Was Theater kann… 

Eine Produktion über das Oderhochwasser von 1997
Tobias Rausch. ODER BRUCH.

Unter Verwendung von Interviews mit zahlreichen Zeitzeugen.
Recherche:  Cathleen Bär, Renata Borowczak, Michael Müller, Laura Steinau
Eine Koproduktion des Deutschen Theater Berlin und der Neuen Bühne Senftenberg
UA: 10.02.2012, Deutsches Theater Berlin

Tobias  Rausch. ODER BRUCH.

 

Tobias  Rausch. ODER BRUCH.

 

Tobias  Rausch. ODER BRUCH.

 

Tobias  Rausch. ODER BRUCH.

 

Tobias  Rausch. ODER BRUCH.

Fotos © Arno Declair

Das Oderbruch ist eine Schlüssellandschaft. Mit der Trockenlegung und Melioration ist hier mehr Aufwand betrieben worden als irgendwo sonst. Alle Mittel, die ein Staat überhaupt zur Verfügung hat, wurden und werden hier gegen die Hochwasser mobilisiert. Aus diesem Engagement erwächst auch Überdruss: Landwirte und Wasser- und Bodenverbände anderer Regionen klagen über die Sonderrolle, die die Oderbrücher für sich beanspruchen, Naturschützer und Planer in Deutschland fordern en passant, man solle die Landschaft am besten aufgeben. Das Grummeln ist auch auf die Leitbilder des zukünftigen Umgangs mit Landschaft gerichtet. Am prophetischen Gestus des Historikers David Blackbourn, der vor sechs Jahren die Aufgabe von Siedlungsräumen wie denen des Oderbruchs vorhergesagt hatte, scheiden sich die Geister. Deshalb werden Stafetten aufgefahren, Schützengräben gezogen, Scheingefechte geschlagen. Wer die Zeitung liest, wird nicht unbedingt schlau daraus.

Die Theaterproduktion ODER BRUCH geht nicht auf diese diskursiven Scharmützel ein. Sie basiert auf Befragungen von ca. 100 Menschen in Polen und Deutschland, die das Oderhochwasser im Jahr 1997 erlebt haben: Politiker, Armeeangehörige, Deichläufer, Betroffene, Bürgermeister, Junge und Alte. Aus den Interviews hat Tobias Rausch einen Text generiert, der besser als jedes klassische Autorenwerk die Widersprüche einfängt, in denen Landschaften wie das Oderbruch heute stehen. Entscheidend ist dabei nicht die größere Authentizität des persönlichen Erinnerns, denn auch dieses ist Teil gesellschaftlicher Kommunikation, steckt also voller Versionen, Sprachregelungen und Verklärungen. Erst die Vielfalt der Perspektiven ermöglicht ein komplexes Bild der Ereignisse sowie der heutigen Situation. Absurdes und Existenzielles liegen nahe beieinander und niemand hat die Weisheit gepachtet.

Die Arbeitsweise ist in zwei Richtungen involvierend: Zum einen durch das Stück, in dem die betroffenen Menschen zu Mitautoren werden. Sie bringen ihre Erfahrungen und ihre Sprache ein. Rausch und seine Kollegen gehen so weit, den Befragten die sie betreffenden Passagen noch einmal zur Autorisierung vorzulegen. Eine Einschränkung des künstlerischen Spielraums? Eher nicht. Die Leute erhalten ein Recht an ihrer Perspektive – aber eben nur an dieser.

Zum anderen wird das Publikum durch die Inszenierung in die sich entfaltende Dynamik verwickelt. Durch die ständigen Brüche wird man als Zuschauer zwischen Identifikation und Analyse hin- und hergeworfen. Mühelos folgt man dadurch den sechs souverän mit dem Text agierenden Schauspielern bei ihren Perspektiv- und Rollenwechseln. Jede Reflexion, und sei sie auch noch so gescheit, muss sich an der täglichen Spannung der Akteure messen. An den Nöten der Landwirte, an der Angst der Bewohner, an der Frustration der Einsatzkräfte, an den Abhängigkeiten der Politiker wirbeln alle scheinbar gesicherten Positionen durcheinander. Das Bühnenbild steht diesem Anspruch in nichts nach: Aus dem bewachten Deich wird das Dach, aus dem die Bewohner auf das Wasser blicken, dann wieder ein Sandsackplatz oder ein rutschender Hang am Fluss.

Das Stück und seine Inszenierung verharren nicht in einem verrückten Sommer, wenn es auch die bald folgenden Verquickungen um die Spenden für die Ziltendorfer Hochwasseropfer noch einmal in wunderbar präziser Form rekonstruiert. Es führt direkt in die gegenwärtigen Konflikte der Region und überschreitet damit auch die Fragen des kulturellen Umgangs mit Hochwassern. Die befürchteten Bodenspekulationen, der Landnutzungswandel, das Schicksal der erlebten Solidarität und überhaupt die Sicherheit dessen, was die Menschen hier als Heimat erfahren, scheinen auf. Fünfzehn Jahre nach der „Jahrhundertflut“ kommt man da an, wo man heute steht: in der unübersichtlichen Wirklichkeit. Die eingeübten Erzählweisen und Mythologien sind vielleicht nicht zerstört – aber sie sind wieder geöffnet, denn man sieht, dass sie eine begrenzte Reichweite haben.

In der Debatte über die Regionalentwicklung wird heute aus Angst vor negativen Stimmungen erstickt, was doch dringend auf die Agenda müsste. Die akademische Geschichte klärt immer nur über die Ideologien der Vergangenheit auf, die Verrenkungen der Gegenwart scheinen dagegen ideologiefrei. Auch im politischen Diskurs scheint es kaum möglich zu sein, sich der Widersprüchlichkeit dieser Landschaft zu stellen. Aber das Theater ist ganz offensichtlich dazu in der Lage – jedenfalls, wenn es so arbeitet wie wir es bei der Produktion ODER BRUCH erleben konnten.

Kenneth Anders



Der Text erscheint am 25.09.2012 im Aufland Verlag: auflandverlag.de