Viadrus – Flussgott der Oder

"Kennst du noch die irren Lieder aus der alten schönen Zeit?"

J. von Eichendorff

Viadrus

Abb. 1: Odergott und Warthe-Nymphe.
Zeichnung von Zbigniew Olchowik aus
Landsberg/Gorzów (Privatbesitz)

Viadrus

Abb. 2: Viadrus am Hauszeichen des
Oderlandmuseums in Bad Freienwalde
(Horst Engelhardt).

Viadrus

Abb. 3: Siegel von 1804

Viadrus

Abb. 4: Medaille von 1785,
Privatsammlung

Viadrus

Abb. 5: Viadrusdarstellung an der
Decke der Aula der Breslauer
Leopoldina

Viadrus

Abb. 6: Kristallglas der Julia Hütte,
Gravur: Małgorzata Sztabinska

Viadrus

Abb. 7: Viadrus. Geschnitzte Holztafel
(Sabine Rossa, Oderbruch) Privatbesitz

Seit Jahrtausenden verehren die Menschen ihre großen Flüsse und haben sie wegen der Bedeutung für ihre Existenz zu Gottheiten personifiziert. Der Flussgottkult entstand in den alten Zivilisationen des Zweistromlandes, Ägyptens, Griechenlands und Roms. Die Museen in Kairo und die Vatikanischen Sammlungen sind voll von sehr alten und äußerst wertvollen Plastiken der verschiedenen Flussgötter.
Mit ihrem Voranschreiten wurden die Menschen von der Natürlichkeit ihrer Flüsse unabhängig und die Flussgötter verloren an Bedeutung. Zu Beginn des Barock jedoch erinnerte man sich wieder dieser alten Tradition. Diese Epoche wurde zur Geburtsstunde des Flussgottes unserer Oder.
Auf den ältesten Kartenwerken wird die Oder als Viadrus fluvius bezeichnet. Von diesem Namen leitet sich der Name der Flussgottheit Viadrus ab. Auch der Name der Europa-Universität Viadrina hat hier seinen Ursprung. Er bedeutet nicht weniger als, "die an der Oder gelegene". Ich lade den Leser ein, mit mir auf eine Reise zu gehen um den Nachweis der "Existenz" des Odergottes zu erbringen. (Abb.1)

Wir beginnen am einstigen Berliner Tor in Stettin, das heutige Brama Portowa. Das von Gerhard Cornelius Wallrave entworfen Tor wurde 1724-1725 als Teil der Stadtbefestigung vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. errichtet. Der schmale Fries über dem Tordurchgang zeigt einen nach links blickenden, im Schilf gelagerten muskulösen Mann. Mit dem linken Arm lehnt er an einer Quellurne, den Fluss darstellend, die rechte Hand hält ein Ruder, ein Hinweis auf die Schiffbarkeit des Flusses. Er ist mit nacktem Oberkörper dargestellt, seine Lenden werden von einem Himation, einem rechteckigen Stück Wollstoff bedeckt, wie es im alten Griechenland Mode war. Viadrus blickt über eine Flusslandschaft, auf der man die Silhouette der Hafenstadt erkennen kann. Die Darstellungsweise entspricht einem Modus, der im 2. Jahrhundert vor Christus entstand und dem wir von da ab in der Kunstgeschichte immer wieder begegnen werden.
Kommen wir nach Bad Freienwalde, finden wir die Darstellung der Flussgottheit auf dem Hauszeichen des Oderlandmuseums, einer Arbeit des Bildhauers Horst Engelhardt aus Jäckelsbruch bei Wriezen. (Abb.2)

Eine weitere, mit der Region des Oderbruchs verbundene Abbildung, zeigt das Siegel der "Ritterschaft vom Deich-Bande des Oder-Bruchs" um 1804. Die lateinische Inschrift lautet "Vigilantibus parum obest" oder "Den Wachsamen schadet er nicht sehr". (Abb.3)

Frankfurt an der Oder ist mit der Entstehung zweier Medaillen verbunden, die den Odergott darstellen. Die erste ist ein in Silber gegossener Nachruf auf Herzog Leopold von Braunschweig, der am 27. April 1785 in den Fluten des Oderhochwassers bei einer Rettungsaktion den Tod fand. Hier lehnt der Odergott an einer Quellvase mit der Aufschrift VIADRUS, darüber die lateinische Inschrift ALIIS INSERVIENDO LUGEO oder: Ich beweine den, der im Dienste für andere ertrank.
(Abb. 4)

Die zweite Medaille ist moderner Herkunft und wurde anlässlich der 750 Jahrfeier der Stadt Frankfurt an der Oder geprägt. Anlässlich dieses Stadtjubiläums erschien Viadrus "persönlich" umgeben von seinen Lieblingsnixen auf dem ersten Wagen des Festumzuges.
Den Lauf der Oder folgend gelangen wir zu dem schlesischen Ort Dyhernfurth (Rrzeg Dolny). Im Park zwischen altem Schloss und Oderufer sind zwei schwer beschädigte Plastiken aus Eisenkunstguss, vermutlich französischer Herkunft um 1900, erhalten. Eine zeigt den Odergott, die andere die mythologische Gestalt der Oderfürstin. Die wohl wertvollste Darstellung des Odergottes hält die Stadt Breslau für uns bereit. Hier in der Leopoldina - Aula der Universität, direkt über der Empore, dem Chorbalkon, hat ihn der Olmützer Maler Johann Christoph Handke 1732 neben den mythologischen Gestalten der Wratislawia und der Silesia an die Decke gemalt. (Abb. 5)

Ein zweiter Viadrus stammt vom Maler Felix Anton Scheffler und ziert seit 1734 den Plafond des Kaiserlichen Treppenhauses, das vor wenigen Jahren mit umfangreicher finanzieller Hilfe aus Deutschland seine ursprüngliches Aussehen erhielt.
Eine moderne Abbildung des Oderflussgottes schmückt ein Kristallglas der inzwischen geschlossenen Julia-Hütte Piechowice, geschnitten von der ortsansässigen Glaskünstlerin Ma?gorzata Sztabinska. Ebenfalls vor kurzem entstanden ist eine Holzplastik des Wassergottes in Form eines Flachreliefs aus der Werkstatt der Oderbruchkünstlerin Sabine Rossa. (Abb. 6)

Die lange verschollene Figur des Viadrus, es möge an den Wirren der Zeit liegen, die die Oderufer über Jahrzehnte beherrschten, erlebt nun eine erfreuliche Wiedergeburt. Sie wird Anlass sein, sich in Zukunft ausführlicher mit der Mythologie unserer Oder zu beschäftigen, die solche Figuren kennt, wie die Oderfürstin, die Odermuhme Odrabil, die Wasserfrauen und Nixen oder den Wassermann Utoplec, den Otterkönig, die Mora usw. (Abb. 7)

Den Flussgott der Oder sollten wir im 500. Jahr der Wiederkehr der Gründung der Viadrina, der Hohen Schule zu Frankfurt, die Bedeutung zuordnen, die er als Symbolfigur der drei Anrainerstaaten verdient. Möge er zum Bindeglied werden zwischen den europäischen Regionen Mähren, Schlesien, Brandenburg und Pommern, die wir heute wieder benennen dürfen, als wären es die Toskana, Südtirol oder das Elsass.

Man darf sich nicht die Frage stelle, ob man an den Odergott glaubt, man muss ihn anerkennen als eine Art "Atmosphäre" als die Gemeinsamkeit der Ausstrahlungen, die von diesem Stromgebiet abgehen. Während einst der Odegott aus' der Oder heraus geboren wurde, muss er heute umgekehrt die nun dreistaatliche Oder im modernen Europa neu erschaffen. Professor Karl Schlögel von der Viadrina beantwortete kürzlich im "Spiegel" die Frage eines Journalisten mit den Worten: "...aber Europa ist nicht an der Oder zu Ende. Europas Karte wird neu gezeichnet."
Solche Worte sollten alle jene Politiker bedenken, die ihr verantwortungsvolles Amt cis et trans Oderam fluvius ausüben.

Viadrus wird es jenen danken, die die Oderdeiche wie selbstverständlich in alle Richtungen überwinden, die zu den neuer Ufern seines Wasserreiches aufbrechen.

 

Text und Fotos: Dr. Ernst-Otto Denk, Bad Freienwalde

 

 

 











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