Der Tradition verpflichtet – Landwirtschaft ist Trumpf!

Ein Gespräch mit den Landwirten Joachim Kurth und Wilfried Daue aus Neulewin

Gespräch mit den Landwirten Joachim Kurth und Wilfried Daue

Für Wilfried Daue und Joachim Kurth ist Wasser das verbindende Element im Oderbruch. Das gesamte Oderbruch muss daher als ein System betrachtet werden. Kleinräumig oder betrieblich begrenzte Einzellösungen sind für sie nicht zielführend.


Gespräch mit den Landwirten Joachim Kurth und Wilfried Daue

Wiesen an der Oder.
Entsprechende Kompensationszahlungen vorausgesetzt, wäre es für die Landwirte vorstellbar, beispielsweise in einem ein Kilometer breiten Streifen entlang der Oder auf ackerbauliche Nutzung gänzlich zu verzichten und dort nur Grünlandwirtschaft zu betreiben.

Ihre Begeisterung für Landwirtschaft können Wilfried Daue und Joachim Kurth, beide 1951 in Zäckericker Loose geboren, nicht verhehlen – ebenso wenig aber auch ihre Unzufriedenheit über die aktuellen Rahmenbedingungen, unter denen sie ihrem Beruf nachgehen. Im Unternehmensverbund der Neulewiner Agrarbetriebe nehmen beide leitende Positionen ein. Joachim Kurth, der sich nach seiner Ausbildung zum Landmaschinenschlosser zunächst zum Meister und schließlich zum Agraringenieur qualifizierte, ist seit 1991 Geschäftsführer des Lohnunternehmens Daue & Partner GmbH, das in Ostbrandenburg zwischen Frankfurt/Oder, Altlandsberg und Angermünde als Dienstleister für landwirtschaftliche Betriebe tätig ist. Wilfried Daue ist seit 1991 Geschäftsführer der Agrarproduktion Oderbruch GmbH in Neulewin, nachdem er die dortige LPG (P) Neulewin durch die Unwägbarkeiten der Wende geführt hatte, zu deren Vorsitzenden er 1990 gewählt worden war. In der LPG war er seit dem Abschluss seines Landwirtschaftsstudiums an der Berliner Humboldt-Universität 1974 tätig. Er  fühlt sich dem Betrieb nicht nur sehr eng verbunden, er ist stolz, dass die 40 Gesellschafter des Betriebes aus dem Oderbruch kommen und gemeinsam noch immer 70 bis 80 Menschen aus der Region einen Arbeitsplatz in der Region zu bieten. Noch: denn bisher plagen den Betrieb keine Nachwuchssorgen, aber wie sich dies in 10 – 15 Jahren darstellt ist offen. Schon heute beklagen beide Betriebsleiter das von Jahr zu Jahr sinkende Niveau der Bewerber auf Lehr- wie Arbeitsstellen: „Es ist schwierig, gute Lehrlinge zu finden.“ Das führen sie einerseits darauf zurück, dass man in der Landwirtschaft trotz tariflicher Bezahlung für relativ wenig Geld hart arbeiten muss, zugleich aber auch auf die fehlende Attraktivität der Region. Die Zahl der Menschen, die hier sowohl leben als auch arbeiten, wird immer weniger. Für die meisten Menschen ist das Oderbruch inzwischen nur Wohn- und nicht mehr Arbeitsort. „Früher hatten hier 80 bis 85% der Leute mit Landwirtschaft zu tun.“ Mit dem drastischen Verlust der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze schwindet die sozioökonomische Basis für ein vitales dörfliches Leben; ein Verlust, der auch durch die Aktivitäten von Freiwilliger Feuerwehr, Karnevals- oder Reitverein nicht kompensiert werden kann.

Viel stärker als die immer schwächer werdende Bindung der Bewohner an ihre Region bemängelt Wilfried Daue aber die fehlende Definition klarer Ziele für diese Landschaft. Im Gegensatz zu früher, als der optimalen Nutzung von jedem Quadratmeter Boden zur Produktion gesunder Nahrungsmittel alles untergeordnet wurde, empfindet er die aktuelle Entwicklung als „eine Bewegung im Rückwärtsgang. Wir lassen wertvollsten Ackerboden im Oderbruch vergammeln.“ So der Betriebsleiter. Er verweist vehement darauf, dass das Oderbruch zum Zwecke der landwirtschaftlichen Nutzung trockengelegt und kultiviert worden sei: „Der Alte Fritz hat das Oderbruch als Kulturlandschaft mit viel königlichem Geld geschaffen. Und wenn es so bleiben soll, wird es auch weiter viel Geld kosten.“ Dieser landwirtschaftlichen Tradition verpflichtet sieht er für Naturschutz oder Tourismus nur bedingt Möglichkeiten und einem Schutz des Bibers fehle nach seiner Meinung im Oderbruch jegliche Berechtigung. Dagegen könne er sich durchaus vorstellen, beispielsweise in einem 1 km breiten Streifen entlang der Oder auf ackerbauliche Nutzung gänzlich zu verzichten und dort nur Grünlandwirtschaft zu betreiben – entsprechende Kompensationszahlungen vorausgesetzt. Aber ebendiese klare Zielformulierung gebe es nicht. Und somit stünden der Notwendigkeit Lebensmittel zu produzieren der politische Wille, Feldfrüchte zur Energieproduktion anzubauen oder Windenergie zu nutzen und darüber hinaus Naturschutz zu betreiben, gegenüber. Beide Landwirte zeigen sich diesen neuen Entwicklungen gegenüber grundsätzlich offen, erwarten jedoch von der Politik eine klare Flächenausweisung für bestimmte Nutzungsformen und bemängeln im gleichen Atemzug, dass bei den Entscheidungsträgern Fachleute für diese Sachverhalte fehlen. Solange keine Einigkeit innerhalb der Kommunen über die Nutzung von Windenergie und Biogas herrscht, sieht Herr Kurth keine Notwendigkeit, in diese Technologien zu investieren. Landwirte zugleich auch als Energiewirte anzureizen mache für ihn nur dann Sinn, wenn beispielsweise Biogasanlagen mit einer „gesunden Mischung aus Gülle, Stalldung und Mais“ betrieben werden und nicht bei Zulieferung und Entsorgung „die halbe Energiemenge auf der Straße landet.“

Mangelnde Fachkompetenz bei den Entscheidungsträgern beklagen beide auch im Hinblick auf das Wassermanagement im Oderbruch. Kleinräumig oder betrieblich begrenzte Einzellösungen wären nicht zielführend. Das gesamte Oderbruch müsse als System betrachtet werden – eigentlich noch darüber hinaus bis zum Unteren Odertal. Aus dieser Überzeugung heraus engagiert sich Wilfried Daue auch im Vorstand des Gewässer- und Deichverbandes. Für beide Landwirte steht außer Frage, dass das Wasser im Oderbruch das verbindende Element darstellt. Besonders in der Landwirtschaft sollte diese Landschaft daher als einheitlicher Handlungsraum anerkannt werden.

Das trifft in gleichem Maße auch auf den Bereich des Naturschutzes zu. Bei der Umsetzung von Renaturierungsmaßnahmen fühlten sich beide Landwirte jedoch nicht genügend einbezogen. So würden Gräben ihrer Meinung nach häufig zugunsten von Tier- und Pflanzenarten nicht mehr ausreichend instandgehalten, was zu einer Vernässung der Flächen führe und die landwirtschaftliche Produktion gefährde. Bemängelt werden vor allem die fehlende Kommunikation mit betroffenen Landwirten und die finanzielle Entschädigung für wirtschaftliche Einbußen. Den zuständigen Behörden wird „schleichende Naturisierung durch Unterlassung“ von Pflegemaßnahmen für ein funktionierendes Entwässerungssystem vorgeworfen.

Bei der Frage wie sich die Landwirtschaft im Oderbruch in den nächsten Jahren entwickelt, geben sich die beiden kämpferisch. Der Gefahr von industriellen Investoren aufgekauft zu werden, sei durch gutes Wirtschaften zu begegnen. Daue wünscht sich für die kommende Generation, dass die Gesellschafterstruktur des Betriebes erhalten bleibt, da er von deren Nachhaltigkeit überzeugt ist.

Anmerkung: Der Text entstand im Rahmen der Sommerschule zum Handlungsraum Oderbruch im Spetember 2012

 

 

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