Mit beiden Beinen mitten im Dorf

Ein Gespräch mit Landwirt Ulrich Leupelt, Geschäftsführer der Ulrich Leupelt und Detlef Friedenberger Landwirtschaftsbetrieb GbR in Altreetz.

Ulrich leupelt

Ob als Landwirt, Ortsvorsteher in Altreetz, Mitglied im Gemeindekirchenrat oder Hobbyhistoriker, Ulrich Leupelt engagiert sich für Land und Leute.


Ulrich leupelt

Ackerschlag hinter der Maschinenhalle des Betriebes. Neben Gräsern zieht der Betrieb Saatgut für Weizen, Gerste, Raps und Erbsen, wie auf diesem Schlag.


Ulrich leupelt

Auf das Pflügen der Äcker verzichtet der Betrieb nach Möglichkeit. Um die wasserstauenden Schichten oder alte Pflugsohlen aufzubrechen, wird mit dem Parapflug eine Tiefenlockerung vorgenommen.


Ulrich leupelt

Bagger auf der Alten Oder. „Das Wasser ist der größte Knackpunkt, der Biber und die Gewässerunterhaltung. Das ist hier eine Kulturlandschaft, da muss man schon eine Mark ausgeben“, sagt Ulrich Leupelt.


Ulrich leupelt

Noch sind Windkraftanlagen in der Gemeinde Oderaue die Ausnahme. Ein Windpark mit zehn Anlagen würde Ulrich Leupelt nicht gefallen.


Ulrich leupelt

In der Kombination von einer Hähnchenmast- und einer Biogasanlage sieht Landwirt Leupelt eine wirtschaftliche Perspektive für den Landwirtschaftsbetrieb.

Der Landwirtschaftsbetrieb Leupelt und Friedenberger GbR hat seinen Sitz auf der Hofstelle der Familie Leupelt in Altreetz, keine 500 Meter von Dorfplatz und Kirche entfernt. Fährt man auf den weiträumigen Hof bestimmt den ersten Eindruck die große Landmaschinenhalle, hinter der die Felder beginnen. Das Büro ist in einem Anbau am Wohnhaus untergebracht. Einiges Geflügel in der Voliere, ein paar Obstbäume auf einem Rasenstück, eine große Weymouth-Kiefer, Beete – ruhig, pragmatisch und bescheiden.

Ulrich Leupelt ist hier aufgewachsen in Altreetz. Er steht als Landwirt mit beiden Beinen im Dorf, hat den Geschichtsverein mitbegründet, ist im Gemeindekirchenrat aktiv und seit 1996 Ortsvorsteher. In wenigen Jahren wird er seine Anteile am 400 Hektar großen Landwirtschaftsbetrieb an seinen Sohn übergeben, seine anderen beiden Söhne arbeiten nicht in der Landwirtschaft. Dem ältesten Sohn, der auf dem Betrieb des Vaters gelernt hat, hatte er bereits 100 Hektar übertragen als der von der Fachschulausbildung zum Landwirt zurück nach Altreetz kam. Er sollte lernen, einen eigenen Betrieb zu führen: „Du musst fit sein, wenn du meinen Betrieb übernimmst.“

Seinen Jugendtraum, Flieger zu werden, hat sich Leupelt nicht erfüllen können. Aber die Nähe zur Fliegerei hat er auch als gelernter Landwirt und Agraringenieur gesucht. Er wurde Produktionsleiter bei der Agarflug in Schönefeld, einem selbständigem Unternehmen der DDR-Fluggesellschaft Interflug.

1975 kam er zurück ins Oderbruch, um den Hof seines Großvaters in Altreetz zu übernehmen. Arbeit fand sich für den gut ausgebildeten Landwirt schnell. Nach Stationen in der Pflanzen- und der Tierproduktion der LPG Altranft, wo er für die Technik verantwortlich zeichnete, ging er 1986 zum VEB Rohtabak nach Schwedt. „Als Anbauberater für die Tabakbauern im Oderbruch war ich quasi selbstständig. 200 Tonnen trockenen Tabak haben wir im Jahr gemacht, das war sportlich“, so Leupelt. Im November 1989, vier Tage nach der Wende, besuchte er Tabakbauern in Westdeutschland, um sich die betriebswirtschaftlichen Bedingungen des Tabakanbaus genauer anzuschauen. Denn für Ulrich Leupelt stand schnell fest, dass er den gesellschaftlichen Umbruch in der DDR für einen beruflichen Neuanfang nutzen würde.

Tabak, Rüben und Saatgutvermehrung

Im Februar 1990 machte er sich als Tabakbauer selbstständig. Vier von den elf Hektar Ackerland, die zu seinem Hof gehörten, holte er aus der Bewirtschaftung durch die LPG zurück und baute drei Hektar Virginabak an, dazu einen Hektar Zuckerrüben. Ganz auf eine Frucht wollte er sich nicht verlassen und also schauen, ob er auch mit Rüben klarkommen würde. Bis zum Herbst desselben Jahres hatte er 150 Hektar zugepachtet. „Dann habe ich die Technik besorgt und los gings!“ Der erste Mitarbeiter wurde 1991 eingestellt. Der besaß selbst landwirtschaftliche Flächen, da war es nur konsequent, einen gemeinsamen Betrieb aufzubauen, die Ulrich Leupelt und Detlef Friedenberger Landwirtschaftsbetreib GbR. Der Start für den neuen Betrieb ging nicht ohne Reibungen ab. Natürlich war keine LPG froh, Pachtland zu verlieren. Aber schließlich setzte sich ein pragmatisches Nebeneinander der neuen und alten Betriebe durch. Hilfst du mir, helf ich dir, das sei der Tenor unter den Landwirten, so Leupelt, schließlich säßen alle im selben Boot. Die Rübenrodungsgemeinschaft, ist dafür ein gutes Beispiel. Zwölf Landwirte haben sich für dieses Modell zur Einsparung von Zeit und Geld zusammengetan, das man sich vom Westen abgeguckt hatte, um die nötige Technik für eine effektive Rübenkampange anzuschaffen. „Allerdings ist und bleibt das kitzelig mit der gemeinsamen Technik. Das Risiko ist groß, weniger bei den Rüben, aber wenn der Weizen nicht zum richtigen Zeitpunkt runter kommt, dann hat man ein Problem.“ Daher stehen neben den Traktoren auch zwei eigene Mähdrescher auf dem Betriebshof. Die eigene Handlungsfähigkeit wird großgeschrieben.

Zwei Jahre war der Tabak ein Erfolg, im dritten Jahr stand er auf zu guten Flächen, bekam zu viel Stickstoff und wuchs zu üppig. „Wenn der Virginiatabak zu reif ist, wird er braun, zu grün darf er aber auch nicht sein. Gelb muss er sein, der Virginia.“ Die Qualität litt und somit auch die Einnahmen. Grund genug, sich aus dem Tabakanbau zurückzuziehen.

Die Zuckerrüben hingegen erwiesen sich als eine feste Bank und sind es bis heute geblieben. 90 Hektar Rüben hat der Betrieb heute im Anbau. Sie sind eine sichere Ertragsgröße, obwohl sie viel Zeit und Personal binden. Der erste Traktor wäre ohne die Rüben nicht zu bezahlen gewesen, meint Leupelt. „Die Rübenrechte zu verkaufen, das geht gar nicht!“

An die Stelle des Tabaks ist die Saatgutvermehrung getreten. Neben Gräsern zieht der Betrieb Saatgut für Weizen, Gerste, Raps und Erbsen. Das Geschäft ist profitabler als der konventionelle Ackerbau, aber auch aufwendiger. Ohne Mittel zum Beispiel gegen Flughafer sei eine Vermehrung nicht möglich, so Leupelt. 10 Jahre habe man gegen den Flughafer gespritzt, heut sei er weg. Mit der Trespe, die vom Wegesrand in die Felder drücke, sei es das gleiche. Es brauche Aufmerksamkeit und Sorgfalt, um möglichst reine Saatguterträge ernten zu können. Hinzu komme viel Handarbeit. Mit 10 Mann gehe es über den Acker, um den wildwachsenden Roggen und das überjährige Samengras aus dem Weizen zu ziehen. Auch die Fruchtfolgen müssen gezielt gestaltet werden, damit die Vermehrung gut klappt. Es gilt zu vermeiden, dass Getreide im Gras landet und später ausstreut. Selbstverständlich werden auch Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Da sie ein hoher Kostenfaktor sind, hat Ulrich Leupelt den Ehrgeiz entwickelt, herauszufinden, wie weit man ihren Einsatz gegenüber den in der Gebrauchsanweisung angegebenen Mengen senken kann, ohne die Wirkung zu gefährden. „Statt einen Liter auf den Hektar nur einen halben auszubringen, das rechnet sich schon.“

Ohne eine abgestimmte Bodenbearbeitung gingen die Erträge zurück. Auf das Pflügen der Äcker verzichtet der Betrieb nach Möglichkeit seit einiger Zeit. „In den ersten zehn Zentimetern spielt sich das Bodenleben hab, sorgen die Würmer und Kleinstlebewesen für die Bodenfruchtbarkeit. Beim Pflügen machen Sie die alle tot.“ Stattdessen wird auf eine ordentliche Lockerung, Durchlüftung und Durchmischung des Bodens gesetzt. Um die wasserstauenden Schichten oder alte Pflugsohlen, die den Boden ebenfalls verdichten, aufzubrechen, wird mit dem Parapflug eine Tiefenlockerung vorgenommen. Sie bricht den Boden auf und sorgt dafür, dass die Pflanzen in die Tiefe kommen und kein Wasser mehr auf den Flächen steht, sondern versickert.  Wird der Boden im Sommer richtig trocken, reißt er von selber auf und arbeitet. In nassen Jahren muss man hingegen etwas mehr tun, da kann auch mal ein Umpflügen nötig werden. Vor allem mit Blick auf die Nährstoffversorgung der Rüben, denn wenn sie keinen Mist von den Kühen bekommen, müssen sie sich den nötigen Stickstoff aus dem Boden holen. „Die einen sehen die Rüben mit den Augen der Kuh, die anderen mit den Augen auf den Zuckererträgen“, das hänge von der Ausrichtung des Betriebs ab. Der Landwirtschaftsbetrieb Leupelt und Friedenberger hat keine Kühe und muss die ausgewogene Nährstoffversorgung der Böden über Kunstdünger sichern. 2003 wollten sie zwar mit Kühen anfangen, das Futtersilo stand schon, aber die Frauen hätten dem Vorhaben einen Riegel vorgeschoben – „melken tun wir nicht“, haben sie gesagt. „Kühe machen Mühe“, zitiert Ulrich Leupelt verschmitzt eine Bauernweisheit und fügt an: „Wir sind keine Tierhalter“. Mit Straußen hätten sie es auch einmal versucht, es habe aber mit der Vermarktung nicht geklappt. Stall und Koppel waren schon bereit, aber der Absatz habe nicht organisiert werden können und ohne den mache es keinen Sinn. Ein paar Fleischrinder, Galloways, haben sie auch, das sei nicht der Rede wert.

Wasser ist der Knackpunkt in der Kulturlandschaft Oderbruch

„Das Wasser ist der größte Knackpunkt, der Biber und die Gewässerunterhaltung. Das ist hier eine Kulturlandschaft, da muss man schon eine Mark ausgeben.“ Der Zustand des Freienwalder Landgrabens ist für Leupelt ein typisches Beispiel für die mangelnde Sorgfalt, die der Pflege des Entwässerungssystems entgegengebracht wird. Der Landgraben sei zugewachsen, da fließe nichts mehr ab. In der Konsequenz stünden zwölf Hektar seiner Flächen unter Wasser, die nur mit Mühe und Not hätten umgepflügt werden können. Die Bodennutzung hänge eng mit dem Entwässerungssystem zusammen. Wenn es hier Probleme gibt, muss er beim GEDO anrufen. Dort seien aber oft die Zuständigkeiten nicht klar. Der GEDO ist nur für die Gewässer zweiter Ordnung zuständig. Diese fließen aber in die Gewässer erster Ordnung, wie zum Beispiel den Freienwalder Landgraben, der ein wichtiger Vorfluter ist und unter der Verantwortung des Landes Brandenburg steht. „Das ist doch alles ein System.“  Und – so möchte man ergänzen, wenn man Ulrich Leupelt zuhört – es gehöre auch in eine ordnende Hand.

Mit dem Biber sei es auch so ein Problem. Da er an vielen Stellen mit seinen Bauten in das Grabensystem eingreife, sich vermehre und alle Gewässer besetze, müsse er im Oderbruch ein jagdbares Tier sein. Letzten Endes stehe die Frage: Entweder der Biber oder wir. Den Biber müssen wir ein Stück rauskriegen, betont Leupelt, der kann in den Naturschutzgebieten bleiben. „Oder vielleicht werden wir ja auch wieder Fischer, Altreetz war ja früher ein Fischerdorf."

„Ohne Biogas kein Hähnchen.“

In wenigen Jahren wird sich Ulrich Leupelt als Landwirt und Geschäftsführer des Betriebes zurück ziehen und der älteste Sohn wird in die Verantwortung treten. Vor diesem Hintergrund gilt es jetzt die Weichen zu stellen für sichere wirtschaftliche Zukunft der Betriebe. Eine Perspektive sehen Leupelts in der Kombination von einer Hähnchenmast- und einer Biogasanlage, die sie bei Altwriezen neben der alten Mülldeponie einrichten wollen.

Um die Fruchtfolge im Betrieb aufzubrechen, sollte bereits 2006 mit dem Anbau von Mais und dem Bau einer Biogasanlage begonnen werden. Eine Million Investitionskosten waren aufzubringen, eine Summe, vor der Ulrich Leupelt zurückschreckte. Skeptisch war er auch, weil der hochwertige Mais in eine Anlage gesteckt wird, die nur eine Energieausbeute von 40 Prozent hat und den Rest der Energie in die Luft pustet, weil die Wärme im Betrieb nicht genutzt werden kann.

Eine Alternative bot sich mit dem Geflügelproduzenten FRIKI, der deutschen Tochter der niederländischen Plukon Food Group. Die Unternehmensgruppe produziert und vermarktet Frischgeflügel und Geflügelwurstprodukte in Deutschland und Europa. In Kombination mit einer Geflügelmastanlage mache die Biogasanlage Sinn, erklärt der Landwirt. Sie könne die Wärme für den Kükenstall für umsonst liefern, das nehme den Kostendruck und statt mit 100.000 Küken wie üblich müsste der Stall mit 80.000 Küken nicht vollbesetzt werden. Der Silomais könne als Einstreu genutzt werden, was besser für die Darmflora der Küken sei und weniger Medikamenteneinsatz nötig mache. In der Mast könnten auch eigene Produkte wie der Weizen veredelt werden, was den Betrieb wirtschaftlich unabhängiger mache. Und als Landwirt „bin ich für jede Tonne Hühnerkacke dankbar. Sie geht in die Biogasanlage und das Gärsubstrat ist ein guter Dünger, sofort für die Pflanzen verfügbar.“

Leupelt weiß um die Bedenken, die den Mastanlagen entgegen gebracht werden. Viele verstünden nicht, wie es funktioniert. Es sei ja nicht so, dass sich die Landschaft ändert. Vor der Wende sei der Viehbesatz im Oderbruch viel höher gewesen, auch an Geflügel. Heute seien die Ställe bepflanzt und der Mist gehe in die Biogasanlage und dann als Dünger auf die Äcker. Mit der Mastanlage entstünden im Betrieb des Sohnes ein weiterer Arbeitsplatz und ein Zusatzverdienst. „Vom Tourismus allein kann hier im Oderbruch keiner leben.“

Die Gemeinde hat keine Reißleine

Bei der Windkraft sei das anders, da ändere sich die Landschaft viel stärker. Ein Windpark mit zehn Anlagen würde Ulrich Leupelt nicht gefallen. „Ich hoffe mal, dass die Planungskommissionen nichts festlegen, dann passiert hier auch nichts. Wenn die Regionalplanung aber sagt, da kommt ein Windpark hin, dann kommt der auch. Die Standorte haben sich die Investoren doch schon gesichert von den Privatleuten. Enertrag, Prokon etc. die sind doch schon dran, die wissen, wo die weißen Flecken sind. Eine Reißleine, den Prozess ab einem bestimmten Besatz mit Windrädern wieder zu stoppen, hat die Gemeinde nicht“, so der Ortsvorsteher Leupelt. Das mache einem schon Angst.

Dabei ist Ulrich Leupelt kein Gegner erneuerbarer Energien. Das Atom bekomme man nicht in den Griff, der Wind sei eine Alternative. Windkraft für günstige Energie mit Biogasnetz für Wärme, das wäre schon eine gute Sache, Photovoltaik hinzu – das sei schon interessant für eine Gemeinde. Vielleicht auch das kommunale Strom- und Wärmenetz zu kaufen. Aber ein ganzer Windpark für die Gemeinde Oderaue – wo solle der hin? Wie bringe man die Anlagen schön in die Landschaft, welche Form sei die richtige? Was ändert sich in der Landschaft?

Die Frage könne man auch an die Biogasanlagen stellen, sinniert Ulrich Leupelt. Das erträgliche Maß sei hier auch fast erreicht. Und die Blechhüte seien auch nicht schön. Und: „Biogas kann man nicht essen“, sagt der Landwirt.