... da weidet der Hirte seine Herde

Gespräch mit Norbert Hans über ein aussterbendes Gewerbe

Norbert Hans

Eine schwierige Passage ist immer die Straße. Hier heißt es Tempo machen und hoffen, dass die Autos vor dem Ortseingangsschild anfangen zu bremsen.


Norbert Hans

Das Zicklein wurde vor wenigen Tagen geboren. In der Ablammzeit ist Hirte Hans täglich 18 Stunden auf den Beinen.


Norbert Hans

Der schöne Otto im Baum. Bei freier Wahl der Nahrung fressen Ziegen bis zu 60 % Blätter und Baumbewuchs und nur je 20 % Kräuter und Gras.


Norbert Hans

Theo, der größte Bock, scheint auch der sanfteste zu sein.


Norbert Hans

"Mein Talent ist, mit den Tieren gut umzugehen. Aber heute nennen sich ja alle 'Flüsterer'! " Die tägliche Weidezeit lässt Raum, die Tiere zu beobachten.


Norbert Hans

Feierabend. Wenn die Tiere satt sind, gehen sie von selbst nach Hause. Den Weg finden sie sowieso.

Wo sieht man heutzutage noch Hirten, die ihre Tiere auf Wiesen und Ackerrandstreifen grasen lassen? Die mit Hut und Hirtenstab geduldig warten, bis die Tiere genug gefressen haben und von selbst den Weg zum heimatlichen Stall finden?

In Karlshof lebt Norbert Hans mit seiner Frau und bewirtschaftet den ehemals elterlichen Hof. Mit dem Tiere hüten ist er vertraut, seine Eltern hatten Kühe, in seiner Kindheit waren es noch drei, die er täglich 3 Stunden zu hüten hatte.

Es gab nur wenige Momente, in denen er diese Arbeit hätte missen wollen, zum Beispiel wenn seine Schulkameraden bei gutem Wetter schwimmen gingen. "Man muss den Kindern dauerhafte Verantwortung übergeben.", resümiert er heute. Auf dem Hof fällt als erstes ein großer, wunderschöner Ganter auf, der stolz auf einem Hügel steht, als erwarte er, bewundert zu werden. Ihm gehört eine kleine Schar Gänse an, die gemeinsam mit einigen Hühnern und Enten den Hof bevölkern, den Luftraum teilen sich Flugenten und Tauben.

Norbert Hans ist Diplomingenieur für Tierproduktion, studierte in Rostock, arbeitete in verschiedenen Milchviehanlagen und wurde im Jahr 2000 arbeitslos. Die Idee, sich selbständig zu machen, erwies sich als nicht umsetzbar, zu hoch wären die Anfangsinvestitionen gewesen.

Und wie sollte sich ein kleiner 1-Mann-Betrieb am Markt halten können in dieser Region? So lebt er mit seiner Frau von Hartz4 und ihrer Rente und dem, was der Hof so hergibt – Eier, Milch, Joghurt, Kefir. Der Verkauf der Milch würde sich nur lohnen, wenn man in größerem Maßstab wirtschaften könnte, feste Abnehmer hätte. Auch dem Federvieh schmeckt die Ziegenmilch und die Eier, die munden dann den Menschen wiederum besser.

Vor einigen Jahren konnte man Norbert Hans zuweilen mit mal 10, mal 15 Ziegen über den Dorfanger kommen oder in der winterlichen Abenddunkelheit noch Schubkarren voll Heu über die Straße zum Stall der kleinen Herde fahren sehen.

Inzwischen ist die Herde auf 73 Tiere angewachsen. 23 Lämmer wurden im letzten Jahr geboren. Eine beachtliche Größenordnung, aus der man einigen Profit schlagen könnte, sollte man meinen. Aber so einfach ist es nicht. Nicht mit Frau Hans, die jedes Tier als ein Wesen betrachtet, welches schutzwürdig ist. Sie möchte nicht, dass geschlachtet wird. Eine lebende Ziege könnte man aber schon kaufen, erklärt ihr Mann.

Nun ja, manchmal waren auch muslimische Mitbürger bei ihm, um lebende Tiere zu kaufen und sie sittengemäß zu schächten. Und irgendwas muss er sich überlegen, weiter sollte die Herde nicht wachsen. Es ist auch eine Frage der Kosten und des bürokratischen Aufwandes, die entstehen: Jedes Tier muss an das Landratsamt und an die Tierseuchenkasse gemeldet werden, braucht eine Ohrmarke, muss geimpft werden. Jährlich kostet die Tierseuchenkasse 70 Euro für seine Herde. Dafür werden Impfkosten erstattet.

Eigentlich betreibt er Deichpflege, Landschaftspflege, aber um sich mit der Unteren Naturschutzbehörde über eine Abgeltung dieser Dienstleistung zu einigen, müsste er erst mal dorthin kommen und das ist ein weiter Weg ohne Auto.

Jeden Abend hütet er seine Herde 2-3 Stunden auf den umliegenden Wiesen, Schlafdeichen, Randstreifen. In schmalen Fluchten verfällt die Herde ein schnelles Tempo, wie fließendes Wasser wird sie um so schneller, je enger der Weg ist. Da Norbert Hans keinen Hund dabei hat, ist es nun an ihm, im Laufschritt die Tiere zu lenken und zu bremsen. „Da will jede die erste sein“, erklärt er dieses Phänomen, und ihm sei es recht, „so bleibe ich mit meinen 59 Jahren auf Trab und spare das Fitnessstudio“.

Neben einigen jungen gehören drei ausgewachsene Böcke zur Herde: Paulchen, braun gefleckt und eher zierlich, fällt durch besonders gewieftes Verhalten und konsequente Flucht vor der Kamera auf. Er weiß immer, wo das Loch im Zaun ist, durch das man auf die saftigere Wiese kommt. Theo ist ein Ziegenhüne eher stoischen Temperaments, mit gewaltigem Bart und ohne Hörner. Und Otto hat die größten, die längsten und schönsten Hörner.

Eigentlich wäre er ja gern Botaniker geworden, gesteht Norbert Hans, und so beobachtet er die Wiesen und Pflanzen, entdeckt bisher ungesehen  Blüten. Auf den weiten Wiesen grasen die Tiere so lange, bis sie satt sind. Dann wendet sich ihr Weg von selbst ihrem Stall zu.

Almut Undisz, April 2010