Versuch einer Selbstbestimmung unter Zeitdruck

Ein Vortrag zum Erntedanktag

Von Olaf Stöhr

Landwirtschaft in Schiffmühle, 2016



Olaf Stöhr hat 2016 die Geschäftsführung der Agrogenossenschaft Schiffmühle übernommen. Der studierte Landwirt war in den letzten Jahren nicht mehr in diesem Bereich tätig gewesen, aber bei der Suche nach einer neuen Leitung bevorzugten die Genossen einen Menschen, den sie kennen und dem sie vertrauen. Also holten ihn in ihren Betrieb.
Der Einstieg in diese Rolle fiel mit der schweren Milchpreiskrise in Deutschland zusammen. Seit Anfang 2015 war die Milchproduktion für die Schiffmühler zum wiederholten Mal ein schmerzhaftes Zuschussgeschäft geworden, jeden Monat verlor man tausende Euro. Deshalb entschied sich die Genossenschaft, die Milchproduktion aufzugeben. Lediglich im Bereich der Färsenproduktion wird es zukünftig in Schiffmühle noch Rinder geben. Nach Hunderten von Jahren verließ im Oktober 2016 die letzte Milchkuh das das Dorf.
Olaf Stöhr und seine Mitarbeiter sind unterdessen damit beschäftigt, den Betrieb neu auszurichten. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Dennoch müssen sie probieren, experimentieren, offen sein. Ein Rind pro Woche an den lokalen Schlachthof in Bad Freienwalde zu verkaufen – das ist derzeit ein großer Erfolg. Und drei Tonnen Sonnenblumen an die Geflügelhalter im Dorf zu verkaufen – ist das die Zukunft? Niemand weiß es. In diesem Spagat zu verharren, das kostet Kraft und braucht tägliche Zuversicht.
Im Folgenden geben wir einen Vortrag wieder, den Olaf Stöhr in diesem Jahr beim Erntedankgottesdienst in der Kirche Neutornow gehalten hat. Die dazu gezeigten Fotos von Stefan Schick sind fast zeitgleich entstanden – beim Abtransport der Milchkühe aus den Stallungen der Genossenschaft.

 


 

Fotodokumentation
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Milch ist Leben

Der Betriebsleiter und die Amtstierärztin inspizieren Stall, Viehbestand und Transportfahrzeuge.
Fahrer und Helfer bringen Streu in die Transportfahrzeuge.
Danach fährt eines der Fahrzeuge rückwärts zu einem der Stalltore.
Die Kühe werden durch Spaliere zur Beladerampe getrieben. Jeweils 4 Kühe werden in einem Abteil abgetrennt.
Es gibt 4 Abteile und 2 Ebenen. Insgesamt passen 16 Kühe in einen Transporter.
Nach einem Kaffee mit Imbiss verlassen die letzten Milchkühe Neutornow - nicht zu Fuß!
Zurückbleiben Kühe und Bullen für die Zucht, sowie Kälber für den Verkauf.

Fotos © Stefan Schick

 


 

Gedanken zum Erntedankfest

Erntedank gibt die Gelegenheit, über das laufende Jahr nachzudenken. Im Wesentlichen ist es gelaufen. Die Vorfreude im Frühjahr auf den Sommer hat sich hier und da bestätigt, so langsam beginnt ein jeder mit der Aufarbeitung seines Jahres. Früher hat man gesagt: Die Ernte ist eingefahren. Man hat sich darüber gefreut, dass Keller und Scheune wieder gefüllt waren. Bis zur neuen Ernte musste nun alles reichen und man hatte einen Überblick über die Bestände und den Erfolg der vergangenen Mühen.

Und heute? Wie war der Urlaub, wo warst Du, war der Strand schön und das Hotel ok? Wohin willst du im kommenden Jahr reisen?  Das sind Fragen dieser Zeit, die wir nicht missen wollen. 

Aber das Erntefest ist für mich nun wieder: Ernte im klassischen Sinne. Ernte im Sinne von Ernährung für das kommende Jahr.

Persönlich kaufe auch ich meine Lebensmittel im Supermarkt. Die Ernte meiner im Garten selbst erzeugten Lebensmittel ist Spaß und Hobby. Ich könnte gut darauf verzichten, ohne an Hunger zu leiden. Ich bekomme alles, was ich zum Leben brauche. Man liefert es mir sogar nach Hause, wenn ich möchte.

Aber in diesem Jahr ist eben bei mir etwas völlig anderes geworden. In diesem Jahr arbeite ich wieder in meinem erlernten Beruf als Landwirt in Schiffmühle. Viele Jahre habe ich das aus der Entfernung betrachtet und nicht mehr wirklich gewusst, wie das ist, mit dem Füllen von Keller und Scheunen. Ich musste auch nicht davon leben, es war mir nicht egal aber sonderlich interessiert hat es mich auch nicht. Wie andere auch, hatte ich anderes im Sinn. Ich hatte mit mir selbst zu tun und da denkt man wenig an den anderen und schon gar nicht an die Sorgen der Landwirte.

Nun ist es anders geworden, ich lebe wieder davon und ich möchte gut davon leben und Freude an meiner Arbeit haben. Jetzt gibt es wieder einen  Kreislauf von  Boden, Tier, Boden. Wir können dankbar sein, dass in diesem Jahr alles gut geklappt hat.

Von den großen Unwettern des Südens wurden wir verschont und wir konnten Vieles optimal ernten. Die Bedingungen für die Ernte waren gut. Es könnte immer besser sein, aber wir sind zufrieden. Eigentlich ist alles gut für unseren Betrieb, die Mühen des Jahres haben sich gelohnt, meint vielelicht der eine oder andere, der sich die Sache von der Ferne betrachtet. Jeder Landwirtschaftsbetrieb ist heute hoch effektiv, die Arbeitsprozesse sind gestrafft und technologisch durchorganisiert. Die Erträge steigen kontinuierlich an.

Getrübt wird die verdiente Freude allerdings durch eine gesellschaftliche Angriffslust gegenüber der real existierenden Landwirtschaft. Viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen beteiligen sich daran.

Nur noch wenige im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wissen um das Handwerk des Landwirts, um so mehr wird aber darüber diskutiert und es scheint, dass die Nahrung und ihre Zubereitung auch ein wenig zur neuen "Religion" geworden sind.

Daher bin ich dankbar für den Ertrag unserer Arbeit – ja. Für den Erlös aber bin ich es nicht. Es ist eine Zeit gekommen, in der die Freude über den Ertrag und das Gelingen nicht mehr entscheidend ist. Können wir noch davon leben, können mehrere Familien aus unserer Region noch davon leben, Lebensmittel zu erzeugen? Das ist die Frage der kommenden Jahre. In all unseren Orten beschäftigen sich ja Menschen mit der Erzeugung von Lebensmitteln. In allen Formen: von Brot über Gemüse bis hin zu Fleisch und Milch. Wohin aber entwickelt sich die Erzeugung von Lebensmitteln? Welchen Einfluss haben wir darauf? Wollen wir wirklich die heutige Entwicklung weiterführen, so, wie wir mit Lebensmitteln umgehen? Werden wir die Erzeugung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in andere Hände legen? Es werden ja nur noch sehr wenige Menschen notwendig sein, um uns zu versorgen. Das kann durchaus sein.

Brauchen wir überhaupt noch jährlich steigende Erträge auf den Feldern? Muss eine Kuh eine noch höhere Milchleistung haben? So könnten wir vieles weiter hinterfragen und wissen doch nicht gleich eine Antwort darauf.

Täglich bekomme ich die Tagesberichte von den Börsen der Landwirtschaft dieser Welt. Gibt es eine gute oder schlechte Ernte in Amerika, ist die Getreideernte in Frankreich verregnet? Wie viel wurde in Russland geerntet? Kommen wieder Erntemengen aus der Ukraine? Wie ist der Ölpreis? Wie stark oder schwach ist der Euro Kurs zum Dollar? Wie viel Soja wird wo geerntet? Eine große an Menge an Informationen fließt auf uns ein. Diese Informationen sind zu beurteilen und dann wirken sie sich auf unser Handeln aus. Auch unser Betriebsergebnis ist wesentlich vom Welthandel bestimmt. An den Börsen dieser Welt  wird der Preis ab Hafen Hamburg, Rostock oder Saßnitz festgelegt. Wir produzieren längst mehr als das, was wir hier verbrauchen könnten.

Wir sind doch nur in unserer kleinen Gemeinde hier im Oderbruch - und doch so eng mit der ganzen Welt verbunden.  

Die Lager sind überall gut gefüllt. Überfluss in unseren Kellern und Scheunen auf der einen Seite und doch so viel Hunger auf unserer Welt. Auch in unserem Land kann sich nicht mehr jeder jeden Tag sein Essen leisten. Die zunehmende Zahl von Essenküchen und Ausgabestellen der Tafel belegen es, selbst hier in Bad Freienwalde.

Das Erntedankfest lässt mich viel nachdenken über die Gaben, die wir heute hier zusammen getragen haben. Unter welchen Bedingungen sind sie entstanden, wie wird es in der Zukunft?  Nicht alles was heute produziert ist, ist schlecht oder mit Makel behaftet, aber es darf sehr wohl hinterfragt werden, wie es entstanden ist. Das gilt für die ganze Palette der erzeugten Lebensmittel. Wie werden Lebensmittel angeboten und vermarktet? Zu welchem Preis? Muss sich der Wert eines erzeugten Lebensmittelproduktes im Preis widerspiegeln und wird er gesellschaftlich akzeptiert? Sollte er Spekulationsobjekt sein, oder Lockmittel für den Wochenendeinkauf in den Werbeblättern? Kann hier auch " Ich bin doch nicht blöd" gelten?

Sie wissen eventuell, dass wir in Schiffmühle noch in diesem Monat die Milchkühe abschaffen werden. Sie werden verkauft und ein Rest kommt zum Schlachthof. Wir bekommen für einen Liter Milch derzeit 20 Cent von der Molkerei. Das deckt nicht die Kosten für das Futter und das Personal , das die Tiere liebevoll betreut.

Schiffmühle ist in seiner frühesten Gründung ein Fischerdorf, aber ich denke, spätestens der zweite Siedler hatte zumindest eine Ziege, weil die Milch im Ort gebraucht wurde. Diese lange Tradition werden wir beenden und wir finden es sehr schade um diese Tiere. Ein Bauer in Polen wird sich in Zukunft um unsere Tiere kümmern, weil dort die Produktion noch möglich ist.

Habe ich einen Einfluss als Kunde auf die Entwicklung in der Landwirtschaft? Wir danken heute für die Ernte und die Gaben unserer Kulturlandschaft. Und das finde ich richtig und doch stimmt es mich nachdenklich, wie wir mit diesen Gütern umgehen. Wie leicht wir sie wegwerfen und ersetzen können. Zu allen Zeiten ist alles erhältlich, es gibt keine Saison mehr für bestimmte Waren. Ist das wirklich gut? Ich kaufe gern Früchte und ausgewählte Lebensmittel aus anderen Ländern, weil ich es kann und sie immer zu haben sind. Die Welt ist da kleiner geworden, aber ist das gut?

Ich habe unlängst in einer Zeitschrift einen bemerkenswerten Satz gelesen:  Menschen kaufen sich einen neuen Grill für 860,- Euro und garen dort Grillgut, das nur wenige Euro kosten darf. Das könnte man auf vieles übertragen.

Denken Sie doch mal über den Satz nach, ich habe es. Auch mein Grill zu Hause war teuer - nicht so teuer, aber er hat auch was gekostet. Wenn ich heute hier was drauf lege, ist es weniger geworden - aber dafür bewusst eingekauft. Auch gern aus unserer Region und, zugegeben, es ist etwas teurer.  Aber das Beieinandersitzen zum Grillen ist eben eine schöne Sache und bis jetzt ist noch jeder bei mir satt geworden.

An der einen und anderen Stelle sehe ich genauer hin und manches kann ich nicht mehr kaufen, weil ich davon überzeugt bin, dass es verramscht wird. Obwohl natürlich der Preis für meinen Einkauf auch eine Rolle spielt, achte ich mehr auf das Produkt als auf den Preis und denke trotzdem, dass ich preisbewusst kaufe und hoffe so auf die eine und andere kleine Veränderung im Lebensmittelgeschäft.

Ich kaufe Produkte der ganzen Welt, weil es mein Leben bereichert, aber ich versuche, darauf zu achten, dass diese fair zu uns gekommen sind. Und ich muss hier darauf hoffen, dass es auch so ist. Auch diese Landwirte wollen von Ihrer Arbeit gut leben.
Ich habe ein gutes Gefühl dabei, etwas aus der Region zu kaufen. Eventuell wird dann die Vielfalt bei uns noch größer und mein Leben hier noch lebenswerter.

Mein kleiner Beitrag zum Erntefest