

Dann werden Biber-Gipfel einberufen, weil man vor den zwei Meter hohen Burgen Angst hat, statt dass die 20.000 Oderbrücher lernen, mit den 250 Bibern zu leben und wo es gar nicht anders geht, da verlegt man eben Drainagerohre. Kaum zeigt sich mal die Natur von ihrer freien Seite ist das Geschrei groß. Da möchte man mal so richtig mit der Faust auf den Tisch hauen. Ohne Naturschutz ist heute keine Politik mehr zu machen, versteht ihr das da hinterm Deich denn nicht? Der Biber war fast ausgerottet, jetzt gehört er eben dazu, basta. Aber natürlich, dann stehen sie drei Tage später wieder vor der Tür und wollen es bezahlt haben.

Klagen, immer wieder Klagen dringen aus dieser Landschaft an das Ohr der Obrigkeit. Das fing schon während der Trockenlegung an. Die Fischer klagten, dass mehrere Fischgewässer fast ganz zurück und unnutzbar geworden seien. Dorfbewohner beschwerten sich, denen die abkommandierten Kanal-Bauarbeiter die Vorräte streitig machten. Andere flehten sogar um einen Abbruch der Deichbauarbeiten: Da das Grund-Eys … den Oderstrom belegt, ist uns wegen der Verdammung der Brüche soviel Wasser zugeflossen, dass das gantze Dorff mit Waszer überschwommen gewesen. Es war ein recht erbärmlicher Zustand, keiner konnte zum andern kommen und ihm helffen, da man sich wohl gerne geholffen hätte. Das Waszer brach durch in Häusern und Ställen…Sie wollen doch so güthig sein und sich unserer Noth annehmen und sorgen, dasz die zugemachten Brüche wieder aufgemachet werden und wir dadurch von einer groszen Ueberschwemmung mögen befreyet werden. Die Antwort fiel knapp aus: Künftig, wenn der neue Kanal durchstochen sei, werde sich die ganze Kraft des Wassers dorthin wenden und die Leute würden weiter keine Not haben. So selbstbewusst war der Staat damals! Heute haben sie alle Angst vor der nächsten Wahl.

Aber nicht nur die Fischerdörfer waren unmutig. Die Städte Wriezen und Freienwalde beklagten sich, dass ihnen der Zugang zur Oder erschwert und die Schifffahrt genommen werde. Die lokale Herrschaft wiederum sah sich von den Plänen des Königs zur Trockenlegung überfordert und wollte nichts am Status quo ändern. Da wundert es nicht, das Dammmeister und Teischschauer mit Polizeifunktion ausgestattet wurden, da man nicht sicher ist, dass die mit vielen Kosten angefertigten Dämme bei großem Wasser von bösen Leuten dürften durchstoßen werden.



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Und die Kolonisten klagten darüber, nicht das vorzufinden, was ihnen versprochen worden war! Gut. Mit Blick auf die ersten Kolonistenhäuser ist das wohl auch nachvollziehbar.
Man mag die Wohnhäuser …ansehen von welcher Seite man will, so haben sie nichts Empfehlendes. Es sind niedrige Hütten in Fachwerk… Die einzige Wohnstube ist klein und dumpfig, und der Fußboden ist weder gepflastert noch gedielt, sondern von schlechter Brucherde geschlagen, weder ein Keller…noch ein Kornboden… Zu allen Fehlern kommt noch, dass man die Schwellen unmittelbar ohne Fundament auf den…kaum abgetrockneten Boden legte, wodurch sie nicht allein schnell in Fäulnis übergingen, sondern auch…das Wasser bey einer nur mäßigen Ueberschwemmung in die Gebäude trat.

Unter solchen Bedingungen schreckten die Oderbrücher selbst vor öffentlichem Aufruhr nicht zurück. So verlangte Hofrat Kersten satt des versprochenen einen Tages Hofdienst ganze drei Tage, wogegen sich heftiger Widerstand regte. Wilde Untertanen, die in zügelloser Verwegenheit frevelten. Auch ein Landreitereinsatz konnte die Rebellen nicht zügeln. Die Kerstenbrucher drangen mit Stöcken in das Wriezener Amtgebäude, verprügelten den Gerichtsdiener und befreiten ihre inhaftierten Leute.

Auch der Spinneraufruhr 1769 entzündete sich an nicht gehaltenen Versprechungen der Krone. 300 Spinner protestierten mehrere Tage und Nächte unter der Eiche bei Rehfeld bis der König das Militär einschreiten ließ. Einige flohen mit Oderkähnen, andere wurden mit Gewalt zur Ernte gebracht. Die Oderbrücher kleben den Beamten wie Lehm an der Sohle:

Der Kolonist Christian Prietz aus Neulitzegöricke war ein übertrieben sparsamer Wirt. Eines Tages machte er sich auf den Weg zum Bruchamt… und brachte dem Beamten dort seine Bitte vor. Der König habe ihm Haus und Hof, Pferd und Wagen geschenkt. Nun wolle er auch noch eine Peitsche für sein Pferd haben. Er ließ sich von dem Beamten wegen der Unbilligkeit seines Verlangens nicht abweisen, bis dieser ihm einen Groschen zur Peitschenschnur schenkte. Da zog Prietz befriedigt ab.



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Wenn sie selbst die Sprache vor dem Staat nicht fanden, übernahmen dies die Pfarrer, so der Prediger Jakob aus Neuküstrinchen. In einem flehentlichen Schreiben an das Finanzministerium schilderte er die Überschwemmungen bei Winterhochwasser. Seit meiner 16jährigen Amtsführung habe ich diese Folgen vor mir gesehen und sie mitgetragen, acht Wasserjahre erlebt und darunter zwei vorzüglich harte, aber keins, in dem nicht die untersten Dörfer Überschwemmungen gehabt hätten. Also bat der Gottesmann um Schöpfmühlen, die das Wasser im Frühjahr von den Feldern schafften. Da hatte er Recht, aber zogen die Bauern auch mit, als der Heuersche Plan dieses Problem lösen sollte? Da soll die Alte Oder abwärts von Wriezen vertieft werden und also mussten ein Dampfbagger und zwei Lokomobile mit Wasserhebungsmaschinen angeschafft und dafür ein Taler je Dammrute erhoben werden. Die Maschinen wurden auch geliefert, konnten aber nicht bezahlt werden. Die Grundbesitzer am linken Ufer der Alten Oder unterhalb von Freienwalde sagten dreist, sie hätten überhaupt keinen Nutzen von der Grabenregulierung und verweigerten die Kosten. Diese Erklärung schlug wie eine Bombe ein. Die Regierung begnügte sich erst mit einer Missbilligung der Deichschaukommission und hoffte der Deichhauptmann würde die Sache regeln. Nichts da, die Baugelder zur Forstsetzung der Grabenregulierung wurden verweigert. Diese Kriegserklärung wurde angenommen, die Regierung löste kurzer Hand die Deichschaukommission auf und setze ein Deichamt ein, dessen Vorsitzender bei Streitfällen zukünftig das letzte Wort haben sollte. Zack, soviel zur Selbstverwaltung. Es brauchte immer den Staat.

Der Satz von Albrecht Daniel Thaer, dass dieser fette Boden im Oderbruch entweder höchst sorgfältig oder ganz nachlässig behandelt werden muss, trifft wohl die Wahrheit. Entweder man ist hier ständig dran am Drängewasser, an den Deichen, Schöpfwerken und Gräben oder man lässt es lieber gleich ganz sein und stellt einen Wasserbüffel drauf. Bad Freienwalde – „Stadt der Melioration“, die Schilder mit dieser Aufschrift an den Ortseingängen werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Damals waren die Leute noch stolz auf den Aufwand, der betrieben wurde.

Und es hat sich ja auch gelohnt: Van Haerlem hatte schon Recht, es ist weit nutzbarer, dass auf solchem Fleck, wo jetzt einige Fischer ihre Nahrung haben, künftig eine Kuh erhalten werden kann. Die Provinz hatte ihre Schuldigkeit, sie muss liefern und füttern. Egal ob unter Friedrich Zwo, ob im Kaiserreich, der Weimarer Republik, zu Zeiten der Erzeugungsschlacht der Nazis oder zu DDR-Zeiten, jeder wollte seine Hauptstadt anständig versorgt sehen. Die Straßen vom Bruch nach Berlin waren dauernd mit fetten Vieh belegt, das jeden Freitag und Montag auf den Viehmärkten verkauft wurde, das Oderbruch war der wichtigste Lieferant auf dem Berliner Frühgemüsemarkt.



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Aber hat sie diese Schuldigkeit noch? Es ist den Hauptstädtern doch egal, mit welchem Getreide ihre Schrippen gebacken werden. Für die erwartete Hauruck-Rede reichen solche Reminiszenzen an die Vergangenheit nicht aus. Das Oderbruch hat seine volkswirtschaftliche Notwendigkeit eingebüßt, es wird von niemandem mehr gebraucht als von seinen Bewohnern selbst.

Dabei weiß ich doch auch: Man kann das Oderbruch nicht einfach sich selbst überlassen. Das wäre eine Katastrophe, auch ohne Flut, eine soziales Landunter. Die Leute haben Angst. Sie bekommen sich ja schon in die Haare, wenn man nur über mögliche Zukünfte für das Bruch reden will. Am Ende flattern wieder Briefe in die Staatskanzlei, wie damals 2008: Wir bitten sie herzlich, durch die gelebte Landespolitik, aber auch durch Optimismus und sichtbares Vertrauen in uns und unsere Heimat, unser Bemühen um eine positive und hoffnungsvolle Grundstimmung zu unterstützen. Zeigen Sie bitte weiterhin, dass unser Oderbruch auch aus landespolitischer Sicht in seiner Einzigartigkeit und Vielfalt als Kulturlandschaft unverzichtbar ist und Heimat und Lebensraum bleiben wird. Ohne Landeskultur wird es nicht gehen. Und die ist ja auch von manchen Leuten gefordert worden:

Oberhalb der Dörfer Schiffmühle, Neutornow und Gabow liegen ideale Bauplätze für Erholungsheime. Eine weite Sicht ins Oderbruch, sonnige Lage und ein abwechslungsreiches Terrain für Wanderungen sowie Badegelegenheiten am Bruchsee und dem großen Krebssee und die Möglichkeiten für Wassersport sprechen für diese Plätze. Mit dem Bau von Erholungsheimen und Urlauberdörfern allein ist es jedoch nicht getan. Die Landschaft selbst bedarf der Pflege. … Umweltverschmutzung verhindern, mit der rohstoffnutzenden Industrie Sanierungs- und Renaturierungspläne erarbeiten. Ein hauptamtliches Komitee sollte diese Aufgabe erfüllen. Ach Kurtchen, das ginge aber auch nur in einem starken Staat – und nicht mal da ging es.

Dabei gibt es viele, die in so eine landeskulturelle Richtung gedacht haben. Nachdem viele Loose-Gehöfte bereits injeschohm worden sind, hat man ihren Wert wiederentdeckt. Es gab ein Konzept Oderbruch 2010, mit dem die Kosten der Entwässerung gesenkt und die Gewässer im Bruch ökologisch aufgewertet werden sollten. Es gab sogar eine Idee, wie man das Wasser in der ganze Landschaft sichtbar machen könnte, wie in einem großen Landschaftspark: Die noch vorhandenen ehemaligen Hauptarme der Oder erhalten ein begleitendes Auenband. Ist das nicht eine schöne Vision?

Das wäre doch eine fundierte politische Ansage: Die Landesregierung strebt mit dem Aufbau einer Kulturpolderlandschaft vor den Toren Berlins eine ganzheitliche Entwicklungskonzeption für das Oderbruch und deren Realisierung unter allerhöchster Leitung an, vergleichbar dem Vorgehen bei der Generalconception von 1747. Es wäre für den allgemeinen Wohlstand der größeren Landwirthe wohl zu wünschen, dass mehrere Arten von Fabricationen aus selbst erzeugten Produkten in Gang kämen.

Aber was schreibe ich nun: Das Oderbruch, meine Damen und Herren, ist eine unverwechselbare Kulturlandschaft. Obwohl vielfältige Projekte und Netzwerke, die wir sehr begrüßen, zur ihrer Entwicklung entstanden sind, hat sich das Oderbruch nicht zu einem richtigen Handlungsraum entwickelt. Man tut Manches für seinen Hof, seine Betrieb, für sein Dorf, für seine Gemeinde. Aber die gesamte Landschaft wartet immer noch auf Hilfe von oben und sieht zu wenig auf seine eigene Kraft und Schönheit. Das muss sich ändern, werte Damen und Herren. Das müssen Sie ändern…

 

 



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2. Akt (Oderbruch)

L.: Sehr geehrter Herr Ministerpräsident unseres neuen gemeinsamen Bundeslandes Berlin-Brandenburg, sehr geehrter Herr Landrat, meine sehr verehrten Damen und Herren!

K.: Und hier, meine Damen und Herren, sehen sie noch ein Redenschreiber! Die Ähnlichkeit mit dem vorigen ist interessant, es ist eben doch ein bestimmter Menschenschlag, der sich von hier stammt, wie man im Oderbruch sagt. Wie dem auch sei, die Oderbrücher möchten schließlich auch selbst zu Wort kommen. Es ist die Möglichkeit, endlich wieder einmal ein bisschen auf sich aufmerksam zu machen. Aber die Zeiten der Eitelkeit sind vorbei, jeder weiß, was auf dem Spiel steht, wenn schon einmal ein hoher Gast kommt. Also fiel die Wahl auf diesen Mann hier. Ich darf Ihnen vorstellen: Marcel Bruchmüller, Spross einer alten Kolonistenfamilie, die von der ersten Stunde an dabei war, Besitzer und Bewohner eines prächtigen und schön sanierten Großkolonistenhauses, Enkel eines seinerzeit einflussreichen LPG-Vorsitzenden und Vorsitzender des Geschichtsvereins Neulietzegöricke. Bruchmüller zählt etwas in der Landschaft, er ist einer von hier und er weiß sich auszudrücken. Deshalb wurde er von den Bürgermeistern im Oderbruch gebeten, die Rede zu schreiben, die auf dem Festakt gehalten werden soll, gewissermaßen als Antwort auf die Rede aus der Staatskanzlei. Aber offensichtlich fällt es auch ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Was mag wohl in ihm vorgehen? Er denkt wahrscheinlich:

Warum begrüßt man eigentlich den Ministerpräsidenten immer zuerst? Und was ist, wenn er gar nicht kommt? Immerhin hat er es sich bis heute offen gehalten, dabei haben wir schon vor fünf Monaten eingeladen. Ich habe meine neue Nachbarin Frau Behm gefragt, die ist als Künstlerin ja ständig in Berlin und Potsdam, ob sie nicht dort ihre Beziehungen ein bisschen einsetzen kann. Aber nichts, sie hat auch gar nicht verstanden, warum unbedingt der Ministerpräsident herkommen soll. Was wollen wir denn mit den ganzen Politikern, hat sie gefragt, die wollen sich doch eh bloß selbst darstellen. Ich habe ihr erklärt, dass wir hier im Oderbruch immer Tuchfühlung mit dem Staat halten müssen, damit wir nicht vergessen werden. Wir sind abhängig. Das begreift sie einfach nicht.

Wenn wir das Fernsehen herkriegen und eine überregionale Zeitung, dann kommen sie vielleicht, die Politiker. Besser kann man sie nicht locken. Aber die Presse hält sich auch bedeckt. Unglaublich ist das alles.

Am Ende kommt es wieder wie beim Jubiläum 1997, da hagelte es Absagen: Zuerst der Ministerpräsident Stolpe: Gern wäre ich der Einladung nach Altranft gefolgt, leider ließ ein voller Terminkalender keinen Raum für einen Abstecher ins Oderbruch. Wieso eigentlich Abstecher? Sind wir denn nur einen Abstecher wert?

Der damalige Kulturminister Reiche sagte als nächster ab: Leider ist es mir nicht möglich, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Ich bitte Sie jedoch, herzlich, …  meine Grüße zu übermitteln.

Den Vogel schoss ausgerechnet der Landwirtschaftsminister Zimmermann ab, unser Mann in Potsdam, sollte man denken. Er ließ durch seinen Referenten antworten: Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Herr Minister nicht teilnehmen kann. In dieser Zeit findet in Berlin die Internationale Grüne Woche statt, wo Herr Minister schon langfristig terminlich eingebunden ist. Bei der Grünen Woche, an den Fleischtheken und Backständen, da findet sich der Herr Minister ein! Wo das Zeug herkommt und wie es den Leuten geht, die das alles produzieren, ist ihm wohl egal?!



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Das war 1997 und bald kam also das Hochwasser. Plötzlich waren sie alle da. Ich weiß gar nicht, wie ich das heute bewerten soll. Es haben ja wirklich alle an einem Strang gezogen in diesen Tagen. Die Bundeswehr hat uns gerettet, wie soll man es anders nennen? Die Politiker ließen sich einen Bart stehen – keinen Kulturbart wie die Pfarrer in der Wendezeit sondern einfach, weil sie keine Zeit zum Rasieren hatten, weil sie rund um die Uhr an unserer Seite waren. Das ist ja alles wahr und wir haben uns ja auch bedankt. Es waren innige Momente. Der von Kirchbach schreibt: Als ich die Kirche verlassen will, geschieht etwas Unglaubliches. Die Menschen erheben sich, beginnen rhythmisch zu klatschen, spenden Beifall, rufen Bravo. Hände strecken sich mir entgegen, die ich schütteln muss. Ich schäme mich nicht, den Tränen nahe zu sein. Wann hatte ein deutscher General so etwas je erleben dürfen?

Das kann ich ihm sagen, beim alten Fritz nämlich: …mit unverkennbaren Merkmalen der inneren Zufriedenheit, reinlich gekleidet, mit Weib und Kindern, blickten sie auf ihren erhabenen Wohltäter und Vater und brachten ihm so das Opfer ihrer ihm ganz ergebenen Herzen. Ihm war das ein rührendes Schauspiel. Bald ruhte sein Blick auf diesem frohen Volkshaufen, bald wandte er ihn auf die reiche, fruchtbare Gegend, die mit den neuen Dörfern und zahlreichen Heerden hier so besonders vorteilhaft in die Augen fiel, und dann rief er mit der innigsten Bewegung: Ich habe eine Provinz gewonnen!

Es gibt ja böse Zungen, die behaupten, dass dieser Spruch gar nicht von Friedrich II. sondern von seinem Vater stammt, und zwar hätte der ihn anlässlich der Trockenlegung des Rhinluchs ausgesprochen. Und wer wisse schon, wer ihn noch aufgesagt habe. Die Preußen hätten ja zweihundert Jahre lang alle möglichen Sümpfe trocken gelegt, da mache sich so ein Spruch ja immer gut. Ich finde, darauf kommt es doch gar nicht an. Wenn es hundert Mal ein abgedroschener Spruch ist, es ist ein guter Spruch. Entscheidend ist doch die Tatsache, dass der Staat überhaupt ein Interesse an der Provinz hat, dass er seine Armee und seine besten Leute hierher schickt. Daran merkt man, dass man etwas bedeutet. Und was macht der Staat heute?

Die Armee hat er ja geschickt, aber wird er sie beim nächsten Mal wieder schicken? Vielleicht sind die Soldaten ja dann gerade am Hindukusch. Und seine besten Leute? Ich weiß nicht. Aus Berlin kommen ja heute Künstler, Wessis, lauter Menschen, manchmal weiß man gar nicht, wovon die überhaupt leben. Manche sehen aus… Wenn jemand einen Doktortitel trägt, denken die Leute hier, er ist Arzt, aber es sind nur wenige Ärzte dabei. Es gibt Vernünftige darunter, das ja, aber auch Spinner. Komisch ist das alles. Sie lassen sich ihre Biokost aus Berlin liefern, ziehen aufs Land und holen sich das Essen aus der Stadt. Und sie begreifen einfach nicht, dass es nicht reicht, wenn man in der Metropole eine Stadtwohnung und einen Galeristen hat, man muss auch in der Politik seine Leute haben, weil wir hier sonst alle nasse Füße kriegen.



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Wie sagt mein Nachbar immer: Guck auf die Felder, so viel Wasser stand noch nie, die lassen uns alle absaufen. Es gibt dazu viele Meinungen, aber ich sehe ja: Die alte Oder ist zugewachsen. Wer sich mal die alten Bilder ansieht: da stand kaum ein Halm Schilf, alles war offen und gepflegt, es gab Schifffahrt, Flößerei, die Leute haben gebadet, herrlich war das. Und heute ist sie so zugekrautet, dass man gerade mit dem Angelkahn durchfahren kann und es gibt kaum noch Stellen, wo man überhaupt ans Wasser kommt. Der Mink geht ins Schilf und räubert die Vogelnester und es fließt kaum noch was ab. Dabei wäre heute alles so einfach. Meine Vorfahren haben damals mit Sense und Rechen per Hand gekrautet, heute gibt es Maschinen. Trotzdem lässt man alles verwildern. Der Biber ist zurückgekehrt, wir nennen ihn schon den Wolf des Oderbruchs. Was die Regierung eine ökologische Politik nennt, das ist doch einfach eine Vernachlässigung der Landschaft. Anders kann ich es nicht nennen.

Eigentlich macht mich das ständige Anklopfen in den Ministerien und Staatskanzleien müde. Das geht hier so seit dem Bau des Oderkanals. Meine ganzen Vorfahren; Urgroßvater, Großvater, Vater – jahrein, jahraus sind wir in Potsdam und Berlin vorstellig geworden. Wir brauchen Mittel für ein neues Schöpfwerk, wir brauchen andere Gesetze, wir brauchen die Erlaubnis hierfür und die Ausnahmegenehmigung dafür. Wie sollen wir das denn auch allein regeln? Das Oderbruch regelt sich nicht von selbst. Der Staat hat es damals begonnen, die Initiative ging doch nicht von hier aus. Also muss er sich auch kümmern.

Ein faustisches Lebensgefühl will sich dabei nicht einstellen. Den faulen Pfuhl haben wir abgezogen, aber sind die Kolonisten Herren ihres Landes, haben sie ihr Schicksal in der eigenen Hand? Das wünscht man sich so und auch Mengel hat es 1930 so geschrieben: Die letzte und beste Hilfe wird dem Oderbruche aber nicht von außen, von keiner noch so wohlmeinenden Staatsregierung kommen können. Ständige Hilfe von außen führt zur Verweichlichung und Bevormundung. Unversiegbare Kraft strömt nur aus Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, aus freiwilliger Unterordnung zum Wohle des Ganzen. Aber ist denn das ein Befund? Hat unser großer Mengel nicht eher darauf verwiesen, wie es sein sollte?

Nun kommen die Künstler und die situierten Rentner aus Berlin und sie wollen genau wie Faust mit freiem Volk auf freiem Grunde stehen. Ein schöner Traum! Was nutzt ein freier Grund, wenn man ihn nur in Wathosen betreten kann? Wenn keine Schulen mehr bezahlt werden? Wenn die Infrastruktur zurückgefahren wird? Also muss man den Staat an seine Pflicht erinnern. Und ab und zu ein bisschen für gute Stimmung sorgen.



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Vielleicht hätten wir auch die DDR-Zeit besser nutzen müssen. Die LPG-Chefs nannte man rote Barone, mein Großvater war selber so einer. Sie waren sehr mächtig, beinahe so wie die alten Gutsherren. Mit ihnen hatte der Staat zu tun, sie waren die starken Leute vor Ort. Wer sind heute die starken Leute? Es ist alles so kompliziert geworden. Es gibt so viele verschiedene Interessen, wie sollen wir da mit einer Stimme sprechen. Das schwächt uns gegenüber dem Staat.

Wenn ich diese neuen Bürgerinitiativen sehe, vergleiche ich sie manchmal mit so einem alten Adligen und denke: Wie hilflos wir sind, sowohl den Leuten hier als auch dem Staat gegenüber! Stehen zwischen Baum und Borke: weder haben wir richtig in der Stadt Einfluss, noch nimmt uns auf dem Land jemand ernst. Das war mit den Gutsherren früher anders. Dabei ähneln sich die Probleme so sehr. Zum Beispiel bei den Alleebäumen. Der Itzenplitz hatte genau denselben Ärger wie die heutigen Baumschützer. Er hatte geregelt:

Die Herrschaft behält sich vor, an den näher gelegenen Wegen Pyramidenpappeln zu pflanzen. Damit diese Pyramidenpappeln den Untertanen nicht schädlich sein mögen, sollen sie zwei Ruten auseinandergesetzt und sollen überhaupt keine den Untertanen schädliche Bäume gepflanzt werden.

Und was machen die Bauern? Sie gucken nach und antworten: Eure hochwohlgeborene Exzellenz, es handelt sich bei den Bäumen entlang unserem Acker, die ihm zu viel Schaden zugefügt und die Nährkraft aus dem Boden gesaugt, aber um Schwarzpappeln. Wir ersuchen Eure hochwohlgeborene Exzellenz hierdurch, doch gefälligst veranlassen zu wollen, dass die Bäume baldmöglichst entfernt werden. Bäume hat man im Oderbruch immer mit Skepsis betrachtet. Wir sind ja hier nicht als Förster hergekommen sondern als Landwirte. Obwohl wir natürlich auf Brennholz schon immer gut zu sprechen waren.

Ich mag die Kopfweiden, aber die braucht ja keiner mehr. Stehen nur so rum, damit es schön aussieht. Man kann doch nicht eine ganze Landschaft nur so behandeln, damit sie schön aussieht.



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Manchmal denke ich, die Berliner und die Künstler denken genau das. Sie machen ja die Häuser wieder hübsch und die Gärten, aber davon kann man doch nicht leben. Davon kann man doch die jungen Leute nicht hier halten, das schafft doch keine Lehrstellen und Arbeitsplätze. Alte Biberschwänze, strammes Fachwerk, hochstämmige Apfelbäume, eine Ziege auf der Weide – was bedeutet ihnen das? Sie sind von der Landschaft ganz hingerissen und jammern zugleich über die großen Landmaschinen, für die sie gemacht worden ist. Was denken die denn, wo wir hier sind? Im Schlaraffenland? Wir sind ein Arbeitsland, nicht mehr und nicht weniger. Hier wurde immer produziert, dafür ist das Oderbruch schließlich da!

Seit der Trockenlegung ging das hier Schlag auf Schlag. Auf den Hängen um Oderberg wuchsen früher Rebstöcke, bis Friedrich II. den Anbau dieser Kultur verbot: man könne den Wein doch nicht trinken. 1771 wurden die letzten Weinstöcke ausgerissen und dafür Maulbeerplantagen angelegt.

Seit 1800 werden im Oderbruch Kartoffeln angebaut, zunächst zu Ochsenmast. Seit 1815 hat man in der Vierfelderwirtschaft Kartoffeln, Gerste, Weizen und Hafer angebaut, auch damals schon Raps, gelegentlich auch Senf oder Rübsen. Dann kam bei Altrüdnitz der Tabak. Vielleicht werde ich den Ministerpräsidenten mal fragen, ob er sich vorstellen kann, wie viel 400 000 kg Tabak im Jahr sind? Davon haben die Bauern richtig gut gelebt.

Dann kam die Zuckerrübe und veränderte wieder alles. Der Rübenpionier Gottlieb Koppe ließ sich von einem Münchener Unternehmer bescheinigen: Nach dem, was sie mir über die ihnen zu Gebote stehenden Ackerflächen zum Rübenbau gesagt haben, können sie dreist mit der Anlage vorgehen. Sie wird sie in die Lage versetzen, dass sie jährlich eine Tochter aussteuern können. Im neunzehnten Jahrhundert gab es 17 Zuckerfabriken im Oderbruch. Das Rübenhacken war hart, aber es hat hunderte von Leuten beschäftigt.



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Wie der Zucker, so der Schnaps: 17 Branntweinbrennereien hatten wir, außerdem Stärkefabriken, Siruperzeuger, Bierbrauerein und Ziegeleien für den Eigenbedarf. Ab 1890 hielten die Braugerste und der Spargel ihren Einzug, seit Mitte der 1930er Jahre der Körnermais. Es wurde immer mehr, eine unvorstellbare Vielfalt! Berlin wuchs, die Leute brauchten was zu beißen. Und erst die Gänsemast! Unter freiem Himmel waren die Gatter aufgestellt, es muss ein unglaubliches Geschnatter in der Luft gewesen sein. 1929 wurden mehr als 1 Million Tiere allein von den Bahnhöfen Neutrebbin und Sietzing versandt. Wenn die Berliner zur Zeit der Reichsgründung 1871 ihre Weihnachtsgans Auguste aus dem Oderbruch bezogen – ob sie da wussten, wo sie herkam?

An Beweglichkeit und Flexibiltät hat es uns jedenfalls nie gemangelt. Als es mit den Gänsen nicht mehr so gut lief, stellten die Mäster sich auf den Gemüsebau um. Als Gemüsegarten Berlins wurden wir nun bezeichnet. Ein Holländer brachte das Treibhausgemüse hierher: Willem van Spronsen. Klein-Holland hat man seine Ländereien in Manschnow genannt. Verkauft wurde die Ernte in der Zentral-Markthalle in Berlin. Solche Leute brauchen wir!

Wir haben so viel direkt in die Stadt geliefert, da konnte man die alten Blütezeiten der Fischerei fast vergessen. Es gab Warenströme, die übertrafen den alten Handel der Hechtreißer in Wriezen um ein Vielfaches, also gab es auch Verkehr. Von Wriezen aus konnten Menschen und Güter auf fünf Strecken in alle Richtungen befördert werden. Eine davon nannte man Milchschnecke, weil sie ganz langsam fuhr und von Bahnhof zu Bahnhof die Milch einsammelte. Dann die Oderbruchbahn, mit Umschlaghäfen für den Getreidehandel in Kienitz und Groß Neuendorf. Fünf Strecken! Heute bangen wir um die letzte verbliebene!

Auch die DDR – Zeit durch hat niemand den Wert unserer Arbeit gering geschätzt. Mastanlagen, Vermarktungsbetriebe und Lagerhallen, Getreidesilos und Mischfutterwerke wurden geschaffen – sicher, schön ist was anderes, aber gebrummt hat es! Fast sechzigtausend Tonnen Freilandgemüse wurden hier geerntet, täglich waren es 50 Tonnen Gemüse, die wir nach Berlin lieferten. Also, es ging nicht um Qualität, es ging um Quantität. Beim Obst hat man sich für den Apfel entschieden, weil der am schwersten ist. Und beim Gemüse hat man sich für den Kohl entschieden, weil er die meisten Kilo bringt. Das war ja der Ehrgeiz damals, die Bevölkerung optimal zu versorgen nach Kilo.



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Es gibt auch heute noch Gemüseproduktion im Oderbruch, auf über 1000 ha. Aber das weiß kaum jemand, es wird eingefroren oder in Konserven gepackt und als „Werder-Frucht“ vermarktet.

Auf 10.000 m² wächst die Cherrytomate "Oklay", auf weiteren 30.000 m² die Tomatensorte "Elanto". Die Gurken hören auf den klangvollen Namen „Shakira“ und dürfen sich auf 20.000 m² entfalten.

Etliche Kohlarten, Buschbohnen, Spinat, Erbsen, Kohlrabi, Knollenfenchel und Sellerie, Paprika und Küchenkräuter, alles machen wir. Wir bauen heute Salate an, die wir früher überhaupt nicht kannten, fünf, sechs, sieben, acht verschiedene Salatsorten. Aber es sieht keiner! Stattdessen starren alle auf Beelitzer Spargel und Werderaner Ketchup. Die Tomaten sind doch von hier! Und Spargel machen wir auch. Und unserer ist nicht schlechter als der aus Beelitz. Vom Getreide will ich gar nicht reden, überall steht das Korn, was denken die Leute eigentlich, was damit gemacht wird? Oder die Milch, die kommt doch nicht als Müller aus der Fabrik. Man sieht es den Dingen nicht an, wo sie gewachsen sind, das ist der Fluch der Industrie. Industriegemüse hat den Vorteil: ich mach spätestens im Januar einen Vertrag, dann weiß ich die Menge, dann weiß ich den Preis, dann weiß ich die Lieferzeiträume. Und wenn ich das erfülle, krieg ich mein Geld. Frischgemüse ist wesentlich komplizierter. Da fahr ich zu Edeka nach Minden irgendwann im Januar und wir machen ein Angebot nach Kulturen, nach Mengen, nach Wochen, Verpackung. Marktpreis. Ja, was ist denn der Marktpreis? Das weiß im Januar keiner. Das kann mal so und mal so ausschlagen. Aber eines haben Sie immer wenn Sie Frischgemüse produzieren, dann ziehen Sie los mit 30, 40, 50 Leuten, um Salat zu schneiden, um das und das und das zu machen. Beim Industriegemüse: ein Mann und eine Maschine. Also, das Risiko ist wesentlich geringer als beim Frischgemüse. Deshalb machen das die Betriebe hier so.

Und eine Marke, eine Oderbruch-Marke? Wir haben damals eine Erzeugerorganisation Oderbruch-Gemüse gegründet, unsre Kartons beschriftet mit „Oderbruch-Gemüse“, und das hat ja alles Geld gekostet. Da haben die Berliner draus, sag ich mal blöde Berliner, ‚Bruch-Gemüse’ draus gemacht. Die sagen ja auch immer: der Oderbruch. Warten wir’s mal ab, am Ende setzen sie sich mit diesem Blödsinn noch durch, dann werden die jungen Leute hier bei uns das auch noch falsch sagen. So wie das gute alte Platt ausgestorben ist und heute alle Berlinern. Hier im Oderbruch kann man den Alten noch Reste vom Platt ablauschen. Sie Rollen das R und haben ein ganz anderes Sprechtempo als die Menschen in Berlin…



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Also Arbeitsland Oderbruch. Das werde ich unbedingt in die Rede aufnehmen. Hier wird geschafft und geschwitzt, seit Jahrhunderten. Nur sind es eben immer weniger, die davon leben können. Ist das denn unsere Schuld? 17.000 Menschen waren hier in der Landwirtschaft beschäftigt, inzwischen sind es weniger als 4.000. Heute werden die Rübenfelder gespritzt, und es ist keine einzige Zuckerfabrik mehr da. Podelzig, Sachsendorf, Tucheband, Gorgast, Golzow, Friedrichsaue – die meisten Oderbrücher werden schon gar nicht mehr wissen, was sie hier mal hatten. Heute sind Koppes Töchter schon weg, bevor sie ins heiratsfähige Alter kommen und eine Ausstattung gebrauchen könnten. Am traurigsten ist es, wenn man von Altranft durch die Ortschaft „Zuckerfabrik“ fährt. Da wird nicht nur kein Zucker mehr gemacht, da steht nicht mal mehr die Fabrik, die wurde mit Fördermitteln abgerissen. Ein Ort namens Zuckerfabrik ohne Zuckerfabrik! Genau wie hinter Falkenberg, da gibt es einen Ort namens Papierfabrik ohne Papierfabrik. Absurd ist das.

Und dann die Besucher in der Landschaft, die Leute benehmen sich auch unmöglich. Wenn Berliner hier durchfahren und sehen ein Sonnenblumenfeld, dann meinen Sie, Sie müssen hier anhalten und sich einen Strauß pflücken. Und zehn Kilometer weiter stellen sie fest, ach die werden ja welk und schmeißen sie wieder raus. Das sieht aus wie geplündert, wie gerupft.

Die nächsten kommen und machen Feldbefreiungen. Die fühlen sich noch als gute Menschen dabei.

Wenn ich mich frage, wie es hier mit uns weiter geht, sehe ich manchmal nach Holland. Die Holländer haben eine Schwäche für uns. Ein Holländerenkel hat hier entwässert, ein Holländer hat Gemüse angebaut, jetzt sind auch wieder Holländer da und machen Feldbau. In Holland haben sie in den letzten Jahren Teile ihres gewonnenen Marschlandes aufgegeben und es dem Meer und der Wildnis überlassen. Hoffentlich kommen sie hier nicht auch auf die Idee. Und warum machen sie eigentlich keinen Käse hier? Warum will kaum noch jemand hier veredeln?

Und die Politik? Die finanziert derweil teure Planungen.
Wenn ich das lese: Das regionale Leitbild Oderbruch vermittelt eine bewusst verfolgte oder vorgestellte Richtungsbestimmtheit bei der weiteren Entwicklung der Region.
Richtungsbestimmtheit. Ich weiß schon.



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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Landrat, meine sehr verehrten Damen und Herren, werde ich schreiben. Vielleicht hatten sie noch eine Großmutter auf dem Land, die morgens den Herd angeheizt hat, bevor sie auf den Hof ging, um die Hühner herauszulassen. Vielleicht können sie sich noch an ihre Hände erinnern und an den Geruch auf dem Dachboden, wo die Gästebetten standen, an die Rübenzieher im Schuppen, an das Blut, das von den frisch geschlachteten Kaninchen troff. Das alles verschwindet, ist schon verschwunden. So ist es nun einmal, die Zeiten ändern sich. Aber wenn sie wieder einmal hierher kommen, dann sagen sie bitte nicht, welche schöne Natur sie hier vorfinden. Lassen sie sich zeigen, dass es sich um Arbeitslandschaften handelt, die der Mensch gemacht hat. Das ganze Verhältnis der Städter zu uns ist ein riesiges Missverständnis. So etwas sollte ich sagen. Wenigstens das.

Und ich sollte von den Schicksalen erzählen, die sich hier abgespielt haben, unter dem großen Himmel des Oderbruchs, hart am Wasser dieser kleinen Landschaft. Ich sollte erzählen, wie die Menschen nach der Trockenlegung hierher gekommen sind, immer wieder neue über die Jahrhunderte, den Wagen voller Mut und Träume. Es kamen nicht nur Bauern mit Geld und Geschick, es kamen auch Menschen, die nichts hatten und dieses Nichts auf eine Karte setzten: auf ihr Leben. Vielleicht konnten sie etwas, dann gründeten sie eine Korbflechterei oder eine kleine Holzschuhfabrik oder sie machten ein Geschäft auf. Diese Leute waren emsig und erfinderisch. Alles, was sie hatten, war die Erlaubnis, ihre Ziele zu verfolgen. Heute redet man von Raumpionieren und meint damit die Künstler und die Leute, die mit dem Leben experimentieren, aber ins Oderbruch sind seit 1750 eigentlich nur Raumpioniere gekommen. Auch die Kossäthen und Büdner, die Handwerker und Händler waren so. Hier gab und gibt es die Freiheit umsonst! Dieser Biss, dieser Willen, auch in der Provinz was zu schaffen, das könnten sich die Einheimischen heute von den neuen Siedlern ein bisschen abgucken. Hierher zu kommen mit nichts in der Tasche und dann einen kaputten Hof wieder herrichten, ohne Strom und Wasser in den ersten Jahren, das ist schon was. Und nach zehn Jahren kommen die Gäste und sagen: ihr habt es aber schön hier. Von so einem Glauben an die eigene Zukunft können sich die Leute eine Scheibe abschneiden. Das kennt man sonst nur von den Chinesen und von denen mag sich ja hier erst Recht keiner was abschneiden.

Und auch von den alten Familien sollte ich reden. Ich sollte aus den Kirchenbüchern die Namen der ersten Kolonisten vorlesen, es sollte die, die diese Namen heute noch tragen, mit Stolz erfüllen. Es sind stille und kluge Leute, die es verstehen, ihr Leben zu organisieren. Sie wissen viel, sie sind geschickt und umtriebig, sie haben Herzensbildung. Sie haben immer noch Land hier im Oderbruch und sie haben Erinnerungen, die über Generationen aufbewahrt wurden. Sie werden unterschätzt. Ich muss auch sie in meiner Rede ein bisschen herauskitzeln.

Wer sich etwas mit so viel Leidenschaft, mit so viel Leiden geschaffen hat, der hält auch daran fest. Deshalb sollte ich auch von den Hochwassern erzählen und davon, was es bedeutet, die Angst zu besiegen und am Deich zu stehen. Und wenn es dann doch zur Katastrophe gekommen war: Wie die Menschen 1947 in Booten immer um ihr eigenes Haus gefahren sind, wegen der Sorge, das Treibgut könnte den Hauskörper rammen und Dach und Wände zerstören! Ich sollte erzählen, wie es aussah, als das Wasser endlich wieder weg war, wie es stank und mit Schlamm überzogen war. Und was es für eine irrsinnige Arbeit war, das wieder herzurichten. So wird vielleicht verständlich, warum wir hier 1997 nicht nur Schwein gehabt hatten, sondern es als ein großes Glück ansehen, dass uns das Wasser verschont hat. Es war mehr als das Gegenteil von Pech, es war ein Segen. Vielleicht haben wir deshalb gedacht, alles Weitere würde sich nun von allein fügen. Das war ein Irrtum, aber er ist doch verständlich.



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Und ich sollte auch von Berlin erzählen. Die Stadt ist ja auch durch Menschen aus dem Oderbruch gewachsen – auch hier hatten die Familien fünf, sechs, sieben und mehr Kinder, davon ging mindestens die Hälfte nach Berlin, um dort zu arbeiten. Die Frauen oft als Kindermädchen, die Männer in die Fabrik. Die meisten blieben dort. Seitdem hatten wir Verwandte in der Stadt, die ihre Kinder in den Ferien aufs Land schickten. Und der Gemüsehandel lief nicht nur über die große Schiene, er lief auch über kleine Familienhändler, die so wie heute die Türken täglich am Winterfeldplatz ihren Stand hatten.

Und weiß eigentlich jemand, dass die Städter auch früher schon hier bei uns ihr Glück versucht haben? Immer wieder gab es Hunger in der Stadt, was lag da näher, als sich auf dem Land einen Hof zu kaufen und endlich selbst die Kartoffeln anzubauen? Vom Land kann man leben. Ich möchte keinem den Hunger in den Bauch wünschen, aber die Städter sollen sich nicht zu früh einbilden, dass sie das Land nicht brauchen.

Überleben, das ist hier bis heute ein ganz normales Wort. Ich sollte von meinem Nachbarn erzählen, der ohne Einkommen lebt, der nicht mal Harz vier hat. Er hat Hühner, Karnickel, Schönsittiche, Zebrafinken, Aquarienfische, Hund, Katze, Maus und einen Waschbären, den er als Junges vom Baum geklaubt hat. Er hat sich einen kleinen Trecker aus Ersatzteilen von Schwalbe, Trabi und Fahrrad gebaut, er macht sein Saatgut selbst, er tauscht, er weiß, wie man einen Brunnen bohrt. Er mag sein Leben, aber er hat keine Krankenversicherung. Wenn er sich beim Arbeiten in den Daumen schneidet, und es sich entzündet, sieht man ihm wochenlang die Angst an, es könnte schlimmer werden. Dann versteckt er die Hand hinter dem Rücken, bis der Verband wieder ab ist.

Wer sich selbst hier zu helfen weiß, ist deshalb noch lange nicht sicher auf dem städtischen Parkett. Das führt ja gerade zu den Missverständnissen, die Städter sehen nicht, was das für eine herrliche Gegend ist. Und die Leute von hier haben es auch schon fast vergessen. Das muss sich ändern. Das muss sich irgendwie ändern.

 

 



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3. Akt (Oderbruch)

Sehr geehrter Herr Wojewode, Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Oderbrücher!
Es freut mich außerordentlich, diesen Tag heute hier mit Ihnen feiern zu können. Ich sehe sie vor mir stehen – in Trachten, in traditionellen Amtskleidern und Uniformen und als Feuerwehrleute. Ich sehe die Kinder aus den Schulen und Kindergärten - sie strafen all jene, die das Oderbruch schon vor Jahren fast gänzlich entsiedelt sahen, Lügen. Ich sehe die modernen großen Landmaschinen, aber auch die historischen Fahrzeuge, ich sehe die Chöre und die Handwerksbetriebe. Es leuchtet das Wappen des Gewässer- und Deichverbandes. Das ganze bunte Leben im ländlichen Raum Brandenburgs breitet sich so in seiner großen Vielfalt aus und macht zugleich Mut, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Sie haben dieses Fest wieder wunderschön vorbereitet und es wird sicher einen weiteren unvergesslichen Höhepunkt in der Geschichte dieser Landschaft bilden.

Das Oderbruch, diese einmalige Kulturlandschaft im Osten Deutschlands, kann uns in der Metropole nicht gleichgültig sein. Wir als Landesregierung stehen heute sozusagen in der Rechtsnachfolge des alten Fritzen. Der preußische Staat hat sich hier in besonderer Weise engagiert. Und ich kann ihnen versichern, das Oderbruch ist unsere ganz spezielle Provinz. Man sagt, sie sei im Frieden gewonnen worden und das ist richtig, sofern es sich auf den Menschen bezieht. Nicht mit Waffen und auch nicht anderen Völkern ist diese Provinz abgetrotzt worden. Sie ist lediglich der Natur abgetrotzt worden. Die Natur hat das Oderbruch nicht freiwillig an die Kolonisten abgetreten und sie versucht auch bis auf den heutigen Tag, es zurückzuholen. Deshalb, meine sehr verehrten Damen und Herren, wird das Oderbruch auch nie ein Ort des stillen Einklangs von Mensch und Natur sein, wie dies in anderen Teilen Berlin-Brandenburgs der Fall sein mag. Hier wird immer eine Anstrengung nötig sein, den Kultur- und Siedlungsraum zu erhalten. Das Oderbruch muss sozusagen täglich kolonisiert werden.

Aber das wissen sie besser als ich, meine lieben Oderbrücher und Oderbrücherinnen. Über Generationen haben sie diesen Siedlungsraum erhalten und manchmal auch zurückerbobern müssen. Sie haben immer wieder neue Kolonisten aufgenommen – nicht nur eine große Zahl von Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg, Menschen, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Durch Systemwechsel und Naturkatastrophen hindurch haben sie hier bestanden, gewahrt und gewehrt – welches Ereignis sollte Ihnen in Zukunft noch etwas anhaben können?

Die Entwicklungen der letzten Jahre – der konstante Anstieg der fossilen Energiepreise, die allmähliche Klimaerwärmung, die Verschiebungen im Europäischen Agrarförderungssystem zwischen erster und zweiter Säule, die Veränderungen auf dem Weltmarkt –  all diese Entwicklungen haben sich im Oderbruch verschieden ausgewirkt. Manche Betriebe bauen gentechnisch veränderte Pflanzen an, andere ziehen ökologisches Gemüse. Die Nachbarschaft zwischen den Betrieben gestaltet sich nicht immer leicht. Die Direkt- und Regionalvermarktung, die in manchen Landschaften Brandenburgs eine wichtige Funktion in der lokalen Wirtschaft einnimmt, die gewissermaßen eine Schnittstelle von Landwirtschaft, Tourismus, Gewerbe, Gastronomie und Veredlung bilden kann, ist im Oderbruch immer noch ein zartes Pflänzchen. Sie gilt vielen hier eher als überlebt und unrentabel. Nun, meine Damen und Herren, am Ende entscheiden sie natürlich, wie sie ihr Leben in der Landschaft gestalten. Wir von der Politik können nur Angebote machen.

Sie werden aber sicher von mir wissen wollen, welche Rolle wir, die Berlin-Brandenburgische Landesregierung, in der Zukunft für das Oderbruch spielen wollen und werden. Wie wird sich das Verhältnis zu unserer speziellen Provinz in der Zukunft gestalten? Wird es sich durch Fördergeld oder gesonderte gesetzliche Regelungen, durch das Engagement in einzelnen Projekten oder durch Infrastrukturmaßnahmen bemerkbar machen? Oder werden sie in Zukunft mit einem moralischen Rückhalt vorlieb nehmen müssen? Ich werde versuchen, auf diese sie drängenden und bedrängenden Fragen möglichst klar zu antworten…

 

Kenneth Anders, Lars Fischer und Andreas Röhring

 



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Die schwere Kolonie: BühnenCollage

 

Kulturland Brandenburg

Kulturland Brandenburg 2008 wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur sowie dasMinisterium für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg.

Mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassengemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Land Brandenburg

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