Eine Allianz für das Oderbruchgemüse

Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf, Geschäftsführer der Landwirtschaft Golzow GmbH & Co. Vermögens-KG

Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf

Die Landwirtschaft Golzow, der Dr. Manfred Großkopf als Geschäftsführer bis Ende 2012 vorstand, produziert neben Marktfrüchten und Milch viel Gemüse. Zuviel als dass alles im Oderbruch vermarktet werden könnte. Berlin ist der Markt für den man Frischgemüse produziere.


Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf

Mist aus den eigenen Stallanlagen für die Ausbringung auf den Äckern. Das Futter und die Einstreu für die Milchkühe wachsen auf den eigenen Feldern, dann wird der Stall wieder auf den Acker gefahren. Ein althergebrachtes System um Stoffkreisläufe im Betrieb zu schließen.


Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf

Die Oderbruchhalle in Golzow gehört zum Landwirtschafsbetrieb. Der Hofverkauf von Gemüse aus der eigenen Produktion an Einzelhändler, Gastwirte und Privatkunden hat hier seinen Platz, auch wenn er nur sehr kleines Segment im Betriebsprofil ausmacht..


Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf

Zu einer konventionell nachhaltigen Landwirtschaft zählen für Dr. Großkopf auch Gewässerrandstreifen an den Gräben. Nach und nach werden sie auf den Flächen der Landwirtschaft Golzow angelegt.


Im Gespräch mit Dr. Manfred Großkopf

Hydranten am Acker bieten Möglichkeiten zur gezielten Bewässerung. Das Oderbruch ist eine der niederschlagärmsten Regionen Deutschlands, hier geht es nicht nur um Entwässerung, auch Bewässerung muss in der Landwirtschaft mitgedacht werden.

Eine Anmerkung vorweg:
Der Text entstand im Rahmen der Sommerschule zum Handlungsraum Oderbruch im September 2012. Seit Dezember 2012 ist die im Text angekündigte „Allianz der Oderbruchbetriebe“ Realität. Die Landwirtschaft Golzow GmbH & Co KG ist mit der Agrargenossenschaft ODEGA e.G. fusioniert. Herr Dr. Großkopf hat sich aus der Geschäftsführung zurückgezogen.
Welche Perspektive die Landwirtschaft Golzow als Tochterunternehmen der ODEGA – dem nun mit Abstand größten Landwirtschaftsbetrieb der Region – verfolgt, wird sich erweisen.

6.750 Hektar bewirtschaftet die Landwirtschaft Golzow GmbH, das sind rund 10 Prozent der gesamten Fläche des Oderbruchs. Marktfruchtbau, Milchproduktion und der Anbau von Gemüse bilden das Fundament des Betriebes, der in den Spitzenzeiten der Saison 140 Mitarbeiter beschäftigt. Hinzu kommen derzeit 16 Auszubildenden, die in einem betriebseigenen Wohnheim untergebracht sind. Was heißt es, einen solchen landwirtschaftlichen Großbetrieb im Oderbruch zu führen? Das wollten wir wissen.

Eine konventionell nachhaltige Landwirtschaft

Schon aus der ersten Frage an den promovierten Agraringenieur Manfred Großkopf, ob der Betrieb biologisch oder konventionell produziere, ergab sich eine interessante Gesprächssituation. Großkopf betonte, dass konventionelle Betriebe den biologischen in nichts nachstünden. Beide würden hochwertige Nahrungsmittel produzieren und „es gibt auch auf beiden Seiten schwarze Schafe“. Von einer Polarisierung zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft hält er nichts. Der Weg, auf den Großkopf seinen Betrieb gebracht hat, beschreibt er mit drei Worten: konventionell nachhaltige Landwirtschaft. Da der Begriff der Nachhaltigkeit häufig missbraucht werde, erklärte er an wenigen Beispielen aus der betrieblichen Praxis, was das bezogen auf den Standort Golzow bedeutet.

Seine  mehr als tausend Milchkühe werden, wie die nachgezogenen Jungtiere auch, in Freilaufställen auf Stroheinstreu gehalten und überwiegend mit Futter aus der eigenen Produktion versorgt. Streu und Kot ergeben einen hochwertigen Mist, den der Betrieb wiederrum auf die eigenen Felder ausbringt. „So wird der Stall wieder auf den Acker gefahren.“ Eigentlich ein altes System, erläutert Großkopf, nur so könne ein innerbetrieblicher Stoffkreislauf entstehen, aber nicht alle Betriebe würden darauf heute noch wertlegen.

Auch der Umgang mit den rund 40 km Entwässerungsgräben, die die Flächen des Betriebes durchziehen, folgt einer Strategie, die bei weitem im Oderbruch keine Selbstverständlichkeit ist. Auf den Einsatz von Kunstdünger und verschiedene Pflanzenschutzmittel  wird auf den Feldern  nicht verzichtet, für eine ertragreiche Produktion, so Großkopf, seien sie unverzichtbar. Aber man ist bemüht, den Eintrag von Nährstoffen und Pestiziden in die Gewässer möglichst zu minimieren, am besten zu verhindern. Aus diesem Grund lässt der Agraringenieur  nicht nur nach dem in der guten fachlichen Praxis für Landwirte verankertem wirtschaftlichen Schadschwellenprinzip, das etwa bedeutet, die Beikräuter auf einem Quadratmeter Weizen zu zählen und erst ab einer bestimmten Anzahl Pestizide einzusetzen, sondern legt auch rund 6 m breite Gewässerrandstreifen entlang der Gräben an. Sie verhinderten den Eintrag von  Nährstoffen und Pestiziden in das Gewässer und verbessern die ökologische Gesamtsituation. Zusätzlich setzt er auf eine dreireihige Bepflanzung einer Gewässerseite mit Gehölzen. Diese hat nicht nur den Vorteil, dass die Wurzeln der Bäume der Böschung mehr Halt geben, sondern die Gehölze spenden auch Schatten und hemmen den Krautaufwuchs im Graben, was dessen Pflege erleichtert. „Wir müssen die Gräben so nur einmal pro Jahr krauten.“ Zusätzlich bieten die Gehölzstreifen Lebensraum für wildlebende Pflanzen und Tiere.

Berlin ist unser Markt für Gemüse

Da er eine intensiv bodengebundene Produktion betreibt, lege er Wert auf eine gute Fruchtfolge, so der Agraringenieur. Konsequenter Weise spricht er sich gegen den intensiven Anbau von Monokulturen aus Energiepflanzen, wie Raps und Mais, aus und zeigt Unverständnis für die Subventionierung von Biogasanlagen, die nicht mehr in eine sinnvolle, auf Futter- und Nahrungsmittelproduktion ausgerichtete Landwirtschaft integriert sind. In einer Biogasanlage sollten unter anderem Gülle und andere pflanzliche und tierische Nebenprodukte vergoren werden. Diese Methode der Energieproduktion fand aber in der Praxis eine andere Umsetzung: Statt Abfallprodukte in Energie zu verwandeln, wird heutzutage speziell Mais für die Vergärung angebaut. Herr Großkopf befürwortet erneuerbare Energien grundsätzlich, verweist jedoch auch auf deren Schattenseiten. Zum Beispiel ginge die Aufstellung einer Windkraftanlage auf einem Acker und den Bau der notwendigen Zuwegung  wichtige landwirtschaftliche Nutzfläche in der Größe eines Fußballfeldes verloren.

Auf die Frage, wo die Abnehmer für die Produkte des Betriebes liegen, verwies er darauf, dass er gerade im Gemüsebau Wert auf Regionalität legen würde. Der Betrieb produziere allerdings zu viel Gemüse, als dass es im Oderbruch vermarktet werden könne. Das Gemüse ginge fast komplett nach Berlin, den seit mehr als hundert Jahren angestammten Markt für das Oderbruchgemüse. Laut Manfred Großkopf galt das Oderbruch lange Zeit als guter Standort für Frühgemüse. Nach dem Ersten Weltkrieg war dieses Gemüse eine der wirtschaftlichen Grundlagen der  Landwirtschaft im Oderbruch und noch zu DDR-Zeiten wurde an Methoden geforscht, die Produktion von Frühgemüse zu optimieren. Heute, wo auf einem globalen Markt Frühgemüse aus Südeuropa herangefahren wird, spiele Frühgemüse daher kaum mehr eine Rolle. Heute zählt sicher der Betrieb zu den Haus- und Hoflieferanten des Handelskonzerns EDEKA. Daneben unterhält die Landwirtschaft Golzow GmbH aber auch einen Hofverkauf. Hier kaufen nicht nur einzelne Golzower, sondern auch Gastwirte und Händleraus dem Oderbruch ihr Gemüse. Der Verkauf sei aber kaum von wirtschaftlicher Bedeutung, diene dem guten Image.
Die Vermarktung der Produkte aus dem Marktfruchtbau und der Milch erfolgt hingegen über Groß- und Zwischenhändler bzw. eine große Molkerei. Hier spielt selbst der Berliner Markt nur eine untergeordnete Rolle.

Angesprochen darauf, ob der Landwirtschaftsbetrieb mit anderen Betrieben im Oderbruch kooperiere, entgegnete der Geschäftsführer, dass es momentan keine Kooperation mit anderen Landwirtschaftsbetrieben gebe. Für die  Zukunft sei aber eine Holding mit einem anderen landwirtschaftlichen Betrieb und gemeinsamer Geschäftsführung ins Auge gefasst, so etwas wie eine „Allianz der Oderbruchbetriebe“.

Das Oderbruch ist auf eine Solidargemeinschaft angewiesen

Für die wirtschaftliche Existenz des Betriebes sei ein gutes Wassermanagement, die kontinuierliche Unterhaltung der Gräben eine existenzielle Frage, so Großkopf. Das Oderbruch zähle mit einer mittleren Jahressumme von weniger als 500mm Niederschlag einerseits zu den trockensten Regionen Deutschlands, andererseits herrsche vor allem im Frühjahr und bei den zunehmenden Starkregenereignissen ein  Wasserüberschuss in der Landschaft. Ohne ein komplexes Meliorationssystem wäre die Kulturlandschaft des Oderbruchs nicht bewirtschaftbar. Das Gewässermanagement braucht eine kontinuierliche Pflege, denn permanent muss das Wasser, das unter anderem aus der höher gelegenen Oder in die Landschaft drängt, durch die Gräben abgeführt werden. An diesem System hänge die gesamte Landwirtschaft. Und mehr als dass: Alle Oderbrücher sitzen in einer Badewanne. Daher sollten sich kein Landbewirtschafter und kein Landbesitzer dieser Aufgabe entziehen. Mit Blick auf die letzten Starkniederschläge und das Binnenhochwasser 2010 gewinnt nach  Dr. Großkopf die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Grabenpflege noch an Bedeutung. Denn die jüngste Vergangenheit habe gezeigt, dass das, was man in 20 Jahren versäumt hat, bekäme man in zwei Jahren nicht wieder „geradegebügelt“. Das auf den Flächen stehende Wasser trägt mehr zur Verdichtung der Böden als die landwirtschaftliche Technik. Man muss das Oderbruch als eine hydrologische Gesamtheit sehen, deren Unterhaltung nur durch eine Solidargemeinschaft zu bewältigen ist.

Auf die Frage, ob er zum Ende des Gesprächs zusammenfassen könne, vor welchen Herausforderungen er das Oderbruch zurzeit sehe, gab er die drei Punkte an:  Wassermanagement, Energieproblematik und der Biber.

Für Herrn Großkopf, war es wichtig deutlich zu machen, dass er die Landwirtschaft zu aller erst in der Verantwortung stehe, hochwertige Rohstoffe für die Nahrungsmittelproduktion nicht  für Deutschland, sondern einen globalen Markt bereit zu stellen. Als gebürtiger Letschiner, der seit vielen Jahren in Golzow lebt, sieht Herr Großkopf seinen Betrieb aber auch in der Verantwortung für die Gemeinde, in der er sich heimisch fühlt, und greift zum Beispiel auch der Kita schon einmal unter den Arm.

 

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